24.04.2022 - Quasimodogeniti - 1. So. nach Ostern

24.04.2022-Quasimodogeniti Gottesdienst m. Pfarrer Johannes Habdank
Bildrechte: Ev.-Luth. KG Berg

Gottesdienst mit Abendmahl


mit Pfarrer Johannes Habdank


um 10:00 Uhr im Katharina von Bora-Haus (FFP2-Maske!)

Nachstehend (ggf. "Weiterlesen" anklicken) das aufgezeichnete Livestream-Video zum Nachempfinden des Gottesdienstes und - im Anschluss daran - die Predigt zum Nachlesen.

Das aufgezeichnete Livestream-Video des Gottesdienstes zum Nachempfinden

 

Predigt über die Emmaus-Geschichte, Lukas 24, 13-35
am 1. Sonntag nach Ostern 2022        von Pfarrer Johannes Habdank

 

"Und siehe, zwei von ihnen gingen an demselben Tage in ein Dorf, das war von Jerusalem etwa zwei Wegstunden entfernt; dessen Name ist Emmaus. Und sie redeten miteinander von allen diesen Geschichten. Und es geschah, als sie so redeten und sich miteinander besprachen, da nahte sich Jesus selbst und ging mit ihnen. Aber ihre Augen wurden gehalten, dass sie ihn nicht erkannten. Er sprach aber zu ihnen: Was sind das für Dinge, die ihr miteinander verhandelt unterwegs? Da blieben sie traurig stehen. Und der eine, mit Namen Kleopas, antwortete und sprach zu ihm: Bist du der Einzige unter den Fremden in Jerusalem, der nicht weiß, was in diesen Tagen dort geschehen ist? Und er sprach zu ihnen: Was denn? Sie aber sprachen zu ihm: Das mit Jesus von Nazareth, der ein Prophet war, mächtig in Taten und Worten vor Gott und allem Volk; wie ihn unsre Hohenpriester und Oberen zur Todesstrafe überantwortet und gekreuzigt haben. Wir aber hofften, er sei es, der Israel erlösen werde. Und über das alles ist heute der dritte Tag, dass dies geschehen ist. Und er sprach zu ihnen: O ihr Toren, zu trägen Herzens, all dem zu glauben, was die Propheten geredet haben! Musste nicht Christus dies erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen? Und er fing an bei Mose und allen Propheten und legte ihnen aus, was in der ganzen Schrift von ihm gesagt war. Und sie kamen nahe an das Dorf, wo sie hingingen. Und er stellte sich, als wollte er weitergehen. Und sie nötigten ihn und sprachen: Bleibe bei uns; denn es will Abend werden und der Tag hat sich geneigt. Und er ging hinein, bei ihnen zu bleiben. Und es geschah, als er mit ihnen zu Tisch saß, nahm er das Brot, dankte, brach's und gab's ihnen. Da wurden ihre Augen geöffnet und sie erkannten ihn. Und er verschwand vor ihnen. Und sie sprachen untereinander: Brannte nicht unser Herz in uns, als er mit uns redete auf dem Wege und uns die Schrift öffnete?
Und sie standen auf zu derselben Stunde, kehrten zurück nach Jerusalem und fanden die Elf versammelt und die bei ihnen waren; die sprachen: Der Herr ist wahrhaftig auferstanden und Simon erschienen. Und sie erzählten ihnen, was auf dem Wege geschehen war und wie er von ihnen erkannt wurde, als er das Brot brach."

Liebe Gemeinde,

Osterspaziergang – dieses Jahr hat er sich geradezu angeboten bei dem schönen Wetter am Ostersonntag! Obwohl, das Wetter ist ja immer noch recht wechselhaft, Aprilwetter eben! Nun, ich will jetzt nicht über´s Wetter reden, aber: Worüber unterhalten Sie sich bei einem Spaziergang in der österlichen Zeit? Worüber redet man da? Naja, vielleicht schon auch über´s Wetter, dieses und jenes, auch Belangloses. - Manche reden beim Osterspaziergang gar nicht so viel. Man schweigt vor sich hin oder spricht, äußerlich stumm, mit sich selber – nicht nur die, die allein gehen, meine ich: die anderen schweigen manchmal schon auch – schweigen nebeneinander her oder aufeinander ein. Unausgegorene Geschichten, die nicht ausgetragen werden, Vorwürfe, vielleicht auch Missverständnisse; man redet nicht so leicht darüber, schon gar nicht sagt man dem anderen, was man ihm eigentlich schon immer einmal sagen wollte. So traut man sich auch jetzt nicht. Sagt Schweigen mehr? Wieder andere reden über das, was zur Zeit dran ist, was sie beschäftigt, verhandeln wichtige Sachen, sprechen über ihre Beziehung oder über Erlebnisse mit Menschen, die ihnen viel bedeuten, auch Menschen, die vielleicht schon gestorben sind. Sie gehen ihnen nach. Ja, das gibt es: Erlebnisse mit Menschen, die einem nachgehen – auf dem Weg beim Osterspaziergang, beim Spaziergang in der österlichen Zeit.

