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Predigt von Pfarrer Johannes Habdank am 3. Advent 2016

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 (11.12.2016) im Katharina von Bora-Haus über Offenbarung 3, 7-13

Predigttext für diesen Gottesdienst: Offenbarung 3, 7-13

Dem Engel der Gemeinde in Philadelphia schreibe: Das sagt der Heilige, der Wahrhaftige, der da hat den Schlüssel Davids, der auftut, und niemand schließt zu, der zuschließt, und niemand tut auf: Ich kenne deine Werke. Siehe, ich habe vor dir eine Tür aufgetan und niemand kann sie zuschließen; denn du hast eine kleine Kraft und hast mein Wort bewahrt und hast meinen Namen nicht verleugnet. Siehe, ich werde schicken einige aus der Synagoge des Satans, die sagen, sie seien Juden und sind's nicht, sondern lügen; siehe, ich will sie dazu bringen, dass sie kommen sollen und zu deinen Füßen niederfallen und erkennen, dass ich dich geliebt habe. Weil du mein Wort von der Geduld bewahrt hast, will auch ich dich bewahren vor der Stunde der Versuchung, die kommen wird über den ganzen Weltkreis, zu versuchen, die auf Erden wohnen. Siehe, ich komme bald; halte, was du hast, dass niemand deine Krone nehme! Wer überwindet, den will ich machen zum Pfeiler in dem Tempel meines Gottes, und er soll nicht mehr hinausgehen, und ich will auf ihn schreiben den Namen meines Gottes und den Namen des neuen Jerusalem, der Stadt meines Gottes, die vom Himmel herniederkommt von meinem Gott, und meinen Namen, den neuen. Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt!

Herr, gib trübe Augen für Dinge, die nicht taugen, und Augen voller Klarheit für dich und deine Wahrheit. Amen.

Liebe Gemeinde,

wenn man den heutigen Predigttext hört oder liest, dann versteht man erst einmal „Bahnhof“. Und man fragt sich: was hat das eigentlich mit Advent zu tun? Gut, es sind da zwei Verse dabei, mit denen man vielleicht im Advent etwas anfangen kann:


Das sind einmal die Worte: „Siehe, ich habe vor dir eine Tür aufgetan, und niemand kann sie zuschließen; denn du hast eine kleine Kraft und hast mein Wort bewahrt und hast meinen Namen nicht verleugnet.“ Ja, die Vorstellung, dass da eine Tür aufgetan ist, die immer offen bleibt, die passt zur Adventszeit: Macht hoch die Tür, die Tor macht weit!

Und dann noch das andere Wort: „Siehe, ich komme bald; halte, was du hast, dass niemand deine Krone nehme!“ Das ist in Verbindung zu sehen mit der „Geduld“, von der die Rede ist in der Zeit des Wartens, der Erwartung, als die ja auch die kirchliche Adventszeit gilt. Der heutige Text aus der Offenbarung des Johannes ist nichtsdestotrotz schwer zu verstehen.

Schwer verständlich sollten diese Worte aber auch schon ursprünglich sein! Das war Absicht! „Offenbarung“ heißt ursprünglich „Apokalypse“: Enthüllung, Entschleierung - wovon? Von Verschleiertem, Verhülltem – Verschleierung des eigentlich Gemeinten, Verhüllung in eine christliche Geheimsprache hinein – ein verklausuliertes Reden war beabsichtigt, weil es nötig geworden war. Warum?

Die Offenbarung des Johannes wurde geschrieben zu einer Zeit, da die Urchristen von den Römern verfolgt wurden und in Todesgefahr schwebten, auch in Katakomben lebten. Man weiß es nicht genau, wann: ob schon zu Neros Zeiten Ende der 60er Jahre im 1. Jh. n. Chr. oder wahrscheinlich doch erst später zu Domitians oder Hadrians Zeiten, als römischen Kaisern um 100 n. Christus, die endgültig Schluss machen wollten mit dieser neuen, seltsamen, irgendwie jüdischen und doch nicht ganz jüdischen Sekte oder Bewegung der Christen – es war für die Römer schwer zu taxieren, was die nun wirklich waren – im Römischen Reich, speziell auch im Wirkungsgebiet der biblischen Schrift „Offenbarung des Johannes“: im vorderasiatischen Bereich, ehemaligem Missionsgebiet des Apostels Paulus.
An sieben Gemeinden dort, in der heutigen Westtürkei gelegen, richtet sich die „Offenbarung des Johannes“ in sieben Sendschreiben, unter anderem an die Gemeinde in Philadelphia. Darum geht es heute.

