24.12.2021 - Heiligabend

Weihnachtskrippe (Ausstellung 2017, Fam. Schickel)
Bildrechte: Fam. Schickel, Aufkirchen

Christvesper

um 17 Uhr in der Kath. Pfarrkirche Aufkirchen
(2G-Regel und FFP2-Maskenpflicht!)


mit Pfarrer Johannes Habdank

 

Nachstehend der Gottesdienst im Livestream-Video zum Nachempfinden und - im Anschluss daran - die Predigt zum Nachlesen.

Das Livestream-Video vom Gottesdienst

 

 
Predigt über alttestamentliche Weissagungen an Heiligabend 2021 von Pfarrer Johannes Habdank

 

Liebe Heiligabend-Gemeinde,

die vorhin gehörten atl. Weissagungen beziehen sich ursprünglich nicht auf Jesus als den Christus, den Messias. Der kommt nämlich im Alten Testament noch gar nicht vor. Er hat ja da auch noch gar nicht gelebt, und man konnte ja auch Jahrhunderte vor seiner Geburt nicht ahnen, dass es ihn eines Tages geben würde. Die atl. Weissagungen äußern mehrere Jahrhunderte vor Christi Geburt zu unterschiedlichen Zeiten und geschichtlichen und politischen Bedingungen eine ganz große Hoffnung: die Hoffnung auf umfassendes Heil für das Volk Israel und jeden Einzelnen, zum Teil sogar für die ganze Welt, alle Völker.

Diese Hoffnung wird zum Beispiel geknüpft an eine ganz konkrete historische Gestalt, bei Jesaja etwa gilt die Hoffnung König Kyros d. Gr.. Der war im 6. Jahrhundert vor Christus, als die Israeliten im babylonischen Exil waren, ein persischer König, der die Israeliten von den Babyloniern befreien sollte und ihnen die Rückkehr an den Zion beschert hat. Israels Messias war Kyros aber dann doch nicht. Seinen Messias hat Israel und das Judentum bis heute nicht gefunden. Die Hoffnung stirbt zuletzt, wie man sagt, religionsgeschichtlich ist das so, im Judentum bis heute.

Eine für Kirchenchristen traditionell besonders wichtige, weitere Weissagung stammt vom Propheten Micha, der etwas früher gewirkt hat. Für sich selbst war er ein ganz bescheidener: er wollte noch nicht einmal „Prophet“ genannt werden, war aber ein ganz deutlicher, scharfer.

Seine Weissagung lautet – und das ist das vorgesehene biblische Wort für die Predigt heute, an Heiligabend:
„Und du, Bethlehem Efrata, die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei, dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist. Indes lässt er sie plagen bis auf die Zeit, dass die, welche gebären soll, geboren hat. Da wird dann der Rest seiner Brüder wiederkommen zu den Söhnen Israel. Er aber wird auftreten und weiden in der Kraft des HERRN und in der Macht des Namens des HERRN, seines Gottes. Und sie werden sicher wohnen; denn er wird zur selben Zeit herrlich werden, so weit die Welt ist. Und er wird der Friede sein.“

Zwischenbemerkung: In „Bethlehem Efrata“, heißt es - wieso Efrata? Wohl gab es auch noch im Norden des Landes ein anderes Bethlehem. Der Eindeutigkeit halber wurde der Name der im südlich gelegenen Bethlehem ansässigen Sippe Efrat als Beiname dazu genannt. Daher: Bethlehem Efrata.

Micha sieht wie andere herrschaftskritische Propheten die Zeit seit König David bis in seine eigene Gegenwart hinein als Verfallsgeschichte des Königtums in Jerusalem. Michas Einschätzung nach hilft da keine Reform mehr, die auch nur wieder eine Fortsetzung mit anderen Mitteln wäre – nein! Da ist ein radikaler Schnitt angesagt, ein völliger Neuanfang erforderlich, dringend geboten, göttlich geboten. Ein Neuanfang, der auf die idealen Anfänge und Wurzeln in der Urgeschichte, im Ursprung zurückgreift. Also ein im wahrsten Sinne des Wortes „radikaler“, von der Wurzel her angegangener und getragener Neuanfang!

Deswegen – und das ist das Besondere - aber kein besonders spektakulär aufgezogener Neuanfang: Sondern ein ziemlich dürftiger: aus Bethlehem, der kleinsten „Stadt“, wörtlich „Sippschaft“, in Juda. Dieses kleine, unscheinbare Bethlehem, also „das Kaff“ der Sippe Efrat, soll die Wiege des gottgesandten Herrschers über ganz Israel werden? Von da soll der Messias kommen?
Das war damals natürlich ein unverschämter Affront des Propheten gegen Jerusalem, das Macht- und religiöse Kultzentrum. Dass Gott sich ausgerechnet die kleinste Sippe ausersieht, um gegen alles menschliche Erwarten umfassendes Lebensheil für sein Volk und Heil bis zum Ende aller Zeiten zu schaffen - das ist nicht nur eine besondere Auszeichnung für Bethlehem, sondern zeigt auch an, wie souverän dieser Gott ist gegenüber menschlich-religiöser Machtdemonstration: Er braucht kein Jerusalem! In Bethlehem, im Unbedeutsamen fühlt er sich wohler, will er Zuhause sein!

