13.03.2022 - Reminiscere

Predigtreihe Passionszeit 2022 (Reminiscere - Pfr. i.R. Dr. Wolfgang Döbrich, Feldafing)
Bildrechte: Ev.-Luth. KG Berg

Gottesdienst


mit Pfarrer i.R. Dr. Wolfgang Döbrich, Feldafing


um 10:00 Uhr im Katharina von Bora-Haus
(2G-Regel und FFP2-Maskenpflicht!)

Im Rahmen der Predigtreihe "Gegenstände der Passion" predigte Pfarrer Döbrich über "Nägel - Nagelkreuz".

Nachstehend (ggf. "Weiterlesen" anklicken) das aufgezeichnete Livestream-Video zum Nachempfinden des Gottesdienstes und - im Anschluss daran - die Predigt zum Nachlesen.

Das (lokal) aufgezeichnete Livestream-Video des Gottesdienstes zum Nachempfinden

(Leider gab es in der Live-Übertragung zu YouTube wiederholt Ausfälle, sodass vor allem zu Beginn der Predigt eine mehrminütige Lücke entstand. Das Livestream-Video ist deshalb gegen eine gleichzeitig durchgeführte lokale Aufzeichnung ohne die genannten Aussetzer ersetzt worden.)  

 

Predigt von Pfarrer i.R. Dr. Wolfgang Döbrich, Feldafing, am 13.03.2022, Reminiscere (Thema "Nägel - Nagelkreuz" im Rahmen der Predigtreihe "Gegenstände der Passion" in der Region "Starnberger See Nord")


Biblische Grundlage:
„Die Soldaten brachten Jesus zu der Stätte Golgatha, d. h. übersetzt: Schädelstätte. Und sie gaben ihm Myrrhe im Wein zu trinken, aber er nahm´s nicht. Und sie kreuzigten ihn.“ (Markus 15, 22-25).

Frage: Mit Nägeln angenagelt – oder mit Stricken festgebunden? Antwort:

„Thomas aber, einer der Zwölf, der Zwilling genannt wird, war nicht bei Ihnen, als Jesus kam. Das sagten die andern Jünger zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er aber sprach zu ihnen: Wenn ich nicht in seinen Händen die Nägelmale sehe und lege meinen Finger in die Nägelmale und lege meine Hand in seine Seite, kann ich‘s nicht glauben …Kommt Jesus, als die Türen verschlossen waren, … und spricht: Friede sei mit euch! Danach spricht er zu Thomas: Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände … und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! Thomas antwortete: Mein Herr und mein Gott! Spricht Jesus zu ihm: Weil du mich gesehen hast, darum glaubst du? Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!“ (Johannes 20,24-31).

Als diese Passionspredigtreihe vorbereitet wurde, kamen mir sofort besondere Wegkreuze vor Augen, die ich von Südtirol her kenne: es sind die sogenannten Arma-Christi-Kreuze, die Waffen-Christi-Kreuze – wie sie eigenartigerweise genannt werden. An diesen Kreuzen werden all die Gegenstände befestigt, die mit dem Leiden und Sterben Jesu Christi verbunden sind, also zum Beispiel die Dornenkrone, das Rohr, mit dem die Soldaten Jesus schlugen, der Ysop-Stab mit dem Schwamm, der Speer, mit dem Jesu Seite durchbohrt wurde – und natürlich auch die Nägel, mit denen Jesus am Kreuz festgenagelt wurde. Es sind die „Arma Christi“, man könnte übersetzen: die „Heilswaffen“ oder „Heilsgeräte“ Christi, mit denen er seinen Leidensweg geht und sein Heilswerk vollbringt.

Diese Kreuze weisen auf eine besondere Andachtsform hin, mit der man sich das Leiden des Herrn für uns vor Augen führen konnte. Während die Bildtafeln von Kreuzwegen jeweils einen Ausschnitt der Passion schildern, fasst ein Arma-Christi-Kreuz die Leidensgeschichte auf kleinstem Raum in einer einzigen Darstellung zusammen. Jedes der Zeichen steht für ein Stück Karfreitagsliturgie.

Einmal aufmerksam gemacht, findet man diese Kreuzesform auch im bayerischen Raum, überhaupt in den Alpenländern. Und als ich seinerzeit Lateinamerika-Beauftragter wurde, entdeckte ich diese Kreuzesform auch in Lateinamerika. Kein Wunder, dass ich mich mehr damit befasste – und schließlich auch die Nägel zum Thema dieser Passionspredigt mache.