Der Name „Philadelphia“ ist uns Heutigen vor allem geläufig als Markenname eines Frischkäseaufstrichs. Oder als Name einer U.S.-amerikanischen Großstadt, Ostküste, von 1790 bis 1800 US-Hauptstadt, in der die amerikanische Unabhängigkeitserklärung 1776 verkündet wurde, von ihren Bürgern liebevoll „Phili“ genannt oder: „The City of Brotherly Love“ – und damit sind wir beim ursprünglichen Sinn des Wortes „Philadelphia“: Bruderliebe, Geschwisterliebe, ursprünglich aus dem Griechischen: die Liebe zu dem, der aus derselben Gebärmutter stammt. Eine ganz elementare Verbundenheit, die kaum zu überbieten ist.

Und diese Liebe im Sinne elementar-verbundener christlicher Nächstenliebe scheint in der antiken, urchristlichen Gemeinde in Philadelphia zu Zeiten der Offenbarung des Johannes vorbildlich gelebt worden zu sein. Philadelphia gilt daher als urchristliche Vorzeige- und Paradegemeinde auch und gerade unter schwierigsten Bedingungen, die sie zu durchleben hat: Römische Unterdrückung und Verfolgung plagen und bedrängen diese philadelphische Gemeinde aufs Heftigste, ja: sogar von der „Synagoge des Satans“, die sie unterwandert, ist die Rede.

„Synagoge des Satans“ – damit sind die Römer gemeint, die unter dem Deckmantel von christlich interessierten Juden in die Gemeinde eingeschleust wurden, sozusagen als Provokateure, die die Gemeindeszene zersetzen, aufmischen sollten. Oder es ist, vom Sinn her ähnlich, mit „Synagoge des Satans“ einfach nur die Römerherrschaft gemeint, mit dem Kaiser als Führer, der als Satan gedeutet wird, weil er als Gott-Kaiser Anbetung und ausschließliche Verehrung einfordert – was den Christen wie auch den Juden aber nicht möglich war aufgrund des 1. Gebots: Ich bin der Herr dein Gott, du sollst keine anderen Götter neben mir haben.

Ja, es war eine äußerst schwierige Zeit für die Christen, die doch alles so gut gemacht hatten in Philadelphia und nun auch durchhalten wollten in schwerer Zeit. Diesen Christen wird gesagt, und zwar in Gestalt des erhöhten Christus, der sich dem Seher Johannes auf der Insel Patmos offenbart, so die traditionelle Darstellung, – ja, was wird ihnen im Kern gesagt?

1. Bleibt geduldig! 2. Die Tür in Eure Zukunft, die Tür zu mir ist bleibend offen! 3. Behalte, was du hast!

Drei ganz starke Ansagen an die Gemeinde in Philadelphia von damals, drei auch für uns heute? Ich beginne mit der dritten Ansage.

Halte oder behalte, was Du hast, dass niemand deine Krone nehme!

Liebe Gemeinde! Das war vor vielen Jahren für mich ein Spruch, den mir mein Vater in die Fremde, als ich ein Jahr in Jerusalem studiert habe, handgeschrieben gewidmet hat. Der Sinn dieses Spruchs für mich damals war: bei allen Neu- und Fremderfahrungen, die du jetzt machst, bei vielem, was dich irritieren mag in deinem Leben jetzt, belastet oder auch auf neue Wege bringt: bleib dir treu, lass dir das nicht nehmen, was dich bisher zu dem gemacht hat, was du bist und was dir gegeben ist. Vor allem, lass dir deinen Glauben dort nicht nehmen und deine Art, ihn zu vertreten. So sinngemäß, aus der Erinnerung heraus.

So verstehe ich auch das Wort an die Gemeinde in Philadelphia. Und so soll es auch für jeden von uns heute sein: stehe zu dem, was und wer du bist, egal, wie groß die Irritationen und Schwierigkeiten sind, du musst dich nicht in Zweifeln ergehen oder gar in Selbstzweifeln zerfressen, du bist mehr, du bist, der du bist, und du darfst darauf vertrauen, dass es schon gut ist mit dir. Lass dir das, was du bist und worin du einzigartig bist, deine Talente, deine Gaben, deinen Glauben, „deine Krone“, wie es biblisch heißt, nicht nehmen. Besinne dich darauf, baue auch darauf.

Behalten wir also „unsere Krone“, wie es heißt, unsere Individualität und unser Potenzial, unseren persönlichen Glauben, halten wir daran fest! Und jeder von uns hat ja gewissermaßen – unsichtbar – seine persönliche Krone auf. Bitte aufbehalten und festhalten!

Die zweite Ansage von damals für uns heute ist: Die Tür in die Zukunft, zu Jesus Christus ist offen. Auch für den, der meint, sie sei zu, er könne damit nichts anfangen. Gerade viele Zweifler und Leute, die sich sog. Atheisten nennen, ob aus der Kirche ausgetreten oder nicht oder gar nie drinnen: Allen steht das Angebot offen. Die Tür ist immer geöffnet.

