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Predigt an Karfreitag 2017 von Pfarrer Peter Morgenroth

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Karfreitag, 2017 11 Uhr Aufkirchen

Lukasevangelium 23
33 Und als sie kamen an die Stätte, die da heißt Schädelstätte, kreuzigten sie ihn dort und die Übeltäter mit ihm, einen zur Rechten und einen zur Linken.
34 [Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!] Und sie verteilten seine Kleider und warfen das Los darum.
35 Und das Volk stand da und sah zu. Aber die Oberen spotteten und sprachen: Er hat andern geholfen; er helfe sich selber, ist er der Christus, der Auserwählte Gottes.
36 Es verspotteten ihn auch die Soldaten, traten herzu und brachten ihm Essig
37 und sprachen: Bist du der Juden König, so hilf dir selber!
38 Es war aber über ihm auch eine Aufschrift: Dies ist der Juden König.
39 Aber einer der Übeltäter, die am Kreuz hingen, lästerte ihn und sprach: Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns!
40 Da antwortete der andere, wies ihn zurecht und sprach: Fürchtest du nicht einmal Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist?
41 Wir sind es zwar mit Recht, denn wir empfangen, was unsre Taten verdienen; dieser aber hat nichts Unrechtes getan.
42 Und er sprach: Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst!
43 Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.
44 Und es war schon um die sechste Stunde, und es kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde,
45 und die Sonne verlor ihren Schein, und der Vorhang des Tempels riss mitten entzwei.
46 Und Jesus rief laut: Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände! Und als er das gesagt hatte, verschied er.
47 Als aber der Hauptmann sah, was da geschah, pries er Gott und sprach: Fürwahr, dieser Mensch ist ein Gerechter gewesen!
48 Und als alles Volk, das dabei war und zuschaute, sah, was da geschah, schlugen sie sich an ihre Brust und kehrten wieder um.
49 Es standen aber alle seine Bekannten von ferne, auch die Frauen, die ihm aus Galiläa nachgefolgt waren, und sahen das alles.

1.
Ein Massen-Spektakel wird das damals nicht gewesen sein.

Eine undurchsichtige Verhaftung bei Nacht und Nebel. Schnellverfahren. Aburteilung. Reine Routine. Kein Grund zur Aufregung. Kein Aufsehen. Es war eigentlich nicht viel mehr als eine unbedeutende Provinz-Posse am Rand der Welt.
Und da stirbt es sich sehr bescheiden.
Eine Handvoll Spaziergänger schaut zu und hat ihren Spott parat.
Ein paar Frauen halten bei ihm aus. Und ein paar gelangweilte Soldaten. Repräsentanten des Staates. Sie können den Dienstschluss kaum noch erwarten. Es sind ja wieder mal nur drei Verbrecher, die ihrer Strafe zugeführt werden.
„Arme Schlucker“ wird man sagen. „Arme Schlucker. Aber was soll man machen!“
„Der da in der Mitte. Er hätte es wissen können. Er hätte ja nur den Mund halten müssen vor den mächtigen Herren. Aber nein! Er wollte es so.“
Mitleid? Ja vielleicht. Ein wenig. Weil er keiner von diesen wirren Terroristen ist aus den Bergen ringsum, die mal hier und mal dort zuschlagen. Ja, die gab es damals auch schon. Nur so ein Religiöser.
„Armer Schlucker!“
Dieser arme Schlucker stirbt völlig unspektakulär. Ohne Trommelwirbel, ohne Chor, ohne Halleluja, ohne andächtiges Schweigen.
Niemand konnte damals ahnen, dass dies der berühmteste Tod der Weltgeschichte werden würde. Allerdings ein Tod, der Fragen aufwirft:


2.
Musste das denn sein?

„War das denn nötig?“ So haben schon die Zeitzeugen damals gefragt. „War das denn nötig. Er hat doch keiner Fliege etwas zuleide getan.“
Warum er sterben musste, lässt sich nur erahnen, wenn man sich in ein Volk hineinversetzt, das seit 800 Jahren von einem Angreifer nach dem anderen um Frieden und Freiheit gebracht worden ist. Waren es nicht die Ägypter, dann waren es die Assyrer und die Babylonier, die die Region platt gemacht haben. Waren es nicht die Ptolemäer, so waren es die Seleukiden und schließlich die Römer. Und auch die waren schon wieder seit 80 Jahren als Besatzer im Land.
Darüber hinaus war auch innenpolitisch kein Kraut gewachsen gegen korrupte Gouverneure. Gegen die Rechtlosigkeit. Gegen die Willkür der Steuerbehörden, die sich nehmen konnten, was nur zu holen war.

Verständlich, dass sich dieses Volk an seinem Glauben festkrallte: „Gott steht auf unserer Seite und wir stehen auf seiner. Gott hat sich doch ein für alle Mal mit uns verbündet, mit seinem Volk. Dieser Bund kann doch nicht einfach aufhören! Wenn wir nur konsequent genug an ihm festhalten, muss er sich uns doch endlich gnädig zeigen.“
Auf den Spuren dieser fundamentalistischen Logik bildete sich eine religiöse Elite. Religiöse Fanatiker inmitten einer Mehrheit von Gleichgültigen, von Sündern und Kollaborateuren.

