29.05.2022 - Exaudi - 6. Sonntag nach Ostern

Gottesdienst

mit Prädikant Peter Schickel

um 10 Uhr in St. Johannes Baptist in Berg

Nachstehend (ggf. "Weiterlesen" anklicken) die Predigt zum Nachlesen.

 

Predigt über Römer 8, 26-30 am 6. Sonntag nach Ostern 2022 ("Exaudi") von Prädikant Peter Schickel


Liebe Gemeinde,

heute möchte ich Ihnen eine Geschichte erzählen, die eigentlich gar nicht der Rede wert ist. Sozusagen eine Geschichte ohne Worte.

Sie spielt am Lago Maggiore an einem schönen Tag in den Pfingstferien. Wir machten eine Schifffahrt vom unteren südlichen Eck im italienischen Teil des Sees bis weit hinauf zur Isola Bella an der schweizerischen Grenze - einer malerisch gelegenen Prunkinsel des ehemaligen Kardinals von Mailand, einem Boromeo. Übrigens, der ganze See gehört damals wie heute der Familie Boromeo – auch die Fischereirechte und alles was dazugehört. Der Gebirgssee ist umstanden von den Schweizer Bergen und fast 400 Meter tief. Weil er so lang ist, gibt es eine regelmäßige Autofähre zur Überquerung mitten hindurch. Das ist viel schneller, als mit dem Auto außen herum zu fahren. Heute ist die Isola Bella, die „schöne Insel“, im oberen Teil des Sees, eine Touristenattraktion ersten Ranges. Schon allein wegen des Schlosses, das darauf erbaut wurde und dem herrlichen Garten mit subtropischen Pflanzen, einer Parkanlage in der die Pfaue lustwandeln und nicht nur die – sozusagen ein irdisches Paradies des Kardinals, oder eher sein Versuch einer irdischen Verwirklichung davon, so eine Art Insel der Seligen für eine Handvoll Auserwählte, die damaligen VIPs. Heute dürfen da alle hin – auch wir.

Aber, ich wollte Ihnen im Gegensatz zu dem ganzen herrlichen Prunkgehabe eigentlich von etwas anderem erzählen. Etwas Unscheinbarem. Einer kleinen Begebenheit während der Überfahrt auf unserer Fähre. Kaum der Rede wert. Also, da war ein Junge im Rollstuhl mit seinem Betreuer. Der Betreuer schob ihn bis weit an die Autoeinfahrtsrampe heran und verankerte ihn direkt mit der Fußbremse, so als wäre er auch ein kleines Auto. Ein kleines Auto das in der vordersten Reihe am Bug des Schiffes geparkt war. Der Junge hatte dort zwar eine gute Aussicht über den ganzen See, aber der Wind blies ihm direkt ins Gesicht. Er war ganz nahe am Wasser und fühlte die Gischt spritzen. Der Betreuer stellte sich daneben und lehnte sich schützend an die Reling. Er war jederzeit zum Eingreifen bereit. Den Jungen im Rollstuhl freute der Wind. Er genoss den Ausflug sichtlich. Übrigens auf so einer Autofähre am Lago Maggiore kann der Wind sehr angenehm kühlen. Man fühlt die brennende Sonne dann gar nicht. An Land hat es oft in der feuchten Dampfglocke über 30 Grad – fast wie in den Tropen.

Da kommt ein anderer Junge, vielleicht im Grundschulalter unbekümmert die Treppe heruntergestürmt und wagt sich leichtsinnig vor, da wo der Wind am stärksten ist und nur die Klappe den Übergang zu den Wellen markiert.  Er springt lustig zwischen den Autos umher mit seinen gesunden Beinen und hüpft gefährlich nahe an den Rückspiegeln vorbei. Als er aber ganz vorne an der Laderampe beim Rollstuhlfahrer angelangt ist, packt ihn ein Erwachsener schnell an der Hand und zieht ihn wieder hinauf ins Passagierdeck - dorthin wo Familien gewöhnlich an festen Bänken und Tischen sitzen und aus der Bel-Etage im ersten Stock geschützt vor Wind und Wetter durch Glaswände hindurch die Fahrt in distanzierter Sicherheit verfolgen. Vielleicht war das der Vater.
Im unwilligen die Treppe-hochgezogen- werden aber, zeigt der agile Junge noch schnell mit der nackten Hand auf den Rollstuhlfahrer und ruft so etwas wie „Schau mal den da“, oder so ähnlich. Die Worte gehen im Wind unter. Kinder können gemein sein. Jedenfalls die abschätzige Handbewegung allein kränkt den Rollstuhlfahrer. Gerade noch freudig in die Weite auf den See und die Berge blickend, lässt er resigniert den Kopf hängen. Vielleicht wird ihm seine eigene Ohnmacht bewusst. Er war schon wieder einmal genommen und herausgestellt worden und aufs Neue verspottet von der Hand des jungen Springinsfelds, der anscheinend seinen Spaß an ihm hat und aller Welt seine Überlegenheit zeigen muss. Schaut doch mal den da! Ecce homo! Sehet, welch ein Mensch! (Joh 19,5). Gottes Kinder können grausam sein.

