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Predigttext Pfarrer Prof. Dr. Klaus-Peter Jörns

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Predigt am Karfreitag, 6.4.2012, in Berg-Aufkirchen, Mariä Himmelfahrt

„Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, trägt es viel Frucht.“ (Johannesevangelium 12,24)

Liebe Gemeinde,

Jesu Tod war ein ‚großer Tod’. Für den griechischen Philo¬sophen Heraklit, der an der Wende vom 6. zum 5. Jahrhundert vor Chr. gelebt hat, ist ein Tod groß, wenn eine große Wirkung von ihm ausgeht. Und er schrieb: „Große Tode bewirken größere Anteile am Leben“ (H 25). Jesu Satz, wonach das Weizenkorn nur dann „viel Frucht“ bringt, wenn es stirbt, stimmt mit Heraklits Einsicht zusammen. Entscheidend ist bei beiden, dass der Tod des einzelnen Menschen und das Leben als Ganzes zusammen gehören. Denn das Leben, das unsterblich ist, lebt für Heraklit durch das Leben derer, die irgendwann sterben und ihre Lebensfrüchte hinterlassen (vgl. H 62). Wofür sie mit dem Feuer des Geistes und ihres Herzens Kraft eingetreten sind, das trägt dazu bei, dass sich Geist und Bewusstsein weiterentwickeln – und auch, in welche Richtung. Wenn das so ist, dann kann ein „großer Tod“ nicht ohne das Leben gesehen werden, zu dem er als sein Ende gehört. Ja, so müssen wir sagen: Nur ein großes Leben, das viel bewegt hat, kann auch einen großen Tod als Ende haben. Im römischen Reich sind sehr viele Menschen wie Jesus durch die grausame Kreuzigung gestorben. Aber von den vielen weiß man nichts mehr, weil ihr Leben nichts Großes bewegt hat – so bedeutend sie für ihre Liebsten auch gewesen sind und so gewiss sie dadurch auch zur Entwicklung des Lebens beigetragen haben.

Als ich anfing zu studieren, galt der Satz, die Evan-gelien seien Passionsgeschichten mit einer län¬geren Einleitung. Ich sehe es heute so, dass erst die Erzählungen von Jesu Leben und Botschaft gesammelt und dann, deutlich nach Ostern, mit der Leidensgeschichte abgeschlossen worden sind. Dass sich Tod und Auferstehung Jesu dann trotzdem verselbstän¬digt haben und Jahrhunderte lang als Mitte des Evangeliums galten, liegt vor allem an den Paulusbriefen und an dem Hebräerbrief. Denn dort spielt das Leben Jesu fast keine Rolle. Für sie war der Tod des gehorsamen Jesus wichtig, weil sie die Forderungen des jüdischen Gesetzes an die Menschen als durch sein Blut ein für alle mal erfüllt gesehen haben. So, hofften sie, befreit zu wer¬den von dem Zorn Gottes auf die Ungehorsamen, durch den sie sich bedroht fühlten (Römer 5,9).

Aber wer die Evangelien als ganze liest, weiß, dass und warum Jesu Leben und Sterben zusammen gehören – und tatsächlich groß sind. Das Leben Jesu ist groß, weil seine Botschaft groß ist: Gottes Liebe muss durch nichts verdient werden, durch keine Vorleistung und kein Opfer; wir sind liebenswert, weil Gott seine Geschöpfe liebt; und der größte Gottesdienst, um den sich alles dreht, ist der Dienst Gottes an seinen Geschöpfen. Gott trägt durch diesen Dienst Verantwortung dafür, dass das Leben als Mensch mit Menschen, Tieren und Pflanzen sehr, sehr schwer ist, wenn es gut gelingen soll. Und es soll für alle gut gelingen. Weil Jesus von diesem Willen Gottes fest überzeugt war, hatte er die ungeheure Kühnheit, auch die Gotteskindschaft allen zuzusprechen, die sich von Gottes Liebe anstecken lassen. Er gab allen, Männern und Frauen, die großartige und für das Leben notwendige Vollmacht, Sünden zu vergeben. Ohne Priesterdienst und Weihe. Man muss nur das Feuer des Geistes Gottes in sich hineinlassen, dass es brennt im Herzen, dass es vor Liebe brennt. Das ist alles.

