Sie sind hier: Home Aktuell

Aktuell

Predigttext Pfarrer Johannes Habdank

Aktuell >>

Predigt von Pfarrer Johannes Habdank an Silvester 2011
über 2. Mose 13, 20-22

Wir gehen dahin und wandern von einem Jahr zum andern. Das haben wir soeben gesungen, liebe Gemeinde!
Es war auch eine Wanderung, aber eine andere, die sich über 40 Jahre hingezogen haben soll, vor über 3000 Jahren. Da zog eine Karawane durch die Wüste Sinai. Es waren Hebräer, hapiru, die sich gerade aus der Knechtschaft in Ägypten losgerissen hatten, auf und davon, und nun als Nomaden durch die Wüste zogen. Uns Heutigen ist ihr Ziel wohl bekannt: das gelobte Land, Israel, so haben es Spätere genannt. Doch soweit waren sie noch nicht, die Nomaden. Soeben der Sklaverei in Ägypten entkommen, waren sie nun auf der Flucht, Tag und Nacht zogen sie dahin, durch unwegsames, gefahrenumwittertes Gelände, durch die Wüste.
Wer einmal in der Wüste war, wird wissen, und wer nicht dort war, wird sich es vorstellen können, wie leicht man da die Orientierung verlieren kann zwischen steinigen Hügeln und sandigen Flächen, Bergen und Tälern, vielleicht auch Dünen - manche Düne wandert sogar selbst mit, das ist dann die sog. Wanderdüne … Ohne Scherz: In der Wüste die Orientierung zu verlieren, ist alles andere als empfehlenswert, weil lebensgefährlich. Woran sich aber orientieren? Nach der Sonne des Tags, des Nachts nach dem Mond? Den genauen Weg weisen auch Sonne und Mond nicht! So ging es jedenfalls jener Karawane. Der genaue Weg, der zu nehmen war, musste immer erst gesucht werden: ausgekundschaftet durch eine Vorhut, die in einiger Entfernung vor der Karawane herzog und ihr den Weg wies.

Im heutigen Predigttext aus Exodus, dem 2. Buch Mose, Kapitel 13, 20-22, wird das etwas anders dargestellt, dort heißt es:
Der Herr zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten. Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.
So weit bzw. kurz die Geschichte, wie sie sich im 2. Buch Mose findet.

Also nicht die Vorhut weist den Weg, sondern der Herr selbst? In Gestalt von zwei Wundersäulen? Einer Wolkensäule und einer Feuersäule? Die eine tags, die andere nachts? Das klingt alles schon sehr nach einem alten orientalischen Märchen.
Ist es aber nicht, gerade wenn wir diese Geschichte kritisch befragen nach dem ursprünglichen Vorgang, der dahintersteckt und uns dann diese seine biblische Interpretation vor Augen halten.

Zurück in die Wüste: Der genaue Weg, der zu nehmen war, musste immer erst gesucht werden: ausgekundschaftet durch eine Vorhut, die in einiger Entfernung vor der Karawane herzog und ihr den Weg wies, habe ich gesagt. Womit? Mit dem sog. Karawanenfeuer: kleine eiserne Gefäße mit brennenden Hölzern und Ölen, die, an den Spitzen langer Stangen befestigt, als Wegweiser weit vor der Karawane hergetragen wurden und den Dahinziehenden die Richtung des Weges anzeigten: bei Tag durch den aufsteigenden Rauch, bei Nacht durch den Feuerschein. So zogen sie des Wegs!

Die Bibel stellt das Ganze in ein religiöses Licht, noch einmal:
Der Herr zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten. Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.

Liebe Gemeinde, das ist der Reim, den sich spätere Generationen auf das Geschehen gemacht haben, jedenfalls in der vorliegenden Form die theologisch-fromme Deutung der alten Geschichte aus dem Nachhinein, ein paar Jahrhunderte später, in der Erinnerung an jene denkwürdige jahrzehntelange Wanderung durch die Wüste, die irgendwann einmal das Volk Israel in sein Heiliges Land gebracht hat. Ob die Menschen, die ursprünglich selber dabei gewesen waren, das auch schon so geglaubt haben, ist nicht mehr greifbar.
Sicher jedoch ist, dass spätestens für den Schreiber der biblischen Zeilen die vergangene Geschichte einen tieferen Sinn hat, dass das Gelingen der
Wüstenwanderung über die vielen Jahre letztlich von Gott ermöglicht wurde, sein Volk von ihm geführt wurde. Vergangene Geschichte gewinnt so göttliche Züge! Und dann sind es eben nicht mehr bloß die Licht- und Rauch-effekte des Karawanenfeuers, nein! Da ist mehr als Licht und Rauch! Gott selbst war in der Wolkensäule des Tags und des Nachts in der Feuersäule.
In beiderlei Gestalt: Er wich nicht ´von den Seinen.

