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Predigttext Pfarrer Habdank

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Lesung von prophetischen Weissagungen: Jesaja 11, 1-2; Jeremia 23, 5-6; Jesaja 40, 1-11

Predigt über alttestamentliche Weissagungen, die in den Kirchen traditionell Advent und Weihnachten zugeordnet werden.

Liebe Gemeinde,
die gehörten alttestamentlichen Weissagungen und die, die ich noch ergänzend lesen werden, beziehen sich ursprünglich nicht auf Jesus als den Christus, den Messias. Der kommt nämlich im Alten Testament noch gar nicht vor. Er hat ja da auch noch gar nicht gelebt, und man konnte ja auch Jahrhunderte vor seiner Geburt nicht ahnen, dass es ihn eines Tages geben würde. Die alttestamentlichen Weissagungen äußern mehrere Jahrhunderte vor Christi Geburt zu unterschiedlichen Zeiten und geschichtlichen und politischen Bedingungen eine ganz große Hoffnung. Die Hoffnung auf umfassendes Heil für das Volk Israel und jeden Einzelnen.
Diese Hoffnung wird damals zum Beispiel geknüpft an eine ganz konkrete historische Gestalt, etwa in der längeren Passage aus dem zweiten Teil des Jesaja-Buches, die ich vorhin gelesen habe „Tröstet, tröstet mein Volk“ – : hier gilt die Hoffnung König Kyros dem Großen. Der war im 6. Jahrhundert vor Christus, als die Israeliten im babylonischen Exil waren, ein persischer König, der die Israeliten von den Babyloniern befreien sollte und als Befreier in der Bibel dann auch entsprechend positiv dargestellt wird. Israels Messias war Kyros dann aber doch nicht. Seinen Messias hat Israel bis heute nicht gefunden. Die Hoffnung stirbt zuletzt, wie man sagt, religionsgeschichtlich ist das so. Im Judentum bis heute.
Eine für uns Christen traditionell besonders wichtige, weitere Weissagung stammt vom Propheten Micha, der etwas früher gewirkt hat und der für sich selbst ein ganz bescheidener war: er selbst wollte noch nicht einmal Prophet genannt werden. Seine Weissagung lautet:
„Und du, Bethlehem Efrata, die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei, dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist. Indes lässt er sie plagen bis auf die Zeit, dass die, welche gebären soll, geboren hat. Da wird dann der Rest seiner Brüder wiederkommen zu den Söhnen Israel. Er aber wird auftreten und weiden in der Kraft des HERRN und in der Macht des Namens des HERRN, seines Gottes. Und sie werden sicher wohnen; denn er wird zur selben Zeit herrlich werden, so weit die Welt ist. Und er wird der Friede sein.“ (Micha 5)
Zwischenbemerkung: In „Bethlehem Efrata“, heißt es - wieso Efrata? Wohl gab es auch noch im Norden des Landes ein anderes Bethlehem. Der Eindeutigkeit halber wurde der Name der im südlich gelegenen Bethlehem ansässigen Sippe Efrat als Beiname dazu genannt. Daher: Bethlehem Efrata.
Micha sieht wie andere herrschaftskritische Propheten die Folgezeit seit König David bis in seine eigene Gegenwart hinein als Verfallsgeschichte des Königtums in Jerusalem. Michas Einschätzung nach hilft da keine Reform mehr, die auch nur wieder eine Fortsetzung mit anderen Mitteln wäre – nein ! Da ist ein radikaler Schnitt angesagt, ein völliger Neuanfang erforderlich, dringend geboten, göttlich geboten. Ein Neuanfang, der auf die idealen Anfänge und Wurzeln in der Urgeschichte, im Ursprung zurückgreift. Also ein im wahrsten Sinne des Wortes „radikaler“, von der Wurzel her angegangener und getragener Neuanfang!
Deswegen – und das ist das Besondere - aber kein besonders spektakulär aufgezogener Neuanfang: Sondern ein ziemlich unscheinbarer: aus Bethlehem, der kleinsten „Stadt“, wörtlich „Sippschaft“, in Juda, die im Heerbann des Stammes Juda noch nicht einmal als Tausendschaft von Soldaten gerechnet werden konnte. Dieses kleine, unscheinbare Bethlehem, also „das Kaff“ der Sippe Efrat, soll die Wiege des gottgesandten Herrschers über ganz Israel werden? Von da soll der Messias kommen?