Der Tod Jesu war groß, weil Jesus der Bedrohung mit dem Tod nicht ausgewichen ist. Er hat seine Botschaft mit dem ihm aufgezwungenen Leiden besiegelt, hat sie nicht widerrufen. Dadurch hat er den Vorhang im Tempel in Jerusalem zerrissen, der Gott von den Menschen trennte. Der Himmel ist offen, Gott unter uns. Und selbst in dem sterbenden Jesus brannte das göttliche Feuer noch so stark, dass er vom Kreuz herab dem Hinrichtungskommando und seinen Auftraggebern vergeben konnte – „denn sie wissen nicht, was sie tun“. Diese zur Vergebung fähige Liebe kann selbst eine negative, Leib und Seele verletzende, Energie umleiten, indem sie sie in sich hinein nimmt. Das ist die Frucht der Liebe Gottes. Niemand in der Golgothaszene kann das begreifen. Bis auf zwei. Der eine, der am Kreuz neben Jesus hängt, bittet ihn, dass er seiner gedenken möge. Und Jesus öffnet ihm das Paradies. Der andere ist der römische Hauptmann, der das schreckliche Kommando leitet. Der fühlt schon die Frucht des Todes Jesu in sich wachsen und bekennt: „Dieser Mensch war in Wahrheit der Sohn Gottes.“ (Markus 15,39)

Der römische Hauptmann, der nach hochmütiger, jüdisch-christlicher Sprachregelung ein Heide war, spricht bei Markus also das erste Jesus-Bekenntnis. So kann er uns nun auch die Brücke bauen zum Gedenken an andere große Tode, die große Leben beendet und Früchte geschaffen haben, die uns noch heute den Weg weisen.

Ich nenne zuerst Mahatma Gandhi, den Hindu. Er hat mit unglaublicher Energie dafür gesorgt, dass die Sehnsucht der Inder, von der englischen Kolonialherrschaft befreit zu werden, friedlich blieb und die Freiheit ohne ein furchtbares Blutbad 1947 zuwege gebracht hat. Sein Weg waren der gewaltfreie Widerstand, der zivile Ungehorsam und das angedrohte „Fasten bis zum Tode“. Und gerade er, der für seine Ziele acht Jahre im Gefängnis ver-bracht hat, starb 1948 – wie Jesus – eines gewaltsamen Todes. Er wurde umgebracht von einem, der den Abschied von der Gewalt nicht hinnehmen und die Gleichachtung der Menschen nicht mitvollziehen wollte. Ohne Gandhis Arbeit kann man sich den Weg gar nicht denken, den Indien dann trotzdem und beispielhaft gegangen ist.

Und ich nenne Martin Luther King, den Führer der schwarzen Menschenrechtsbewegung in den 60er Jahren in den USA. Er bekam 1964 für seinen gewaltfreien Kampf den Friedensnobelpreis, wurde aber 1968 durch ein Attentat umgebracht. Sein Traum von einem neuen Miteinander der Rassen und Religionen hat die USA verändert, aber auch nach Europa ausgestrahlt. Die Wahl des Schwarzen, Barack Obama, zum Präsidenten der USA wäre oh-ne diesen Traum Martin Luther Kings nicht denkbar gewesen. Auch Kings Tod war ein großer Tod, weil sein Traum groß gewesen ist.

Aber was ist das nur für eine Welt, in der gerade diejenigen, die entschieden auf Gewalt verzichten und für eine Erweiterung der Menschen- und Freiheitsrechte kämpfen, umgebracht werden? Denn es gibt ja noch viele, viele andere Namen, die in dieses Schema passen. Carl von Ossietzky, die Geschwister Scholl, Dietrich Bonhoeffer zum Beispiel. Lernen wir Menschen nichts? Sind wir doch böse von Kindesbeinen an, unrettbar böse? Auf diese Frage können wir viele Antworten geben. Eine aber ver¬bindet sich mit allen anderen Antworten. Und sie¬ sagt, dass da, wo Men¬schen für eine revolutionäre Ver¬änderung der Verhältnisse kämpfen, sie zugleich gegen die bestehende Ordnung samt den mit ihr vertretenen Interessen und Vorstellungen kämpfen müssen. Das gilt für politische wie religiöse Revolutionen. Da soll eben vieles ein Ende haben. Endlich. Und radikal.

