Sie sind hier: Home Aktuell

Aktuell

Predigttext Pfarrer
Prof. Jörns

Aktuell >>

"Lässt Gott leiden? Eine Antwort nach dem GAU in Japan"

Als ich das Thema für die Predigt heute festgelegt habe, ging es mir um den Sonntag „Invokavit“ und den Anfang der Passionszeit, in der wir das Leiden Jesu erinnern. Die Ereignisse in Japan haben dem Thema allerdings eine neue und andere Dringlichkeit verschafft. Dem will ich nicht ausweichen.

Im Vordergrund sind für uns erst einmal die Bilder von dem sintflutartigen Geschehen, das heute Tsunami heißt. Nicht nur Autos werden durch Straßenzüge gespült, sondern auch Schiffe und ganze Häuser. Zurück bleibt ein Chaos der Zerstörung. Tausende Menschen, Tiere und Pflanzen sind verschüttet, in Fluten, Schlamm und Trümmern umgekommen. Wir können sicher sein, dass auch die vor 5000 Jahren im alten Mesopotamien und vor 3000 Jahren im ersten Buch Mose erzählten Erfahrungen der Menschen mit großen, alles mitreißenden und überflutenden Wassermassen auf dieselben Ursachen zurückgegangen sind: Auf Brüche und ruckartige Verschiebungen in den Erdunterschichten und Kontinentalplatten, die riesige Wellen in den Meeren darüber auslösen; gegen sie war und ist in den Küstenstreifen buchstäblich kein rettendes Kraut gewachsen. Aber auch Meteoriteneinschläge konnten und können solche Wirkungen erzeugen. Wenn eine solche Flut in Phasen der Menschheitsgeschichte passierte, in denen die Menschen ihre angestammten Wohn¬gebiete im allgemeinen nicht verlassen haben, dann ging für sie durch einen Tsunami die ganze ihnen bekannte Welt unter.

Für die Menschen in Japan ist zur Flut als zusätzlicher Plage hinzugekommen, was wir in der Menschheitsgeschichte erst vor 25 Jahren in Tschernobyl kennen gelernt haben: Eine Reaktorkatastrophe, bei der in hohem Maße Radioaktivität freigesetzt wird, die, wenn das Wetter ungünstig ausfällt, ganze Regionen kontaminieren und unbewohnbar machen und Menschen, Tiere und Pflanzen verseuchen und töten kann.

Wie das Gilgamesch-Epos und die Bibel zeigen, haben die überlebenden Menschen nach Katastrophen schon im Altertum gefragt: Warum? Denn überall da, wo die Menschen glaubten, dass das Handeln der Götter weitgehend als belohnende oder bestrafende Reaktion auf das Handeln der Menschen zu verstehen ist, sind Katastrophen als Strafen Gottes verstanden worden. Dem ist die volkstümliche Worterklärung von „Sintflut“ gefolgt: Die Silbe „sin“ oder „sint“ hieß im Althochdeutschen ursprünglich „gewaltig, groß“ und meinte eben einen Tsunami, eine „gewaltige Flut“. Das zur Moralisierung des gesamten Lebens neigende Mittelalter hörte bei „Sint“ aber nun „Sünde“ und machte aus der gewaltigen Flut eine „Sündflut“. Die Frage nach dem Warum? hieß also im Grunde: Wofür? Und zur Antwort gehörte dann neben der gefundenen Ursache ganz natürlich ein Plan, der sagte, an welchen Punkten die Menschen ihr Verhalten ändern mussten, um derartige Strafen zukünftig abzuwenden. Die Frage „Lässt Gott leiden?“ wurde jedenfalls klar mit Ja! beantwortet. Auch in der griechischen Mythologie und in den dort im Katastrophenfall befragten Orakeln ging es letztlich um dasselbe Problem und denselben Lösungsversuch.

Egal, ob die Menschen nun das Gilgamesch-Epos oder griechische Tragödien oder das erste Buch Mose lasen bzw. vorgelesen bekamen: Hatte man diese Erzählungen von Kindesbeinen an in sich aufgenommen, so gaben sie das Modell dafür ab, wie Katastrophen generell zu verstehen und zu beantworten waren und sind: Sie zeigen die negative Seite der Regel, dass die Menschen von Gott kriegen, was sie verdient haben.

