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Predigt von Pfarrer Johannes Habdank über den Jahresspruch 2016

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Predigt über die Jahreslosung 2016 am 1. Januar 2016 von Pfarrer Johannes Habdank

Liebe Gemeinde, Sie alle kennen die Losungen, ein Büchlein, in dem für jeden Tag einige Bibelstellen nach einem bestimmten Muster zu finden sind, insbesondere die Tageslosung, sozusagen der biblische Leitspruch für genau diesen einzelnen Tag im Jahr. Er ist von der Herrnhuter Brüdergemeine diesem Tag zugelost. Ich weiß nicht, wie viele Christen bei uns in der Gemeinde oder überhaupt ihn regelmäßig zur Kenntnis nehmen und für sich daraus ganz persönlich einen guten Gedanken für ihren Tag, eine Anregung und Ermutigung ziehen. Jedenfalls ist es für jeden Tag ein Sinnspruch, also eine Art Motto, unter den du diesen Tag stellen möchtest, so du kannst. Meine Großeltern und meine Mutter haben das immer getan. Der Spruch passt für einen nicht immer, aber immer wieder und kann Lebenshilfe und Lebensdeutungshilfe sein, oder auch nicht.

Die Jahreslosung hingegen ist nicht ausgelost aus einem Set von Bibelstellen, sondern bewusst ausgesucht, und zwar von einer kirchlichen Kommission, die inzwischen schon länger eine ökumenische ist, und zwar immer etwa drei Jahre im Voraus. Auch mit der Jahreslosung 2016 ist das so. Daher spreche ich lieber von „Jahresspruch“.

Der Jahresspruch für das neu beginnende Jahr 2016 lautet: „Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“

Diese Worte stammen aus dem alttestamentlichen Buch Jesaja, Kapitel 66, Vers 13a, ist also ein biblischer Teilvers: Teil a des Verses. Hätte man den ganzen Vers 13 genommen, würde der Jahresspruch lauten: „Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden.“ Diesen letzteren Teil b wollte man aber offensichtlich nicht mit dazu nehmen, um die historische Bindung des Wortes nicht zu stark mit ins Visier zu nehmen. „Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet“, das ist eher verallgemeinerungsfähig und spricht auch heute noch jeden Menschen elementar und unmittelbar an.

Wobei der historische Kontext nicht uninteressant ist, auf den der Jahresspruch einmal zugeschnitten war, denn:
Als diese Worte entstanden sind, da war das israelitische Volk des Trostes dringend bedürftig. Jerusalem und sein Tempel waren längst zerstört worden. Das Volk war damit seines religiösen Kultzentrums und des Ortes der geglaubten heilvollen Gegenwart Gottes beraubt. Das war Anfang des 6. Jahrhunderts vor Christus gewesen. Damals waren weite Bevölkerungskreise ins Exil verschleppt worden nach Babylon, dem Zentrum der neuen Machthaber. An einen Weg zurück zum Zion, zu seinem Gott, wäre eigentlich nicht mehr zu denken gewesen, wenn sich nicht neuerdings der Horizont aufgehellt hätte: Wie ein leuchtender Stern war König Kyros heraufgezogen. Er würde Babylon bald besiegen und das geknechtete Volk Israel befreien und zum Zion heimkehren lassen. Das ist die Darstellung und die Hoffnung des Propheten. Sie ist geknüpft an König Kyros. In ihm erblickt der Prophet Jesaja die kommende messianische Lichtgestalt. Gott selbst hat ihn eingesetzt und Gott selbst wird sein Volk durch die Wüste nach Hause führen. Seine Herrlichkeit soll in ihrem alles überstrahlenden Glanz offenbar werden! Und alle Welt wird es sehen! Und tatsächlich, nach allem, was wir historisch wissen: einige Jahrzehnte später, zu der Zeit, auf die unser Jahresspruch 2016 ursprünglich bezogen ist, ist die Rückkehr zum Zion bereits gelungen, ein Neuaufbau Jerusalems scheint möglich und beginnt auch schon, aber er ist mühsamer als erwartet, geht nur schleppend voran, vor allem auch der Neuaufbau des zerstörten Tempels. Und so stellt sich die Frage: Wird es vielleicht doch nichts mit der Erfüllung der großen Hoffnungen? Resignation macht sich breit in der Bevölkerung, ihren Führungsschichten und bei den Priestern. Genau in diese Situation hinein spricht der Prophet - bildlich - über die Stadt Jerusalem beschwichtigende, beruhigende und ermunternde Worte, und ich lese jetzt einige Verse aus dem Kontext des Spruchs mit (Jesaja 66, 7-14a):

