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Predigttext Pfarrer Johannes Habdank

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Predigt über Johannes 8, 1-11 am 23.6.2013
von Pfarrer Johannes Habdank

„Jesus nimmt die Sünder an“ haben wir soeben gesungen, liebe Gemeinde! Ja, so ist es, damals wie heute.

Eine der berühmtesten Geschichten, die sich zu Jesu Lebzeiten abgespielt haben soll, ist die von „Jesus und der Ehebrecherin“. Die Szene wurde in der Kunstgeschichte von vielen Malern aufgegriffen, etwa von Giovanni Francesco Barbieri, Pieter Bruegel d. Ä., Lucas Cranach d. Ä., Hans Kemmer, Nicolas Poussin und Jacopo Tintoretto – und sie inspirierte Theodor Fontane zu der Erzählung „L´Adultera“.

„Jesus bzw. Christus und die Ehebrecherin“ lauten die Bildtitel – eine Geschichte, die sich zu Jesu Lebzeiten abgespielt haben soll, habe ich gesagt. Das liegt daran, dass diese Geschichte nicht zum ursprünglichen Textbestand des Johannesevangeliums gehört, in dem sie aber heute steht. In den einschlägigen ältesten griechischen Handschriften ist sie nicht zu finden. Sie wurde wohl erst im 3./4. Jahrhundert ins Johannesevangelium eingefügt; in einem der alten Manuskripte steht sie sogar im Lukasevangelium – und sie wäre eigentlich auch wegen ihres Sprachduktus, ihrer Wortwahl eher dem Markus- oder dem Lukasevangelium zuzuordnen, fällt jedenfalls im Johannesevangelium sprachlich aus dem Rahmen. Erstaunlicherweise gilt diese Geschichte aber gerade deswegen auch wieder als alt. Sie gilt wegen ihrer sachlichen Nähe zu einigen aus den anderen Evangelien bekannten Jesusworten wie “Richtet nicht, so werdet ihr nicht gerichtet werden!“ oder dem Wort vom Splitter in des Bruders Auge und dem Balken im eigenen Auge, wie vorhin als Evangeliumslesung aus Lukas 6 gehört, als im Kern durchaus authentisch und echt. Also kann man sich auch als kritischer Bibelleser getrost auf diese Geschichte einlassen. Sie gibt wieder, was Jesus geglaubt, gedacht, gesagt und getan hat.

Ich lese den heutigen Predigttext aus Johannes 8, die Verse 1-11:

Jesus aber ging zum Ölberg. Und frühmorgens kam er wieder in den Tempel, und alles Volk kam zu ihm, und er setzte sich und lehrte sie.
Aber die Schriftgelehrten und Pharisäer brachten eine Frau, beim Ehebruch ergriffen, und stellten sie in die Mitte und sprachen zu ihm: Meister, diese Frau ist auf frischer Tat beim Ehebruch ergriffen worden.
Mose aber hat uns im Gesetz geboten, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du? Das sagten sie aber, ihn zu versuchen, damit sie ihn verklagen könnten. Aber Jesus bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde. Als sie nun fortfuhren, ihn zu fragen, richtete er sich auf und sprach zu ihnen: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie. Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde. Als sie aber das hörten, gingen sie weg, einer nach dem andern, die Ältesten zuerst; und Jesus blieb allein mit der Frau, die in der Mitte stand. Jesus aber richtete sich auf und fragte sie: Wo sind sie, Frau?
Hat dich niemand verdammt? Sie antwortete: Niemand, Herr. Und Jesus sprach: So verdamme ich dich auch nicht; geh hin und sündige hinfort nicht mehr.

