29.07.2022 - Seelsorge-Kolumne in der tz

 
Der tägliche tz-Ratgeber
heute: Ihre Sorgen


Trotz großen Erfolgs ganz normal bleiben

 

„Ich finde das Schönste im Leben, normal zu sein. So bin ich und so will ich auch bleiben.“ Das hat Uwe Seeler gesagt, der neulich mit 85 gestorben ist. Die nicht nur deutsche Fußballwelt trauert um ihn, den großen HSV-ler, als einem ihrer Größten überhaupt. Kann man Idol werden und trotzdem ganz normal bleiben?

Was Pfarrer Johannes Habdank hierzu denkt

 

 

Die Erfolgsgeschichte konnte man zuletzt mehrfach glorios, fast schon heilig, nein: seeligsprechend erfahren, in Zeitungen, Fernsehen und Internet. Kein abgehobener Star, sondern „Uns Uwe!“ Der Mann aus dem Volk und für das Volk!
 
„Ich finde das Schönste im Leben, normal zu sein. So bin ich und so willich auch bleiben.“ Andere schnappen über, wenn sie erfolgreich sind und berühmt werden: heute eine große Gefahr für die Medienstars, ob sie aus dem Fußball, anderen Sportarten, aus Kunst, Literatur, Film oder Musik kommen. Trotzdem normal bleiben – das ist eine Lebenskunst!
 
Zugegeben: Das Problem hat wahrscheinlich nicht jeder von uns, als tatsächlich und medial besonders hervorgehobener „Sondertyp“ normal zu bleiben. Die überdurchschnittlich vielen „Prominenten“, die ich bisher als Pfarrer am Starnberger See erlebt habe, weil sie hier einfach leben, sind alle weitestgehend normal geblieben. Sie haben auch keine Star-Allüren im Alltagsleben, zumindest nicht dann, wenn man ihnen zum Beispiel beim Einkaufen begegnet. Im Gegenteil: Sie brauchen den Star-Rummel nicht auch noch da, wo sie privat leben. Auch die naturgemäß neugierige Presse respektiert weitestgehend ihre Privatsphäre. Und so hilft etwa ein Top-Star der Fußballwelt auch gerne mal beim Abspülen und Aufräumen nach dem Klassenfest seines Kindes in unserem Gemeindehaus und -garten am Freitagnachmittag mit, einfach normal. Da besuchen bekannte Politiker oder Professoren immer wieder Gottesdienste, ebenso wie bekannte Schauspieler und manchmal auch Künstler, ganz privat, ganz normal. Übrigens überdurchschnittlich viele. Kann man sich diese Einstellung nur leisten, wenn man Erfolg hat und berühmt geworden ist? Ist es eine populäre Attitüde eines von Klein zu Groß Aufgestiegenen? Im Falle Uwe Seelers denke ich nicht. Der war so und er blieb so auch immer authentisch.
 
Der bayerische Uwe Seeler heißt Gerd Müller. Als alter Bayern-Fan von klein auf halte ich ihn als Mittelstürmer natürlich für größer. Man kann die beiden eigentlich nicht vergleichen. Gerd Müller ist auch immer normal geblieben ... - bis ihn die Demenz befiel. Aber auch da blieb er einfach Mensch, bis zuletzt. Meine Verehrung. Gott spricht beim Propheten Jesaja, wie zu jedem Menschen: Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.

DER TÄGLICHE tz-RATGEBER heute: Ihre Sorgen (Münchner Merkur/tz, 29.07.2022)