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Predigt von Klaus-Peter Jörns

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Klaus-Peter Jörns

Predigt im Katharina von Bora-Haus der EvLKG Berg am 30.4.2017
Predigttext: Markus 11,12-25
Atl. Lesung: Amos 5,14.21-24
 
I. Wo große Emotionen ausbrechen, geht es um etwas Wichtiges. In der Erzählung von der sogenannten Tem­pel­reinigung und seiner textlichen Umgebung geschieht das gleich drei Mal. Zuerst packt Jesus der Zorn über den Feigenbaum, der keine Feigen für ihn hat, obwohl ihn gerade hungert. Dann packt ihn der Zorn bis zur Handgreiflichkeit, als er die Tische derer umwirft, die im Vorhof des Tempels Tiere für Opferhandlungen verkaufen und die Währungen fremder Pilger in tempeleigene Münzen für die Tempelsteuer umtauschen - und an beidem gut verdienen. Und drittens er erteilt den Verantwortlichen eine heftige Lektion, indem er ihnen mit Bibelzitaten vorwirft, sie hätten aus dem Tempel, der ein Bethaus für die Völker sein soll, eine Räuberhöhle gemacht. Dieser Vorwurf muss die Tempelpriester und Schriftgelehrten hart getroffen haben, zumal Nichtjuden gar nicht in den Tempel durften. Es ist klar: Jesus will einen anderen Tempelkult.
 
Die Evangelien sind theologisch und sprachlich durchgestaltete Literatur. Die Evangelisten verwenden gerne Bildworte. So steht der fruchtlose Feigenbaum, der nur tut, was seine Natur ihm vorgibt, hier für den Opferkult, der den Menschen in Jesu Sicht nichts Heilvolles mehr brachte, auch wenn er regelgerecht funktionierte. Oder wir finden Zeichenhandlungen wie hier das Umstürzen der Tische im Tempelvorhof – es soll den Anfang vom Ende des Opferkultes anzeigen. In den Evangelien wird ein Heilsdrama aufgeführt, das sich Karfreitag als Tragödie zu erkennen gibt, ehe es in das Licht von Ostern gestellt wird. In diesem Licht geben sich dann Jesu Leben und Botschaft als neuer Heilsweg zu erkennen – trotz des Scheiterns am Kreuz. Und in den vielen Erzählungen, die auf dem Weg dahin spielen, erfahren wir, worum es Jesus mit seiner religiösen Revolution gegangen ist. Zugleich aber hören wir auch, was Jesu Auftreten bei den religiösen Führern ausgelöst hat: Die Absicht nämlich, ihn umzubringen. Der Entschluss, ihn zu töten, ist der dritte Zornausbruch in dieser Geschichte.
 
II. Es spricht viel dafür, dass dieser Auftritt Jesu auf ein tatsächliches Ereignis zurückgeht. In ihm hat Jesus gleich an seinem ersten Tag in Jerusalem das Endspiel um alles oder nichts eingeleitet. Entweder würde es ihm gelingen, den Opferkult aus dem Tempel herauszuwerfen und ein Bethaus daraus zu machen. Oder aber die Religionsführer würden ihn aus dem Leben werfen, ermorden. Einen dritten Weg gab es nun nicht mehr.
 
Was aber hat Jesus am Opferkult zum Zorn gereizt An zwei Stellen bei Matthäus (9,13; 12,7) nimmt Jesus die schonungslose Opferkritik der alten Propheten Israels auf (Hosea 6,6; 8,13; Amos 5,21f; Micha 6,6-8), um sich zu erklären, und zitiert als Gottes Willen den Satz ‚Barmherzigkeit will ich und nicht Opfer!‘ Denn Opfergaben für Gott bedeuten noch lange nicht, dass die Menschen gerecht und liebevoll miteinander umgehen. Doch genau darum geht es Gott, darum geht es Religion: Um die Verbindung von Frieden und Gerechtigkeit in unserem Umgang miteinander. Frömmigkeit zeigt sich nicht dadurch, dass wir unsere Schuld auf andere abwälzen. Wir sollen einstehen für das, was wir tun, und uns nicht hinter Opfern verstecken, die uns gut erscheinen lassen – wir sollen aber gut sein.
 
