27.03.2022 - Laetare

Predigtreihe Passionszeit 2022 (Laetare - Pfarrerin Sandra Gassert, Penzberg)
Bildrechte: Ev.-Luth. KG Berg

Gottesdienst mit Abendmahl


mit Pfarrerin Sandra Gassert, Penzberg


um 10:00 Uhr im Katharina von Bora-Haus
(2G-Regel und FFP2-Maskenpflicht!)

Der Gottesdienst fand im Rahmen der Predigtreihe "Gegenstände der Passion" statt. Pfarrerin Gassert sprach über das "Kreuz".

Nachstehend (ggf. "Weiterlesen" anklicken) das aufgezeichnete Livestream-Video zum Nachempfinden des Gottesdienstes und - im Anschluss daran - die Predigt zum Nachlesen.

Das aufgezeichnete Livestream-Video des Gottesdienstes zum Nachempfinden
(Beginn des Gottesdienstes mit Glockengeläut bei 4:50, Predigt ab 23:20)

 

Passionspredigtreihe 2022 "Gegenstände der Passion" - Das Kreuz
Predigt von Pfarrerin Sandra-Marina Gassert, Penzberg

 

1. Korinther 1, 18-25

[18] Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist’s eine Gotteskraft. [19] Denn es steht geschrieben (Jesaja 29,14): »Ich will zunichte machen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen.« [20] Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weisen dieser Welt? Hat nicht Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht? [21] Denn weil die Welt, umgeben von der Weisheit Gottes, Gott durch ihre Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch die Torheit der Predigt selig zu machen, die daran glauben. [22] Denn die Juden fordern Zeichen und die Griechen fragen nach Weisheit, [23] wir aber predigen den gekreuzigten Christus, den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit; [24] denen aber, die berufen sind, Juden und Griechen, predigen wir Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit. [25] Denn die Torheit Gottes ist weiser, als die Menschen sind, und die Schwachheit Gottes ist stärker, als die Menschen sind.

Ich stehe im Stau. München zur Rush hour. Nichts für schwache Nerven. Ich bin auf dem Heimweg von einer großen Klinik, eine meiner besten Freundinnen abholen. Wir gehören zur gleichen Clique, 5 Frauen. Wir kennen uns jetzt schon seit vielen Jahren, unsere Kinder sind gleich alt. Kindergarten, Grundschule... wir haben alles gemeinsam erlebt. Geburtstage und Feiern, aber auch den ein oder anderen traurigen Moment haben wir geteilt.
Noch im letzten Jahr war alles wie immer gewesen.
In diesem Jahr ist es anders.
Eine von uns ist krank. Sterbenskrank.
Von der Diagnose bis zur Hiobsbotschaft, dass es keine Rettung geben wird, hatte es keine 2 Wochen gebraucht. Irgendwie ist keine von uns mitgekommen. Nicht mit dem Verstand, nicht mit dem Gefühl.
Aber wir haben uns irgendwie auf -und durchgerappelt und haben es angepackt, wie Frauen und Mütter es halt so machen. Die eine kocht für sie und ihre Familie mit. Die andere hat den Haushalt übernommen. Ich mach den Garten. Und wenn sie im Krankenhaus ist, besuche ich sie, sooft ich darf, denn mich schreckt die Onkologie nicht.

Wenn ich als Frau Pfarrer Besuche mache, fehlen mir auch manchmal die Worte, aber ich kann mich zu meiner Profession flüchten. Ich kann aus der Bibel lesen, wenn ich nicht weiß was ich sagen soll...

Aber bei ihr? Irgendwie geht das nicht. Von Gott hab ich die Nase gestrichen voll! Sagt sie. Nicht erst seit jetzt. Was gibt es also zu sagen?