Und dann kommt Jesus daher und verwischt die Grenze zwischen den Armseligen, den Sündern, den Gleichgültigen einerseits und den Religiösen, den Gesetzestreuen, den konservativen Eiferern andererseits.
Weil er meint, dass Gottes Wohlwollen auch den Menschen gilt, die vom Gesetz Gottes nichts wissen und nicht die geringste Chance haben, es einzuhalten. „Unverschämt!“
Er hat darum geworben, Gott als gütigen Vater zu sehen, dessen Wohlwollen den Armen gilt, die sich religiös nicht auskennen.

„Eine Frechheit!“
Er hat seinen Zeitgenossen einen Gott vorgestellt, dessen Wohlwollen den Kindern gilt, die vom Gesetz Gottes nichts wissen und den religiösen Anforderungen gar nicht nachkommen können. Das war eine unerhörte Provokation.
Er hat darauf bestanden, dass Gott den Sünder mit Augen der Güte ansieht, obwohl er seinen Willen missachtet. „Unerhört!“
Den Ungebildeten, die irgendwo draußen in Höhlen leben und wie 90 Prozent der Bevölkerung nie eine Schule von innen gesehen haben.


„Ein Skandal!“
Den Frauen, die normalerweise zu schweigen haben. Und bei ihm aufatmen dürfen. So weit wird es noch kommen!

Jesus suchte das brüderliche und schwesterliche Volk, nicht das rituell reine. Dieser Mann aus Nazareth propagiert eine neue Gewichtung, die alles zerstört, woran die Hoffnung der Juden sich klammert. An die Stelle klarer religiöser Vorschriften setzt Jesus die Gemeinschaft der Fragwürdigen, der Armen, der Unreinen. Mit ihnen feiert er das Mahl und nimmt die Hoffnung Israels für sie in Anspruch. Und weil er davon nicht nur spricht, sondern das auch lebt, ist es der gefährlichste Angriff auf das Judentum, das aus seinen eigenen Reihen jemals hervor-gegangen war.

Der Mann aus Nazareth hat eine neue geschwisterliche Weltordnung entworfen, die alles auf den Kopf stellte. Damit hat er zu seiner Zeit bis aufs Blut provoziert. Diese Provokation hat er mit dem Leben bezahlt. Er wusste wofür er starb. Er hat sich aufgeopfert für das künftige brüderliche und schwesterliche Volk, das Gott wollte.
Man hätte nie behaupten sollen, das "stellvertretende Leiden Jesu für die Menschen" sei in sein Sterben erst später hineininterpretiert worden. Er wusste, wofür er starb:
Er starb mit dem klaren Blick auf die Menschen für die er gelebt hatte. Am Ende sind es die Augen der Güte, mit denen Gott mich sieht. Davon wollte Jesus überzeugen. Dafür ist er gestorben. Ohne Widerspruch. Ohne Anklage. Ohne Bitterkeit. Ohne sich zu verteidigen. Sein Tod war die Konsequenz aus seinem Leben!

3.
Das wirft die zweite Frage auf: Wollte Jesus leiden?
Hat er es auf´s Leiden abgesehen?
Dazu hat sich Jesus selbst auf wenig verschlüsselte Weise selbst geäußert.
Er wurde vor der Verhaftung gewarnt. Einige Pharisäer trugen ihm zu, dass er in Lebensgefahr sei. „Geh weg von hier; denn Herodes will dich töten.“
Und Jesus sagt: „Geht hin und sagt diesem Fuchs: Ich treibe böse Geister aus und mache gesund heute und morgen. Und am dritten Tage werde ich vollendet sein.
Jerusalem, Jerusalem, die du tötest die Propheten und steinigst, die zu dir gesandt werden, wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen wie eine Henne ihre Küken unter ihre Flügel, und ihr habt nicht gewollt.“ (Lk 13,31ff)

Zwei Tiere stellt Jesus in knappen Worten einander gegenüber:
Auf der einen Seite Herodes, der Fuchs, listig, lauernd, bedrohlich.
Und auf der anderen Seite eine Glucke mit ihren Küken. Mütterlich. Fürsorglich. Schützend und bergend.
Es ist das Bild, das hinter dem Kindergebet steht: Breit aus die Flügel beide. Wie eine Glucke ihre Küken hat Jesus Menschen unter seine Fittiche genommen.
Eine Henne, bei der die Küken untergeschlupft sind, verliert allerdings ihre Bewegungsfreiheit. Eine leichte Beute für den Fuchs.
Dieses Bild vom Fuchs und der Henne spricht für sich.
Dieses Bild sagt: Jesus ist bereit, sich zu opfern.
Nicht weil er Weltmeister im Leiden werden wollte. Jeder Prospekt von ai zeigt übrigens, dass Gefolterte und Geschändete heutzutage nicht weniger leiden.
Jesus war nicht Weltmeister im Leiden. Er war Weltmeister im Mitleiden. Das sieht schon die Bibel als Freistellungsmerkmal: Wir haben einen, der mitleiden kann. Heilungen, Zuwendungen, Gespräche, Lösung von Unterdrückten, das war seine Spezialität.
Und dieser Weltmeister im Mitleid störte und darum musste er sterben.

