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Predigttext Pfarrer Johannes Habdank

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Predigt am Sonntag Sexagesimae 2012
(vorletzter Sonntag vor der Passionszeit)
über 2. Korinther 11-12 (Auszüge)

Liebe Gemeinde!

Während vielerorts derzeit buntes Faschingstreiben herrscht – auch bei uns hier vor zwei Tagen beim Familienfasching in diesem Raum – , schlägt der für heute vorgeschlagene Predigttext – fast schon anachronistisch – einen anderen Ton an, der von heiterer Ausgelassenheit nichts spüren lässt. Da geht um die Verbindlichkeit unseres Redens und Handelns angesichts Gottes Anspruch und Zusage an uns Christen. Und es geht auch um Ehrlichkeit und Authentizität sich selbst und anderen Menschen gegenüber – Werte, die in unserer Zeit wieder verstärkt gefragt sind – und um ihre befreiende Wirkung.

Der Predigttext stammt aus dem 2. Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Korinth. Dieser Brief gilt als der persönlichste und leidenschaftlichste Brief, den Paulus geschrieben hat. Bei seiner Abfassung hat er Tränen vergossen, Tränen der Enttäuschung und wohl auch der Verärgerung – vor allem auch des Zorns gegen fremde Missionare, die sich in der Gemeinde von Korinth breit gemacht hatten; Typen, die vor Selbstbewusstsein nur so strotzten, die mit ihren charismatischen Fähigkeiten und mit rhetorischer Brillanz auf die Leute Eindruck machten und sich für die wahren Apostel Christi ausgaben. Von Paulus grenzten sie sich ab. Und sie machten sich über ihn lustig, über seine körperlichen Schwächen, über seine mangelnde Ausstrahlungskraft, über seine langweiligen Predigten. Einige unterstellten ihm sogar, dass er sich an seinen Kollektensammlungen selbst bereichert hätte.
Paulus ist zutiefst getroffen. In den letzten 4 Kapiteln des 2. Korinther-briefs, der sog. Apologie des Paulus (möglicherweise ursprünglich ein eigener Brief), verteidigt er sich und geht zum Gegenangriff über: Wenn sich diese angeblichen Superapostel mit ihren Begabungen und Taten brüsten – das kann er auch. Aber im Grunde will er auf etwas ganz anderes hinaus. Und so schreibt er in Kapitel 11 und 12:

Da viele sich rühmen nach dem Fleisch, will ich mich auch rühmen.
Ich habe mehr gearbeitet, ich bin öfter gefangen gewesen, ich habe mehr Schläge erlitten, ich bin oft in Todesnöten gewesen. Von den Juden habe ich fünfmal erhalten vierzig Geißelhiebe weniger einen;
ich bin dreimal mit Stöcken geschlagen, einmal gesteinigt worden; dreimal habe ich Schiffbruch erlitten, einen Tag und eine Nacht trieb ich auf dem tiefen Meer. Ich bin oft gereist, ich bin in Gefahr gewesen durch Flüsse, in Gefahr unter Räubern, in Gefahr unter Juden, in Gefahr unter Heiden, in Gefahr in Städten, in Gefahr in Wüsten, in Gefahr auf dem Meer, in Gefahr unter falschen Brüdern; in Mühe und Arbeit, in viel Wachen, in Hunger und Durst, in viel Fasten, in Frost und Blöße; und außer all dem noch das, was täglich auf mich einstürmt, und die Sorge für alle Gemeinden. Wer ist schwach, und ich werde nicht schwach? Wer wird zu Fall gebracht, und ich brenne nicht? Wenn ich mich denn rühmen soll, will ich mich meiner Schwachheit rühmen.
Gerühmt muss werden; wenn es auch nichts nützt, so will ich doch kommen auf die Erscheinungen und Offenbarungen des Herrn. Ich kenne einen Menschen in Christus; vor vierzehn Jahren - ist er im Leib gewesen? Ich weiß es nicht; oder ist er außer dem Leib gewesen? Ich weiß es auch nicht; Gott weiß es -, da wurde derselbe entrückt bis in den dritten Himmel. Und ich kenne denselben Menschen - ob er im Leib oder außer dem Leib gewesen ist, weiß ich nicht; Gott weiß es -, der wurde entrückt in das Paradies und hörte unaussprechliche Worte, die kein Mensch sagen kann. Für denselben will ich mich rühmen; für mich selbst aber will ich mich nicht rühmen, außer meiner Schwachheit. Und wenn ich mich rühmen wollte, wäre ich nicht töricht; denn ich würde die Wahrheit sagen. Ich enthalte mich aber dessen, damit nicht jemand mich höher achte, als er an mir sieht oder von mir hört. Und damit ich mich wegen der hohen Offenbarungen nicht überhebe, ist mir gegeben ein Pfahl ins Fleisch, nämlich des Satans Engel, der mich mit Fäusten schlagen soll, damit ich mich nicht überhebe. Seinetwegen habe ich dreimal zum Herrn gefleht, dass er von mir weiche. Und er hat zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, damit die Kraft Christi bei mir wohne. Darum bin ich guten Mutes in Schwachheit, in Misshandlungen, in Nöten, in Verfolgungen und Ängsten um Christi willen; denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark.