Die Nägel haben eine besondere Geschichte. Als sich der römische Kaiser Konstantin im frühen 4. Jahrhundert zum Christentum bekehrte, machte sich seine Mutter Helena auf, im Heiligen Land nach Reliquien zu suchen. Dort fand sie im Jahr 325 anscheinend auch das Kreuz – und daneben die Nägel. Sie sandte diese Heiligen Nägel nach Rom, dort ließ sie Konstantin in seine Eiserne Krone und in die Zügel seines Zaumzeugs einarbeiten. Später gingen die Nägel durch Schenkungen an andere Besitzer über. Oft wurden sie aufgeteilt oder als Berührungsreliquie vermehrt. Heute erheben an die 30 Kirchen Anspruch auf den Besitz heiliger Nägel – in Deutschland zum Beispiel die Dome in Bamberg und Trier. Diese Nägel haben ihre eigene Geschichte und sind in kostbaren Reliquiaren aufbewahrt. Die besondere katholische Reliquien-Verehrung trug zu dieser wundersamen Nagelvermehrung bei.

Für uns Protestanten tragen die Nägel eher symbolischen Charakter – und damit kommen wir selbst ins Spiel. Nägel sollen ja fixieren, festmachen, Bewegung verhindern. „Damit nagle ich dich fest“, „das soll dein Sargnagel sein“ – der Nagel soll in diesen Redenwendungen verhindern, dass eine irrige Ansicht weiter um sich greift, soll ihre Verbreitung stoppen. Welche Bewegung, die von Jesus ausging, sollten die Nägel verhindern? Was sollte ans Kreuz geschlagen und damit gestoppt werden? Lassen Sie uns diesem Gedanken des Ausmerzens einer im Grunde heilvollen Entwicklung noch etwas nachgehen.

Ich könnte mir vorstellen, dass der erste Nagel die Bewegung, die Jesus auslöst, und die bei den herrschenden Kreisen Ärgernis erregte, beenden soll. Der zweite Nagel soll die Vergebung der Sünde, der Schuld verhindern, denn diese sorgt für die Freiheit eines Christenmenschen. Und der dritte Nagel sollte den Glauben, das Vertrauen auf Gott, das Denken über diese vorfindliche Wirklichkeit hinaus, endgültig verhindern. Der Tod ist das endgültige Aus. So geht es um den Nagel des Ärgernisses, den Nagel der Schuld, den Nagel des Todes. Und bei diesen Nägeln komme auch ich, kommen wir selbst ins Spiel.

1. Der Nagel des Ärgernisses
Mit Jesus kommt das Gottesreich, die endgültige Herrschaft Gottes in seiner Schöpfung. So beginnt Jesus nach Markus sein Wirken mit dem Ruf: „Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen!“ (Mk 1,15). Bald sieht man die Zeichen dieser Gottesherrschaft überall aufleuchten. Menschen kommen zusammen, erfahren die Botschaft der heilsamen Gottesnähe, hören die Gleichnisse des Reiches Gottes, freuen sich, feiern miteinander. Wir sehen vor unserem geistigen Auge die Speisung der 5000 – Kinder, Frauen und Männer in Gruppen gelagert. Die Jünger teilen aus und sättigen, stärken die Leute! Kranke, fiebrige und epileptische Menschen, Behinderte aller Art, Blinde, Taube, Verkrüppelte werden herangeschleppt, finden Befreiung von ihrer Krankheit und ihrem Leiden. Jesus heilt nicht nur, sondern er stärkt und ermutigt die Menschen. Seine Seligpreisungen derer, die Leid tragen, der Friedensstifter, der Barmherzigen, derer, die nach der Gerechtigkeit hungern, sind bis heute Fixpunkte am Himmel des Menschlichen.