Fast unmerklich ergreift da die Hand des Betreuers die Schulter des Rollstuhlfahrers und er umarmt ihn soweit das auf dem schwankenden Schiff eben geht. Seine andere Hand hält dabei sicher das Geländer. Vielleicht ist das der Vater. Ich sehe genau, wie er sich zu ihm hinunter beugt und sie die Köpfe aneinander lehnen. So als seufzten die beiden zusammen, Kopf an Kopf, ohne Worte in tiefem Gleichklang. Zusammen.
Dann, für einen kurzen Moment ist alles ruhig auf dem Schiff. Alles im Frieden. Alles. Nur der Wind weht.

Liebe Gemeinde,
das Predigtwort für den heutigen Gottesdienst an Exaudi „Höre mich heraus“ steht bei Paulus im Römerbrief im achten Kapitel.

Desgleichen hilft auch der Geist unsrer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich's gebührt, sondern der Geist selbst tritt für uns ein mit unaussprechlichem Seufzen. 27 Der aber die Herzen erforscht, der weiß, worauf der Sinn des Geistes gerichtet ist; denn er tritt für die Heiligen ein, wie Gott es will. 28 Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind. 29 Denn die er ausersehen hat, die hat er auch vorherbestimmt, dass sie gleich sein sollten dem Bild seines Sohnes, damit dieser der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern. 30 Die er aber vorherbestimmt hat, die hat er auch berufen; die er aber berufen hat, die hat er auch gerecht gemacht; die er aber gerecht gemacht hat, die hat er auch verherrlicht. (Röm 8,26-30)

Liebe Gemeinde,

Paulus schreibt, wir sollten es eigentlich selber wissen. Für ihn ist das doch sonnenklar – evident und erfahrbar jeden Tag. Wir sind alle Kinder Gottes. Darum hätten wir es leicht mit Gott. Er gibt uns seinen Geist. Der Geist selbst tritt für uns ein mit unaussprechlichem Seufzen. Wir brauchen uns also gar nicht anstrengen beim Beten – brauchen keine gedrechselten Worte machen. Gott versteht uns auch so, denn der Geist hilft uns auf zu ihm.

„Ach…“ - das kann dann ein gelungenes Gebet sein, auch ohne Worte. Aus ganzem Herzen ein tiefes „Ach..“. Damit vertritt uns der Geist besser als wir es selbst je könnten. Denn Gott ist Geist. Wenn Gottes Geist uns ergreift, dann spricht Gott in uns und durch uns. Der Angesprochene und der Sprecher verschwimmen ineinander und lösen sich gleichsam gänzlich auf. Auch die Frage, was der Wille Gottes sei, löst sich dann auf. Denn der wahre Mensch lässt dann Gott Gott sein. Sein Wille geschehe.  Das kann faszinierend sein und erschreckend zugleich, oder schrecklich faszinierend. So ein wahres Gebet sei dann auch vollkommen ehrlich. Es wird nicht einmal durch die Sprache verunreinigt, denn wenn man keine Wörter mehr hat, muss man auch keine Wörter mehr interpretieren. Heuchelei ist ohne Worte schon gar nicht vorstellbar, oder? Alles ist Gegenwart, Geistesgegenwart. Neudeutsch heißt das – ein „No-Brainer“. Nichts worüber man überhaupt nachdenken müsste. Etwas, das das Denken und das Sprachvermögen gar nicht erreicht. Das wahre Sein eben – und der wahre Frieden in einem.