Liebe Gemeinde,

es ist immer wieder darüber spekuliert worden, manchen gilt es sogar als ziemlich sicher, dass der Apostel gesundheitlich beeinträchtigt war, möglicherweise irgendwie behindert von Geburt an - was er genau hatte, darüber gibt es allerdings nur Vermutungen: etwa, dass er eine seltene Augenkrankheit hatte, die seine dreitägige Blindheit infolge seines Damaskus-Erlebnisses erklären könnte; auch Epilepsie wird diskutiert, gilt aber als eher unwahrscheinlich; oder dass er einfach von seiner körperlichen Konstitution her schwächlich gewesen sei; oder dass er vielleicht einen Sprachfehler hatte. Jedenfalls muss es etwas gewesen sein, was nicht zu verbergen war und was ihn sehr belastet hat, weil es öffentlich bekannt war oder zu sehen war: denn nach pharisäischer Theologie und entsprechend frommem Lebensverständnis, woher er ja kommt, galt Krankheit als durch Sünden bedingt.
Vielleicht sah er seine Schwäche aber auch darin, dass er einst selber Christenverfolger war, weswegen er sich im übertragenen Sinne an anderer Stelle als eine Art Missgeburt und Scheusal bezeichnet.
Und so kann es auch gut sein, dass es gar keine gravierende körperliche Krankheit war, die Paulus belastet hat, sondern die seelische Last, mit er aus der Vergangenheit geschlagen ist und die Angst vor erneuter Schikane durch seine Gegner – ja, das alles bedrückt und schwächt ihn immer wieder sehr. Wie dem auch sei.

Wichtiger ist etwas anderes. Paulus stellt den „Superaposteln“ in Korinth, die über ihn die Nase rümpfen, nicht seine Stärke, sondern seine Schwäche entgegen. „Für mich selbst will ich mich nicht rühmen, außer meiner Schwachheit“, betont er.
Sich rühmen seiner Schwachheit.
Das klingt und ist schon sehr seltsam und ungewöhnlich – in der damaligen Zeit – heute genauso. Damals war das kollektive Persönlichkeitsideal – im hellenistischen Einflussbereich – die sog. Kalokagathie (höchste Schön- und Gutheit), die körperliche und geistige Vollkommenheit; Sinnbild dafür: die mythologische Gestalt des Adonis. Heutzutage läuft ja auch wieder die Suche nach dem Topmodel oder dem Superstar, nach der gleichermaßen attraktiven wie begabten Ausnahmeerscheinung. Bei den Castings für entsprechende Fernsehproduktionen melden sich Zehntausende von Kandidatinnen und Kandidaten, wobei der geistige Anspruch, sofern vorhanden, längst nicht so hoch ist wie der körperliche und schon gar nicht so hoch wie in der Antike. Deswegen gehen ja wahrscheinlich auch die Zuschauerzahlen bei den Sendungen in die Millionen!
Nun, niemand käme da auf die Idee, sich wie Paulus seiner Schwäche zu rühmen. Im Gegenteil. Heute ist fast jeder bemüht, seine Schwächen so gut wie möglich zu verbergen. Sich nur ja keine Blöße geben – so lautet die Devise. Gefragt sind selbstbewusstes, souveränes Auftreten, Charme, Witz und Schlagfertigkeit und nicht zuletzt gutes Aussehen. Schwäche ist „out“ und erntet bestenfalls Mitleid.

