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Predigt von Pfarrer Peter Morgenroth zum 4. Advent

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Das Leben von Paul Gerhardt - ein Adventsthema

Erst mal einen Test, zu dem Sie Ihre 10 Finger brauchen. Ich nenne Liedanfänge. Und Sie zählen bitte die Lieder mit, die Sie kennen.


Sie haben´s längst erraten. Es sind alles Lieder, die aus Paul Gerhardts Feder geflossen sind und von seinem Herzen kommen.
Wer kennt alle 10?
Paul Gerhardt ist der nach Luther bekannteste Dichter protestantischer Kirchenlieder. Er hat mit seinen Lieder unzählige Christen geprägt. Auch uns. Was mit diesem kleinen Test zu beweisen war.

***

Ich will heute zunächst ein wenig aus seinem Leben erzählen. Und es wird sich dabei erschließen, warum das ein Adventsthema ist.

1607 ist er geboren, im kursächsischen Gräfenhainichen, ein paar Kilometer südwestlich von Wittenberg. Eine Kleinstadt mit 1000 Einwohnern. Heute würde man sagen, ein Nest. Aber selbst Berlin hatte damals gerade mal 9.000 Einwohner und München schon fast doppelt so viel. Nur zum Vergleich.

In diesem Gräfenhainichen gab es jedenfalls schon „eine freie Vereinigung gesangeskundiger und gesangesliebender Bürger mit eingeschriebenen Mitgliedern, die unter Leitung des Kantors ihre Übungen abhielten und bei allen Sonntags- und Festgottesdiensten, bei Begräbnissen und Trauungen, wenn es gewünscht wurde, figuraliter sangen“, so sagt es die Chronik.

In diesem Umfeld ist Paul Gerhard aufgewachsen. Er ist aufgewachsen in einem Geist des Dichtens und Musizierens. Und als er 15 jährig in die Fürstenschule zu Grimma eintritt, wird ihm im Zeugnis bestätigt, er verstehe „versiculi tolerabiles“ zu schreiben, also erträgliche Verse.

Diese Schule war streng. Es ging zu wie im Kloster. Während der Mahlzeiten wurde den Schülern biblische Abschnitte verlesen. Man wollte, dass die Schüler „den Gedanken an Gott den ganzen Tag nicht aus den Augen verlieren sollten“, so schreibt der damalige Rektor. Und so schreibt Paul Gerhard in einem seiner Briefe an den großen Kurfürsten: „Ich fürchte mich vor Gott, in dessen Anschauen ich hier auf Erden wandle“. ICH FÜRCHTE MICH VOR GOTT!

Und dazu hat er auch Anlass, denn mit 14 Jahren ist Paul Gerhardt schon Voll-Waise. Es sind wildbewegte Notjahre. Kriegsjahre. Der Dreißigjährige Krieg tobt. Was der Krieg verschont, rafft die Pest dahin. 1626 kommt sie auch an seinen Schulort Grimma. Hunderte sterben. Viele fliehen. Paul Gerhardt bleibt. Wohin soll er auch gehen. Der Krieg wütet.

Was ist mein ganzes Wesen
von meiner Jugend an
als Müh und Not gewesen?
Solang ich denken kann,
hab ich so manchen Morgen,
so manche liebe Nacht
mit Kummer und mit Sorgen
des Herzens zugebracht

Doch nun kommt ein seltsames Kapitel in seinem Leben. Er studiert in Wittenberg. Das ist die evangelische Universität schlechthin. Vierzehn Jahre studiert er Theologie und hat nicht einmal einen Magister zuwege gebracht. Das gibt Rätsel auf. Hat er sich lange Jahre während des Studiums mit Verseschmieden befasst? Oder hat er zwischendurch sein Brot als Hauslehrer verdienen müssen? Musste er sich irgendeinem Heerhaufen anschließen, nachdem die Schweden brandschatzend und raubend und mordend durchs Land gezogen waren und dann wieder die Papistischen. Ach, es war eine schlimme Zeit: Erpressung und Gewalt. Willkürliche Einquartierungen. Jede Familie hat Soldaten im Haus zwangseinquartiert und auf der Tasche liegen. Brennende Bauernhäuser und Kirchen und Schulen. Und der Hunger. 1648, zum Ende des Dreißigjährigen Krieges, wird die Bevölkerung im Deutschen Reich von anfänglich 16 Millionen auf 10 Millionen geschrumpft sein.

1643 kommt Paul Gerhardt nach Berlin. Er ist schon 36 Jahre alt. Hat keinen Beruf, keine feste Anstellung. Aber er schreibt Gelegenheitsgedichte. Auftragsarbeiten. Lobhudeleien. Und er unterrichtet Kinder von Freunden. In dieser Berliner Zeit entstehen so schöne Lieder wie

Nun ruhen alle Wälder Vieh, Menschen, Städt und Felder, es schläft die ganze Welt; ihr aber, meine Sinnen, auf, auf, ihr sollt beginnen, was eurem Schöpfer wohlgefällt.

