04.02.2024 - Sexagesimae - „Lust auf Kirche!“

Musikalischer Abendgottesdienst

 
mit Pfarrer  Johannes Habdank

um 18.30 Uhr in der Kath. Pfarrkirche Aufkirchen

Musikalisch gestaltet wurde der Gottesdienst von der
Jazzband „Jassico“ mit der Sopranistin Karen Michelle Buck

Hier der Ablauf des Gottesdienstes und nachstehend die Evangeliumslesung und Predigt zum Nachlesen.

Einige Bilder vom Gottesdienst hier in der Bildergalerie.

 

Evangeliumslesung am Sonntag Sexagesimae 2024: Lukas 8, 4-15

Als nun eine große Menge beieinander war und sie aus jeder Stadt zu ihm eilten, sprach er durch ein Gleichnis: Es ging ein Sämann aus zu säen seinen Samen. Und indem er säte, fiel einiges an den Weg und wurde zertreten, und die Vögel unter dem Himmel fraßen’s auf. Und anderes fiel auf den Fels; und als es aufging, verdorrte es, weil es keine Feuchtigkeit hatte. Und anderes fiel mitten unter die Dornen; und die Dornen gingen mit auf und erstickten’s. Und anderes fiel auf das gute Land; und es ging auf und trug hundertfach Frucht. Da er das sagte, rief er: Wer Ohren hat zu hören, der höre!

Es fragten ihn aber seine Jünger, was dies Gleichnis bedeute. Er aber sprach: Euch ist’s gegeben, zu wissen die Geheimnisse des Reiches Gottes, den andern aber ist’s gegeben in Gleichnissen, dass sie es sehen und doch nicht sehen und hören und nicht verstehen.

Das ist aber das Gleichnis: Der Same ist das Wort Gottes. Die aber an dem Weg, das sind die, die es hören; danach kommt der Teufel und nimmt das Wort von ihrem Herzen, damit sie nicht glauben und selig werden. Die aber auf dem Fels sind die: Wenn sie es hören, nehmen sie das Wort mit Freuden an. Sie haben aber keine Wurzel; eine Zeit lang glauben sie, und zu der Zeit der Anfechtung fallen sie ab. Was aber unter die Dornen fiel, sind die, die es hören und gehen hin und ersticken unter den Sorgen, dem Reichtum und den Freuden des Lebens und bringen keine Frucht zur Reife. Das aber auf dem guten Land sind die, die das Wort hören und behalten in einem feinen, guten Herzen und bringen Frucht in Geduld.

Predigt von Pfarrer Johannes Habdank am Sonntag Sexagesimae 2024

Freier Kommentar zum Evangelium über den vierfachen Acker, das wir vorhin gehört haben: da gibt es unterschiedliche Varianten, sich zum Glauben und zu Jesus zu verhalten. Und so ist es heute auch noch.

Liebe Gemeinde,
in einer modernen offen-liberalen, volkskirchlichen Kulturgemeinde wie der unseren in Berg gibt es auch eine große Vielfalt. Die Menschen unterscheiden sich nach persönlicher Herkunftsgeschichte, Gegenwartswahrnehmung, Generation, religiöser Prägung, Erfahrung. Vielfalt macht das Leben lebendig!

Fakt ist: Vielen Menschen, auch Kirchenmitgliedern ist ihre Gemeinde oder „die Kirche“ zur „fremden Heimat“ geworden: sie leben zur Kirche auf „Halbdistanz“ – ein Ausdruck aus der Boxersprache. Immerhin: der Boxer kämpft noch. Viele Kirchenmitglieder hingegen kämpften gar nicht mehr, heißt es, weder um eine persönliche Lebenseinstellung noch mit der Kirche oder gegen sie. Geistige Emigration sei längst im Gange. Das muss nicht immer nur an den betreffenden Leuten liegen oder am viel beschworenen bösen „Zeitgeist“. Es kann einfach auch daran liegen, dass die Kirche aufgrund dogmatischer Rückständigkeiten, geistiger Modernisierungsverweigerung, politisch-ethischer Einseitigkeiten kirchlicher Verlautbarungen oft selbst aus der pluralismusoffenen, modernen Gesellschaft emigriert ist und sie angesichts des rasanten Veränderungs- und Differenzierungstempos und -drucks einfach nicht mehr nachkommt. So sehen es aufklärungsfreundliche, liberale, zeitdiagnostisch sensible Theologen. Von den Ekelaversionen angesichts diverseres Skandalmeldungen aktuell ganz zu schweigen.

