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Predigt von Pfarrer Dr. Stefan Koch

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an Rogate 2016 (1. Mai) über 1. Timotheus 2,1-6a

Liebe Gemeinde,

als ich Marlene zum ersten Mal besucht habe, sind mir ihre Hände aufgefallen. Hände mit Schwielen, abgebrochenen Fingernägeln, rissiger Haut, einem zupackenden Griff. Marlene ist Putzfrau. Wenn die betenden Hände, die früher in den Wohnzimmern an der Wand hingen, nicht von Dürer stammen würden, könnte man meinen, es wären ihre Hände. Dazu passt, dass Marlene auch eine Beterin ist. Sie betet beim Putzen. Wenn sie in den verschiedenen Häusern ihrer Klienten sauber macht, lässt sie sich von verschiedenen Gegenständen an Gebetsanliegen erinnern. Ein Teller mit Süßigkeiten erinnert daran, für das Mädchen zu beten, das ein bisschen netter werden sollte. Wenn sie ihren Staubsauger in die Steckdose steckt, betet sie für einen Freund, der eine harte Zeit durchmacht und jetzt wieder mehr Energie, Gottes Kraft, braucht. Wenn sie den Stecker wieder herauszieht, um ins übernächste Zimmer zu gehen, betet sie für einen Verwandten, der dringend mehr Ruhe und vor allem ganz viel Erholung bräuchte.

Marlene ist unter ihrer Schürzenverkleidung ein echter Gebetsprofi, sie steckt so manchen Pfarrer in die Tasche. Das ist nicht so schwer, meinen Sie? Marlene sorgt dafür, dass die Familien, für die sie arbeitet, ihre Freundin, ihr Mann und viele andere vor Gott namentlich erwähnt werden. Im Gebet stellt Marlene das Verbindungsglied dieser Menschen zu Gott dar. Gott ist zu aller Zeit mit uns verbunden. Aber andersherum meinen Menschen oft, der Faden sei bei ihnen abgerissen. Besonders wichtig ist also das Beten für die Menschen, die von sich aus nicht an Gott denken. Denn diese Menschen kommen auf diese Weise vor Gott zur Sprache. Und alleine schon dieses zur Sprache Kommen verändert die Wirklichkeit.

Es gibt in unseren Gemeinden viele Marlenes. Gott sei Dank gibt es sie noch. Hoffentlich wachsen uns viele Marlenes nach – wir sollten beten, dass es so kommt! Scheinbar unscheinbare Menschen, die Gewaltiges leisten, die anstellen, was für viele verborgen bleibt, aber höchst sichtbare Früchte trägt. In unserer Zeit geschieht das Gebet oft nur noch im Verborgenen. Man muss schon in die Kirche kommen, um im Schutzraum unserer Gottes- und Gemeindehäuser und Gebetsräume ein Gebet mitzubekommen. Das öffentliche Gebetsschweigen unserer Tage hat viele Gründe, vielleicht sind auch gute Gründe dabei. Immerhin hat Jesus selbst dies seinen Jüngern mitgegeben hat, als sie ihn baten: Herr, lehre uns beten! Jesus fordert die Jünger damals und uns heute auf: „Wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, damit sie von den Leuten gesehen werden. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt. Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten" (Mt 6,5f)

Im Wirkungskreis dieser wichtigen Worte verbinden viele das Gebet mit dem Adjektiv „still“: Ein stilles Gebet vor dem Gottesdienstbeginn, am Mittagstisch, vor dem Einschlafen, zu Beginn der Sitzung, das Gebet im Stillen, am abgeschiedenen Ort, im Kämmerlein. Im Anhang der Lutherbibel wird erklärt, was mit „Kämmerlein“ damals gemeint war. Es war „das Vorratshäuslein neben dem Bauernhaus, das bei geschlossener Tür völlig dunkel und sehr unfeierlich war. Aber dort in der Verborgenheit, ist echtes Beten möglich", so wird es von den Herausgebern der Bibel in fast ein wenig feierlichem Ton notiert.

Es ist gut, wenn das Gebet, auch das Gebet zu mehreren, im Schutz des Privaten stattfinden kann. Es ist gut, dass die Erbauer unserer Kirchen in der Regel ein solches Kämmerlein vorgesehen haben, die Sakristei. In Starnberg haben wir im letzten Jahr einiges Geld dafür verwendet, diese Sakristei zu einem Kämmerlein zu machen, in dem das Gebet sich wohlfühlt. Und bei unserer letzten Schulung für unsere ehrenamtlichen Mesnerinnen und Mesner haben wir gemeinsam vereinbart, dass wir dort unser Sakristeigebet miteinander halten, das schon länger durch die Geschäftigkeit der Vorbereitungen ohne großen Raum geblieben war.

