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Silvesterpredigt 2016 von Pfarrer Johannes Habdank

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Religiöse Begleitgedanken zum Wort des Jahres: „postfaktisch“

Liebe Gemeinde,
die 10 Wörter des Jahres 2016 wurden am 9. Dezember 2016 von der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) in Wiesbaden bekannt gegeben. Wie in den vergangenen Jahren wählte die Jury aus rund 2000 Vorschlägen die zehn Wörter und Wendungen aus, die den öffentlichen Diskurs des Jahres wesentlich geprägt und das politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben sprachlich in besonderer Weise begleitet haben. Wobei nicht das möglichst häufige Vorkommen eines Ausdrucks, sondern seine Signifikanz bzw. Popularität als Kriterium bei der Wahl im Vordergrund steht. So stellen die Wörter eine Art sprachliche Jahreschronik dar, ohne dass die Reihenfolge eine Wertung oder Empfehlung bedeuten soll. Das Wort des Jahres 2016 ist „postfaktisch“ (1.Platz). Die weiteren Plätze wurden belegt durch: 2. Brexit, 3. Silvesternacht, 4. Schmähkritik, 5. Trump-Effekt, 6. Social Bots, 7. schlechtes Blut, 8. Gruselclown, 9. Burkiniverbot, 10. Oh, wie schön ist Panama.

Mit der Entscheidung für „postfaktisch“ richtet die Gesellschaft für die deutsche Sprache das Augenmerk auf einen tiefgreifenden politischen Wandel. Das Kunstwort „postfaktisch“, eine Lehnübertragung des amerikanisch-englischen „post truth“, verweist darauf, dass es in politischen und gesellschaftlichen Diskussionen heute zunehmend um Emotionen anstelle von Fakten geht. Wie die Bundeskanzlerin im September dieses Jahres gesagt und damit das Wort „postfaktisch“ erst so richtig populär gemacht und verbreitet hat: „Es heißt ja neuerdings, wir lebten in postfaktischen Zeiten. Das soll wohl heißen, die Menschen interessieren sich nicht mehr für Fakten, sondern folgen allein den Gefühlen.“ Immer größere Bevölkerungsschichten scheinen Tatsachen zu ignorieren und sogar offensichtliche Lügen bereitwillig zu akzeptieren und auch weiterzuverbreiten. Nicht der Anspruch auf Wahrheit, sondern das Aussprechen der „gefühlten Wahrheit“ führt im „postfaktischen Zeitalter“ zum Erfolg, etwa eines Politikers. Ja, darum geht´s in der postfaktischen Welt: um die Vermischung von Tatsachen mit Gefühlen, Spekulationen und was dabei herauskommt; sogar um die prinzipielle Entkoppelung von Weltsicht und Fakten, Meinung und Sachkenntnis. Obwohl eine „postfaktische“ Propaganda oft noch nicht einmal in dem Bewusstsein betrieben wird, gezielt zu lügen – nein, denn: wer bewusst und gezielt lügt, hat ja noch voraussetzungsweise einen Wahrheitssinn. Dieses basale Verhältnis zu den Fakten und zur Wahrheit ist aber beim Postfaktischen gar nicht mehr da: einfach irrelevant, Fakten sind dem Postfaktischen gleichgültig.

„Postfaktisch“ bedeutet seinem Wortsinn nach „nach-faktisch“ oder „hinter den Fakten“. Eher erwarten könnte man eigentlich eine Wortbildung wie „kontrafaktisch“ (den Fakten widersprechend) oder auch „antifaktisch“. Zugrunde liegt aber, ähnlich wie beim Wort „Postmoderne“ die Vorstellung einer „neuen Epoche“, die die Welt der Fakten und Wahrheit hinter sich lässt.

Bereits im Jahr 2004 erschien das Buch „The Post-Truth Era“ („Das Zeitalter nach der Wahrheit“) von Ralph Keyes in den USA, und so versteht sich die Rede vom „postfaktischen Zeitalter“ bei uns nun auch, kaum dass 12 Jahre vergangen sind! Wir sind also etwas hinterher. Zum Glück!

