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Predigt von Pfarrer Johannes Habdank am 22. Sonntag nach Trinitatis

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(23.10.2016) im Katharina von Bora-Haus über Philipper 1, 3-26

Liebe Gemeinde,

der Apostel Paulus wird zurecht heute der Völkerapostel genannt, weil er das Christentum aus Palästina hinausgetragen hat, über die Grenzen Israels hinaus in andere Länder der römisch beherrschten hellenistischen Welt und das Christentum zu den sog. Heiden, den antiken Völkern mit vielen anderen Religionen gebracht hat, also vor allem in die heutige Türkei, die damals nach und nach zum christlichem Kernland wurde, und nach Europa, als erstes Philippi. Philippi liegt in Nordgriechenland, in der Nähe von Kavala und gilt als die erste heidenchristliche Gemeinde auf europäischem Boden. Man musste für Paulus also nicht Jude sein, um Christ werden zu können, und das gilt bis heute: du kannst seit Paulus auch unabhängig davon Christ werden. Das war also Paulus´ „Erfindung“, die religionsgeschichtliche „Innovation“ überhaupt damals, die die Ausbreitung des Christentums in alle Welt, eben auch in die nicht-jüdische Welt ermöglicht hat. Sonst wäre das Christentum eine Spielart des Judentums bzw. Sekte im überwiegend jüdischen Palästina geblieben. Wobei die Universalisierung des neuen Glaubenstypus´ schon wesentlich bei Jesus selbst angelegt ist. Zum Beispiel, wenn Jesus das Kind einer nicht-jüdischen Frau heilt oder auferweckt, oder wenn er sich aller religiös-kultisch-volksmäßig Ausgegrenzten annimmt; oder wenn er Figuren wie den aus dem jüdischen Volk hinaus definierten Samariter als Vorbild hinstellt. Da sind die späteren Grenzüberschreitungen über das Volk Israel hinaus bereits im Prinzip angelegt. Aber nicht Jesus selbst, sondern erst Paulus, ehemaliger jüdischer Gelehrter und Eiferer für das Gesetz, ja sogar Christenverfolger, hat – nach seiner Bekehrung – dann das Evangelium für unabhängig von der jüdischen Tradition erachtet, und mit dieser Entkoppelung das Heidenchristentum ermöglicht. Wovon wir hier bei uns in den Spätfolgen und entfernten historischen Auswirkungen noch heute zehren, denn wir alle waren keine Juden vorher, sondern nach jüdischer Auffassung Heiden oder irgendetwas anderes - oder „gar nix“.


Diese Völkermission war für Paulus, vorsichtig ausgedrückt, nicht gerade immer einfach, sie war sogar persönlich gefährlich, lebensbedrohlich für ihn. Er geriet mehrmals in Gefangenschaft, ins Gefängnis.

Aus einer solchen Gefangenschaftssituation heraus schreibt Paulus an die Gemeinde in Philippi, der er sehr freundschaftlich verbunden ist, zwei Briefe, in der Bibel zusammengefasst als der „Philipperbrief“. Er schreibt an die Philipper, als er in Ephesus gerade im Gefängnis sitzt und nicht weiß, wie das Verfahren gegen ihn ausgehen wird, ob er jemals wieder herauskommt, und wenn ja, wie: tot oder lebendig.

Nun sollte man ja annehmen, dass Paulus deswegen sehr bedrückt ist und sein Schicksal beklagt, aber das Gegenteil ist der Fall. Ich lese eine längere Passage aus dem Philipperbrief, Kapitel 1, 3-26:

Ich danke meinem Gott, sooft ich euer gedenke – was ich allezeit tue in allen meinen Gebeten für euch alle, und ich tue das Gebet mit Freuden –, für eure Gemeinschaft am Evangelium vom ersten Tage an bis heute; und ich bin darin guter Zuversicht, dass der in euch angefangen hat das gute Werk, der wird's auch vollenden bis an den Tag Christi Jesu. Wie es denn recht und billig ist, dass ich so von euch allen denke, weil ich euch in meinem Herzen habe, die ihr alle mit mir an der Gnade teilhabt in meiner Gefangenschaft und wenn ich das Evangelium verteidige und bekräftige. Denn Gott ist mein Zeuge, wie mich nach euch allen verlangt von Herzensgrund in Christus Jesus.
Und ich bete darum, dass eure Liebe immer noch reicher werde an Erkenntnis und aller Erfahrung, sodass ihr prüfen könnt, was das Beste sei, damit ihr lauter und unanstößig seid für den Tag Christi, erfüllt mit Frucht der Gerechtigkeit durch Jesus Christus zur Ehre und zum Lobe Gottes.
Ich lasse euch aber wissen, liebe Brüder: Wie es um mich steht, das ist nur mehr zur Förderung des Evangeliums geraten. Denn dass ich meine Fesseln für Christus trage, das ist im ganzen Prätorium und bei allen andern offenbar geworden, und die meisten Brüder in dem Herrn haben durch meine Gefangenschaft Zuversicht gewonnen und sind umso kühner geworden, das Wort zu reden ohne Scheu. Einige zwar predigen Christus aus Neid und Streitsucht, einige aber auch in guter Absicht: diese aus Liebe, denn sie wissen, dass ich zur Verteidigung des Evangeliums hier liege; jene aber verkündigen Christus aus Eigennutz und nicht lauter, denn sie möchten mir Trübsal bereiten in meiner Gefangenschaft. Was tut's aber? Wenn nur Christus verkündigt wird auf jede Weise, es geschehe zum Vorwand oder in Wahrheit, so freue ich mich darüber. Aber ich werde mich auch weiterhin freuen; denn ich weiß, dass mir dies zum Heil ausgehen wird durch euer Gebet und durch den Beistand des Geistes Jesu Christi, wie ich sehnlich warte und hoffe, dass ich in keinem Stück zuschanden werde, sondern dass frei und offen, wie allezeit so auch jetzt, Christus verherrlicht werde an meinem Leibe, es sei durch Leben oder durch Tod. Denn Christus ist mein Leben und Sterben ist mein Gewinn. Wenn ich aber weiterleben soll im Fleisch, so dient mir das dazu, mehr Frucht zu schaffen; und so weiß ich nicht, was ich wählen soll. Denn es setzt mir beides hart zu: Ich habe Lust, aus der Welt zu scheiden und bei Christus zu sein, was auch viel besser wäre; aber es ist nötiger, im Fleisch zu bleiben um euretwillen. Und in solcher Zuversicht weiß ich, dass ich bleiben und bei euch allen sein werde, euch zur Förderung und zur Freude im Glauben, damit euer Rühmen in Christus Jesus größer werde durch mich, wenn ich wieder zu euch komme.

Liebe Gemeinde, was an diesen Worten für mich so erstaunlich, ja, unglaublich ist, das ist, dass es durchwegs positive Gedanken und Zeilen sind, die Paulus hier nach Philippi schreibt, wohl gemerkt: aus dem Gefängnis, bei Todesgefahr! Er ermuntert die Philipper positiv zu guter Gemeinschaft und interpretiert auch seinen eigenen Gefängnisaufenthalt positiv, als Zeugnis und zum Nutzen der Verbreitung des christlichen Glaubens! Kein Wort der Klage oder, dass er seine Lage so schlecht darstellt, wie sie ja eigentlich ist: kein Wort der Entrüstung über seine Peiniger, kein Weltschmerz, kein großes Wehklagen darüber, wie böse und schlecht die Welt doch sei! Hätte er ja alles machen können! – Macht er aber nicht! Sehr erstaunlich, verwunderlich, bewundernswert. Wie groß muss sein Glaube gewesen sein! Wie stark seine Kraft, seine Lieblingsgemeinde in Philippi auch noch aufzumuntern, dass ihre Liebe bitte weiter wachse und reicher werde an Erfahrung und Erkenntnis! Unglaublich stark in dieser seiner Lage!

Ich erzähle ihnen jetzt dazu eine vermeintlich banal klingende Gegengeschichte aus der heutigen Zeit, die zeigt, wie man sich auch benehmen und verhalten kann in schwieriger Lage, und zwar schon bei - zumindest scheinbar - recht einfachen Dingen, unter Wohlstandsbedingungen, wie man sie kaum besser haben kann.

Also: Ich denke an manche Bewohnerinnen und Bewohner in den Wohnstiften zurück, wo ich einmal längere Jahre als Stiftsdirektor tätig war. Ein Bewohner, zwischen 80 und 90, geht mittags ins hauseigene Restaurant, freie Platz- und Menüwahl, wie im Hotel, 4-Gänge-Menü, Küche auf 4-Sterne-Hotel-Niveau. Nach dem Essen beschwert der Mensch sich auf einmal lautstark über „den Fraß“, den es schon seit Tagen und Wochen nur noch gäbe. Und überhaupt sei das ganze Haus schlecht, die Mitarbeiter unfreundlich, der Pfarrer predigt zu leise. Und in der Politik klappt schon länger auch nichts mehr, die ganze Welt ist ja sowieso schon lange nicht mehr das, was sie einmal war. Früher war sowieso alles besser. Usw. –

Bei einigen klärenden Gesprächen mit diesem Menschen stellt sich heraus, dass es ihm selbst aus persönlichen Gründen schon längere Zeit ziemlich schlecht geht, und zwar schlechter, als er es dem Haus und seinen Mitarbeitern gegenüber hat durchblicken lassen, sonst hätte man ja vielleicht helfen können. Es sind gravierende gesundheitliche Gründe, belastende familiäre Gründe. Also: eigentlich ist nicht die Außenwelt schlecht, sondern ihm selbst geht es schlecht. Und dieses negative persönliche innere Erleben der eigenen Situation projiziert oder verschiebt er jetzt – unreflektiert, nicht eingestanden – auf die Außenwelt und wird auf sie wütend.