Noch recht stiefmütterlich gehen wir mit der Gebetswand um, an den Menschen in der offenen Kirche ihre Anliegen auf Zetteln notieren. Manchmal ist es Menschen, die sich unser Gebet wünschen, nicht einmal möglich in die Kirche zu kommen. Woche für Woche wird manches Krankenzimmer zum „Kämmerlein“. Donnerstags ist mein Kämmerleintag, da schaue ich im Starnberger Klinikum bei denen vorbei, die sich bei der Aufnahme als evangelisch bezeichnen. Und ich besuche natürlich nicht nur sie, sondern gehe zu allen, die auf Station im Zimmer liegen, um operiert oder entlassen zu werden. Alle Menschen, die ich bisher dort besucht habe, waren offen für einen Segensgruß ins Kämmerlein. Wer den nicht mag, der bekommt ja mit, dass ich von der Kirche komme, und kann dann so tun, als ob er schläft. Und sein stilles Gebet dann am Abend sprechen.

Man kann überall beten, wie wir bei Marlene sehen konnten. Ein paar Menschen haben in der Wohnung einen Winkel hergerichtet, der dann das „Kämmerlein“ darstellt. Ich selbst habe daheim auch so einen Ort mit einer Kerze, einer russischen Ikone vom dreifaltigen Gott und ein paar Ge-betbüchern, die schon recht zerfleddert sind. Ich finde, das gehört zu den Aufgaben eines Pfarrers, für die Gemeinde und ihre Menschen zu beten; in aller Bescheidenheit. Nie hat mir jemand diese Ecke bei sich daheim gezeigt und stolz gesagt „da bete ich immer“. Man spürt es, ob man in ein Haus kommt, in dem gebetet wird, liebe Gemeinde. Jedes Krankenhaus hat seinen Geruch, jede Schule, jede Kirche. Und auch jedes Haus. Schön, wenn es daheim nach gutem Essen riecht. Es darf bei uns aber auch nach der Frische des Gebetes riechen.

Unser Predigttext für den heutigen Sonntag Rogate – der lateinische Name ist ja selbst schon die Aufforderung – macht die oft verborgene Sphäre des stillen Kämmerleins sichtbar. Er zieht den Kreis sogar noch weiter. Es geht beim Gebet um viel mehr als um die privaten Sorgen einiger Kirchenleute. Es geht um Stadt und Land, es geht um die ganze Welt.

Lesung I Tim 2,1-6a

So ermahne ich nun, dass man vor allen Dingen tue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen, für die Könige und für alle Obrigkeit, damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen können in aller Frömmigkeit und Ehrbarkeit. Dies ist gut und wohlgefällig vor Gott, unserm Heiland, der will, dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. Denn es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Christus Jesus, der sich selbst gegeben hat für alle zur Erlösung.

Hier wird die Grenze des Privaten, des Kämmerleins, aufgehoben. Neben das leise, persönliche Gebet einzelner gehört das laute Gebet in einem öffentlichen Gottesdienst. Unsere Liturgie stellt sicher, dass diese Teile nicht in Vergessenheit geraten: Die Bitte um Vergebung der Sünden. Das Danken. Die Fürbitte für Außenstehende. Das besondere, und hoffentlich in unseren Gemeinden doch nicht so Ungewöhnliche ist, dass bei uns für Nichtchristen gebetet wird. Kaum in der Absicht, alle zu frommen Schafen einer von Pastoren geführten Herde zu machen. Ich hoffe, die Gemeindeglieder in Berg sind auch im Glauben und im Beten so eigensinnig, wie die in Starnberg. Es tut uns gut, wenn wir alle zusammentragen, wie wir beten, jeder nach der eigenen Kragenweite und jede auf die eigene Art und Weise.

Die Bitte für die Nichtchristen, die unser Predigttext von uns haben will, war zu seiner Zeit noch ungewöhnlicher, als sie es heute ist. In der damaligen Regierung war ein Staatsakt immer mit Anrufung der offiziellen Götter des Staates verbunden. In späterer Zeit, in der Statthalter den Christen nachstellten, wurde dieses öffentliche Gebet im Staatskult vor dem Standbild des Kaisers oft für die Christen ein Problem, man verfolgte sogar die Christen. Trotzdem sollte im christlichen Gottesdienst für die Machthaber gebetet werden.