Besonders eindringlich finde ich, was bei Micha dazu überliefert ist: Da denkt ein Frommer über einige von der Tora verlangte blutige und unblutige Opfer nach und fragt: „Mit welcher Gabe soll ich (im Tempel) vor den Herrn treten …? Soll ich mit Brandopfern vor ihn treten, mit einjährigen Kälbern? Gefallen dem Herrn Tausende von Widdern (die geopfert werden), ganze Bäche von Öl (das im Tempel vergossen wird)?  Soll ich gar meinen Erstgeborenen opfern für mein Vergehen, soll ich die Frucht meines Leibes als Sündopfer für mein Leben geben?“ Und er erhält vom Propheten die Antwort: „Es ist dir kundgetan, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert: Nichts Anderes, als Recht zu üben und Güte zu lieben und als einsichtiger Mensch mit deinem Gott zu leben.“ Da die Welt von Frieden und Gerechtigkeit, von Barmherzigkeit, lebt, zählt nur, was wir dazu beitragen. An diese Beurteilung der Opfer schließt Jesus sich ausdrücklich an und fragt: „Was nennt ihr mich Herr, Herr, und tut nicht, was ich euch sage.“
 
Unter dem jüdischen König Herodes aber war genau die gegenteilige Entwicklung eingetreten: Der Tempel und sein Kult sind von ihm enorm ausgebaut worden. Der Bau und der personelle Aufwand mussten aber finanziert werden – und das ließ sich nur machen, wenn die Tempelpriester das Privileg behielten, den Menschen die von der Tora vorgeschriebene Sühne für die Sünden durch den Opferkult zu gewähren und dafür Abgaben zu bekommen. Tagtäglich mussten Tiere stellvertretend den Tod sterben, den eigentlich die Menschen als Strafe für ihre Sünden hätten erleiden müssen. Im Hebräerbrief ist dieser Grundgedanke knapp zusammengefasst worden: „Ohne Blutvergießen gibt es keine Vergebung“ (9,22). Dagegen haben die alten Propheten und ihnen folgend Jesus protestiert. Was wir im Leben anderen Menschen gegenüber an Nächstenliebe versäumen, kann nicht Tieren oder Menschen aufgeladen und an ihrem Leben gesühnt werden.
 
III. Darum spielt Vergebung bei Jesus eine so große Rolle. Denn Schuld ist etwas, was Menschen als Täter und Opfer voneinander trennt. Wer Vergebung für das haben will, was er Menschen angetan hat oder schuldig geblieben ist, muss auf diese Menschen zugehen und sie um Vergebung bitten und - geduldig warten, bis dieser verletzte oder gekränkte Mensch bereit und fähig ist zu vergeben. Und wenn wir selbst um Vergebung gebeten werden, ist es an uns zu vergeben. Wo das geschieht, wird Frieden gestiftet und Kränkung geheilt. Aber nicht dadurch, dass wir an den von uns Gekränkten oder Verletzten vorbei versuchen, von Gott Vergebung zu bekommen. Indem wir die Opfer übergehen, werden wir ein zweites Mal an ihnen schuldig.
 
Diese Einsicht steht hinter der doppelten Vergebungsbitte, wie wir sie im Vaterunser von Jesus überliefert bekommen haben: Wer Gott um Vergebung bittet, muss zuvor denen vergeben haben, die ihm Liebe oder Barmherzigkeit schuldig geblieben sind. So wie wir das Vaterunser sprechen, verdeckt es diese Reihenfolge. Es geht um mehr als um eine Bereitschaft zu vergeben. Beten müssten wir, wie es bei Matthäus heißt: „Vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben haben unseren Schuldigern.“ [Eine bedeutende Gemeindeordnung vom Ende des 1. Jh. n. Chr., die sogenannte Didache, hat aus derselben Einsicht heraus festgelegt, dass keiner am Abendmahl teilnehmen soll, der im Unfrieden mit einem anderen Menschen lebt und nicht versucht hat, sich mit ihm zu versöhnen. Über dem Unfrieden könnte ihm sonst der Bissen im Halse steckenbleiben.]
 
Ob wir es wahrhaben wollen oder nicht: Folgen wir Jesus, fängt der Frieden auf Erden, nach dem sich alle sehnen, mit dem zwischenmenschlichen Heilsgeschehen der Vergebung an. Ja, Heil fängt mit Vergebung an. Dass gilt für den Umgang einzelner Menschen miteinander genauso wie für den Umgang von Völkern bzw. Staaten. Der Kniefall Willy Brandts in Warschau war ein Heilszeichen für Polen und Deutsche. Wir alle, sie alle, haben Verantwortung für den Frieden. Jesu Hinrichtung am Kreuz nimmt uns diese Verantwortung nicht ab. Heilvoll ist dieses Ereignis aber, weil Jesus das furchtbare Unrecht, das ihm angetan wurde, nicht mit Vergeltung, sondern mit der Bitte an seinen Vater beantwortet hat: „Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ Diese Bitte ist eine Äonenwende im Umgang mit Schuld. Sie kommt aus der Liebe zum Leben, und diese Liebe will die Kettenreaktion von Gewalttat und neuer Gewalt unterbinden.
 
