04.07.2021 - Musikalischer Gottesdienst "Lust auf Kirche"

"Lust auf Kirche!" - Musikalischer Gottesdienst
(Präsenz und Online)

Im Katharina von Bora-Haus, Berg,

mit Lektor Peter Schickel und Johannes Claudio Ruge (Harfe)

 

Nachstehend der Gottesdienst im Livestream-Video zum Nachempfinden und - im Anschluss daran - die Predigt zum Nachlesen.

Livestream-Video vom Gottesdienst
 
 
Predigt von Lektor Peter Schickel am 4. Juli 2021
 
Predigt über 1.Kor. 1,18-25

Das Unheil begann mit einem Donnerschlag. Bevor ich mich versah hörte ich meinen Sohn Martin die Treppe hinunterstürzten. Er schrie kurz auf und humpelte dann aber doch mit uns zum Fenster vor dem wir wie gebannt auf die Bescherung starrten. Es war Winter geworden, innerhalb von Sekunden – mitten im Sommer. Irgendwie waren wir aus der Zeit gefallen in unseren kurzen Hosen. Als es vorbei war griff Christian als erster zur Schneeschaufel und versuchte wenigstens den Eingang von dem dichten kalten Zeugs zu befreien, das innerhalb von Minuten alles Leben draußen zu zerstören suchte. Nichts war mehr wie es war. Der Hagel stand an manchen Stellen bis zu einem halben Meter hoch. Kein Blatt war mehr am Apfelbaum, geschweige denn ein Apfel. Unser frisch gepflanzter Maulbeerbaum stand nackt im weißen Eismeer – selbst die Rinde war wie abgeschält. Und dann der Weinstock, den meine Frau gerade erst liebevoll geschult und lege artis angebunden hatte. Er war kahl rasiert!

Ich hatte das Gefühl als wäre alle Biomasse in unserer schönen Vorzeige-Gemeinde mit einem Schlag vernichtet worden. Ausgelöscht. Aber da meinte ich etwas zu hören - wie ein Lebenszeichen. Der Garten schrie. Keine hörbaren Schreie natürlich - eher ein Gefühl. Ein Gefühl der Resonanz. Ich hatte Mitleid - Mitleid mit dem Garten. Mitleid mit der Welt.

Das Wort Resonanz kommt aus dem Lateinischen. „Resonare“ bedeutet Mitschwingen. Es beschreibt den Widerhall, das Mitschwingen von Systemen. Wie in der Musik. Die Schwingungen kommen uns entgegen. Wir reagieren sichtbar darauf. In einer Resonanzerfahrung kann es sein, dass einem die Welt entgegen kommt. Es ist die Erfahrung des Entgegenkommens, die uns berührt. Die Welt antwortet. Ich denke, im Menschen gibt es eine Grundsehnsucht nach jemandem, der antwortet. Jemand der mich angeht, genauso wie jemand den ich angehe. Ein wechselseitiges Angehen. Ein gegenseitiges Berühren. Eine Beziehung - also. Diesen Sinn für die Beziehung brauchen wir Menschen wie die Luft zum Atmen.

Wenn diese Beziehung fehlt, herrscht Angst - ein allein-ins-Weltall-geworfen-sein ohne Rückkopplung. Ohne Rückkanal. Das ist die Entfremdung von Gott. Die Beziehung ist gerissen. Menschen sind manchmal von Gott entfremdet. Burnout kann dann als eine radikale Resonanzlosigkeit beschrieben werden. Nichts berührt einen mehr. Resonanz ist der Gegenentwurf zur Depression. Mit Resonanz schwingt man mit der Welt mit. Man kann dann offen sein für alles, das einem begegnet.

Das ist wie in der Musik. Zwei Musikinstrumente reagieren aufeinander – wie die Harfe heute und wir. Eine Wechselwirkung der Welt mit einem Selbst. Zwei Systeme reagieren auf einander – ohne Druck und Dominanz, sondern aufbauend. Stärkend. Sie erzeugen Energie. Sie erzeugen Kraft. Das ist die Kraft von der Paulus im Evangelium spricht. Es ist seine Beziehung zu Jesus Christus, die ihm Kraft gibt. Es ist etwas das durch Jesus den Gekreuzigten auf ihn zukommt. Es ist die Einsicht, dass nicht wir den Weg zu Gott suchen müssen, sondern Gott den Weg zu uns und unserer Not gegangen ist. Gott ist Mensch geworden. Dadurch wird Gottes Handeln am Kreuz zur rettenden Kraft und wirklichen Weisheit für uns. Gott kommt auf uns und unser Leben zu.