Warum für die Mächtigen, die oft genug – damals, aber vielleicht nicht nur damals – ihre Macht durch Gewalt behaupteten? „Damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen können“, heißt es. Es ist der Wert eines geordneten Staatswesens, dass darin die elementaren Lebensbedingungen gesichert sind. Auch wenn in den Staats-, Landkreis- und Stadtkassen nie zu viel Geld ist, auch wenn hier und dort durchsickert, dass anvertraute Mittel verschwendet wurden: ich bin froh, dass auf den Straßen bei uns nicht das Faustrecht herrscht, dass grüner Strom aus der Steckdose kommt, der Fernseher angeht, wenn ich Tagessschau sehen will, die Heizung im Winter anspringt, die Post zugestellt wird, das Handy funktioniert, die Mail ankommt. Froh und dankbar um die Erfahrung, dass der Hubschrauber, wenn ich ihn höre, Menschen ins Krankenhaus transportiert und nicht mit Raketen auf Häuser schießt. Und was der Selbstverständlichkeiten mehr ist, von denen Menschen in Syrien und an zu vielen anderen Orten nur träumen können.

Wenn wir für Regierenden beten, dann ist es aber nicht nur der Dank für solche Annehmlichkeiten. Wir bitten Gott Stärkung für die Aufgaben, die allen in Regierungsverantwortung gestellt sind, und die womöglich täglich schwerer werden. Es mag sein, dass sie Menschen den großen Institutionen wenig zutrauen, vor allem wenn man sie nicht gut kennt. Umso mehr sind unsere Kirchengemeinden Orte, denen man in unserer Gesellschaft vertraut. Da spüre ich bei eigentlich jedem Besuch, den ich als Pfarrer mache. Dass man erst ein wenig verwundert ist, und dann doch dem Amt und seinem Träger Vertrauen entgegenbringt. So, dass ein Gespräch und in diesem Gespräch, wo es sich ergibt, auch ein Gebet möglich wird. Wir tun gut daran, die Erwartung der Menschen zu erfüllen, dass auch unsere Gemeinden in den Gottesdiensten und Gotteshäusern betende Gemeinschaften, für andere, nicht nur für uns selbst bittende Gemeinschaften sind.

Die Christen am Ende des ersten Jahrhunderts, als unser Predigttext entstand, haben auch für Könige und Kaiser gebetet. Das war kein angeordnetes Gebet für die Obrigkeit, wie das später die Staatskirche inszeniert hat. Sondern man betete für den König, weil er das besonders nötig hat. Weil Macht Versuchungen mit sich bringt. Wenn wir im Gebet eintreten für eine gute Regierung, für eine Wirtschaft, die möglichst vielen Menschen Arbeit gibt, heute besonders auch für genug Freizeit und gerechten Lohn, dann sagt das etwas über unser Verhältnis zu den Verantwortlichen. Und wenn auch die lokalen und regionalen Projekte durch das Gebet der Gemeinde vor Ort getragen werden, sollten gute Lösungen wahrscheinlicher werden, die mehr als eine Seite zufriedenstellen. Warum sollten wir das, was eigentlich nur wir beitragen können, den Menschen vorenthalten?

Es ist nicht das letzte Ziel, dass alles gut läuft im Stadtteil oder im Land. Gottes Ziel ist viel größer. Wenn es nach Gott gehrt, soll „allen Menschen geholfen“ werden „und sie“ sollen „zur Erkenntnis der Wahrheit kommen". Es gibt diese eine Wahrheit, dass Jesus den Weg zu Gott geöffnet hat. Und deshalb will Gott, dass alle Menschen zu Jesus finden. Wenn wir in Namen dieser Wahrheit beten, können wir auch konkret werden. Es ist ein Anfang, zu beten: Herr, errette alle Menschen. Besser wäre es, wir machten es wie Marlene, die bei ihrer Putzaktion die Zeit nutzt, verschiedene Namen und ihre Schicksale vor Gott auszubreiten. Unser Gebet geschieht im Namen Jesu Christi. In seinem Auftrag beten wir zu Gott, nicht in unserem Namen.

Zur Gebetshaltung schließlich macht der Predigttext keine Vorschriften. Bei näherem Hinsehen, etwa im Gebetbuch der jüdischen Bibel, in den Psalmen, merken wir: Man steht gut beim Beten. Breitet die Arme und Hände aus vor Gott. Wir haben mit der Unterscheidung von der Römisch-Katholischen Kirche ja bekanntlich die hilfreichen Gesten und Haltungen des Gebetes nicht aufgegeben. Wenn nun Menschen beten, die darin sichtlich nicht geübt sind, knien sie oft. Das hat ihnen keiner befohlen, sie empfinden es als angemessen. Welche Haltung ist meinem und unserem Gebet angemessen? Ohne Zwang, im Gegenteil, als Haltung, die uns zur Konzentration führt?

Ob wir nun beten wie Marlene, oder so, wie wir es als Kinder gelernt und geübt haben, ob wir still oder öffentlich für andere beten, wann immer wie beten, ist es „gut und wohlgefällig vor Gott, unserm Heiland, der will, dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen“.

Amen.
 

 

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