Holst du mich ab? Fragt sie. Dann kann mein Mann arbeiten. Klar sage ich. Und so stauen wir uns nach Hause. Mit schwerem Herzen und keinem Trost. Quer durch die Weltstadt mit Herz. Wir schweigen. Irgendwie gibt es Situationen, da gibt es nichts zu sagen. Das ist nicht schlimm. An einer großen Kreuzung stehen wir im Stau. Irgendwo ganz vorne Blaulicht. Na toll. Ich stehe direkt gegenüber einer riesigen Kirche. Ein mächtiges Kruzifix ziert die eine Wand.

Ich mag keine Kruzifixe hat irgendjemand mal zu mir gesagt. Den leidenden Menschen so darzustellen, das brauchts doch nicht. So ähnlich haben doch auch die argumentiert, die die Kreuze aus den Klassenzimmern verbannen wollten, fällt mir ein. Der Anblick eines gemarterten Mannes würde die Kinder traumatisieren. Vielleicht ist das so.

Mich auf jeden Fall trifft der Anblick des Gekreuzigten. Und ich stelle mit einem Seitenblick zu meiner Freundin fest: Wie ähnlich er ihr ist. Wie ähnlich sie ihm geworden ist. Ich nicke diesem Mann zu. Voller Respekt. Voller Verständnis. Dir ging es auch so. Geht mir durch den Kopf. Was hast du erlitten. An körperlichem Schmerz, aber auch an seelischem Schmerz. Zu wissen, dass du sterben wirst. Zu wissen, dass du deine Lieben zurück lässt. Welchen Respekt ich vor dir habe, mit welcher Stärke du deinen Weg gegangen bist. Ich nicke ihm zu. Und plötzlich spüre ich in mir: In mitten aller dunkler Sprachlosigkeit: ein Lichtfunke. Denn da gibt es jemanden, der versteht. Ohne Worte. Da gibt es jemanden, der an deiner Seite ist, wenn du dein Kreuz zu tragen hast. Da ist jemand, wenn auch die Menschen, die Freunde, die Familie nicht bei dir sein können. Weil sie es nicht schaffen, weil der Alltag ihnen die Kraft raubt mehr zu geben, weil du es nicht annehmen willst oder kannst. Es gibt ein Lied von Reinhard Mey: die Kreuzwege im Leben gehen wir immer ganz allein. Nein, das tun wir nicht. Menschen können uns nicht immer begleiten, dass ich richtig. Aber da ist ja noch mehr. Da ist ja er. Mein Gott, denke ich, was für eine Gnade für uns, dass du deinen Sohn auf diesen Weg schicktest. Der Funke ist zu einem kleinen, aber hellen Licht in mir geworden und ich lächle.

Da sagt meine Freundin neben mir: einen Euro für deine Gedanken. Warum? Frage ich. Du lächelst. Träumst du? Nein sage ich. Ich sehe etwas.

Sie fragt mich nicht. Ich sage nichts. Denn mein Tempo ist nicht das ihrige. Meine Traurigkeit ist niemals vergleichbar, mit dem was sie empfinden muss. Mein Trost wäre nicht der Ihre und was ich sage und denke ist nur das Meine.

Sie fragt nichts und ich sage nichts. Doch plötzlich nimmt sie meine Hand.

Und wir weinen. Das erste Mal übrigens gemeinsam. Und es ist gut. Sehr gut. Zum Glück dauert der Stau. Und irgendwann sagen wir zueinander Dinge wie: ach was sind wir albern... und jetzt fahren wir heim und genießen die Sonnentage... und so.
Als die Strasse frei ist und wir weiterfahren habe ich das Gefühl, als wäre an dieser Kreuzung etwas wichtiges geschehen. In Worte fassen kann ich es nicht. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass Gott seine Hände im Spiel hatte.

Als wir zu Hause ankommen da lächelt sie uns sagt. Träum für uns beide. Und vielleicht will ich irgendwann davon hören, wovon du träumst.

Ja, sage ich, das will ich tun. Und als ich heimfahre weine ich nur noch ein bisschen.

Amen.