In unserem Predigtwort stehen Juden und Griechen beispielhaft für zwei verschiedene menschliche Arten, nach Gott zu fragen. Die einen suchen beweisbare Zeichen für das Wirken Gottes in der Geschichte. Die anderen bemühen sich um Weisheit, die den Weg zu Gott zeigen soll. Für beide Wege ist die Botschaft vom gekreuzigten Christus, dem Messias unannehmbar. Ein Skandal! Ein Ärgernis für die einen. Einfach Unsinn für die anderen. Für die aber, denen Gott die Erkenntnis schenkt, dass sie sich gar nicht selbst bemühen müssen, Gott zu finden – denn Gott hat bereits durch Jesus den Schritt zu uns getan – für diejenigen, die in Resonanz zu Jesus stehen, wird die Botschaft vom Kreuz zur großen Stärke und Lebensweisheit.

Diese Kraft kann der Mensch nutzen, um eigene Wege mit Mut zu gehen. Der Mut Neues im Leben zu wagen, ist eine Antwort auf die Resonanz mit Jesus Christus. Es ist eine Lust zum Neuen Leben und zur Interaktion mit anderen. „Fahre hinaus, wo es tief ist“, spricht Jesus. Es erfordert Mut und Vertrauen, etwas zu wagen, auch wenn die Erfahrung dagegenspricht. Wie beim Fischfang des Petrus. Die Verheißung aber, dass Gott auf uns zukommt, gibt uns die nötige Kraft wenn wir sie brauchen. Am Grund meiner Existenz ist einer der mich bei meinem Namen gerufen hat. Ich bin nicht allein. Ich bin in einer lebendigen Beziehung mit Gott geborgen. Manchmal höre ich ihn nicht gleich, aber er ist da. Ich kann nicht über ihn verfügen, aber er kommt auf mich zu.

Resonanz mit Jesus Christus ist die Beziehung, die lebendig macht und uns verwandelt. Es ist die Einsicht, dass es ein antwortendes Gegenüber für mich gibt. Diese Antwort des Gegenübers kann Überwältigend sein. Sie geht einher mit dem Erkennen der eigenen Unzulänglichkeit. Gott begibt sich aber auf eine Ebene zum Menschen. Er spricht zu uns, wie zu seines Gleichen.

Ähnlich wie die Musik zu einem sprechen kann. In der Musik kommt irgendwann der Moment, in dem die Töne die Seele ansprechen. Die Seele reagiert. Nicht mit Denken, sondern mit Berührt-Werden und darauf Antworten. Eine unerhörte Improvisation beginnt dann. Ein neuer Weg ergibt sich von selbst. Leiblich und Körperlich. Die Resonanzbeziehung verwandelt, und verändert. Nicht nur in der Musik. Erst recht beim Gebet. Der Betende öffnet sich nach innen und antwortet auf die Zusage Gottes:

Siehe ich bin mit Dir. Ich werde Geplantes ändern, aber ich bin da. So kann das Leben laufen, aber eben nicht immer nach Plan. Ich gehe einen neuen Weg mit dir. Ich gehe einher in der Kraft Gottes des Herrn, wie es im heutigen Psalm 71,16 heißt.

Ich gehe einen neuen Weg mit Gott. Einen Weg, den ich noch nie eingeschlagen habe. Ich improvisiere ein neues Lied mit ihm. Ich improvisiere mein neues Leben.

Übrigens, der Hagel ist wieder geschmolzen. Mein Sohn Martin hat einen riesigen Verband am Fuß und der Weinstock bekommt wieder neue Blätter.

Und auch die Welt geht wieder einher in der Kraft Gottes des Herrn.

… und zwar mit Schwung!

Amen.