09.10.2022 - 17. Sonntag nach Trinitatis

Gottesdienst


mit Pfarrer Johannes Habdank

um 10 Uhr im Katharina von Bora-Haus

Nachstehend (ggf. "Weiterlesen" anklicken) die Predigt zum Nachlesen.

 

Predigt von Pfarrer Johannes Habdank am 17. Sonntag nach Trinitatis 2022:
"Religiöse Begleitgedanken zum Herbst"


Liebe Gemeinde,

der Herbst und das in ihm zu Ende gehende Kirchenjahr ist die Zeit des Dankes für erlebte Erfüllung, aber auch der Besinnung auf noch oder dauerhaft Unerfülltes und - auf die sogenannten „letzten Dinge“: Sterben, Tod und Ewigkeit und alles, was in der christlichen Vorstellungswelt damit verbunden ist.
 
Da ist zum einen das Erntedankfest Anfang Oktober: es hat uns wieder Anlass zu danken gegeben für alles, was gelungen ist, was Freude gemacht hat, was erfüllend war in der vergangenen Zeit, also: dass wir danken für die Ernte, die eingefahren wurde im wörtlichen und im übertragenen Sinne. Auch in unserem persönlichen Umfeld, in unserem eigenen Leben, wobei wir dann auch weiter zurückblicken können: wie es uns von klein auf ergangen ist. Und da findet sich sicher bei jedem etwas, wofür er dankbar sein kann, hoffentlich vieles! Man muss es sich nur wieder einmal klar machen. Soviel jeder selbst dazu beigetragen haben mag und hat: es ist nicht selbstverständlich, dass alles dann bis heute doch so gut ging, dass auch manch schwierige Situation wider Erwarten, aber wie erhofft und gewünscht, doch auch gelungen ist. Dafür ist zu danken, und zwar einem Höheren, als wir selbst und alle zusammen es sind: Gott für seinen Segen, seine Bewahrung und Begleitung. Auch wenn wir es so vielleicht gar nicht immer wahrgenommen haben: Wir wurden getragen.

Nicht nur Erntedank, eigentlich jeder Tag im Jahr gibt uns aber auch nicht nur zu danken, sondern auch zu denken angesichts dessen, wofür wir nur schwer oder eigentlich gar nicht danken können: das Misslungene, die gescheiterten Planungen, die enttäuschten Hoffnungen und Beziehungen, das, ja, als lebensfeindlich Erlebte, jeder in seinem Bereich, in dem er wirkt - das zerstörerisch Unheilvolle, unser Leben nachhaltig negativ Beeinträchtigende, individuell, gesellschaftlich, politisch, weltpolitisch: es treibt uns um, bedrückt und plagt uns, geht uns nach, hängt uns nach, zieht uns nach unten. Mit solchen Erlebnissen im weiteren Leben zu Recht zu kommen, ja, das wäre schon einiges. Darum können wir Gott nur bitten, mit eigenen Worten, so wir passende finden, oder etwa mit Worten aus der Bibel, die uralt sind, aber sich vielfach auch heute noch bewähren, z.B. Psalm 121:

„Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe? Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat. Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen, und der dich behütet, schläft nicht. Der Herr behüte dich vor allem Übel, er behüte deine Seele. Der Herr behüte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit!“

Ausgang und Eingang - damit sind wir bei dem weiteren, nicht nur in der Natur, sondern auch im Kirchenjahr vorherrschenden Thema des Herbstes: Verwelken, An-Lebenskraft-Verlieren, Zu-Ende-Gehen, Sterben, Tod, Vollendet-Werden, Vollendung-Finden und In-die-Ewigkeit-Gelangen, also das, was über unser Leben, aber auch über jede Vorstellungskraft hinaus geht, was wir nur glauben können im Vertrauen in das uns Ungewisse hinein.

In unserem stark katholisch geprägten religiös-kulturellen Umfeld wie dem hiesigen in Oberbayern, im Oberland, werden die Themen Tod und Ewigkeit an Allerheiligen und Allerseelen besonders bedacht. Auch bei uns Evangelischen geht es darum nicht erst am Toten- oder Ewigkeitssonntag zum Ende des Kirchenjahres, sondern in ökum. Verbundenheit auch oft schon Anfang November mit dem Gedenken an unsere Verstorbenen, einem Grabbesuch. Wir alle kommen ja früher oder später nach.