Das war auch bei Jesus so, wenn er in der Berg-predigt wieder und wieder kampfrufartig sagt: „Ihr habt dies und jenes gehört von den Alten, ich aber sage euch etwas anderes!“ Am Anfang solcher Revolutionen gibt es immer genügend Menschen, die sich mit der alten Ordnung identifizieren, die von ihr profitieren, und andere, die glauben, es müsse alles so bleiben, weil es immer schon so war und auch irgendwo geschrieben steht; und auch solche gibt es immer, die einfach nur ihre Ruhe haben wollen, auch wenn sie sich in vielem unterdrücken lassen. All diese haben kein Interesse an Veränderungen. In Jesu Tagen gehörten die am Tempel beschäftigten ca. 8000 Priester und ihre Familien gewiss zu diesen, von Ausnahmen abgesehen. Wer wollte denn für diesen traurigen Helden aus der galiläischen Provinz die gewohnte Ordnung aufgeben? Wer hatte schon etwas von einem, der in dem bewaffneten Freiheitskampf gegen die Römer nicht mitkämpfen wollte? Der konnte doch gar kein nationaler Messias sein! Und so sorgte die Mehrheit dafür, dass er verschwand. Weil wir alle Angst vor Gewalt haben, trauen Menschen schon seit frühen Phasen der Evolution der Gewalt am ehesten zu, etwas durchzusetzen. Und auch heute noch wird, wer glaubt, dass Geist und Liebe die einzigen Kräfte sind, die die Welt wirklich verändern können, von Theologen und Kirchen gerne als Anhänger eines Kuschelgottes verspottet.

Aber Jesu Tod war ein großer Tod. Weil seine Le-bensbotschaft groß und feurig gewesen ist, ist sie auch nach Karfreitag wieder aufgeflammt. Wäre er ein Gewaltprediger gewesen, wüsste niemand mehr von ihm. Sein Feuer hat unsere Sehnsucht nach einem friedlichen Miteinander, nach Vergebung unserer Schuld, nach Heilung von seelischen und leiblichen Schmerzen gestärkt. Aber auch unsere Hoffnung auf eine Ächtung von Krieg und Rassismus, auf einen Abschied von dem Hass säen-den Gedanken, vor anderen von Gott erwählt zu sein, hat Jesus begründet – auch wenn er selbst daraus mühsam Konsequenzen ziehen musste, wie die Geschichte von der Heilung des syrophö-nizischen Mädchens lehrt (Markus 7,24-30). Gerade diese Konsequenzen haben aber vielen nicht gefallen, weil er den Anspruch auf das Vorrecht der Erwählung aufgegeben hat. Und das hat ihn Kopf und Kragen gekostet.

Sein Leiden ist deshalb die Brücke zu allen anderen geworden, die leiden müssen, weil sie von der Ehrfurcht vor dem Leben nicht ablassen wollen. Es gibt keinen besseren Weg zu einem friedlichen Miteinander, als die Ehrfurcht vor dem Leben die unüberschreitbare Gren¬ze bei der Verfolgung der eigenen Interessen sein zu lassen. In dieser Grundregel Albert Schweitzers ist die Saat des großen Lebens und Todes Jesu zeitgemäß aufgegangen. Gewaltfreie Politik gehört zu dieser Ehrfurcht hinzu, Angriffskriege – von wem auch immer geplant und durchgeführt – sicher nicht. Wir Menschen müssen Verantwortung dafür übernehmen, dass sich das Leben auf der Erde in Richtung auf ein friedliches Miteinander entwickelt. Das ist es, was wir Jesus schulden.
 

 

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