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Predigttext Pfarrer Johannes Habdank

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Predigt über Matthäus 9, 9-13

Liebe Gemeinde,
Sie kennen sicher die Geschichte von der Berufung des Zöllners Levi aus Markus 2. Sie liegt der Parallel-Fassung bei Lukas sowie unserer heutigen Erzählung bei Matthäus zugrunde. Bei Matthäus heißt der Zöllner nur anders, nämlich: Matthäus.
Alle drei Versionen beginnen mit einem einfachen, direktiven an den Zöllner gerichteten Ruf Jesu in die Nachfolge. Folge mir nach! Der Zöllner folgt dem Ruf Jesu ohne Zögern – anschließend findet ein gemeinsames Mahl Jesu und seiner Jünger mit auch noch anderen Zöllnern und weiteren Menschen im Hause des Zöllners statt – Schriftgelehrte und Pharisäer stören sich daran, wenden sich kritisch an die Jünger, nicht an Jesus selbst, und fragen in vorwurfsvollem Ton, was soll das, warum macht Jesus so etwas. Die Antwort Jesu hören Sie am Ende der folgenden Lesung des Predigttextes für heute aus Matthäus 9, 9-13:

Die Berufung des Matthäus und das Mahl mit den Zöllnern
Und als Jesus von dort wegging, sah er einen Menschen am Zoll sitzen, der hieß Matthäus; und er sprach zu ihm: Folge mir! Und er stand auf und folgte ihm.
Und es begab sich, als er zu Tisch saß im Hause, siehe, da kamen viele Zöllner und Sünder und saßen zu Tisch mit Jesus und seinen Jüngern.
Als das die Pharisäer sahen, sprachen sie zu seinen Jüngern: Warum isst euer Meister mit den Zöllnern und Sündern?
Als das Jesus hörte, sprach er: Die Starken bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken. Geht aber hin und lernt, was das heißt (Hosea 6,6): »Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer.« Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten.

„Dieses Evangelium, liebe Gemeinde, scheint so leicht, dass jeder meint, er versteht es gleich, wenn er es nur gehört hat. So heißt der Kommentar des Reformators Martin Luther zu unserem Evangelium. Aber Luther fährt fort: Und doch ist’ s so tief, dass, auch wenn zwei da wären, die es völlig verstehen, es nur eben genug wäre. Freilich, wenn man jemand fragte, zu wem er sich zähle, so würde er wohl antworten: Zu den Kranken und Sündern und den Gesellen des Matthäus. Denn, wo Christus ist, da wollen wir alle sein … zu den Pharisäern will niemand gehören, zumal die Gerechten und Weisen nicht, wiewohl sie mitten unter ihnen sind.“ (Wolfgang Huber; Predigt am Berliner Dom am Sonntag Septuagesimae, 4.2.2007)
Sehen wir mal, wie leicht zu verstehen oder doch tiefgründig dieses Evangelium von heute ist.

Immer wieder verwunderlich finde ich bei auch noch anderen Berufungsgeschichten, etwa der Fischer am See Genezareth, dass sie Jesus Ruf „Folge mir nach!“ unmittelbar Folge leisten, alles liegen und stehen lassen. Welche Ausstrahlung, persönliche Wirkung und mitnehmende Autorität muss Jesus besessen haben? Ich weiß nicht, ob ich ihm so einfach gefolgt wäre, vielleicht hätte ich es, wenn überhaupt, mit denen gehalten, die Jesus einmal kritisiert, weil sie zuerst noch den gestorbenen Vater begraben oder sich bei ihrer Familie verabschieden wollte und sich daraufhin die Schelte gefallen lassen mussten: Lasst die Toten ihre Toten begraben! Und: Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes. (Lukas 9,59-62)