Ich kenne Menschen, die warten schon darauf. Es ist ihnen genug mit dem Leben. Danke, Gott, nimm mich. „So nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende, jetzt und ewiglich“ – wie gedichtet ist.

Die Flüchtigkeit und Todverfallenheit und Nichtigkeit allen menschlichen Lebens und irdischen Daseins tritt bei uns Evangelischen nun aber dann doch erst so richtig mit dem Toten- oder Ewigkeitssonntag verstärkt ins Bewusstsein: „auf welch dünnem Eis“ wir uns bewegen, wie hinfällig vieles ist, wie leer, eitel. Das zu bedenken, ist dann besonders angesagt. Wie es im Psalm 103 heißt: „Der Herr weiß, was für ein Gebilde wir sind; er gedenkt daran, dass wir Staub sind. Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras, er blüht wie eine Blume auf dem Felde; wenn der Wind darüber geht, so ist sie nimmer da, und ihre Stätte kennet sie nicht mehr.“ Und in Psalm 90 heißt es: „Herr: Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“

Ja, der Herbst als Jahreszeit steht für beide Themen: den Dank für positiv erfülltes Leben und das Bedenken der Vergänglichkeit, des Enden-Müssens von uns Menschen und der ganzen Natur, der Schöpfung.

Der Herbst gibt uns wie keine andere Jahreszeit Gelegenheit, Melancholie zu pflegen, etwa bei einem Spaziergang durch den Wald und über Felder. Oder Zuhause beim Nachsinnen über das Leben und die Welt, die so sehr zwischen Leben und Tod zu schweben scheint: an so vielen Orten und angesichts so unglaublich vieler Probleme.
 
Es gibt ein berühmtes Gedicht von Rainer Maria Rilke: „Herbsttag“. Es bringt mit den Mitteln moderner Dichtkunst die wesentlichen religiösen Empfindungen eines Menschen zur Sprache, der den Herbst in sich aufnimmt und im Schauen der Natur zugleich sein eigenes Selbstverständnis vertieft:

      Herbsttag
      Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
      Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
      und auf den Fluren lass die Winde los.
      Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
      Gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
      dränge sie zur Vollendung hin und jage
      die letzte Süße in den schweren Wein.
      Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
      Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
      wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
      und wird in den Alleen hin und her
      unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.


„Herr: Es ist Zeit …“ – das ist ein Gebet, das den Herbst ohne Wehmut bedenkt, wohl vorbereitet, gefasst, und aus dem Gefühl heraus, in einem persönlich tragfähigen Glauben geborgen zu sein. Dafür steht als Bild „das Haus“ bei Rilke. Das Bild beschreibt in unnachahmlicher Symbolsprache Gefühle der Einsamkeit, Unstetheit, des Getrieben- und Ausgesetztseins jedes Menschen, der ausgesetzt ist, der rastlosen Unruhe, die sich einstellt, wenn man kein „Haus“ hat, keines mehr hat und sich vielleicht auch keines mehr bauen kann und wird.

Wer hingegen im Sinne des religiösen Lyrikers Rilke „ein Haus hat“, also nicht nur äußerlich, sondern vielmehr im Geiste, im seinem Glauben geborgen ist, braucht sich vor keinem Herbst, dem Erleben des Herbstes von anderen Menschen, auch seinem eigenen Verwelken und Vergehen – auch davor braucht er sich nicht zu fürchten.

Diese Geborgenheit im Glauben, das Gefühl, von Gott getragen zu sein im Werden und Vergehen, das wünsche ich allen, die zur Zeit keine rechte Heimat haben, auch uns hier allen, die eine feste äußere Heimat haben in diesem Herbst und über diesen Herbst hinaus – lassen Sie die landschaftlichen Farben des Herbstes hier bei uns auf sich wirken und spüren Sie dahinter die Güte Gottes, der größer ist, als wir es begreifen können und uns mit seiner Güte und Liebe umfängt.

Wie es in Psalm 36 heißt: „Herr, deine Güte reicht, soweit der Himmel ist, und deine Wahrheit, soweit die Wolken gehen.“

Amen.