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Predigttext Pfarrer Prof. Klaus-Peter Jörns

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 Predigt am Neujahrstag 1.1.2012 in Berg

I. Neujahrsfeste sind seit babylonischen Zeiten dazu da, die jeweilige Gegenwart einmal im Jahr kritisch unter die Lupe zu nehmen und dort nach Besserem zu suchen, wo sich im Rückblick Missstände eingeschlichen haben. In Babylon machte man das, indem man beim Neujahrsfest das Spiel „Verkehrte Welt“ spielte: Für die Dauer einiger Tage wurde der König abgesetzt, seiner Machtinsignien entkleidet und gezwungen, einen Rechenschaftsbericht zu geben. Obwohl er darin beteuerte, pflichtgemäß den Kult für die Götter nicht vernachlässigt, die Stadt geschützt und die Bürger gerecht behandelt zu haben, wurde er vom Priester öffentlich geohrfeigt, und zwar möglichst so drastisch, dass dabei Blut floss. Niemand sollte glauben, er werde nur zum Schein geschlagen. Man wollte auf diese Weise ernstnehmen, dass auch Könige ihre Aufgabe, (im Dienst der Götter) zugunsten der Menschen zu herrschen, immer irgendwo versäumen. Und weil man fürchtete, dass die Götter solche Versäumnisse nicht einfach hinnehmen würden, vollzog man die Strafe für Versäumtes am König lieber gleich selbst. Für einige Tage herrschten dann die Untertanen über den König, während er Buße tun musste.
Ziel des Festes war natürlich nicht, die „verkehrte Welt“ zum Dauerzustand zu machen, sondern die gute Ordnung zu festigen und da, wo sie verletzt worden war, wieder herzustellen. Die „Verkehrte Welt“ hatte darüber hinaus eine Ventilfunktion, durch die „Dampf abgelassen“ werden konnte. Zugleich diente sie aber dem inneren Frieden und der Zustimmung zur Ordnung, weil keiner den führungslosen Zustand, das Chaos also, aushalten würde. Die Ordnung aber wurde aus der Schöpfungsgeschichte abgeleitet, die beim Neujahrsfest verlesen und aufgeführt wurde:

[Das Neujahrsfest in Babel verband somit in sich zwei Feste: Eines, das die gute Grundordnung der Schöpfung erinnerte und als kritisches Prinzip auf die Gegenwart anwendete, und eine Art Karneval, bei dem für eine ganz begrenzte Zeit Grundregeln der inneren Ordnung außer Kraft gesetzt wurden. Die geheime Botschaft, die sich mit dem Neujahrsfest verband, war allerdings, dass die Beherrschten legal den Aufstand üben konnten und die Herrschenden ihn fürchten – und fragen lernten, wie weit sie die göttliche Lebensordnung respektierten.]

II. Kritische Analysen unseres Lebens am Neujahrsfest können auch wir gebrauchen, obwohl nur wenige öffentliche Ohrfeigen für unsere Herrschenden einführen wollen – auch wenn in Gedanken so manche Ohrfeige verteilt wird. Aber wir haben mit den Babyloniern gemein, dass wir das, was wir als lebensfeindlich empfinden, nicht mehr als das Produkt von leibhaftigen Teufeln ansehen und diesen in die Schuhe schieben können. Wir haben gelernt, dass wir selbst das Lebensfeindliche verantworten müssen, das wir durch unsere Art zu leben erzeugen. Auch das gehört zu den Früchten der Aufklärung. Wir sind Wesen, denen aufgegeben ist, lebenslang zu lernen, was menschlich ist und wie wir uns menschlich verhalten, obwohl wir auch anders können – anders als Tiere, denen der Instinkt vorgibt, was zu tun ist. Doch trotz alles Lernens und aller Einsichten scheitern wir oft genug an der Aufgabe, das, was gut ist, zu erkennen – und das selbst erkannte Gute dann auch noch mit dem auszugleichen, was für andere gut ist, mit denen wir das Leben im jeweiligen Heute teilen.