„Gott spricht: Ehe sie (damit ist Jerusalem gemeint) Wehen bekommt, hat sie geboren; ehe sie in Kindsnöte kommt, ist sie eines Knaben genesen. Wer hat solches je gehört? Wer hat solches je gesehen? Ward ein Land an einem Tage geboren? Ist ein Volk auf einmal zur Welt gekommen? Kaum in Wehen, hat Zion schon ihre Kinder geboren. Sollte ich das Kind den Mutterschoß durchbrechen und nicht auch geboren werden lassen?, spricht der Herr. Sollte ich, der gebären lässt, den Schoß verschließen?, spricht dein Gott. Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid. Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an dem Reichtum ihrer Mutterbrust. Denn so spricht der Herr: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Ihre Kinder sollen auf dem Arme getragen werden, und auf den Knien wird man sie liebkosen. Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden. Ihr werdet's sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras.“

Das sind wundervolle Bilder des Trostes und der Ermunterung, den neuen Anfängen, dem bereits neu begonnenen Leben weiter zu trauen. Der Prophet macht also darauf aufmerksam, dass bereits einiges Leben neu geboren, entstanden ist im ehemals zerstörten Jerusalem, dass doch bereits auf wundersame Weise und in kaum zu erwartender Geschwindigkeit neues Leben aus den Ruinen blüht. Dass erst ein gleichwohl bescheidener Anfang gemacht ist, darüber soll man nicht traurig sein, sondern neuen Mut gewinnen, denn: „Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“

Liebe Gemeinde, bemerkenswert finde ich, dass hier im Kontext des Jahresspruchs einerseits zunächst einmal die Stadt Jerusalem selbst bildlich als die Mutter mit ihrem lebensspenden Trost und ihrer Mutterbrust verstanden wird. Seid doch froh: Ihr sitzt wieder an der Quelle des Lebens und eures Glaubens! Und dann tatsächlich Gott selbst als der, der hinter allem Leben seines Volkes steckt und steht, hinter allem Neuaufbau und Gelingen, sich mit der Mutter vergleicht, die sich Leben spendend um das resignierende Volk kümmert. „Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“

Liebe Neujahrsgemeinde, dieser Bibelspruch hat auslegungsgeschichtlich gesehen, soweit ich sehe, in älteren wissenschaftlichen Kommentaren kaum Beachtung gefunden. Erst durch die feministische Theologie scheint er eine prominentere Bedeutung gewonnen zu haben, nach dem Motto: Hier gibt es im Alten Testament, das ja ansonsten eine voll patriarchalische Gottesvorstellung vertritt, auch einmal ein weiblich anmutendes Gottesbild. Wenn´s darauf ankommt: in schweren Krisensituationen, hilft wohl nur ein weibliches Gottesbild weiter? Also Gott mal nicht als Mann oder Vater, sondern als Frau und Mutter? Mutter unser? Die „Bibel in gerechter Sprache“, wie sie sich nennt, die ich eher für ein befreiungstheologisch-feministisches Machwerk halte, die aber auch an vielen Stellen eine sehr authentisch wirkende Übersetzung bietet, ersetzt daher immer wieder die Gott-Vater-Vorstellung mit ihrem „Er hat gesagt“ durch „Sie hat gesagt“ oder auch Gott durch „die Göttin“. Und das ist natürlich kirchlich und theologisch, auch historisch sehr umstritten. Zurück zum Jahresspruch selbst: „Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“

Auf das Wort „wie“ kommt es an, auf das tertium comparationis, den Vergleichspunkt: „wie einen seine Mutter tröstet“. Es geht in dem Jahresspruch gar nicht darum, ob Gott Mann oder Frau ist, sondern um das Trösten. Wie eine Mutter tröstet, so ist Gott, so tröstet er, egal ob als Mann oder Frau vorgestellt, Gott steht über den Geschlechterdifferenzen. Ansonsten müsste ich jetzt rekurrieren auf einen neueren Spiegel-Titel, der da lautete: „Sind Väter die besseren Mütter?“ Für mein Teil kann ich nur sagen: Ich bin der bessere Vater, und meine Frau ist die bessere Mutter. Das hat nun aber mit Religion wirklich nichts zu tun, oder? Auch mit dem Jahresspruch nicht. „Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“

Nun, Gottes Trost und wie wir ihn erleben können, ist das Eine, das kann nur jeder selbst erleben, liebe Gemeinde, in unterschiedlich schweren eigenen Lebenssituationen, wo du des höheren Trostes bedürftig warst oder bist.
Trost im ursprünglichen biblischen Sinne des hebräischen Wortes „hinam“: es bedeutet: aufatmen lassen, Erleichterung verschaffen. 