Liebe Gemeinde, ob wir heute diese damalige Deutung von noch sehr viel früher Gewesenem so auch für uns selber heute hinnehmen können, das ist das Eine. Das muss jeder für sich entscheiden.
Immerhin hat der biblische Schreiber aus einem letztlich eher normalen Vorgang – das Problem der Wegfindung hatte nämlich jede Karawane in der Wüste, die sich nicht auskannte oder nicht auf den Hauptstrecken verkehrte – ein religiös gehaltvolles Ereignis gemacht! Und zwar in einer sehr tröstlichen Weise. Und das ist das Schöne und Beeindruckende daran: Was seinerzeit einmal, im früher gelebten Leben des Volkes in der Wüste als Problem der Wegfindung zu bewältigen gewesen war, hebt er als etwas Besonderes hervor und interpretiert es in Bildern, mit ein paar Worten, zusammengefasst: Gott war dabei, er hat uns geführt, er wich nicht von den Seinen.

Diese Deutungsleistung, liebe Gemeinde - das ist Aufgabe und Funktion der Religion und der Theologie auch heute: Leben in religiöser Perspektive zu deuten und auf religiöse Lebensdeutung zu reflektieren. Das, was gewesen ist und was ist, zu verstehen mit Sinn für den tragenden Grund und Hintergrund des Lebens. Dem Ganzen einen Hintersinn, einen tieferen Sinn abzugewinnen, darum geht es in der Religion und in einer Theologie, die nicht kirchlich-dogmatisch abgehoben ist, sondern sich auf das Leben bezieht. Es geht um Sinndeutung des Lebens.
Nun wird man sagen können: Das tut doch schon die Geschichtsschreibung von je her, indem sie die Dinge und Ereignisse in einen Sinnzusammenhang stellt. Da geht es nicht nur um sogenannte Fakten, sondern um Interpretation, Gewichtung, Sinndeutung, manchmal sogar auch um daraus abzuleitende Handlungsperspektiven und -vorgaben für die Zukunft. Stimmt.
Religion und ihre gedanklich durchgeklärte Fassung, die Theologie, gehen über das rein geschichtliche Denken und Betrachten hinaus, wie unser heutiges Beispiel von jener alten Wüstenwanderung und ihrer späteren Interpretation zeigt. In Religion und Theologie geht es darum, dem weltlich-meschlichen Geschehen eine Art guten, manchmal kritisch-relativierenden, manchmal heiligend überwölbenden, tieferen oder auch höheren Sinn zu geben, mit dem Ziel, dass der Mensch mit seinem Leben nicht nur leben, sondern sein Leben auch deutend verstehen kann, weiterleben kann und überleben, auch am Ende des Lebens, wenn seine Geschichte hier endet und etwas völlig anderes, Neues kommt, das wir nicht kennen, sondern wohinein wir nur vertrauen können, glauben.