Nun ist im Wort „postfaktisch“ das Wort „faktisch“ enthalten. Das bedeutet „wirklich“, „tatsächlich“, „existent“, „gegeben“ - laut Duden verwenden wir das Wort „faktisch“ so. Seltsamer Weise verwenden wir dieses Wort nicht nach dem ihm zugrunde liegenden lat. Verb „facere“: machen. Das „Faktum“ wäre von daher nicht etwas einfach Vorliegendes, sondern von uns Gemachtes. Egal, wer es verursacht hat: wir sind die, die die Dinge machen, indem wir sie als solche überhaupt ansehen, interpretieren, deuten. Insofern ist das sogenannte Faktische eigentlich immer schon selbst „postfaktisch“ durch uns, weil wir die sind, die ein „Faktum“ durch Interpretation herstellen.

Klassisches Beispiel: Der Sonnenuntergang. Die Sonne geht über dem Starnberger See unter. Das lässt sich trocken physikalisch beschreiben: mit dem Einfallswinkel des Sonnenlichts und den Luftschichten, mit dem Farbspektrum usw.. - eine mögliche Interpretation des Vorgangs. Eine andere: Ein Liebespaar verbringt den Abend beim Sonnenuntergang am See im König-Ludwig-Park. Die Sonne taucht die Beziehung der beiden in ein wildromantisches Abendlicht, bevor die gemeinsame Nacht der Liebe anbricht. Für dieses Liebespaar geht aus seiner Sicht die Sonne schon fast eher auf als unter! Dritte Version: Einige Meter weiter setzt sich ein trübsinniger Mann am Ufer. Er starrt ins Wasser und sieht mit der Sonne eine ganze, ja, seine Welt untergehen, er geht ins Wasser, unweit der „königlichen Unfallstelle“. - Und so, liebe Gemeinde, ist es mit allem: dass es zu jedem Sachverhalt oder Vorgang mehrere Wahrnehmungen und Deutungen gibt, die dann jeweils als Fakten so oder so gelten. So ist es auch analog, nur methodisch geleitet, bei Umfragen, Statistiken und naturwissenschaftlichen Versuchsanordnungen. Fakten sind Produkte unserer konstruierenden, deutenden Wahrnehmung.

Liebe Gemeinde,
vielleicht werden Sie sich fragen: Warum erzählt er uns das alles? Was hat das mit mir oder mit Silvester zu tun? Mit Kirche und Glaube? Sehr viel!

Denn genau um das, was ich gerade anhand des Faktischen und Postfaktischen erzählt habe, – genau darum geht es in unserer Religion seit jeher! Und zwar sehr differenziert, sehr bilderreich, sehr vernünftig und oftmals auch sehr phantasievoll und gefühlig, aber immer möglichst lebensdienlich und – mit Wahrheitsanspruch, nicht immer historisch zutreffend, aber so, dass es zutreffend sein soll für das Leben der jeweiligen Menschen. Als Aussagen, die Lebenssituationen hilfreich beschreiben, und zwar weniger auf der Sachverhaltsebene, sondern, als Sinninterpretationen. Religion ist Deutung von Geschichts- und Lebenssinn, „postfaktisch“, aber nicht wie das Wort des Jahres es meint: realitätsfern, sondern realitätsbezogen, menschlich wahr.

Insofern finde ich die aktuelle politisch-gesellschaftliche Debatte um das „Postfaktische“ nicht sehr originell, ja eher hilflos, weil es nicht um „wahr“ oder „falsch“ geht, wie ein Journalist meint, der das Wort des Jahres einfach durch „falsch“ ersetzen könnte. Es geht nicht um „wahr“ oder „falsch“, sondern um die am ehesten zutreffende Interpretation, die für einen Menschen glaubwürdig ist. Freilich nicht um offenkundige Lügen, wie sie durch sog. Social Bots im Internet inzwischen massenweise verbreitet werden, über Politiker vor allem, etwa um Wahlen zu beeinflussen. Da hört die Vergleichbarkeit von Religion und „Postfaktischem“ dann auf.

Aber dass wir Lebensereignisse und Geschehnisse religiös deuten, das ist das Grundthema der Religion. Es geht um eine Deutung, die die Welt und das Leben – positiv nachvollziehbar – anders aussehen lässt; die einen Perspektivenwechsel ermöglicht, mit dem man besser leben kann.