Und so wird entsprechend zwar der Messias als der irdische Akteur göttlichen Heils erwartet, aber eben in Diensten Gottes, wobei das Bild des (damals allerorten verbreiteten Berufs des) Hirten auf den Messias übertragen wird: wie schon auch bei Jesaja: „Er wird seine Herde weiden wie ein Hirte. Er wird die Lämmer in seinen Arm sammeln und im Bausch seines Gewandes tragen und – selbst - die Mutterschafe führen.“ Ein schönes Bild.

Wer ist dieser Messias? Wie wird er sein? Micha stellt ihn vor als zweiten David. Die Familie des ersten David und bislang einzig wahren Königs hatte selbst auch schon zu Bethlehems Sippe Efrat gehört. Insofern ist Bethlehem bereits positiv prädestiniert. So wie beim ersten Mal soll auch der zweite, wahre David diesmal nicht als König, sondern als Messias aus Bethlehem kommen.
Michas Messias kommt aus dem Unscheinbaren, den Blicken der Welt und der Öffentlichkeit Entzogenen: einem relativ unbedeutenden Ort, und es heißt: „die Zeit, dass die, welche gebären soll, geboren hat, steht noch aus.“ Schwer verständlich, soll heißen: selbst die Mutter des Messias weiß heute und noch lange nicht, dass sie die ist, die dann einmal den Messias gebären wird.

Es ist noch ein Geheimnis, wann und durch wen der Messias zur Welt kommt. Alles offen, doch inhaltlich bestimmt:
Der von Micha ersehnte Messias ist Friede, der Herr des Friedens. Friede und - Sicherheit des Wohnens. Das ist ja – durchaus auch heute mit aktuellen politischen Bezügen - mit inbegriffen in der Vorstellung von „Schalom“, dem Frieden. „Schalom“ bedeutet hebräisch damals wie heute aber auch noch viel mehr: umfassendes Heil, irdisches und jenseitiges. Wohlstand und Gesundheit, Sicherheit und ein harmonisches Familienleben samt Freundeskreis, einfach umfassendes Wohlergehen, das dann – auch unabhängig von deinem irdischen Schicksal – auf jeden Fall seine endgültige Erfüllung findet am Ende deiner eigenen Zeit und darüber hinaus, am Ende der Zeiten in der völligen Gemeinschaft mit Gott. Den Schalom bringt der erwartete Messias Gottes, also Gott selbst durch ihn. Über die Völkergrenzen hinweg. So die fromme Vorstellung.

Mit dieser Entgrenzung war Micha wie einige seiner Prophetenkollegen schon sehr weitblickend. Jesus und Paulus werden mit ihrem universalen Denken und Glauben daran anschließen, weiterführend.

Michas Worte tragen wie alle alttestamentlichen Weissagungen in sich ein überschießendes Potential, einen „u-topisch“-symbolischen Sinn-Überschuss. „U-topos“ bedeutet: es gibt dafür keinen Ort, nicht jetzt und nirgends in der Welt; nirgendwo lokalisierbar, örtlich oder zeitlich fixierbar, ist das utopisch Gewünschte, aber später einmal da, wie er hofft. Und dieser utopische Sinnüberschuss öffnet die Weissagungen für spätere Aneignungen und Identifizierungen.
Ob Jesus die erwartete Erfüllung dieser Weissagung, dieser Hoffnung, dieser Verheißung war? Nicht für alle, bis heute beileibe nicht für jeden. Für das Judentum? Nein!
Und für das Christentum, für uns Christen: Ja, doch - irgendwie schon? Aber eben anders als von vielen damals und bis heute erwartet.
Der, der für uns Christen zum Messias, zum Christus geworden ist und auch heute noch wird und ist im Glauben, der ist gegenüber vielleicht doch etwas überzogenen Messiasvorstellungen der jüdischen Tradition eher ein Leiserer, ein Zurückhaltender, der zwar die Friedensstifter, die Gerechten und Barmherzigen seligpreist und auch selbst so aufgetreten ist, aber nicht dieser sagenhafte Endzeitheld war und sichtbar königliche Held sein wollte, solange er auf Erden lebte.

Der, dessen Geburtstag wir heute feiern, hat sein Wesen in seinem Le-ben, in dem was er gesagt und getan hat, offenbar werden lassen als Vergebender, Barmherziger: wie es die – ihm in diesem Falle angemessene - kirchliche Tradition der Werke der Barmherzigkeit formuliert, viele leibliche und geistliche entsprechen Jesu Willen auch heute noch:
Hungrige speisen. Durstige tränken. Fremde beherbergen. Nackte klei-den. Kranke pflegen. Gefangene besuchen. Zweifelnde beraten. Trauernde trösten. Beleidigern gerne verzeihen. Lästige geduldig ertragen. Und – wie es Augustinus gesagt hat: ach, alle lieben!

Das sind die Ideen, die mit Jesus so neu geboren sind, wir feiern Weihnachten am besten, indem wir ihnen in und unter uns Raum geben.

Und sie heute verwirklichen.
Oder: - Wer ist Jesus für Dich? Worin ist Jesus für Sie Ihr Christus bzw.: hat er eine maßgebliche Bedeutung im Leben?
Denken wir darüber nach bei Orgel- und Trompetenspiel.

Amen.