Liebe Gemeinde, heute ist der letzte Tag des Jahres, er gibt uns Anlass, genau dies zu tun: nämlich zu fragen, welchen Sinn hatte dieses Jahr für mich, wo nehme ich zumindest im Nachhinein das, was man „Spuren Gottes“ nennen könnte, in meinem Leben wahr?
Das ist gar nicht so einfach! Für manches bist du gottfroh und dankbar, anderes wühlt dich immer noch auf, vieles ist auch schon wieder vergessen. Warum ist es nicht so einfach? Weil die nötige Distanz oft einfach noch fehlt – und das ist das Problem heute!
Ohne die Leistung jenes alttestamentlichen Schreibers schmälern zu wollen, aber: er hatte die nötige Zeit längst hinter sich und den nötigen Abstand bereits längst gewonnen, den man wohl braucht, um Vergangenes in zwei, drei Sätzen zusammenzufassen und gläubig zu deuten.
Uns heute dagegen sitzt noch das in diesem Jahr Wahrgenommene und Erlebte vergleichsweise stark in den Knochen, im Mark! Seien es schlimme Erfahrungen, böse Befunde, Tod – aber auch neues Leben, wundersam positive Entwicklungen, Erlebnisse, für die wir dankbar sein können – wie und was auch immer, es ist bei jedem anders. Gleich ist bei uns allen: Das Vergangene ist uns noch recht nah, und vor allem: wir waren selber vielfach dabei! Wir haben den „Sicherheitsabstand“ für eine ausgewogene Deutung, ein angemessenes Einordnen in den größeren Zusammenhang noch nicht. Entsprechend wird unser Deuten und Urteilen über das ablaufende Jahr noch unsicher sein müssen und dürfen!
Also bitte kein zwanghaftes Resumee-Ziehen heute Abend, sondern auch vieles offen lassen! Abgesehen davon, dass wir auch an jedem anderen Tag Zwischenfazit ziehen könnten, nicht nur am 31.12., weil sich da wie auf einmal bedeutungschwanger nachts die Zahl des Jahres um plus Eins verändert!
Auf Silvester lastet oft in den Häusern ein besonderer Druck in dieser Hinsicht, von dem vielfach abgelenkt wird und der oftmals durch teures, aber triviales – was sich ja nicht ausschließt – lautes Knallen in Richtung Himmel mit viel Licht und Rauch überspielt wird. Wolken- und Feuersäule mal anders? Diesmal beide nachts!
Wer lieber selbstkritisch-nachdenkliche Kreise ziehen will – es geht übrigens auch beides zusammen: nächtliches Knallen zur Entlastung angesichts des zuvor in der Nachdenklichkeitsphase als schwer erträglich, sinnlos oder absurd Interpretierten – also: wer lieber nachdenken will, der wird feststellen, dass manches Bedenkenswerte noch gar nicht abgeschlossen ist, dass vieles noch gar nicht taugt zu einem Rückblick. Abschließendes ist noch gar nicht oder nur schwer zu sagen. Ist das aber überhaupt nötig, Abschließendes zu sagen? Wäre es nicht besser, den bisherigen und den weiteren Lauf der Dinge offen zu lassen in Rückblick und Vorschau? Hältst Du das aus? Ich meine: nicht für dich zu sagen, wie es überall jedes Jahr zum Ende hin, vor allem massenmedial gesteuert geschieht: „Das war 2011!“, und dann noch: „Das wird 2012!“, was ich persönlich besonders peinlich finde. Denn beides, abschließender Rückblick und Vorschau, steht einer einfachen, überschaubaren Sinndeutung nicht so einfach zur Verfügung. Und rückblickend geurteilt: die Zukunftsprophezeihungen für das Jahr 2011, das nun zu Ende geht, waren aufgrund der tatsächlichen Ereignisse vielfach Makulatur, wie der Blick in die Nachrichten das Jahr über gezeigt hat. Und dann wundern sich alle beim Rückblick: ja, dass das alles so ganz anders und überraschend gelaufen ist, das hätten wir ja nie gedacht! Klar, weil wir nie gedacht haben, geschweige denn nachgedacht darüber, dass uns der Blick in die Zukunft verwehrt ist! Und Prognosen sind eben nur hochgerechnete, zeitnahe Erfahrungswerte. Vom Unwert wilder Spekulationen, Panik- und Sensationsmache ganz zu schweigen.

Noch einmal zurück in die Wüste, liebe Gemeinde!
Und der Herr zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten. Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.
Diese alten Worte machen uns darauf aufmerksam, dass Tag und Nacht, in dunklen und in lichten Zeiten, wenn es uns schlecht ging und als es uns gut ging in diesem Jahr, auch im Zusammenhang mit den früheren Lebensjahren gesehen, es letztlich immer nur einer war, der uns durchgetragen, uns geleitet und begleitet hat.
Dem persönlich nachzuspüren, wäre eine Aufgabe, für uns, für jeden von uns, ganz für sich oder im einem kleinen persönlichen Kreis: heute Abend oder wann anders, dann und wann im Jahr: sich eine Reflexions-Auszeit zu nehmen, Zeit zum Nachdenken, dem eigenen Leben auf den Grund zu gehen und den Spuren Gottes im Leben nachzusinnen.
Und da gibt es einige, nur vermeintlich einfache Fragen, anhand deren man das machen kann: Wofür bin ich wirklich dankbar? Was hätte ich nie erwartet und es ist doch gekommen? Negatives – Positives? Wofür wäre ich dankbar, wenn es eintrifft, was befürchte ich, was wünsche ich mir und anderen? Worauf hoffe ich? Und viele Fragen mehr, die sich jeder selbst am besten passend zu seinem Leben entwickeln kann.