Angesichts dessen frage ich mich Folgendes: Was muss es einen Menschen wie Rudi Assauer an Überwindung gekostet haben, zu seiner Schwäche zu stehen? In den letzten eineinhalb Wochen sind die Zeitungen voll von dem Schicksal dieses Mannes, der lange Zeit wie kaum ein zweiter den Typ des erfolgreichen Machers, Edelproleten und Erz-Machos verkörperte. Nun aber wird uns ein völlig anderer Assauer präsentiert, ein alter, gebrechlicher Mann, der an Alzheimer erkrankt ist, Tippelschritte macht und gegen das Vergessen kämpft. Alte Freunde helfen ihm dabei, in seinem aussichtslosen Kampf. Viele Monate lang hat er versucht, sein Leiden vor der Öffentlichkeit zu verbergen; die Scham war zu groß. Nun aber ist er es nach eigener Aussage leid, Verstecken zu spielen. Nun rühmt er sich zwar nicht seiner Schwäche; wohl aber steht er zu seiner Krankheit, seiner Hilflosigkeit, seiner Angst. Und ich stelle mir vor, dass er es mittlerweile auch als eine Art Befreiung empfinden wird, die alte Maske des Machos abgelegt zu haben und sein aktuell wahres Gesicht zu zeigen.

Wenn der Apostel Paulus sich seiner Schwachheit geradezu rühmt, dann hat er das sicherlich auch im Blick. Es hat etwas Befreiendes, seine Schwächen zeigen zu können, schwach sein zu dürfen. Diese Befreiung gilt nicht etwa nach dem Motto: Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert. Sie ist auch nicht im Sinne von Friedrich Nietzsche gemeint, der den Christen geradezu eine Verherrlichung der Schwäche vorwarf. Nein, sie gilt in dem Sinne, dass ich vor mir und anderen der sein darf, der ich tatsächlich bin. Und zu mir gehören eben nicht nur Fähigkeiten, sondern auch Unfähigkeiten. Und ebenso gehören zu mir Ängste und Unsicherheiten, Zweifel und Traurigkeit und Leid. Auch sie darf ich haben, auch sie dürfen sein. Wenn ich dazu stehe und mich dazu bekenne, dann können mir diejenigen nicht mehr so viel anhaben, die mich wegen meiner Schwächen verachten oder öffentlich über mich herziehen. Ihr Gerede ist damit entkräftet.

Für Paulus hat die Sache aber noch einen weiteren Aspekt. Der liegt für ihn in dem Christus-Wort, das ja auch die Jahreslosung für 2012 ist: „Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ Dieser Spruch ist bei Paulus nicht nur ein Spruch, sondern beruht auf entsprechender Lebenserfahrung, wie dem Predigttext zu entnehmen ist: dass ihm gerade in dunklen und schweren Stunden Christus als der Lebendige und Leben und Kraft spendende besonders nahe gekommen ist und ihn gestärkt hat, weil er, Jesus selbst dunkle Stunden durchgemacht hat – diese seine Leidens-Kraft hat Paulus gespürt.

Vielleicht ist es ja tatsächlich so, liebe Gemeinde, dass wir manchmal an unsere eigenen Grenzen stoßen müssen, damit wir, wenn wir nicht verzweifeln, in solchen Situationen und an solchen Stellen des Lebens Gottes Kraft erfahren können. Vielleicht liegt in solchen Situationen von Krankheit und Leid, Not und Schikane auch eine Chance, die zur Überwindung führt im Vertrauen auf Gott und Jesus Christus, denen du dich dann getrost überlässt? So dass sich auch an uns selbst, wie schon an Paulus und so unzähligen anderen Menschen seither das Wort sich bewahrheitete: „Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“
Amen.

Und der Herr sei mit eurem Geiste. Amen.

Fürbitten:
Gott, du kennst uns besser, als wir uns selbst kennen.
Du weißt um unsere Stärken und unsere Schwächen
und siehst in die Tiefen unserer Seele.
Wir bitten dich heute:

Für alle Menschen, die von dir nichts erwarten. Schenke ihnen die Erfahrung, dass du ein lebendiger und menschenfreundlicher Gott bist. Wir rufen: Herr, erhöre uns!
Gott, du kennst uns besser, als wir uns selbst kennen.
Und du bist uns nahe, auch und gerade dort, wo wir an unsere Grenzen stoßen. Gehe weiter mit uns und lass uns immer wieder aufs Neue deine segnende Hand spüren.

Amen.
 

 

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