Wach auf, mein Herz und singe dem Schöpfer aller Dinge, dem Schöpfer aller Dinge, dem Geber aller Güter, dem frommen Menschenhüter

Die alles beherrschende Gottesfurcht hat sich bei ihm mitten in schlimmen Notzeiten zu einem getrosten Gottvertrauen gewandelt. Ein kurzes Gedicht zeigt, in welcher Verfassung er in diesen Jahren ist:

Armut, das die Maße bricht,
und großen Reichtum gib mir nicht,
Allzu arm und allzu reich
Ist nicht gut, stürzt beides gleich
Unsre Sell ins Sündenreich.

Lass mich aber, o mein Heil,
nehmen mein bescheiden Teil
und beschere mir zur Not
hier mein täglich Bisslein Brot.
Ein klein wenig, da der Mut
Und ein gut Gewissen ruht
Ist fürwahr ein großes Gut.

Drum so gib mir Füll und Hüll
Alles wie dein Herze will,
nicht zu wenig, nicht zu viel.

Es sind treuherzige Strophen eines mittleren Lebensstandards. Es ist im besten Sinn Bescheidenheit. Er hat gelernt, sich zu bescheiden. Er macht nichts aus sich. Er wartet ab. Er hat Skrupel, sich irgendwo als Geistlicher zu bewerben. Skrupel, ob er des Amtes würdig sei. Er wartet ab, wann für ihn die Stunde der Berufung kommt, die er nicht abschlagen kann. Vorläufig hilft er mal hier, mal dort in Berliner Kirchen beim Predigtdienst aus. Von seinen Berlinern wird er schließlich nach Mittenwalde nahe Berlin empfohlen. Ein Ort, der fürchterlich unter den plündernden Schweden gelitten hatte. Der Pfarrer war vor dem Altar erschossen worden. Brand und Pest hatten die Stadt zugrunde gerichtet. Sechs Jahre müht sich Paul Gerhardt nun am Ende des dreißigjährigen Krieges in Mittenwalde als Gemeindeprobst und Kirchspielinspektor um den Wiederaufbau.

Aus dieser Zeit finden 64 neue Lieder von Paul Gerhardt Aufnahme in Crügers Gesangbuch. 64 Lieder in fünf Jahren! Niemand konnte mehr übersehen, dass den Gläubigen in der Zeit der höchsten Nöte in Paul Gerhardt ein einzigartiger Tröster und Helfer erstanden war.

Wie soll ich dich empfangen und wie begegn ich dir. dichtet er.
Ich steh an deiner Krippen hier und bleib anbetend stehen. Ein Meditationslied. Eines der schönsten Weihnachtslieder.
Fröhlich soll mein Herze springen, dieser Zeit, da vor Freud alle Engel singen…
Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt. Der Wolken Luft und Winden gibt Wege Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann.
Das singen Menschen, denen nichts mehr geblieben ist außer einem bisschen Leben. Menschen, die sich in ihrer Seele dennoch nicht zerstören lassen.

„Ist Gott für mich, so trete gleich alles wider mich....
Ich singe dir mit Herz und Mund...

Was sind wir doch? Was haben wir
Auf dieser ganzen Erd,
das uns, o Vater, nicht von dir
allein gegeben wird?

Wer hat das schöne Himmelszelt
Hoch über uns gesetzt?
Wer ist es, der uns unser Feld
Mit Tau und Regen netzt?

Ei nun, so lass ihn ferner tun
Und red ihm nicht darein,
so wirst du hier in Frieden ruhn
und ewig fröhlich sein.

Es ist nicht nur Bescheidenheit. Es ist getroste Ergebenheit, die aus diesen Liedern klingt.

49 Jahre ist Paul Gerhardt nun alt. Er heiratet die Frau, die er vor langen Jahren als Privatlehrer unterrichtet hat. Die beiden bekommen ein Kind, an dem sie sich nur kurz freuen können. Am 50. Geburtstag Paul Gerhardts stirbt es. „Wenig und böse ist die Zeit meines Lebens“ setzt Paul Gerhardt auf den Grabstein.
Befiehl du deine Wege.... Immer und immer wieder muss er das selbst in seinem Leben nachbuchstabieren.

Die nächsten 12 Jahre lebt er in Berlin. Und gerät in die politischen Wirren. Der Kurfürst – zutiefst evangelisch, aber reformiert und an Calvin orientiert – er will, dass sich die Calvinisten und die Lutheraner in seinem Land vertragen und Frieden geben. Alle Pfarrer sollen unterschreiben, dass man sich gegenseitig als Kirche anerkennt. Die gegenseitige Verketzerung wird verboten. Per Unterschrift will der Kurfürst Toleranz durchsetzen.

Nur wenige weigern sich. Einer flieht bei Nacht und Nebel nach Prag und wird dort lieber katholisch, als mit den Calvinisten gemeinsame Sache zu machen. Paul Gerhardts Kollege in St. Nikolai wird wegen Aufruhrs für ein halbes Jahr ins Spandauer Gefängnis gesteckt. Und auch Paul Gerhardt der ganz unpolitische Mensch, unterschreibt nicht. Er ist Kind einer Zeit, in der man sich wegen Kleingedrucktem gegenseitig die Anerkennung als Christ abspricht.