Das war damals natürlich ein unverschämter und harter Affront des Propheten gegen Jerusalem, das Macht- und religiöse Kultzentrum. Dass Gott sich ausgerechnet die kleinste Sippe ausersieht, um gegen alles menschliche Erwarten umfassendes Lebensheil für sein Volk und Heil für das Ende aller Zeiten zu schaffen - das ist nicht nur eine besondere Auszeichnung für Bethlehem. Es erweist sich darin auch besonders, wie souverän dieser Gott ist gegenüber menschlich-religiöser Machtdemonstration: Er braucht kein Jerusalem! In Bethlehem, im Unbedeutsamen fühlt er sich wohler, will er Zuhause sein!
Und so wird entsprechend zwar der Messias als der irdische Akteur göttlichen Heils erwartet, aber eben in Diensten Gottes: „Fest steht er und weidet in Jahwes Kraft.“ Hier wird das Bild des damals allerorten verbreiteten Berufs des Hirten auf den Messias übertragen: wie schon auch bei Jesaja vorhin, wo es heißt: „Er wird seine Herde weiden wie ein Hirte. Er wird die Lämmer in seinen Arm sammeln und im Bausch seines Gewandes tragen und (selbst) die Mutterschafe führen.“ Ein schönes Bild.
Wer ist dieser Messias? Wie wird er sein? Micha stellt ihn vor als zweiten David. Die Familie des ersten David und bislang einzig wahren Königs hatte selbst auch schon zu Bethlehems Sippe Efrat gehört. Insofern ist Bethlehem bereits positiv prädestiniert. So wie beim ersten Mal soll auch der zweite, wahre David diesmal nicht als König, sondern als Messias aus Bethlehem kommen.
Michas Messias kommt aus dem Unscheinbaren, den Blicken der Welt und der Öffentlichkeit Entzogenen: einem relativ unbedeutenden Ort, und es heißt: „die Zeit, dass die, welche gebären soll, geboren hat, steht noch aus.“ Schwer verständlich, soll heißen: selbst, die Mutter des Messias weiß heute und lange noch nicht, dass sie die ist, die dann einmal den Messias gebären wird. Es ist noch ein Geheimnis, wann und durch wen der Messias zur Welt kommt. Alles offen, doch inhaltlich bestimmt:
Der von Micha ersehnte Messias ist selbst Friede, der Herr des Friedens. Friede und - Sicherheit des Wohnens. Das ist ja – durchaus auch heute mit aktuellen politischen Bezügen - mit inbegriffen in der Vorstellung von „Schalom“, dem Frieden.
Schalom bedeutet hebräisch im alten Israel und im Judentum bis heute aber auch noch viel mehr: umfassendes Heil, irdisches und jenseitiges. Wohlstand und Gesundheit, Sicherheit und ein harmonisches Familienleben samt Freundeskreis, einfach umfassendes Wohlergehen, das dann – auch unabhängig von deinem irdischen Schicksal – auf jeden Fall seine endgültige Erfüllung findet am Ende deiner eigenen Zeit und darüber hinaus, am Ende der Zeiten in der völligen Gemeinschaft mit Gott. Den Schalom bringt der erwartete Messias Gottes, Gott selbst durch ihn. Über die Völkergrenzen hinweg. So die fromme Vorstellung.
Mit dieser Entgrenzung war Micha wie einige seiner Prophetenkollegen schon sehr weit blickend. Jesus und Paulus werden mit ihrem universalen Denken und Glauben daran anschließen, weiterführend.
Michas Worte tragen wie alle alttestamentlichen Weissagungen in sich ein überschießendes Potential, einen „u-topisch“-symbolischen Sinnüberschuss. „U-topos“ bedeutet: es gibt dafür keinen Ort, nicht jetzt und nirgends in der Welt; nirgendwo lokalisierbar, örtlich oder zeitlich fixierbar, ist das utopisch Gewünschte, aber später einmal da, wie er hofft.
Und dieser utopische Sinnüberschuss öffnet die Weissagungen für spätere Aneignungen und Identifizierungen. Ob Jesus die erwartete Erfüllung dieser Weissagung, dieser Hoffnung, dieser Verheißung war? Nicht für alle, bis heute beileibe nicht für jeden. Für das Judentum? Nein!
Und: Für das Christentum, für uns Christen: Ja, doch - irgendwie schon! Aber eben anders als von vielen damals und bis heute erwartet. Der, der für uns Christen zum Messias, zum Christus geworden ist und auch heute noch wird und ist im Glauben, der ist gegenüber vielleicht doch etwas überzogenen Messiasvorstellungen der jüdischen Tradition eher ein Leiserer, ein Zurückhaltender, der zwar die Friedensstifter, die Gerechten und Barmherzigen seligpreist und auch selbst so aufgetreten ist, aber nicht dieser sagenhafte Endzeitheld war und sichtbar königliche Held sein wollte, solange er auf Erden lebte.
Wer ist Jesus für Dich? Worin ist Jesus für dich dein Christus?
Denken wir darüber nach bei Orgelspiel.
Amen.
Und der Herr sei mit eurem Geiste.
Amen.

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