Sein Ruf breitet sich aus, erreicht aber auch Menschen, die mit der bestehenden Situation durchaus zufrieden sind, die den Einbruch des Göttlichen in ihre Welt als Störung empfinden. In seiner Heimatstadt Nazareth heißt es: „Woher hat er dies? Und was ist das für eine Weisheit die ihm gegeben ist? Und solche Taten geschehen durch seine Hände? Ist der nicht der Zimmermann, Marias Sohn und der Bruder des Jakobus ...? Sind nicht auch seine Schwestern hier bei uns? Und sie ärgerten sich an ihm“ (Mk 6,2-3). Das neue Leben, die Zuwendung zum anderen, die Macht der Barmherzigkeit, das friedliche und fröhliche Zusammenleben unterschiedlichster Menschen, gefällt nicht immer und überall. Es gibt auch Widerstand und Ablehnung. Man beginnt sich an dieser Bewegung zu ärgern. Man will sie stoppen, unterdrücken, ans Kreuz nageln: der Nagel des Ärgernisses.

2. Der Nagel der Schuld
Viele Heilungen beginnen damit, dass Jesus den Kranken zuerst die Schuld erlässt. „Und es kamen einige, die brachten zu ihm einen Gelähmten, von vieren getragen. Und da sie ihn nicht zu ihm bringen konnten wegen der Menge, deckten sie das Dach auf, wo er war, und ließen das Bett herunter, auf dem der Gelähmte lag. Da nun Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gelähmten: mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben“ (Mk 2,3-5). Deine Sünden sind dir vergeben – das ist das Wichtigste, das verhindert, dass du in die alte Schuld zurückfällst und das Ende noch schlimmer ist, als die Gegenwart. Jesus kennt uns Menschen. Tief in uns drinnen steckt die Entfremdung von Gott, die Selbstbezogenheit, die Sünde, die zu immer neuem Unrecht führt. Nur wenn der Mensch, wenn wir uns dessen bewusst sind, wenn unsere Zuversicht, unser Vertrauen auf Gott wiederhergestellt sind, können sich die Dinge wirklich ändern. Sonst behalten das alte Denken, die alten Gewohnheiten, der alte Hass die Oberhand.

Sünde und Schuld müssen vergeben werden, sonst kann das Reich Gottes nicht Raum gewinnen. Deswegen erregt die Sündenvergebung durch Jesus höchstes Ärgernis. „Es saßen da aber einige Schriftgelehrte und dachten: wie redet der so? Er lästert Gott! Wer kann Sünden vergeben als Gott allein?“ (Mk 6,6-7). Sie sehen ihre Macht schwinden, die Macht der strengen Vorschriften, der Opfer, die es braucht, um Sündenvergebung zu erlangen. Die Bitte Jesu in seinem Gebet: „Vater … vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern…“ erscheint zu einfach, zu menschenfreundlich, zu revolutionär, als dass sie das Zusammenleben bestimmen könnte. Der Widerstand führt schließlich dazu, dass auch der Nagel der Sünde, der Schuld, Jesus am Kreuz fixiert. Und noch am Kreuz betet Jesus: „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun“ (Lk 23,34).

3. Der Nagel des Todes
Die Kraft zum Vergeben, zum Handeln und Predigen gewinnt Jesus aus seinem Vertrauen auf Gott. Immer wieder zieht er sich zum Gebet zurück, immer wieder weist er darauf hin, dass nur der Glaube Kraft und Zuversicht bewirkt. Diesen Glauben bewahrt er auf seinem Leidensweg und hält ihn auch am Kreuz durch. Seine letzte Worte sind der Anfang des Gebets des Gerechten: „Mein Gott, mein Gott warum hast du mich verlassen?“ Dieses Gebet bekennt schließlich: „denn er hat nicht verachtet das Elend des Armen … da er zu ihm schrie, hörte er´s.“ (Ps 22,2). Das Vertrauen auf Gott lässt Jesus schließlich noch einem der mit ihm leidenden Verbrecher zusagen: „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein“ (Lk 23,43). Und er stirbt mit den Worten: „Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände“ (Lk 23,46).

Dieses feste Gottvertrauen, das Jesus im Leben und im Sterben erfüllt, erscheint als das größte Ärgernis, das in dieser Welt beseitigt werden muss. Denn es gibt Unabhängigkeit, Hoffnung und Zuversicht – letztlich die Freiheit eines Christenmenschen zur Liebe. In diesem Vertrauen auf Gott kann Jesus seinen Weg gehen und die Saat des Gottesreiches in dieser Welt aussäen. Er findet bis heute Nachfolger. Er bewegt weiterhin die Welt. Gottvertrauen aber scheinen viele Menschen in unserer Zeit nicht mehr zu benötigen. Sie bescheinigen der Kirche, die seine Botschaft weitertragen will, Irrelevanz für ihr Leben und entfernen sich von ihr. Was aber geschieht, wenn Glaube, Hoffnung und Liebe in der Welt, wenn sie bei uns, wenn sie in mir verblassen?