Nun wirkt Gott ja nicht immer direkt, sondern nach biblischer Vorstellung auch oft indirekt durch seine Engel, die eine himmlische Botschaft überbringen oder den Menschen begleiten und beschützen. Zum Engel für einen anderen Menschen kann aber auch jeder Mensch werden, wenn er Gottes Trost persönlich in diesem Sinne vermittelt, einen anderen begleitet, jemanden aufatmen lässt oder ihm Erleichterung verschafft. Ja, Menschen können selbst trösten, und das ist ja sogar meistens so, wenn getröstet wird, dass wir Menschen uns gegenseitig trösten. Auch wir selbst, du und ich.

Wie aber können wir selbst zum Tröster werden? Wie ist das für uns eigentlich, wie können wir das machen, selbst Tröster zu sein? „Tröster", was ist das? Luther versteht es so: „Tröster heißt, der ein betrübt Herz lachend und fröhlich macht gegen Gott. Und dazu soll man die Betrübten so trösten, dass der Trost nicht von Menschen, sondern von Gott sei.“

Das ist nicht einfach. Wer einmal versucht hat, einen von allem Trost verlassenen, betrübten Menschen zu trösten, der weiß, wie schwierig das ist. Fangen wir beim Kleinen an: Schon ein weinendes Kind zu trösten, ist nicht immer kinderleicht. Allein schon jedes Mal recht zu durchschauen: weint das Kind jetzt, weil es - etwa in der aktuellen Trotzphase - gemerkt hat, dass es eine wirksame Methode ist, seinen Willen gegebenenfalls auch mit erbärmlichem Protestgeschrei durchzusetzen? Oder: weint das Kind jetzt, weil es wirklich einen seelischen oder körperlichen Schmerz empfindet? Ein weinendes Kleines recht zu trösten, ist schon manchmal eine besondere Kunst. Einen bereits etwas älter Gewordenen, einen Erwachsenen, der sich in seine Depression eingehaust hat, bekommt man aus seiner verfahrenen Situation mit noch so gut gemeinten Worten nicht oder kaum heraus. Und die lähmende Trübsal eines ausweglos todkranken Menschen, den du besuchst, kann sich sehr schnell auch auf dein eigenes Gemüt legen: Die Worte bleiben dir im Halse stecken. Das wird auch manchmal gut so sein. Jedes Wort wäre zu viel. Schweigen - sagt dann mehr. Schweigen und - eine liebenswürdige Geste: dem anderen ein Bild vor Augen stellen, das ihn aufrichten kann, ihm die Hand halten, liebevoll den Arm um ihn legen und dich von ihm umarmen lassen - Zeichen der Liebe und Gegenliebe. Beim nächsten Mal vielleicht etwas mitbringen, Blumen oder „statt Blumen": einige selbst geschriebene Zeilen oder eine Karte mit einem Bibelspruch?
Es gibt genügend Worte in der Bibel, die Menschen in Bedrängnis und Trübsal trösten können, bis heute. Tröstende Kraft haben vor allem die Bibelworte, in denen die leidvolle Situation des Betreffenden auch vorkommt, deutlich benannt und als leidvoll anerkannt wird. Schon allein das kann tröstende Wirkung haben. Denn echter Trost schwindelt sich nicht über das Leid hinweg oder lenkt ab. Echter Trost bleibt beim Leidenden. Wirklich trostreiche Bibelworte haben ihre Stärke auch darin, dass in ihnen Gedanken mit enthalten sind, die über die momentane Situation hinausführen und neue Hoffnung und Mut zum Weiterleben geben.

Und das tut der Jahresspruch 2016, insbesondere auch, wenn man seinen Kontext mit einbezieht, weil er viele Assoziationen auslöst an bergende Fürsorge und Nähe, Unterstützung und Aufmunterung, ob tatsächlich von Menschen erlebt oder leider nur gewünscht, weil vielleicht eher selten erlebt, ja vermisst, auch das gibt es.

Aber das Bild von Gott, der wie eine Mutter für ihr Kind sorgt , sich fürsorglich um das Ihre kümmert, offen und auch tags und nachts im Geheimen immer für das Ihrige da ist, das ist eine Vorstellung, die im Sinne des Jahresspruches trägt: „Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ Ja, Gott tröste uns alle, wenn wir seines Trostes bedürfen, heute, im Neuen Jahr und darüber hinaus!

Amen.

 

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