Vielleicht hatte der Junge im Rollstuhl in meinem Erlebnis und sein Helfer auch so einen Moment. Einen Moment des Friedens mitten im Schmerz. Einen ewigen Moment. In so einem Augenblick ist man vollkommen da und sieht sich doch von außen. Es ist ein Blick auf die Situation wie mit einem Scheinwerfer, unendlich erhellt, aber deswegen nicht unbedingt schöner – im Gegenteil. Die Situation kann immer noch weh tun. Aber Erlösung ist verheißen. Die Gegenwart hat sich verändert. Sie ist jetzt auf Hoffnung gegründet. Hoffende Gegenwart kann immer noch weh tun, aber man ist gewiss, der Schmerz wird überwunden werden. Denn Gott hört uns heraus. Er ist ganz nah. Er hat das letzte Wort. Sein Wort ist noch nicht gesprochen.

Und auf einmal kannst Du das Seufzen auch hören. Das ganze unaussprechliche Seufzen der Welt. Die Welt, die auf sein letztes Wort hofft. Die Ohnmacht der ganzen Welt, auch der vermeintlich Glücklichen. Das Seufzen über die Endlichkeit aller Kreatur, die sich danach sehnt, erlöst zu werden. Der Mensch kommt alleine über dieses Seufzen nicht hinaus. Er ist ja selbst Teil dieser Kreatur. Wer kann seinem Leben auch nur eine kleine Spanne hinzufügen (nach Mt 6,27). Jedes Haar auf unseren Köpfen ist gezählt. Aber wegen dem Menschen Jesus Christus darfst du gewiss sein: Aus dem ganzen unaussprechlichen Seufzen der Welt, aller Kreatur und aller Schöpfung hört Gott dein Gebet heraus. Er kennt dich. Ihm ist nichts Menschliches fremd. Er hört dein „Ach…“. Er ist neben dir und legt dir die Hand auf die Schulter. Er beugt sich herunter zu dir und umarmt dich. Er ist für dich da. Er ist da bei dir.  Er ist dein Helfer. Er ist dein Tröster. Und nicht nur deiner. Auch der deines Nachbarn. Der deines Nächsten.

Jetzt bin ich schon fast versucht, Amen zu sagen. Aber da ist noch ein zweiter Aspekt. Gerade die, die vorgeben, immer im Besitz des Geistes zu sein und ihr Charisma über Gebühr rühmen, die sind eben gerade nicht vom Geist ergriffen. In Ihrer Begeisterung für sich selbst vergessen sie die anderen, die auch Ebenbilder Gottes sind. Sie können das Seufzen ihrer Brüder und Schwestern nicht hören, sondern meinen, allein Erwählt zu sein. Mit ihrem Solo wollen sie die schwachen Klänge der anderen übertönen. Paulus hat das am eigenen Leib erlebt, damals in Korinth. Da traten plötzlich lauter angeblich geistbewegte Supermänner auf, die unverständliches Zeug redeten und dabei lallten. Vereinzelt kann man diese sogenannte Glossolalie sogar heute noch im Internet sehen. Aber wenn die Interpretation fehlt, dann kann das nur für den Einzelnen nützen.  Gott hört jedoch aus dem Konzert der Seufzer der Welt die heraus, die er will. So wie der Wind auch weht wo er will. Und Paulus – er rühmte sich am Ende nur seiner Schwachheit.

So, nach dieser ganzen Vorrede:

Wollen Sie das Ende der Geschichte auf der Fähre noch hören? Ja?

An der Insel angelangt machten sich die Passagiere zum Aussteigen bereit. Die meisten warteten geduldig in einer langen Reihe auf dem Schiff, bis endlich der Landungssteg angebracht war. Doch der Kapitän ließ noch niemanden aussteigen. Dann endlich als alles bereit war, rief er den Rollstuhlfahrer heraus. Er durfte als erster hinauf. Er rollte dann auch sichtlich erfreut von seinem Helfer geschoben an der Schlange der Wartenden vorbei als erster über den Landungssteg. Den agilen quengelnden Jungen an der Hand seines Vaters hatte er schon längst wieder vergessen, als er nochmal als Erster herausgestellt vor allen den festen Boden berührte auf der „Isola Bella“, der Insel der Seligen, einer Interpretation des Paradieses aus einem längst vergangenen Jahrhundert mitten im tiefsten Wasser.

Aber für die Wartenden auf dem Schiff – auch für den kleinen hochmütigen Springinsfeld und sogar für das Schiff selbst und den See drumherum und alle anderen ist auch noch Hoffnung, liebe Gemeinde. Denn Christus spricht: Wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen (Joh 12, 32).

So sei es, lieber Gott.

… Ach … Ach …

Amen.