Liebe Gemeinde,
die Steinigung, die es als besonders brutale und abschreckende Strafe auch heute noch in einigen Ländern des Nahen, Mittleren und Fernen Ostens gibt, wird in der hebräischen Bibel, dem von uns sog. Alten Testament, für Taten gefordert, die von Israeliten in Israel verübt wurden und die als Verbrechen vor Gott und gegenüber dem ganzen Volk galten, gemäß dem Gesetz in der „Heiligen Schrift“. Da ist geregelt, auf welchen Tatbestand Steinigung steht, um mit diesem Strafmittel das geschehene Böse aus Israel und seinem Volk zu eliminieren.
Welche Fälle betrifft dies? Götzendienst (5. Mose 17,5), vorsätzlicher Bruch des Gebots, den Sabbat zu halten (4. Mose 15,35 f.): etwa Holzsammeln am Sabbat; oder denken Sie an das Ährenraufen am Sabbat durch die Jünger Jesu: das war lebensgefährlich damals!
Ährenraufen am Sabbat: bei uns heute analog vielleicht (?): lautes Rasenmähen am Sonntag in der Mittagzeit – wobei es nicht um Lärmbelästigung, sondern um Störung und Schändung der heiligen Feiertagsruhe ging: Ruhe Gottes, Ruhe, die man selbst geben sollte …
Worauf stand noch Steinigung? Auf Wahrsagen, Zeichendeuten und Geisterbeschwörung (3. Mose 20,27); auf impertinente Resistenz und nachhaltigen Ungehorsam in Verbindung mit Trunksucht von deswegen als missraten zu betrachtenden Söhnen gegenüber ihren Eltern (5. Mose 21,21), Töchter wohl nicht? Ehebruch, darauf stand Steinigung eigentlich für beide Beteiligten (!) (3. Mose 20,10; 5. Mose 22,22); und Gotteslästerung (3. Mose 24,14ff.). Wegen Gotteslästerung wäre Jesus selbst mehrfach fast gesteinigt worden, er konnte jedes Mal gerade noch entwischen, wie es das Johannesevangelium in den nachfolgenden Kapiteln darstellt.
In unserer heutigen Geschichte soll die Ehebrecherin gesteinigt werden. Warum nicht der Mann auch? Wieso wird er nicht mit vorgeführt? Das wäre doch Recht und Gesetz gewesen?
Dieser Aspekt weist uns darauf hin, dass es in unserer Geschichte vielleicht gar nicht so zentral um die Tat des Ehebruchs geht oder gar um Überlegungen zu dessen Motiven und Hintergründen: wollte sie es vielleicht selber oder geschah es gegen ihren willen; wie dem auch sei – Ehebruch war, übrigens anders als heute vielfach empfunden wird, damals nicht eine Frage der hintergangenen Liebesbeziehung bzw. treuen emotionalen Bindung in der Ehe, sondern zumindest seitens der Frau – so wurde das rechtlich damals gesehen – ein Bruch des Rechtsverhältnisses der Frau zu ihrem Besitzer, ihrem Ehemann als rechtlichem und ökonomischem Bewahrer und Ernährer, Verwalter und Bestimmer. Die sozialen und rechtlichen Verhältnisse waren in antiken Gesellschaften so, dass es vor allem für die Frau im Prinzip tödlich war, Ehebruch zu begehen. Und das wurde durch die Steinigung eigentlich nur noch einmal manifest vollzogen, realisiert.