Beispiel: Der Glaube versetzt Berge! Nicht weil deswegen der Berg auf einmal woanders steht, sondern, weil wir ihn aus einer anderen, neuen Perspektive sehen! Und dieses Thema der Perspektive der neuen, vielleicht ganz anderen Sinndeutung, die man einnimmt, stellt sich eigentlich jedem halbwegs sensiblen Menschen, wenn er nicht religiös völlig unmusikalisch, unbedarft ist. Und zwar vorwiegend dann, wenn es um einschneidende Erlebnisse oder Phasen im Leben geht: Geburt eines Kindes / Taufe, Pubertät / Konfirmation, Eheschließung / Familiengründung, Jubiläen, Sterben / Tod - Krisenerlebnisse im Leben, Krisenzeiten, Trennungen. Und Jahreswechsel!

Da erleben wir alle, dass wieder ein Jahr vorbei ist, dass wir wieder ein Jahr älter geworden sind. Gut, das klingt an sich banal, nicht so banal ist es aber, wenn wir dies als ein Faktum interpretieren, das uns, jeden von uns, dem je eigenen Tod ein Jahr näher bringt! Diese naheliegende Interpretation kann bedrückend wirken. Und viele Menschen haben damit ein Sinnproblem, vielleicht nicht jedes Jahr, oder wenn du noch jung bist. Wenn du aber über 50 oder 60 Jahre alt geworden bist, stellt sich die Frage nach dem Sinn deines so geführten Lebens schon dringlicher. Und je älter wir werden, lässt uns dieser Aspekt dann nicht so sehr nach vorne blicken, sondern eher zurück!

Also: Wie war dieses Jahr? Da sind Deutungen des Geschehenen gefragt, „Postfaktisches“. Etwa Fragen: wie kann ich die Ereignisse in der Familie sehen, so dass ich sie in mein eigenes Leben, in meine eigene Biografie-Deutung einbauen kann, etwa die Trennung des Sohnes von seiner Frau, wo doch drei Kinder da sind, oder, dass meine Eltern nun beide tot sind? Je elementarer deine Erlebnisse im zu Ende gehenden Jahr waren, desto stärker hat in der Regel deine Lebensdeutung mit Schicksal oder Religion zu tun, mit dem, was du selber glaubst, um mit dem Erlebten etwas Gutes anfangen zu können, sei es etwas Abschließendes oder auch etwas, was neue Perspektiven eröffnet: Postfaktisches oder (und das ist für Sie mein Wort für das Neue Jahr): „Präfaktisches“? Dass wir vorausschauen, nicht nur befürchtend, negativ, miesmacherisch, was da alles auf uns zukommen und Schlimmes passieren könnte, uns und anderen Sorgen machend – nein!

Dagegen sollte uns schon der Jahresspruch 2016 als deutliche Zusage inzwischen genug gestärkt und gewappnet haben, er lautete: „Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ (Jesaja 66,13). Ein guter Spruch, der auf Gefühltes, Erlebtes, zu wenig Erlebtes, Versäumtes und Verlorenes, Erhofftes eingeht. Und uns die Anregung gibt, in seinem Sinne nachzudenken über das vergangene Jahr, um mit ihm zurechtzukommen, es zu deuten, was da alles passiert ist.

Abschließend? Es ist nicht nötig, vielleicht auch gar nicht sinnvoll, an diesem Abend eine abschließende Deutung für sich, sein Jahr und seine eigenen Erlebnisse und Planungen zu machen. Wir sind ja doch nicht die, die ein Jahr „abhaken“ und ein neues Jahr wie von Null beginnen lassen. Die Grenzen sind fließend, und vieles, was im letzten Jahr und auch schon vorher passiert ist, auch von klein auf, wirkt ja weitere Jahre nach. Insofern wird vieles offen bleiben müssen, können, dürfen, in der Deutung von dem, was war, was ist und was da kommen wird.

Also: Mut zur Vieldeutigkeit und Offenheit im Rückblick und nach vorne, auf das Neue Jahr hin: Dazu wünsche ich wünsche uns allen eine demütige Haltung - in der Zeit: post- und prä-faktisch.

Geben wir dieses Jahr in Gottes Hand. Er weiß wohl um unsere Freuden und Sorgen, er weiß um unsere Gedanken, Sehnsüchte und Hoffnungen. Auch im Neuen Jahr.

Amen.

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