Ich mach´s kurz: Der Kurfürst setzt Damenschrauben an. Er suspendiert Paul Gerhardt. Die Berliner protestieren. Daraufhin darf er wieder ins Amt. Aber Paul Gerhardt bleibt bei seiner Gewissensentscheidung. Ein neuerlicher Befehle des Kurfürsten, Paul Gerhardt aus dem Amt zu jagen. Der Magistrat verzögert die Ausführung. Mehr kann er nicht tun. Freunde bieten Paul Gerhardt Asyl an.

Ich bin ein Gast auf Erden, dichtet Paul Gerhardt in dieser schweren Zeit.
Kommt und lasst uns Christum ehren.
Gib dich zufrieden und sei stille.

Die güldne Sonne voll Freud und Wonne bringt unseren Grenzen mit ihrem Glänzen ein herzerquickendes liebliches Licht. Mein Haupt und Glieder, die lagen darnieder, aber nun steh ich, bin munter und fröhlich, schaue den Himmel mit meinem Gesicht.

Alles vergehet, Gott aber stehet ohn´ alles Wanken; seine Gedanken sein Wort und Wille hat ewigen Grund. Sein Heil und Gnaden, die nehmen nicht Schaden, heilen im Herzen die tödlichen Schmerzen, halten uns zeitlich und ewig gesund.

Und dann verstummt der Dichter. Seine Frau stirbt, als er 60 ist. Vier seiner Kinder hatte er innerhalb kurzer Zeit verloren. Ein einziger Sohn bleibt ihm. Er wohnt die letzten Jahre in einem verfallenen Pastorat in Lübben. Das ist ein kleiner Flecken im Spreewald. Und dort stirbt er 1676 vereinsamt. Seine Trost- und Hoffnungslieder leben weiter bis heute.

***

Ich erzähle heute am 4. Advent von Paul Gerhardt,

Wir haben keinen 30 jährigen Krieg. Wir haben zumindest in Deutschland den 70jährigen Frieden. Und doch suggerieren die unseligen Nachrichten vom „Heiligen Krieg“ unterschwellig, dass Glaube mit Kampf einhergeht. Nein, Glaube ist etwas anderes, sag Paul Gerhardt:

Du meine Seele singe, wohlauf und singe schön
Dem, welchem alle Dinge zu Dienst und Willen stehn.
Ich will den Herren droben
Hier preisen auf der Erd;
Ich will ihn herzlich loben, solang ich leben werd.

Glaube zeigt sich im Gotteslob. In Zeiten, wo ihm alles zerbricht, sein bürgerliches Leben, seine Reputation, in den Zeiten, wo er kaltgestellt ist und an den Rand gedrängt wird, verliert er seinen Halt nicht:

Ist Gott für mich, so trete gleich alles wider mich;
so oft ich ruf und bete, weicht alles hinter sich.
Hab ich das Haupt zum Freunde und bin geliebt bei Gott,
was kann mir tun der Feinde und Widersacher Rott.
Nun weiß und glaub ich feste, ich rühm´s auch ohne Scheu,
Dass Gott, der Höchst und Beste, mein Freund und Vater sei
Und dass in allen Fällen er mir zur Rechten steh
und dämpfe Sturm und Wellen und was mit bringet Weh..

Glücklicherweise sind die Zeiten schon lange vorbei, wo man rechthaberisch um den rechten Glauben gestritten hat wie einst im 30jährigen Krieg. Mögen sie in der christlichen Welt nie wiederkommen. Mögen nie wieder Zeiten kommen, wo man einander als Schiachgläubig abkanzelt, wie die evangelischen Flüchtlinge nach 45. Ich Gott nicht in meinen Glaubensformulierungen. Ich kann nur offen sein für ihn. Paul Gerhardt hat es auf den Punkt gebracht:

Wie soll ich dich empfangen und wie begegn´ich dir,
o aller Welt Verlangen, o, meiner Seelen Zier?
O Jesu, Jesu, setze mir selbst die Fackel bei,
damit, was dich ergötze, mir kund und wissend sei.

Zum ehrfürchtigen Staunen – oder heißt es zur staunenden Ehrfurcht– ruft Paul Gerhardt auf im Advent 2015 bei der Einstimmung auf Weihnachten:

Ich steh an deiner Krippen hier, o Jesu, du mein Leben:
Ich komme, bring und schenke dir, was du mir hast gegeben.
Nimm hin, es ist mein Geist und Sinn;
Herz, Seel und Mut, nimm alles hin und lass dir´s wohlgefallen.

Paul Gerhardts Lieder kommen im verschlissenen Gewand einer alten Sprache einher. Und sind doch Zeugnisse des Glaubens. Zeugnisse der Glaubenskraft in böser Zeit. Zeugnisse der Ehrfurcht. Und sie singen davon, dass Gott uns nahe kommt, bei uns ankommt, bei uns sein will, bei uns bleiben will. „Und weil ich nun nicht weiter kann, bleib ich anbetend stehen.“ Auch am 4. Advent.




 

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