Für Juden und Christen hat sich allerdings an diesem Modell einiges geändert. Und diese Änderungen haben die Erwartungen der Menschen an Gottes Handeln mit ihnen deutlich beeinflusst. Zwei Überlieferungen will ich nennen: Im jüdischen 1. Buch Mose endet bekanntlich die Sintflutgeschichte nicht (wie die Erzählung vom Sün¬denfall) mit einem ewigen Fluch, sondern mit einer großen Verheißung: Nachdem Noah mit seiner Arche wieder festes Land unter sich fand und Gott ein wohlriechendes Tieropfer dargebracht hatte, sagt Gott: „Ich will hinfort nicht mehr die Erde um der Menschen willen verfluchen; ist doch das Trachten des menschlichen Herzens böse von Jugend auf. Und ich will hinfort nicht mehr schlagen, was da lebt, wie ich getan habe. Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ (1. Mose 8,21-22).

Die Grundregel „Jeder kriegt von Gott, was er nach seinem Handeln verdient hat“ ist durch diese Verheißung im Zentrum aufgehoben. Zwar muss man die Ansicht nicht teilen, dass Menschen ganz und gar böse Wesen sind, und zwar von Kindheit an. Da steht nämlich Jesus dagegen, der die Kinder zu sich gerufen und versichert hat, dass ihnen das Reich Gottes gehört (Mk 10,13-16). Aber die Verheißung 1. Mose 8 beendet die Regel, dass auch bei Gott Böses mit Bösem vergolten werde. Den Fortbestand des Lebens macht Gott nämlich nicht mehr abhängig von dem, was die Menschen tun, sondern von seinem eigenen Willen zum Leben.

Diese Linie können wir ergänzen und bestätigen durch das, was Jesus uns in der Mitte des Vaterunser zu beten aufgetragen hat: Dass wir Gott die Bitte um Vergebung nur vortragen können, wenn wir selbst bereit sind, denen, die uns etwas schuldig geblieben sind, zu vergeben. Auch hier geht es nicht mehr nach der Regel „Jeder kriegt, was er verdient hat“, sondern „Jeder bekommt, was er braucht.“ Und wir alle brauchen Vergebung, um nicht in der Vergangenheit auf unsere Fehler und Versäumnisse festgenagelt zu werden. Vergebung schenkt Leben, ist – wie im Gleichnis von der Liebe des Vaters gegenüber dem herunter gekommenen Sohn zu erkennen – etwas, das Auferstehung im Leben möglich macht (Lukas 15,24): „Er war tot und ist wieder lebendig geworden“, sagt der Vater nach seiner Rückkehr.

Von diesen beiden Überlieferungen her ist klar, dass sich in der ins Christentum führenden Linie der Bibel der Glaube durchgesetzt hat, dass Gott nicht das Leiden der Menschen verursacht, sondern im Gegenteil: Er will, dass ihnen geholfen wird, wenn sie in Krankheit, Unglück oder Schuld geraten. „Was ihr getan habt einem meiner geringsten - also leidenden, liebebedürftigen – Brüder, das habt ihr mir getan“, sagt der Weltrichter in Jesu Gleichnis Matthäus 25,40.45. Das heißt: Gott leidet mit den Leidenden mit, egal, ob sie ihr Leiden selbst verursacht haben oder nicht. Gott solidarisiert sich nach dem, was wir durch Jesus von ihm wissen, mit den Leidenden nicht nur, sondern er identifiziert sich sogar mit ihnen. Leiden der Geschöpfe können und dürfen wir also nicht mehr als Strafe Gottes verstehen.
Das heißt aber auch, um es klipp und klar zu sagen: Wir müssen wir nicht mehr glauben, dass unsere Sterblichkeit und unser Tod eine Quittung Gottes für unser sündhaftes Wesen seien, wie Paulus dachte. Wir können deshalb Fragen wie jene aufgeben, die viele leidende Menschen quält: Womit habe ich mir diesen Krebs, dieses Unglück, als Strafe Gottes eingehandelt? Leider hat uns der Apostel Paulus diese Art zu fragen vermittelt. Denn er hat uns gelehrt, dass Gott im Paradies erst nach dem Sündenfall aus den angeblich zuvor unsterblichen Menschen sterbliche gemacht habe, um sie für ihren Ungehorsam zu bestrafen. Im Kopf ist uns allen sein Satz „Der Tod ist der Sünde Sold“, also Sündenstrafe (Röm 6,23). Und im 1. Korintherbrief hat er seinen Lesern geschrieben, einige in der Gemeinde seien krank oder gar schon gestorben, weil sie am Abendmahl nicht mit dem richtigen Glauben teilgenommen haben (1. Kor. 11,27-30).