Auch ein Osterspaziergang, ein ganz eigenartiger, als solcher auch nicht geplant, ist der Gang der beiden Jesus-Jünger nach Emmaus gewesen.       Die Geschichte haben wir vorhin gehört. Da marschieren zwei Jünger von Jerusalem nach Emmaus, zwei Wegstunden, weg von der heiligen Stadt, der Stätte der Kreuzigung, dem Ort ihrer herben und bitteren Enttäuschung. Von Jesus hatten sie sich mehr, nein, anderes erwartet als ein klägliches Ende am Kreuz. Schock und Enttäuschung! Davon wollen sie sich jetzt möglichst schnell absetzen – nach Emmaus, nach Hause, ins traute Heim, dahin, wo sie herkommen. Doch denen, die fliehen, hängen die Karfreitagsereignisse noch schwer nach: die Kreuzigung Jesu von Nazareth, dem sie angehangen waren. Zum engeren Kreis der Zwölf haben die beiden Emmausjünger zwar nicht gehört. Aber ihm zugehört hatten sie und waren ihm eine Zeit lang nachgegangen bis – ja, bis er einen anderen Weg ging, als sie von ihm erhofft hatten. Statt des erwarteten triumphalen Siegeszuges eines grandiosen Propheten und politischen Volkshelden, so ihre Messiaserwartung – seine kampflose Dreingabe in sein Schicksal: Verhaftung, Verurteilung, Verhöhnung, Hinrichtung – sein Weg ans Kreuz.

Liebe Gemeinde, über solch herber Enttäuschung müsste es den Jüngern ja eigentlich die Sprache verschlagen haben. Hat es ihnen vielleicht auch zu-nächst, wir wissen es nicht. Auf ihrem Heimweg jedenfalls, den sie fluchtartig genommen haben, reden sie bereits wieder. Sie diskutieren hin und her, wie das alles möglich war und wie es so weit kommen konnte mit Jesus. Er, was er gesagt und getan hat, sein Lebensweg und sein Kreuzweg, er, Jesus, geht ihnen nach. Noch einmal geht er ihnen nahe. Sie gehen noch einmal die Worte und Taten durch, die sie von ihm in Erinnerung haben. Doch sie können sich einfach keinen Reim darauf machen: auf seinen Gang ans Kreuz.

Da gerät ihr Gespräch ins Stocken, sie bleiben frustriert stehen. Schweigen im Walde. – War da nicht jemand? Nein, doch! Ein Fremder kommt. Ein Fremder? Ein Fremder naht sich ihnen. Auf seine Nachfrage, welche Dinge sie da miteinander verhandelten unterwegs, bringen sie die ganze Jesus-Geschichte, ihre Gedanken über ihn vor ihn.

Ja, er ist ihnen ein Fremder gewesen, ein anderer, als er ihnen sein wollte. Sie halten ihn nach wie vor für einen Propheten, mächtig in Taten und Worten vor Gott und allem Volk; bis vor drei Tagen hofften sie, er sei es, der Israel befreien werde. Wie sehr hatten sie ihn deswegen verehrt. Und wie wenig passt dazu, wie ihn die Hohenpriester und Oberen im Zusammenwirken mit Pilatus zur Todesstrafe überantwortet haben und kreuzigen ließen!?

Gemeinsam gehen sie noch einmal die Geschichte durch, was er gesagt und getan hat, und, wie er ihnen die Schrift ausgelegt hatte, angefangen von Mose, über die Propheten, die ganze Schrift: Der Mensch ist nicht für die Gesetze da, sondern die Gesetze für den Menschen. Der Maßstab für alle Gesetze und Gebote ist das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe. „Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde, segnet, die euch fluchen, tut wohl denen, die euch hassen, und bittet für die, die euch beleidigen und verfolgen! Auf dass ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Barmherzig und vollkommen, wie er vollkommen ist!“

Da dämmert es ihnen. Muss nicht der, der solches vertritt, an dieser Welt zu-grunde gehen? „Musste nicht Jesus dies erleiden und so in seine Herrlichkeit eingehen?“ Ja, es war kein Zufall, es geschah mit innerer Konsequenz und Notwendigkeit, dass Jesus mit seinem Leben, seinem Wort und seiner Ge-schichte ans Kreuz ging. –

Die Einsicht in diese Notwendigkeit lässt die Jünger weiter reden und weiter gehen. „Und sie kamen nahe an das Dorf, wo sie hingingen.“ Das Ziel ihres Fußmarschs ist, äußerlich gesehen, eigentlich erreicht. Und der innere Weg, den sie seit Jerusalem gegangen sind, ist beträchtlich. Über den, dem sie an-gehangen waren, der ihnen nachgegangen war, ist ihnen nach und nach ein Licht aufgegangen. Davon wollen sie jetzt nicht mehr lassen, nicht so schnell loslassen von ihm, der ihre Gedanken und Herzen jetzt erleuchtet hat.