Auf einen Nenner bringen können wir die Schwierigkeit unserer Situation mit einem Satz Albert Schweitzers: „Wir sind Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“ Kürzer, treffender und zugleich ernüchternder kann man es nicht ausdrücken. Wer diesen Satz ohne irgendeine Einschränkung nachsprechen kann, ist wirklich im Leben angekommen, ist Mensch unter Menschen, aber auch Mensch unter Tieren und Pflanzen, Geschöpf unter Geschöpfen Gottes. Denn mit dem Satz „Wir sind Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will“ ist das Lebensrecht aller Lebewesen, einschließlich der je eigenen Art zu leben, anerkannt. Dieses allgemeine Lebensrecht stellt den Rahmen dar für unser eigenes Leben – und nicht umgekehrt. Denn wir und unsere Interessen sind nicht die Mitte, um die sich alles dreht. Sondern die ganze Vielfalt der Lebensformen und -gestalten ist das Feld, in das hinein wir geboren werden, auf dem wir für eine Zeit lang wachsen und in das hinein unsere leibliche Existenz sterben wird. Und während wir wachsen, ändern wir uns viele Male. Zum Glück dürfen wir das! Denn wir sind von Gott nicht auf unsere Fehler festgelegt – obwohl wir mit Scham an Verletzungen zurückdenken, die wir anderen zugefügt haben, und uns manchmal am liebsten selbst dafür ohrfeigen würden.

III. An einem Volkslied aus Umbrien kann ich verdeutlichen, welch revolutionäre Sprengkraft Albert Schweitzers Satz hat, wenn wir ihn zu Ende denken. Das schöne Volkslied lautet auf Deutsch:

Weinend sagte Franziskus eines Tages zu Jesus:
Ich liebe die Sonne und die Sterne.
Ich liebe Klara und ihre Schwestern.
Ich liebe das Herz der Menschen und alle schönen Dinge.
Herr, du musst mir verzeihen,
denn nur dich sollte ich lieben.

Lächelnd antwortete Jesus:
Ich liebe die Sonne und die Sterne.
Ich liebe Klara und ihre Schwestern.
Ich liebe das Herz der Menschen und alle schönen Dinge.
Mein Franziskus, du musst nicht traurig sein,
denn das alles liebe auch ich.

Ja, das ist schön zu hören, dass der hier redende Jesus mit diesem lebensfeindlichen Alleinanspruch auf unsere Liebe aufräumt. Denn damit sind die Herzen von Abermillionen Kindern gequält worden, die abends beten mussten: „Ich bin klein, mein Herz ist rein, soll niemand drin wohnen als Jesus allein.“ Nur Jesus? Nicht die Mutter und der Vater, ohne deren Liebe niemand heil ins Leben kommt? Nicht die Geschwister und Freunde? Und nicht die oder der Liebste, die irgendwann auftauchen und das Leben verwandeln?! Was für eine Grausamkeit hat da – trotz Jesus und Franziskus – Jahrhunderte lang Regie geführt im Namen des Gottes, von dem gerade Jesus gesagt hat, dass Gott nicht nur dann und wann liebt, sondern Liebe ist! Solche Grausamkeit gegen die Liebe darf nicht mehr gelernt und gelehrt werden. Nach Jesus kann man mit solchen Kindergebeten Gott nicht mehr die Ehre erweisen, sondern ihn nur verunzieren.

Albert Schweitzers Satz, der allen das Lebensrecht zugesteht, weist die Richtung. Er nimmt ernst, dass wir alle an Gottes Leben teilhaben – und deshalb mit einander verwandt sind. Folgen wir dem, geben sich selbst in diesem sonst so schönen Lied zwei wunde Punkte zu erkennen. Zuerst: Es redet nur von dem „Herz der Menschen“. Obwohl gerade Franziskus eine so große Nähe zu den Tieren hatte! Er soll ihnen besondere Predigten gehalten haben! Hier aber wird nur uns Menschen zugestanden, ein Herz zu haben. Friedrich Hölderlin wusste dagegen noch, dass auch Pflanzen ein Herz haben und empfinden. In einem Gedicht hat er zur – im Griechischen männlich vorgestellten – Sonne gesagt: „Wie du das Herz der Pflanzen erfreust, wenn sie entgegen dir die zarten Arme strecken, so hast du mein Herz erfreut, Vater Helios“.