Ich komme zum Schluss, liebe Gemeinde!
Worauf hoffen wir? Worauf hoffen wir, wenn wir ins Neue Jahr hineingehen?
Du kannst auf vieles hoffen und vieles erhoffen, dass es gut ausgeht. Was ist überhaupt Hoffnung?
Der jüngst verstorbene tschechische Ministerpräsident Vaclav Havel hat einmal aus dem Gefängnis an seine Frau geschrieben:
Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht;
Hoffnung ist die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.

Dass unser Leben einen Sinn hat, insgesamt, jedes Jahr, manchmal mehr, manchmal weniger: wer kann das schon sagen – aber genau darum geht es in unserer Religion, im Rückblick, aber auch in der Vorschau.
Noch einmal der Havel-Spruch, und es war ja nicht nur ein Spruch bei ihm:
Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht;
Hoffnung ist die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.

Dass wir Sinn finden in dem Gewesenen und in dem Kommenden, dass wir selbst Sinn stiften und Sinnvolles tun, darum bitten wir unsern Gott. Amen.

Und der Herr sei mit Eurem Geiste. Amen.
 

 

Zurück

Ansprechpartner, die Ihnen weiterhelfen

Service  

Pfarrer

Pfarrer Johannes Habdank

Telefon: 08151 - 50 494 oder
Mobil: 0160 / 97 93 96 17
Fax: 08151 - 95 552
E-Mail: johannes(dot)habdank(at)elkb(dot)de
Sprechzeiten nach Vereinbarung
Service  

Sekretariat

Sekretärin Cornelia Jung

Telefon: 08151 - 97 31 76
Fax: 08151 - 97 31 77
E-Mail pfarramt(dot)berg-ev(at)elkb(dot)de
Bürozeiten: Mo. - Di. - Fr.
9.00 Uhr bis 12.00 Uhr
Service  

Kirchenvorstand

Vertrauensmann
des Kirchenvorstandes
Florian Gehlen

Telefon: 08151 - 95 742
E-Mail florian(dot)gehlen(at)web(dot)de

Evangelisch-Lutherische

Kirchengemeinde

Berg am Starnberger See

Fischackerweg 10

82335 Berg

Tel.: 08151-97 31 76

        
         Newsletter
        


         Dreh mich um...
 
Newsletter
zu aktuellen Veranstaltungen und Neuigkeiten in der Kirchengemeinde Berg versenden wir in unregelmäßigen Abständen einen Newsletter.

Hier können Sie sich

für
den Newsletter registrieren.
         Online Anfrage
         für Taufe oder
        Trauung




         Dreh mich um...

Online Anfrage für Taufe oder Trauung

Wünschen Sie eine Taufe oder kirchliche

Trauung in der Gemeinde Berg?

 

 

       
       Berger
       BlechBläser





         Dreh mich um...

Berger Blechbläser

unter der Leitung vom Prof. Dr. Frieder Harz

Freitags 19.00-20.30 Uhr 
 

        Seniorenkreis

 

 


         Klick und ich dreh mich um...

Seniorenkreis

unter der Leitung von Hanna Schenk

I.d.R. jeden 3. Dienstag des Monats 15.00 - 17.00 Uhr

  Kinderchor   Projektchor

 
                                            Klick und ich dreh mich um...

Kinderchor

ab 6 Jahren, unter der Leitung
von Angelika Gehlen

Jeweils Dienstag
16.30 - 17.30 Uhr
im Katharina von Bora-Haus
 

Projektchor

unter der Leitung von
Frieder Harz

Projekte nach Absprache
Bekanntgabe der Proben hier