Wenn ich hin und wieder mit Menschen zu tun hatte oder habe, die mir sagen: Eigentlich bin ich Atheist. Dann frage ich immer zurück: An welchen Gott glauben Sie denn nicht? An den alten Mann mit Bart. Gut, an den glaube ich auch nicht. An den Gott, in dessen Namen so viel Unsägliches in der Geschichte des Christentums und der Kirche angerichtet wurde? An den glaube ich auch nicht. Aber ich glaube nicht, dass es einen Gott überhaupt gibt! Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht. Wie? Ja, es gibt Gott nicht wie irgendetwas sonst, das es gibt. Ein Stück Holz, ein Haus, einen Berg. Er ist kein Gegenstand. Es ist eine eher virtuelle, eine geistige Angelegenheit, eine Art höhere Vertrauenssache. Vertrauen, zu wem? Christlich gesehen: Zu Jesus, in das, was Jesus gesagt und getan hat und wofür er gestorben ist und neues Leben gewonnen hat im Glauben und im Leben so vieler Menschen, ihnen Lebenssinn gegeben hat.

Und wenn ich das dann weiter ausführe und erkläre, von Jesu Lebens- und Glaubensidealen rede, dann kommt allmählich etwas Verständnis für den Sinn des Christentums auf, selbst bei hart gesottenen Atheisten oder denen, die sich dafür halten, und auch allmählich so etwas wie Respekt vor dem christlichen Glauben, nicht immer, aber immer öfter.

Die Tür ist offen, nicht nur im Advent.

Drittens und letztens, liebe Gemeinde:
Bleibt geduldig! Dieser Zuruf gilt heute nicht nur allen, die schon seit dem Oktoberfest Nikolaus- und Weihnachtsartikel verkaufen oder kaufen. Bleibt geduldig - das gilt in dieser Adventszeit auch allen anderen, die jedes Jahr schon vorzeitig Weihnachten feiern wollen. Da ist kaum eine Geduld zu erkennen. Wer heute durch Berg fährt oder spazieren geht, kann sich fragen: Ja, ist den heut schon Weinachten? Wir können es offensichtlich nicht lassen, schon deutlich vor Weihnachten Bäume und Häuser und Gärten so zu schmücken, zu illuminieren, als sei das Fest schon da! Dabei wären doch Warten, Abwarten, Geduld genau der Sinn der Adventszeit, der sich vielleicht auch im persönlichen Verhalten und Gestalten zeigen könnte. Und zwar nicht nur folkloristisch-kirchenjahreszeitlich. Sondern Advent ist ja auch Symbol für alle die Lebensphasen, in denen du ins Warten, ins Abwarten, in die Erwartung gesetzt und gestellt bist, lieber Mensch. Das machen wir uns oft gar nicht bewusst. Sollten wir aber. Dass du zum Beispiel der Zeiten gedenkst und sie dir bewusst machst, in denen du abwarten, warten musstest. Etwa in der Erinnerung Älterer unter uns: im Warten auf die Rückkunft von dir lieben Menschen aus dem Krieg, von der Flucht. Wie viele Menschen mussten damals - unfreiwillig - warten, ausharren, und sie haben es getan! Mit offenem Ergebnis. Sie hatten große Geduld. Oder: Wie viele Menschen müssen heute angesichts einer schlimmen Diagnose warten, um zu erfahren, wie es wirklich weiter gehen wird. Oder, vergleichsweise harmlos: Wie viele junge Menschen müsse heute wie lange auf einen Studienplatz und vor allem auf eine Studentenwohnung warten. Ja, mit der politischen Organisation der „Zukunft unserer Gesellschaft“, wie wir junge Menschen gerne nennen – da muss man schon auch ziemlich viel Geduld haben. Und jeder von uns wird einige eigene Beispiele nennen können, wo man mehr (als) Geduld braucht im Leben, besonders dann, wenn es um Probleme geht, die man selber und alleine nicht auf die Reihe kriegen kann.

Bleibt geduldig! Die Tür in Eure Zukunft, die Tür zu mir, Christus, ist und bleibt offen! Behalte was du hast! Das sind die drei Empfehlungen an die urchristliche Gemeinde von Philadelphia - und an uns heute!

Das ist, glaube ich, eine gute Anregung auch für uns, für jeden von uns, sich über sein Leben, was es soll, ist und sein kann, in Geduld und Hoffnung Gedanken zu machen. Trauen wir dem biblischen Zuspruch: Bleib geduldig! Die Tür ist bleibend offen! Behalte, was du hast!
Amen.

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