Und schließlich: Wenn wir nur die „schönen Dinge“ lieben und für uns haben wollen - was ist mit den Dingen, die uns nicht als schön erscheinen und dennoch zum Leben hinzugehören? An beiden Stellen des Liedes droht das Leben gespalten, nicht als eine Wirklichkeit akzeptiert zu werden. Doch es gibt nur eine Wirklichkeit des Lebens, und in ihr sind Menschen, Tiere, Pflanzen und auch die sogenannte unbelebte Natur mit Gott als Schöpfer verbunden. Für Glaubende gibt es Gott nicht ohne dieses Leben, und kein Leben ohne Gott. Denn Gott entfaltet sich in allen Gestalten von Leben. Und dazu gehören auch die Dinge, die wir nicht schön finden. Mit diesem Glauben fängt die „Ehrfurcht vor dem Leben“ an.

IV. „Neues Jahr, neues Leben!“ In vielen Sprachen gibt es diesen Satz, und er lehrt Zukunft zu haben als eine große Chance. Denn wer Zukunft hat, hat noch die Möglichkeit, sein Leben zu ändern. Es gibt Momente, an denen wir innehalten und uns selbst, aber auch uns gegenseitig, Zukunft, einen neuen Anfang zugestehen können. Der Jahreswechsel ist ein solcher Moment.

Als Wegweisung können uns die Seligpreisungen dienen, die als Anfang der Bergpredigt Jesu überliefert worden sind. Ich lese und deute sie zusammenhängend als die Lebensordnung, die wir von Jesus haben. Dabei ersetze ich die Formel „Selig sind“ durch „Im Leben angekommen sind“:

- „Im Leben angekommen sind, die sich vom Geist Gottes dazu bewegen lassen, nicht am Geld zu hängen; ihr Leben kann reich werden.“ Es geht nicht ohne Geld, seit der reine Tauschhandel an seine Grenzen gekommen ist. Viel Geld aber in wenigen Händen ist nur gut, wenn es zur besseren Verteilung der Lebensgaben Gottes dient, die unsere Erde möglich macht. Dann werden Geber und Empfänger reich und werden die Besitzer nicht in ihrem Besitz gefangen ge-setzt.
- „Im Leben angekommen sind, die jetzt trauern und weinen“, zum Beispiel, weil sie verloren haben, was sie lieben; „sie werden Trost finden“ und wieder lachen können. Denn Gott wird sie erkennen lassen, dass keine Liebe, die geliebt wurde, im Kosmos verloren geht.
- „Im Leben angekommen sind die Sanftmütigen; sie werden im Land den Ton angeben“ – und nicht mehr die Drohungen mit Gewalt und Zerstörung. Sanftmut ist der mutigste Mut, weil er auf Gewalt verzichten kann und auf die verändernde Kraft der beharrlichen Liebe setzt.
- „Im Leben angekommen sind, die nach Gerechtigkeit hungern“, die sich nicht mit der Ungerechtigkeit abfinden, und die ihr Herz nicht mehr belügen und ihm sagen, es komme nicht auf den einzelnen Menschen an. Doch, auf jeden und jede, die leben, kommt es an.
- „Im Leben angekommen sind die Herzlichen; sie werden Gott schauen“ – sie werden Gott in den Leidenden und Gequälten mitleiden sehen; sie werden das Wunder begreifen, dass Gott, weil er liebt, auch liebbedürftig ist.
- „Im Leben angekommen sind, die Frieden stiften; sie werden Söhne und Töchter Gottes heißen“, weil sie Gottes Werk tun: Sie vergeben, was ihnen schuldig geblieben wurde, und sie entschuldigen sich nicht selbst, sondern bitten um Entschuldigung; so verhindern sie Rachegedanken und Selbstgerechtigkeit und lassen Sünder wieder Menschen werden.

„Neues Jahr, neues Leben!“ Die Seligpreisungen Jesu sind die Lebensordnung für das Reich Gottes inmitten der Welt. Mit einem wichtigen Teil davon, der gegenseitigen Vergebung, werden wir gleich den ersten Tag des neuen Jahres und Lebens hell machen. Und wenn wir länger als dieses neue Jahr brauchen werden, um unser Leben nach Jesu Lebensordnung auszurichten, wird Gott uns nicht ohrfeigen, bis wir bluten. Aber einen Stich ins Herz sollte er uns dann und wann schon geben, wenn wir vergesslich und faul werden. Denn der Elan dieses ersten Tages, da und dort ein besserer Mensch werden zu wollen, soll doch für alle Tage im Jahr 2012 reichen.

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