Diese drei Nägel des Ärgernisses, der Schuld und des Todes haben Jesus ans Kreuz gebracht – und bringen ihn immer wieder ans Kreuz. Sie haben ihn festgenagelt, um seine Verkündigung des Gottesreiches zu stoppen. Und sie haben tatsächlich seine Bewegung an ein vorläufiges Ende gebracht. Seine Jünger fliehen, verstecken sich, haben Furcht. Als die drei Nägel auf Golgatha in den gemarterten Körper Jesu geschlagen werden, ist er allein zwischen zwei Verbrechern. Drei Frauen sehen aus der Ferne zu.

Aber die Kreuzigung Jesu war nicht das letzte, was Jesus widerfuhr. Unser Glaubensbekenntnis fasst das Geschehen zusammen: „gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten …“ Die drei Nägel des Ärgernisses, der Schuld und des Todes konnten Jesus nicht endgültig fixieren – und können ihn auch heute nicht festnageln. Die Auferstehung hat diese drei Nägel entkräftet, wirkungslos werden lassen. Jesus lebt und ruft auch uns zur Nachfolge.

Und wie Jesus verwandelt wurde, aber doch an den Nägelmalen erkennbar blieb, haben auch die Nägel des Kreuzes im Nagelkreuz von Coventry eine neue Geschichte in unserer Zeit erlebt.

Am 14. November 1940 zerstörten deutsche Bombengeschwader die Stadt Coventry in England und mit ihr die mittelalterliche Kathedrale Sankt Michael. Bei den Aufräumungsarbeiten fanden sich in den Trümmern große eiserne Nägel, die die schweren Balken des Gewölbes im Kirchenschiff gehalten hatten. Aus drei solcher Nägel wurde ein Kreuz gebildet. Daraus entstand das Symbol des Nagelkreuzes von Coventry, das noch heute auf dem Ruinenaltar steht. Später ließ Dompropst Richard Howard an die Chorwand dahinter schreiben: „Father forgive – Vater vergib“. So wurde aus den Überresten der Zerstörung ein Symbol geschaffen, das den Geist der Vergebung ausdrücken will: Versöhnung statt Hass.

Das Nagelkreuz von Coventry fordert auch uns Deutsche heraus, mit unserer zwiespältigen Vergangenheit im Geist der Versöhnung umzugehen. Die britische und amerikanische Luftwaffe zerstörte während des Krieges viele deutsche Städte, unter anderen am 13. Februar 1945 die Stadt Dresden. Englische Freiwillige halfen im Rahmen eines ökumenischen Jugendaufbaulagers beim Wiederaufbau des zerstörten Diakonissenmutterhauses in Dresden. Junge Deutsche von „Aktion Sühnezeichen“ beteiligten sich wiederum am Aufbau des internationalen Begegnungszentrums in der Ruine von Coventry. Es entwickelte sich ein internationales Netzwerk für Frieden und Versöhnung, aus dem 1974 die internationale Nagelkreuzgemeinschaft entstand. In unserem Raum gehört zum Beispiel die Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau oder die Pfarrgemeinde Sankt Benno in München hinzu. Die über 70 Nagelkreuzzentren in Deutschland suchen den Dialog zwischen Menschen verschiedener Nationen und Religionen, um gemeinsam den Weg zu einem gerechten Frieden zu finden. In diesen Tagen beten sie unablässig für den Frieden in der Ukraine. Mögen auch jetzt wieder die Nägel des Ärgernisses, der Schuld und des Todes in Zeichen des Lebens verwandelt werden. Ich schließe mit Worten aus dem Statement der Dresdner Nagelkreuzzentren:

„Als Teil der internationalen Nagelkreuzgemeinschaft sind wir in diesen Tagen in Gedanken und im Gebet bei allen Menschen, die von dem völkerrechtswidrigen Einmarsch Russlands in die Ukraine betroffen sind und die Angst um ihr eigenes Leben haben oder in Sorge um das Wohlergehen Angehöriger oder Freunde leben müssen. Wir beten auch für alle diejenigen, die sich weiterhin und im festen Glauben für Frieden und Verständigung einsetzen.“

Amen.

(Überarbeitete Fassung vom 03.04.22)