Schon leichter nachzuvollziehen ist die Empörung der Pharisäer über Jesu Verhalten:
Zöllner waren, obwohl oder weil sie selbst Juden waren, dem jüdischen Volk verhasst, denn sie galten als Kollaborateure mit den Römern. Und sie schlachteten ihre Aufgabe und Machtposition zu ihrem eigenen Vorteil in der Regel gnadenlos aus.
Aus der Sicht eines Zöllners dürfte sich das natürlich anders angesehen haben: Sie waren eigenständige Zollunternehmer, ein Stück „outgesourceter“ römischer Staatsbürokratie, „Subunternehmer“, die für einen bestimmten Bezirk, ein bestimmtes Gebiet per Vertrag zuständig waren und eine bestimmte Summe Zolleinnahmen für den römischen Staat pro Jahr einzutreiben hatten. Blieben sie hinter der „Zielvereinbarung“ zurück, war es ihr Risiko. Erwirtschafteten sie mehr, war das ihr Gewinn.
Eine raffinierte Methode der Römer, sich selbst den Dauerkonflikt beim Zoll vor ort vom Hals zu halten und ihn auf Personen aus dem Volk und Land zu verlagern, das man besetzt hielt. Damit wurde zugleich der Konflikt ins unterdrückte Volk selbst hinein getragen. Die jüdischen Zöllner genossen schon allein aufgrund ihres Jobs ein miserables Ansehen im Volk, religiös galten sie als „Sünder“, weil Kollaborateure mit dem Feind, aber auch, weil sie, wohl allgemein, mit willkürlichen, ja brutalen Methoden ihr Gewinnstreben zu erfolgreich verwirklichten. Denn trotz offiziell festgesetzter Ein- und Ausfuhrzölle blieb immer noch genügend Spielraum „nach oben“, wenn man als Zöllner charakterlich entsprechend disponiert und „geschäftstüchtig“ war. Im Volk galt der erworbene Reichtum des Zöllners als ungerecht und mit unmoralischen Mitteln erworben. Sie galten sie als Feinde des jüdischen Volkes, rechtlich, moralisch, religiös, also gottlose Sünder, die aus der Volks- und Glaubensgemeinschaft ausgeschlossen wurden bzw. die sich durch ihren Beruf und Verhalten selbst ausgeschlossen hatten.

Dass ein Zöllner wie Matthäus nun von Jesus in den Kreis seiner engsten Vertrauten berufen wurde, konnte auf alle anderen nur irritierend wirken, z.B. auf die Kaufleute, die sich von den Zöllnern übervorteilt sahen. Von denen ist aber hier nicht die Rede, sondern von den Pharisäern, für die Zöllner wie religiös Aussätzige waren.
Jesus stellte sich mit dieser Berufung des Matthäus selber ins gesellschaftliche und religiöse Abseits, erst recht wenn er mit Zöllnern und anderen Sündern Tischgemeinschaft hielt.
Warum tut er das? Die Frage ist nahe liegend. Provozierend dagegen die Antwort Jesu!

Liebe Gemeinde,
wie auch sonst in vielen anderen Geschichten der neutestamentlichen Evangelien war Jesus das negative gesellschaftliche Ansehen von Berufstypen, Menschentypen oder „Fallgruppen“, „Fällen“, sozialen Rollen und Funktionen völlig gleich. Das eine ist das Image des Typs Zöllner, Hure, Aussätziger, Gelähmter. Das für Jesus allein Entscheidende ist der einzelne Mensch als solcher. Nicht als Typ, Vertreter einer Gruppe usw., auch nicht als Schicksalstyp, sondern als einzelnes Geschöpf und Einzelschicksal, und zwar - mag dies auch noch so schlecht sein oder als schlecht gelten - mit seinem in ihm enthaltenen positiven Potenzial zum Neuanfang (Umkehr / Buße und neues Leben).

Warum? Nun, Jesus sieht sicher in dem Zöllner auch den Sünder, der gegen die jüdische Lebens- und Glaubensordnung verstößt, aber er sieht in ihm damit nicht zugleich auch den auszuschließenden Feind, sondern den mitzunehmenden, mit hereinzunehmenden „Kranken“, der eines Arztes bedarf und dem zu helfen ist! Letzteres bestreiten die Pharisäer, aus der Selbsteinschätzung, selbst die Gesunden zu sein, deren Maßstäben in Glauben und Leben dieser Sünder nicht gerecht wird, ja eklatant widerspricht. Deswegen ist er für sie ausgeschlossen, auch von Hilfe.
Jesus begründet also mit dem allgemein verständlichen, auch allgemein vernünftigen Bild vom Arzt und dem Kranken seine im Kontext doch ziemlich „verhaltensauffällig“ wirkende Zuwendung zum Zöllner. Und erklärend sagt er dazu etwas Entsprechendes über sein Selbst-verständnis: Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten. Ein Affront gegen die Pharisäer, die ihm nicht folgen wollen oder können? Zumindest erscheint es auf Anhieb ein starker Zuspruch zugunsten der „Sünder“.
Ein noch viel deutlicher Affront ist das Zitat des Evangelisten aus dem Propheten Hosea, das er zur biblischen Begründung und Hintergrund-Erhellung für Jesu Einstellung anführt: »Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer.« (Hosea 6,6). Ein Treffer ins Zentrum der jüdischen Religion, den Opferkult, und eine Erinnerung daran, dass Jesus in guter prophetischer Tradition seines Volkes steht. Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer – dieses Zitat interpretiert genial, was Jesu Motiv, Triebfeder war. Gott will Barmherzigkeit, nicht Kult, Opfer, Gesetzes- und Gerechtigkeitsreligion, nein: Barmherzigkeit.
Barmherzig: Im Deutschen übrigens ein Wort, das im Althochdeutschen noch Armherzig hieß, also man soll Erbarmen haben mit den Armen, mit den armen Herzen, also Menschen.