In diesen Dingen war Paulus ein Kind der jüdischen Theologie seiner Zeit, die sagte, dass der Mensch in den Augen Gottes durch die Sünde, also den Ungehorsam gegenüber der Tora, bestimmt werde. Wir können uns dagegen wieder an Jesus halten. Er hat gelehrt und vorgelebt, dass uns allein Gottes unbedingte Liebe zu uns vor Gott ansehnlich macht. Denn Jesus hat von uns Menschen eins vor allem wahrgenommen: Dass das Leben schwer ist, die Menschen „mühselig und beladen“ sind (Mt 11,28, im „Heilandsruf“), gerade wenn sie gut sein wollen. Sein Evangelium lautet, dass Gott weiß, dass wir zum Leben und zum Sterben Hilfe brauchen, und dass Gott selbst diese Hilfe gibt, ja, sein will. Gottesdienst ist seit Jesus immer und zuerst Gottes Dienst an uns. Unser Dienst an Gott ist die Antwort darauf, nicht das Primäre.

Wenn wir aber Leiden und Tod nicht mehr als Strafe Gottes verstehen müssen, dann können wir auch wieder ein anderes Verhältnis zum Tod bekommen. Als Strafe ist der Tod zu unserem Feind geworden. Durch dieses Feindbild aber haben wir nicht mehr begreifen können, dass Sterblichkeit zum von Gott geschaffenen Leben hinzugehört. Doch es ist so: Der Tod bewahrt uns davor, dass das Leben vergreist. Er ist ein Teil des Lebens, der dafür sorgt, dass sich alles Leben sterbend in seiner Gestalt verwandelt, aber nicht in nichts auflöst. Seit wir dies wieder sehen können, können wir auch mit der Physik über die Verwandlung des Lebens reden, die sie beobachtet und beschreibt, ja, sogar über Auferstehung. Der Physiker Hans-Peter Dürr aus München hat hier ganz wesentliche Brücken gebaut wie früher schon Carl-Friedrich von Weizsäcker in Starnberg.

Wenn wir aber den Tod nicht mehr als Strafe sehen müssen, dann müssen wir auch Gott nicht mehr darum bitten, mit uns gegen Sterblichkeit und Tod anzukämpfen. Sollen wir Gott gegen seine Schöpfung aufbringen? Es ist besser, wir lernen, unsere Sterblichkeit anzunehmen, weil wir gewiss sein können, dass wir durch die Verwandlung im Sterben die Verbindung zu Gott, zum Leben, nicht verlieren. Ja, darin kann und muss man Paulus sehr Recht geben: „Nichts kann uns trennen von der Liebe Gottes!“ (Römer 8,38-39).

Glauben wir das, können wir aber auch endlich akzeptieren lernen, dass die Erde wie alle anderen Gestirne im All selber ein sterbliches Geschöpf Gottes ist. Und wenn wir das ernst- und in unseren Gottesglauben hinein nehmen, dann müssen wir auch von Gott nicht mehr erwarten, dass er die Erde auf ewig stabil und in sich unveränderbar hält. Die Erde ist in ihrer Mitte ein feuriger Speicher von Sonnenenergie, und dieser Speicher hält die anderen Schichten darüber nicht nur so warm, dass wir darauf leben können, sondern auch in ständiger Bewegung. Erdbeben, Tsunamis, Vulkanausbrüche sind Zeichen der Lebendigkeit des Geschöpfes Erde – aber auch Zeichen seiner Sterblichkeit. Das Zukunftsversprechen Gottes nach dem biblischen Tsunami hat deshalb auch eine Einschränkung, die wir gerne übersehen. Sie lautet: „So lange diese Erde besteht, sollen nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ „So lange diese Erde besteht“ – und sich nicht wandelt, wie wir uns im Sterben verwandeln werden. Wir gehören also zusammen, diese Erde und wir. Und beide gehören mit Gott zusammen, der sich als der Geist des Lebens ständig in der Schöpfung in Geborenwerden und Sterben entfaltet.