Liebe Gemeinde, es gibt Ausleger dieser Geschichte, die machen den Ehebruch zum Hauptthema, andere die Steinigung und das Thema Todesstrafe damals und heute. Mit einigen anderen Theologen meine ich aber, dass es darum letztlich gar nicht geht in dieser Geschichte!
Sondern: Jesus soll in eine ausweglose Situation geführt und damit wieder einmal der Gotteslästerung bzw. des Ungehorsams überführt werden von den Pharisäern und Schriftgelehrten, um ihn los werden zu können – und zwar diesmal mit einem ganz klaren Rechtsfall. Wie wird er reagieren? Die Alternative für Jesus ist aus der Sicht der Ankläger:
Wenn er schriftgemäß und rechtlich sauber antworten will, muss er sagen: Ja, Steinigung! Dann widerspricht er aber seiner Verkündigung des vergebenden Gottes und seinem eigenen vergebenden Handeln, das als anmaßend und gotteslästerlich verstanden wurde. Dann würde er faktisch seiner eigenen Glaubensintention und Lebenshaltung entsagen und aufgeben.
Wenn er aber gegen Steinigung plädiert, zum Beispiel weil er erst einmal handfeste Beweise statt Steine in der Hand sehen will, oder weil er die Strafe für unangemessen hart ansieht; die Strafe könnte ja auch gegen das 5. Gebot verstoßen: Du sollst nicht töten! Oder gegen die Menschenrechte – nun, die gab´s noch nicht, erst später mit den Ideen von 1776, 1789, 1948 – darauf konnte sich Jesus noch nicht berufen, wenn auch die allgemeinen Menschenrechte sich bedingt auf das Christentum berufen können. Wir als Heutige müssen uns nur hüten, unsere heutigen Maßstäbe etwa auch der Gleichberechtigung von Mann und Frau an die Geschichte anzulegen, an alle vorneuzeitlichen überhaupt und insbesondere auch an diese Bibelgeschichte. –
Also: wenn Jesus gegen Steinigung plädiert, verstößt er klar gegen Gottes Gesetz, wie es in der auch für ihn geltenden "Heiligen Schrift" nieder gelegt ist. Was immer Jesus auch antworten wird, er wird sich in Widersprüche verwickeln. So das Ansinnen derer, die ihn mit dieser ganzen Szene, die sie ihm machen, mit der sie ihn konfrontieren, behelligen und ihn damit überrumpeln wollen.

Das Geniale, liebe Gemeinde, und Faszinierende an Jesu Reaktion in dieser Szene ist: er durchschaut die Szene auf Anhieb als Inszenierung. Wie reagiert er? Er reagiert, indem er erst einmal nicht reagiert, jedenfalls völlig erwartungswidrig. Demonstrative Gleichgültigkeit zeigt er. Er hält einfach still. „Er bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde.“
Nicht-Reagieren oder einfach so zu reagieren, wie Jesus es tut, ist ja auch eine Reaktion, gibt einem selbst Zeit, provoziert aber auch. Die Pharisäer und Schriftgelehrten fragen daraufhin mehrfach nach, für sie ist der Fall doch eigentlich klar: Was auch immer er sagen wird: wir haben ihn! Er ist überführt! Was zögert er noch?
Dann heißt es lapidar: er richtete sich auf und sprach zu ihnen:
„Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.“ Mehr hatte er dazu nicht zu sagen, mehr war auch nicht zu sagen.
Zu sagen ist nur noch: „Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde.“
Ja, Jesus hat nicht in Steintafeln gemeißelt, oder auf Schriftrollen oder ganze Bücher geschrieben – sondern auf die Erde, den Boden des Lebens. Wir wissen nicht was. Sein gesprochenes Wort sollte gelten. Und galt auch in dieser Szene. Nach und nach ließen alle Ankläger der Reihe nach ihren Stein fallen und schlichen davon.
Warum auf einmal? Das wird unterschiedlich gedeutet werden:
Klaus-Peter Jörns sieht es so, dass sämtliche Ankläger sich von Jesus ganz konkret ertappt sahen, weil sie nämlich alle selber schon Ehebruch begangen hätten, vielleicht sogar mit derselben, dieser einen Frau. Ansonsten wäre ja kaum erklärlich, warum nicht auch ein Mann zur Steinigung vorgeführt wurde. Warum, nicht? Antwort: Es hätten sie selber sein müssen. So gesehen, ist also den Anklägern ihr Stein nicht nur auf den Boden gefallen, sondern samt Herz in die eigene Hose! Und ab!