Wir in Berg mit unserer stark bildungsbürgerlich geprägten Gemeinde versuchen am Ball zu bleiben mit einem gesellschaftsoffenen, kultur-protestantisch profilierten Programm, in dessen Mitte Religion und Fragen der Lebensdeutung stehen. Gegen den allgemeinen starken Trend nehmen die Mitgliederzahlen vergleichsweise milde in den letzten Jahren ab, etwa 1 Prozent pro Jahr. Unsere Gemeinde ist christlich-religiös, ethisch und politisch vielfältig zusammengesetzt. Ca. 85 % sind bei uns dem sog. Christentum „auf Halbdistanz“ zuzuordnen. Ich freue mich, dass also die große Mehrheit ihre Verbindung zur Kirche durch ihre bleibende Mitgliedschaft dokumentiert, ihre Kirchenbeiträge zahlt und an Gottesdiensten und Veranstaltungen wie z. B. Sommerfest, FORUM usw. teilnimmt! - Was hält eine Gemeinde zusammen? Die schwer überschaubare Vielzahl der Einzelnen, der Richtungen und Positionen an sich macht noch keine Gemeinde aus. Selbst wenn man sie auf- oder zusammenzählen könnte, ihre Summe wäre noch keine qualitativ definierte Einheit. Auf das Beziehungsgeflecht, das Sympathie-Netzwerk der Menschen kommt es an, wie sie sich zueinander verhalten und miteinander kommunizieren, aufeinander eingehen und Bezug nehmen, Meinungen und Glaubensansichten miteinander austauschen und verbinden - oder wie es F.D.E. Schleiermacher (1765-1834) bereits vor 200 Jahren gesagt hat: wie die religiösen Individuen darin „wechselseitig auf- und gegeneinander einwirken“. Schleiermacher konzipierte und propagierte „Kirche“ als nach innen und außen offene Impuls- und Kommunikationsgemeinschaft in ethischen und religiösen Dingen. Wir sprechen heute von offener Volkskirche im Sinne der wechselseitigen Verbindung der Vielen: von Teilnehmenden und Teilgebenden, Gewährenden und Partizipierenden.  Die Grenzen zwischen dem sogenannten inneren Kreis der vielen Ehrenamtlichen, regelmäßigen und sichtbaren Teil-nehmenden und dem weiteren Kreis der „halbdistanziert“ Dazugehörigen sind fließend, die Kirche nach innen und außen offen.

Die sichtbare Gemeinschaft in Veranstaltungen, Darstellungsformen und Lebensäußerungen der Gemeinde wird getragen von der unsichtbaren Dimension der Gemeinde. Eine Unterscheidung, die wesentlich war für Martin Luthers Glaubens- und Kirchenverständnis: sichtbare und unsichtbare Kirche. Die sichtbare ist die äußerliche Institution mit ihren Strukturen, Regelungen und Ritualen, Landeskirche, Dekanat und Gemeinde, Ämter, und alles was wir organisieren in aller Vielfalt und Reichtum. Die unsichtbare Kirche dagegen betrifft die geistlich-geistige Ebene. Sie ist die geglaubte, wahre Kirche und als solche gegenüber der sichtbaren Kirche die ideelle Begründungsebene. Sie ist die „Gemeinschaft der Heiligen“, das Ideal der Kirche, an der sich die sichtbare, vorfindliche Kirche, die konkrete Gemeinde vor Ort immer auch messen lassen muss, gerade auch jetzt wieder.

Die Einheitsdimension der Gemeinschaft der Gläubigen ist etwas, was allen Christen selbst unverfügbar ist: der heilige Geist, wie wir diese zentrale, die Kirche tragende Größe in neutestamentlicher Tradition seit Pfingsten nennen. Die Idee ist die: Der  göttliche Geist inspiriert alle, so verschieden sie sind, und stiftet die unsichtbare Einheit, die Gestalt gewinnt in einem lebendigen Kirchen- und Gemeindeleben und christlich-menschlichen Beziehungsgefüge. Alle, gleich welcher Konfession, werden letztlich von diesem Geist getragen, keiner hat ihn dem anderen abzusprechen, und jeder hat teil an ihm bekommen, kann ihn erfahren. Wer wieviel, dies zu beurteilen, steht keinem Menschen zu. Der Geist ist es, der alle zusammenhält, nicht nur, wenn alles gut geht, sondern auch bei Kontroversen. Im Konfliktfall garantiert er die bleibende Einheit der Christen, so heterogen das Erscheinungsbild auch sein mag. Paulus schreibt im 1. Kor 12: Über die Gaben des Geistes aber will ich euch, liebe Brüder, nicht in Unwissenheit lassen. Es sind verschiedene Gaben; aber es ist ein Geist. Und es sind verschiedene Ämter; aber es ist ein Herr. Und es sind verschiedene Kräfte; aber es ist ein Gott, der da wirkt alles in allen. In einem jeden offenbart sich der Geist zum Nutzen aller.

Im Kirchenvorstand, dem im Herbst wieder neu zu wählenden Kompetenzteam unserer Gemeinde, ist das so, auch sonst in der Gemeinde mit den vielen, die sich in irgendeiner Weise ehrenamtlich engagieren und beteiligen und allen, die unserer Kirche ideell und finanziell unterstützen. Herzlichen Dank, das ist nicht selbstverständlich, bitte weiter so!

Ich wünsche uns allen weiterhin ein gut gelingendes Gemeindeleben und, dass wir im Falle auftretender Kontroversen so miteinander umgehen, wie es Augustinus in seinen Bekenntnissen formuliert hat: Miteinander reden und lachen … manchmal in den Meinungen auseinander gehen, sich mitunter auch streiten, ohne Hass, so wie man es auch einmal mit sich selbst tut und damit die Eintracht würzen, einander belehren und voneinander lernen … lauter Zeichen der Liebe und Gegenliebe, die aus dem Herzen kommen … und wie Zündstoff den Geist in Gemeinsamkeit entflammen, so dass aus den Vielen eine Einheit wird.

Amen.