Gott verursacht das Leiden nicht, und schon gar nicht als Strafe. Aber er lässt zu, dass die Lebensstrukturen Gewalt entstehen lassen, dass die sterbliche Erde birst, überflutet wird und dass dabei Leben stirbt. Und Gott lässt geschehen, dass wir Menschen uns gegenseitig Leiden zufügen, so, wie er zugelassen hat, dass Jesus umgebracht worden ist. Er lässt neben lebensdienlichen Techniken auch solche zu, die ein ungeheures Vernichtungspotential aus sich entlassen können. Diese lebensfeindlichen Techniken müssen wir Menschen gegenüber Gott, der Erde und unseren Mitgeschöpfen selbst verantworten. Nach den Katastrophen in Tschernobyl und Japan spricht alles dafür, dass wir die Atomkraftwerke nicht verantworten können, weil wir sie im Extremfall nicht beherrschen.

Leben ist Wirklich-Werden von Möglichkeiten. Wir haben die Möglichkeit, Lebensdienliches zu tun, haben aber auch die Fähigkeit, Lebensfeindliches zu schaffen. Nur eine Welt als Marionettentheater, ohne eigenes Bewusstsein und eigene Verantwortung, hätte diese doppelte Möglichkeit nicht. Aber es wäre eine andere Welt für andere Wesen. Dass in unserer Welt die lebensdienlichen Möglichkeiten realisiert werden, hängt davon ab, wie viel Ehrfurcht vor dem Leben wir haben als Einzelne und als Gemeinschaften, die Technik, Wirtschaft und Politik verantworten müssen.

An dieser Ehrfurcht vor dem Leben entscheidet sich aber nicht nur die Glaubwürdigkeit der Politik, sondern auch die der Religionen. Es ist Zeit, dass die Religionen gemeinsam aufstehen und diese Ehrfurcht vor dem Leben einfordern – und im eigenen Bereich vorleben. Als Einzelne müssen wir unseren Hunger nach Energie und nach immer neuen Maschinen, mit denen wir im privaten Bereich die mit den Händen gemachten Arbeiten verdrängen, erheblich eindämmen. Denn jede Energie verbrauchende Maschine, die wir benutzen, ist ein Grund mehr, dass neue Kraftwerke gebaut werden. Und im Politischen müssen wir die Weichen in Richtung auf Techniken stellen, die wir Menschen wirklich beherrschen können.
 

 

Zurück

Ansprechpartner, die Ihnen weiterhelfen

Service  

Pfarrer

Pfarrer Johannes Habdank

Telefon: 08151 - 50 494 oder
Mobil: 0160 / 97 93 96 17
Fax: 08151 - 95 552
E-Mail: johannes(dot)habdank(at)elkb(dot)de
Sprechzeiten nach Vereinbarung
Service  

Sekretariat

Sekretärin Cornelia Jung

Telefon: 08151 - 97 31 76
Fax: 08151 - 97 31 77
E-Mail pfarramt(dot)berg-ev(at)elkb(dot)de
Bürozeiten: Mo. - Di. - Fr.
9.00 Uhr bis 12.00 Uhr
Service  

Kirchenvorstand

Vertrauensmann
des Kirchenvorstandes
Florian Gehlen

Telefon: 08151 - 95 742
E-Mail florian(dot)gehlen(at)web(dot)de

Evangelisch-Lutherische

Kirchengemeinde

Berg am Starnberger See

Fischackerweg 10

82335 Berg

Tel.: 08151-97 31 76

        
         Newsletter
        


         Dreh mich um...
 
Newsletter
zu aktuellen Veranstaltungen und Neuigkeiten in der Kirchengemeinde Berg versenden wir in unregelmäßigen Abständen einen Newsletter.

Hier können Sie sich

für
den Newsletter registrieren.
         Online Anfrage
         für Taufe oder
        Trauung




         Dreh mich um...

Online Anfrage für Taufe oder Trauung

Wünschen Sie eine Taufe oder kirchliche

Trauung in der Gemeinde Berg?

 

 

       
       Berger
       BlechBläser





         Dreh mich um...

Berger Blechbläser

unter der Leitung vom Prof. Dr. Frieder Harz

Freitags 19.00-20.30 Uhr 
 

        Seniorenkreis

 

 


         Klick und ich dreh mich um...

Seniorenkreis

unter der Leitung von Hanna Schenk

I.d.R. jeden 3. Dienstag des Monats 15.00 - 17.00 Uhr

  Kinderchor   Projektchor

 
                                            Klick und ich dreh mich um...

Kinderchor

ab 6 Jahren, unter der Leitung
von Angelika Gehlen

Jeweils Dienstag
16.30 - 17.30 Uhr
im Katharina von Bora-Haus
 

Projektchor

unter der Leitung von
Frieder Harz

Projekte nach Absprache
Bekanntgabe der Proben hier