Oder war das alles bloße Illusion? Für ein paar Stunden? Dass sie eben nur glaubten, ihn verstanden zu haben? Wer weiß, was man sich zu zweit in einem solchen Gespräch zurechtspinnt! Sollten sie es nicht lieber damit gut sein lassen und sich wieder verabschieden von ihm, der ihnen jetzt so nahe gekommen war? Fremde, auch wenn man sie schon etwas kennen gelernt hat, lässt man doch nicht so leicht ins eigene Haus, oder?

„Er stellte sich, als wollte er weiter gehen.“ So heißt es. Er stellte sich, das bedeutet, er wollte eigentlich bei ihnen bleiben, doch sie merkten es nicht.

Aber auch sie wollten es. Ja, sie nötigten ihn sogar, ganz dringend haben sie ihn gebeten: „Bleibe bei uns, denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt.“ Bleibe bei uns, du, Fremder, der du uns jetzt so nahegekommen bist!

Liebe Gemeinde, hatten sich die beiden Emmausjünger so lange in Jesus getäuscht, wollten sie so lange nicht recht wahrhaben, wer er eigentlich war, konnten sie doch erst gar kein Einsehen haben in seinen Tod am Kreuz – jetzt glauben sie allmählich, ihn verstanden zu haben. Und daran halten sie neu fest. Hatten sie auf ihrem Weg von Jerusalem nach Emmaus so lange gezweifelt und heftig herumdiskutiert, jetzt ist Licht gekommen ins Dunkel ihrer wirren Meinungen. Sie glauben wieder an ihn, jetzt erstmalig so, wie er sich selbst verstanden hat.

Und so bitten sie ihn zu sich herein. „Und er geht hinein, bei ihnen zu bleiben.“ Ein Gastmahl wird bereitet. Und wie so oft mit Jesus sitzen sie zusammen an einem Tisch. Beim Brotbrechen danken sie und nehmen´s. Und es ist ihnen genauso wie, als er noch zu seinen Lebzeiten mit ihnen zu Tische saß, dankte, das Brot brach und es ihnen gab. „Da wurden ihre Augen geöffnet, und sie erkannten ihn“ – endgültig – „und er verschwand vor ihnen“.

Die intime Nähe des Erlebens bei diesem Mahl, sie löst auch die letzten Ver-spannungen ihres geistigen Verhältnisses zu ihm. Der letzte Rest von Zwang-haftigkeit, der sie ihn noch zu ihrem Tisch holen ließ, hat sich aufgelöst. Und so können sie ihn nun auch getrost entlassen in sein neues Leben, in der Gewissheit seiner bleibenden, ewigen Gegenwart im Geiste, durch die ihr eigenes Leben jetzt verwandelt ist.

Liebe Gemeinde! Das Eigenartige für mich bei dieser Ostergeschichte ist, dass man bei genauem Hinsehen nicht so genau weiß: waren es nun zwei oder drei, die da zusammen gingen und gemeinsam zu Tische saßen. Nach der biblischen Erzählung waren es drei, nach meiner und nicht nur meiner Auffassung waren es zwei – oder drei, wie man´s nimmt. Nach den Maßstäben heutiger vernünftiger, historisch-kritischer Sicht waren´s „objektiv“ wohl nur zwei; für den, der mit geistigem Auge sieht, waren´s drei. Wie dem auch sei! Wie hat Jesus einmal gesagt? Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen. Die beiden Jünger, die nach Emmaus gingen, waren bestimmt in seinem Namen unterwegs und beisammen, und er war mitten unter ihnen, erst als Fremder, dann als wohl Bekannter und Freund.

Dass er sich ihnen vom Fremden zum Nahen verwandelt hat, das hat denn auch ihr Leben verändert. Und so endet ihr österlicher Gang doch nicht in Emmaus. Denn: „sie standen auf zu derselben Stunde und kehrten zurück nach Jerusalem“, an den Ort, den sie als Ort des Schreckens und der bitteren Enttäuschung zuerst geflohen hatten. Verwandelt durch den Gekreuzigten, den sie als wahrhaft Lebendigen erfahren hatten, versöhnt mit ihm, konnten sie wieder nach Jerusalem gehen. Und siehe da, dort gab es inzwischen auch noch elf andere, und einige mehr, denen es Ostern geworden war.

Ein vergleichbares Ostererlebnis der eigenen persönlichen Art, liebe Gemeinde, wünsche ich auch uns Heutigen, nicht nur zur Osterzeit. Ob es freilich auch heute noch so ambulant zu erleben ist, wie damals, als Jesus den Seinen aus deren eigener authentischen Lebenserfahrung mit ihm heraus so intensiv nachging? Wer weiß! Mit der Betroffenheit durch den Kreuzestod fing es damals an, und mit intensiven Gesprächen darüber ging es weiter. Ich denke, dass auf diesem Wege auch wir Heutigen noch von Jerusalem nach Emmaus kommen können und zurück. Er, Jesus, möge auch uns dabei nachgehen wie jenen Emmausjüngern, auf dass auch uns der Gekreuzigte zum wahrhaft Lebendigen werde.

Amen.