Barmherzigkeit meint: sich ohne Vorverurteilungen, gängige Vorurteile, Klischees und Vorwände einem einzelnen Menschen zuwenden und integrierende Gemeinschaft bilden, so wie Jesus das macht:
Er sieht den Zöllner, redet ihn, den Verfemten als Mensch, als Individuum direkt an. Als der darauf entsprechend stante pede reagiert – sonst stünde die Geschichte kaum in der Bibel – essen sie gemeinsam, beim Zöllner Hause, da ist Jesus zu Gast – und wichtig: auch mit anderen, seinen Jüngern und anderen Zöllnern und weiteren Verrufenen, was die Anstößigkeit von Jesu Verhalten noch steigert.

Und was erst in der folgenden Geschichte steht:
Am nächsten Tag mussten sich Jesus und seine Jünger die Frage gefallen lassen: Warum feiert ihr und wir anderen fasten!? Antwort Jesu: der Bräutigam ist jetzt da, jetzt wird gefeiert – also: solange ich bei euch bin, wird gefeiert. Danke, Jesus Christus, dass Du auch heute noch unter uns gegenwärtig bist, wenn wir feiern – im Gottesdienst und sonst in Gemeinschaft, nicht nur in der Kirche!

Noch einmal zurück zu Jesus und den Pharisäern:
Für die Pharisäer ist zwar extrem anstößig, dass sich Jesus mit den Zöllnern und Sündern befasst, dass sich Jesus zu den Sündern gesandt sieht und nicht zu den Gerechten. Denn in ihren Augen sind diese anderen, die sich nach ihren Vorstellungen selbst ausgeschlossen haben, die Sünder. Und sie selbst sind die Gerechten.

Aber, und das ist sozusagen der Clou an der heutigen Geschichte:
Die Pharisäer merken nicht, dass Jesus mit „den Sündern“ insgeheim, sie selber, die Pharisäer gemeint hat, und damit alle Menschen, die sich übrigens auch heute noch nach bestem Wissen und Gewissen selber für „brav“, „in Ordnung“ und „gerecht“ halten, die ihr eigenes Maximales tun, um nicht nur vor den anderen, sondern auch vor Gott, vor dem oder einem anderen Letzthorizont unseres Lebens, wie wir uns das auch immer vorstellen, gut dazustehen.
Für Jesus steht von Grund auf fest, dass jeder einzelne Mensch, bei aller Leistung und Lebensleistung, was er auch immer Schlechtes oder Gutes getan hat oder nicht, was er von und an Gott geglaubt hat oder nicht – und das ist ja auch immer ein Mehr oder Weniger im Verlauf des Lebens – dass jeder Mensch auf die grenzenlose Barmherzigkeit Gottes angewiesen ist. Und dass er deswegen auch diese grenzenlose Barmherzigkeit an die anderen weiterzugeben hat. Grenzen überwindend und ohne Gegenleistung, wie es heißt: Ich will Barmherzigkeit und nicht Opfer, als Gegenleistung.
„Der Clou“? Die pharisäisch denkenden Menschen damals und heute, denken oft gar nicht an so etwas wie Barmherzigkeit, unkonventioneller Zuwendung und Nächstenliebe, obwohl sie um dieses Gebot wissen. Nein, sie grenzen aus. Da gibt es welche, auch manchmal ganz klar Definierte, für die Barmherzigkeit nicht gelten kann, soll, darf.
Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten.
Letztlich gesehen, und das ist der nicht ganz einfache, raffinierte Sinn unserer heutigen Geschichte und von diesem Jesus-Wort: letztlich sind in den Augen Jesu die Pharisäer selbst die „Sünder“. Und der Gerechte ist der Zöllner. Warum? Weil er umgedacht hat, umgekehrt ist, aber nur, weil Gottes Barmherzigkeit ihm in Jesus Christus, wenn auch etwas überfallartig per Berufung, erschienen ist und zuteil wurde. Das ist die Voraussetzung.
Wo sind von dieser Voraussetzung, die ich uns einmal allen unterstelle, unsere Umdenk-Möglichkeiten, unsere Barmherzigkeitserfahrungen und noch weiteren Potenziale?
Denken wir nach, bei Orgelspiel.
Amen.

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