Aber auch hier gilt: „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“. Wenn wir Jesu Beispiel folgen wollen, müssen wir Im Umgang miteinander, mit Frau und Mann und Freunden darauf achten, welches Beispiel wir unseren Kindern und Enkeln geben. Um Mut zur Vergebung zu bekommen, brauchen wir Menschen schon früh Vorbilder, von denen wir lernen, wie Vergebung im Alltag aussieht und welche Friedenskraft von ihr ausgehen kann.
Aber das heißt auch: Die so gern benutzte Floskel „Ich entschuldige mich“ muss aus unserem Sprachgebrauch verschwinden, denn sie nimmt die Opfer unserer Missetaten nicht ernst. „Ich bitte um Vergebung, ich bitte um Entschuldigung!“ muss es heißen. Auch im Abendmahl geht es in der offiziellen Form immer noch darum, dass Gott uns unsere Sünden vergeben möchte – uns Tätern, an den Opfern vorbei. In der gleich zu feierenden wechselseitigen offenen Schuld und Vergebung aber wird jede und jeder von uns beide Rollen übernehmen: um Vergebung bitten und Vergebung zusprechen.
 
IV. Die Erzählung von der Tempelreinigung endet nicht einfach mit der endgültigen Absage an den Opferkult. Sondern Jesus ordnet den Umgang mit unserer Schuld neu. „Glaubt an Gott“, sagt er. Ich verstehe das Wort so: Glaubt, dass Gott in dem, was zwischen uns Menschen geschieht, seine Kraft entfaltet – auch gegen manche Wahrscheinlichkeit. Ihr seid nicht allein! Riskiert Gott in eurem Leben, indem ihr immer wieder Liebe zum Leben und Vergebung riskiert.
 
Ja, vergeben ist eine Bürde, etwas, was wahnsinnig schwerfallen kann. Aber wer durch Vergebung Frieden gestiftet hat, hat auch erfahren, dass diese Bürde nur die Rückseite der ungeheuren Würde ist, die Jesus uns zugesprochen hat: Ohne jeden Kult, im Vertrauen darauf, dass Gott mit uns ist, können wir Menschen andere Menschen freisprechen von ihrer Schuld – und so das Unheil abwenden, das Menschen erleiden müssen, die mit einer unvergebenen Schuld leben oder gar sterben müssen. (V. 25). In den Seligpreisungen hat Jesus die Summe seiner Glaubensreform so formuliert: Wer um Vergebung bittet und vergibt, stiftet Frieden. Und „wer Frieden stiftet, ist Gottes Sohn und Gottes Tochter“ (Matthäus 5,9).
 
V. Bleibt noch eine Frage: Warum ist dann trotzdem im Laufe der Kirchengeschichte die ungeheure Bedeutung, die Jesus der Vergebung zugesprochen hat, vom Opferdenken wieder zugedeckt worden? Warum hat man den Tod Jesu schließlich als das zentrale Heilsereignis verstanden und von seinem Blut gesagt, dass es alle Schuld der Welt tilgen könne? Antwort: Weil man so den mühsamen Weg zu denen, an denen man schuldig geworden war, umgehen und trotzdem Gottes Vergebung erhalten konnte. Außerdem schien Gottes Vergebung unendlich viel wichtiger zu sein als die Vergebung, die wir von Menschen bekommen können.
 
Lasst uns von Jesus lernen, dass der mühsame Weg zu einem Menschen, den wir um Vergebung bitten, mit dem wir uns versöhnen wollen, ein Heilsweg ist. Für den Anderen, für mich, für die Welt, in der wir leben. Und was hat das mit Gott zu tun? Auch hier gilt der ungeheure Satz, den Jesus im Gleichnis Matthäus 25 den Weltenrichter sagen lässt: „Was ihr einem/r meiner geringsten Brüder und Schwestern getan habt, habt ihr mir getan.“
 
Und wenn Ihr mögt, dann sagt dazu Amen.
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