Wie mir eine befreundete Psychotherapeutin zu meiner Frage geschrieben hat, wie dieses Phänomen am Beispiel dieses Bewohners genau zu verstehen sei: „Also, die eigenen Gefühle werden in den anderen (etwas anderes) hineinprojiziert. Er reflektiert seine Lebenssituation nicht, verleugnet (das ist ein Abwehrmechanismus) seine eigenen Gefühle (Traurigkeit, Angst, Frust, Enttäuschung) und bekämpft sie dann im Außen. So lange er denkt, die anderen sind schuld an seiner Misere, hat er ein gewisses Kontrollgefühl (und fühlt sich somit weniger ohnmächtig), nach dem Motto: „Wenn die anderen nur nicht so sch … limm wären, mein Essen schmecken würde…, dann wäre alles gut“. Es scheint oft leichter im Außen etwas zu verändern als in sich selbst, deswegen das Gefühl von mehr Kontrolle, wenn das Problem durch andere verursacht wird. Mit diesem Gefühl lebt der Mensch offensichtlich besser als mit einem klaren Blick auf seine eigene missliche Lage (eventuell auch Schmerz über verpasste Chancen, das Gefühl Fehler gemacht zu haben, wahrzunehmen, dass der Lebensabend begonnen hat und man langsam abbaut, dass man Verluste von Menschen betrauert, das kann alles eine Rolle spielen). Es kann auch als Abwehr von seelischem Schmerz verstanden werden. Wut hält man besser aus als tiefe Traurigkeit. Wenn die verdrängt oder verleugnet wird, also nicht gefühlt werden kann bzw. darf, dann kann sie auch in Form von Wut an die Oberfläche kommen. Manche werden depressiv, andere aggressiv.“

Nach diesem Ausflug in eine heutige Gegenwelt, Gegenerlebnis- und Gegendeutungswelt zur wesentlich ernsteren Gefängnissituation des Paulus – nun zurück zu Paulus, liebe Gemeinde!

Trauer, Wut, Enttäuschung, Angst, Frust, Depression, Aggression – Projektion bzw. Verschiebung ins Außen - von alledem ist bei Paulus nichts zu merken! Er freut sich, und zwar echt, er macht das Beste aus seiner doch eigentlich beklagenswerten Situation, indem er ihr einen guten Sinn abgewinnt. Sein Christusglauben reicht über den Tod, so er denn droht, hinaus. „Jesus ist mein Leben, Sterben ist mein Gewinn.“ Ganz bei Gott und Jesus Christus sein ist ihm mehr als alles andere. Ich kenne nur wenige Menschen heute, die so intensiv und überzeugt und stark glauben können. Meiner Mutter war zeit ihres Lebens ein solcher Glaube gegeben und sie hat sich diesen Spruch für die Predigt bei ihrer Beerdigung gewünscht: „Jesus ist mein Leben, Sterben ist mein Gewinn.“

Paulus denkt weniger an seine eigene Situation und sich, sondern vor allem an die Philipper, seine Lieblingsgemeinde: Wobei er wiederum nicht darüber klagt, dass es in Philippi offensichtlich einige selbsternannte Schwätzer gibt, die Christus verkünden, um sich hauptsächlich selbst darzustellen. Nein! Sollen sie doch machen, auch durch diese eigentlich schwachen Prediger wird Christus verkündet: „Was tut´s aber!“. Der Name Christi wird auf viele Weise verkündet.

Paulus denkt vor allem in Dankbarkeit an seine Freunde in Philippi, mit Freude und Zuversicht, dass die Gemeinde ihre Gemeinschaft leben und stärken wird. Das ist ihm das Wichtigste, und das ist auch heute für eine Gemeinde elementar wichtig: die Gemeinschaft und das gute Zusammenspiel der vielen, wozu schon Paulus aufruft.

Ich komme zum Schluss, liebe Gemeinde:
Diese Woche habe ich in der Konfirmandenstunde gefragt: „Was erwartest du dir von der Kirche, wie soll sie sein?“

Häufigste Antwort: Nicht so streng, nicht dauernd sagen: du sollst dieses und jenes nicht! (Klare Projektion, Verschiebung vom Elternhaus auf die Kirche.)

Zweithäufigste Antwort: Keine Kirchensteuern. Da gab´s natürlich dann für mich eine kleine Gelegenheit zur Aufklärung und Information. Als dann klar war, dass ich davon bezahlt werde, haben diesen Punkt einige wieder gestrichen, aber nicht alle. Und einiges andere kam noch zu der Frage: „Was erwartest Du dir von der Kirche, wie soll sie sein?“

Es sollte sich eigentlich jeder drei Punkte dazu überlegen. Eine jedoch hat erst lange nachgedacht und sich dann nur einen Punkt überlegt, und der sagt mehr als alle anderen Punkte:

„Was erwartest du dir von der Kirche, wie soll sie sein?“
„Gute Gemeinschaft“.

Der Apostel hätte sich gefreut! Amen.

 

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