Doch die Fähigkeit zum Mitleiden bleibt. Das Mitleid wird zum Freistellungsmerkmal für die Christenheit.
Karitatives Wirken gibt es in allen Religionen. Aber eines gibt es in anderen Religionen nicht: aufopferungsvolles Erbarmen. Anderen Menschen das Leben erleichtern, indem man sie unter Hintanstellung eigener Interessen unter die Fittiche nimmt. Das Erbarmen gehört zur corporate identity aller Christen.


4.
Musste Jesus leiden?
Wollte Jesus leiden?
Und die dritte Frage heißt: „Für mich gelitten und gestorben?
Wieso für mich? Was hab ich denn Schlimmes getan?
Generationen von Theologen haben versucht, das verständlich zu machen und ganze Bibliotheken gefüllt mit komplizierten Opfer-Theorien. Allesamt schwer nachvollziehbar und doch jahrhundertelang achtsam gepflegt und dem Kirchenvolk auf einer Unzahl von Gemälden vor Augen gestellt.
Jeder sollte auf diesen Bildern sehen, wie standhaft Märtyrer waren, wenn ihnen bei lebendigen Leib die Haut abgezogen wurde, wenn sie mit glühenden Zangen maltraitiert wurden, wenn sadistische Folterknechte sich an ihnen austoben durften.
Und wenn sie standhaft geblieben sind, wenn sie wegen ihres Glaubens zu Tode geschunden wurden, so meinte man, hatten sie bei Gott gewissermaßen einen Stein im Brett. Man meinte, sie hätten mit ihrem standhaften Leiden mehr Verdienstvolles gemacht, als Gott verlangen kann, gewissermaßen das ethisches Soll übererfüllt, einen Schatz angesammelt, auf den nun andere zurückgreifen können. Von diesem himmlischen Guthaben, so meinte man, können nun normal Sterbliche leben. Und so war es um etwa 1200 in Westeuropa üblich, zu allen Heiligen zu flehen: „Heiliger Florian, bitt für uns. Heilige Barbara, bitt für uns. Heiliger Martin, bitt für uns….“

Man war der Ansicht, dass die Märtyrer mit ihrem Gehorsam ein Übermaß an Nachsicht bei Gott für uns erworben hätten, das uns nun Stück für Stück zugutekommen sollte. Und so deutete man auch den Tod Jesu am Kreuz: Für uns aufgeopfert. Einen Schatz bei Gott erworben. Wir sind Nutznießer und können von diesem Schatz abbuchen.

Mit dieser mittelalterlichen Logik wird allerdings die christliche Botschaft grausam verstümmelt und verdreht. Jesus hat am Kreuz kein Opfer gebracht. Nicht mal sein Leben als Opfer. Das hat er vorher schon verschwendet. Er ist selbst Opfer geworden.

5.
Und doch bleibt die nachösterliche Frage: Für mich gestorben?

„Musste nicht all das so geschehen?“ Das wird übermorgen die fast rhetorische österliche Frage des Auferstandenen sein an die beiden desillusionierten Jünger auf dem Weg nach Emmaus. Musste nicht all das so geschehen? Damit eine neue Schöpfung ihren Anfang nehmen kann.
Seht das Samenkorn an.
Legt man das Weizenkorn in die Erde, wird es keimen, Wurzeln schlagen, Neues wird wachsen.
Neues Leben. Andersartig. Unvergleichlich.
Das alte Samenkorn wird nicht mehr da sein. Grabt nach – ihr werdet es nicht mehr finden.
Und genau das wurde zum Sinnbild für Christus. Für sein Sterben, sein Auferstehen: Das Alte ist vergangen. Es ist neues geworden. Neues Leben.
Es ist andersartig. Unvergleichlich. Grabt nach.
Grabt nach in der Geschichte und den theologischen Wissenschaften,
wühlt die Philosophie um und um, ihr findet ihn nicht, euren Gott.
Aber er lebt. Wir haben es erfahren. Wir sind ihm begegnet. Neues Leben ist geworden. Es ist ein Wunder, das Wunder allen Lebens.

Ich irre mich jetzt nicht im Datum. Habe nicht das falsche Manuskript dabei. Ich weiß, es ist erst Karfreitag, und noch nicht Ostern. Aber von Ostern her bekommt das Sterben Jesu noch einmal einen anderen, einen bleibenden Sinn, der auch mich erfasst.

Erst von Ostern her kann ich das Kreuz anschauen ohne Resignation und es als Durchgangsstation verstehen. Verstehen, dass er auch für mich starb. Und mir den Glauben bringt, dass mit dem Tod nicht alles aus ist. Der Horizont weitet sich. Und gelegentlich blitzt Gottes neue Schöpfung in der solidarischen Gemeinschaft der Christen auf. Wie gut, dass wir nach dem Karfreitag auf Ostern hoffen können.
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