Liebe Gemeinde, unabhängig von der Ehebruchs-Thematik: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.“ Dieses Wort bedeutet ganz allgemein, auf Deutsch gesagt: Jeder hat Dreck am Stecken, jeder hat schon gegen Gebote und gegen den Nächsten verstoßen und ihm geschadet und sich selbst damit auch. Keiner hat ein Recht darauf, über den anderen zu urteilen. Jeder soll bitte zuerst einmal vor seiner eigenen Haustür kehren, da gibt´s sicher genug zu tun, bevor man sich über das Fehlverhalten der anderen Gedanken macht und urteilt.
„Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.“ Dieses Jesuswort ist in abgewandelter Form sprichwörtlich geworden in unserem deutschen Sprachgebrauch: „Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen.“ Ich weiß nicht, ob sich alle, die diese Glashaus-Redewendung benützen darüber im Klaren sind, dass sie damit letztlich Jesus zitieren.
Mit Steinen wird heute in der Welt immer noch und immer wieder viel geworfen. Und wo es nicht manifeste Steine sind, mit denen geworfen wird, da sind es vor allem Worte, die treffen sollen, die aber auch wie handfeste Aktionen wirken können. Jeden Tag sehen wir es in den Nachrichten: Aktionen und Kampagnen, Worte, die jemanden in Bedrängnis bringen sollen, desavouieren, fertig machen, zum Rücktritt zwingen sollen. Und schauen Sie sich die Medienlandschaft an, sie lebt zu einem großen Teil davon, zu skandalisieren, an den Pranger zu stellen und psychologisch zu steinigen, Leute systematisch fertig zu machen, je bekannter und populärer, desto gefährdeter sind die Kandidaten. Manche Fälle sind ja bei manchen Agenturen schon seit Jahren in der Schublade bzw. in der Pipeline, und werden dann gezielt zu Wahlkampfzeiten oder anderen passenden Gelegenheiten hervorgeholt. Womit ich nicht leugnen will, dass es auch seriösen Journalismus gibt.

Zurück zu Jesus: Er eröffnet mit seiner Aufforderung an die Ankläger, vor der eigenen Tür zu kehren, der Frau eine zweite, neue Lebenschance – völlig wider Erwarten. Und zwar nicht, indem er das, was sie getan hat oder haben soll, herunterspielt oder marginalisiert nach dem Motto: „Wird schon nicht so wild gewesen sein!“ oder mit anderen mildernden Umständen aufwartet, die er der Frau hätte gewähren können – nein: er marktet von der Tat der Frau nichts ab, sondern benennt ihr Verhalten als Sünde und verlangt von ihr den entsprechenden Sinneswandel und ihre Verhaltensänderung in der Tat: „Sündige hinfort nicht mehr!“
Er verurteilt sie nicht und straft sie nicht und tut damit genau das, was er selbst von den Anklägern eingefordert hatte.

Liebe Gemeinde, ich komme zum Schluss zu einem Ausblick:
beim Apostel Paulus, der ja in seinem ersten Leben ein Christenverfolger und Strafvollzieher war, wird später diese neue Linie Jesu fortgeführt, etwa in dem ältesten der von ihm erhaltenen Schreiben, dem 1. Thessalonicherbrief 15,5: „Seht zu, dass keiner dem anderen Böses mit Bösem vergelte, sondern jagt jederzeit dem Guten nach untereinander und gegenüber jedermann.“
Oder im Römerbrief 12,21: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“
Und an die Galater schreibt er 6,1-2: „Liebe Brüder, wenn ein Mensch etwa von einer Verfehlung ereilt wird, so helft ihm wieder zurecht mit sanftmütigem Geist, ihr, die ihr geistlich seid; und sieh auf dich selbst, dass du nicht auch versucht werdest. Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“
Ja, nicht beschimpfen, verurteilen, richten, bestrafen, sondern im Guten aufhelfen, zurecht helfen, mittragen, was andere belastet, mit sanftem Mut. Aus Selbsterkenntnis und Demut.
Das verleihe Gott uns allen.
Amen.
Und der Herr sei mit eurem Geiste. Amen.
 

 

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