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Predigt am Palmsonntag 25.03.2018

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von Pfarrer Peter Morgenroth

 

Lukas 19,29-40 Einzug in Jerusalem

 



Begrüßung
Heute beginnt die Karwoche. Sie beginnt mit hochgesteckten Erwartungen. Jetzt wird Jesus sich outen. Zeigen, was Gott kann und was in ihm steckt. Doch der Willkommensjubel wird verebben und mündet in die Katastrophe. Das Willkommensgeschrei wandelt sich in das bittere „Macht endlich Schluss und kreuzigt ihn!“ So schnell wandelt sich die Stimmung. Wir kennen das. Die Karwoche, das sind die Tage, wo jeder Farbe bekennen muss. Und viele haben damals gesagt und sagen es bis heute:
„Wir haben Gottes Spuren festgestellt
auf unsern Menschenstraßen,
Liebe und Wärme in der kalten Welt,
Hoffnung, die wir fast vergaßen.
Zeichen und Wunder sahen wir gescheh´n
in längst vergang´nen Tagen.
Gott wird auch unser Wege gehen,
uns durch das Leben tragen.“

Predigt
Rom hat einen Triumphbogen. Direkt neben dem Kolosseum. Erbaut ab 315 zu Ehren Konstantins.
Paris hat einen Triumphbogen. Den Arc de Triomphe an den Champs Elisees. Erbaut kurz vor der französischen Revolution.
Berlin hat einen Triumphbogen. Das Brandenburger Tor, durch das man die Prachtstraße Unter den Linden betritt.
Und ausgerechnet München sollte keinen Triumphbogen haben? Das war nicht nach dem Geschmack von Ludwig I. Ab 1843 ließ er das Siegestor auf seine Kosten errichten. Einen nutzlosen Monumentalbau nach dem Vorbild des römischen Konstantinbogens. Genau an der nördlichen Stadtgrenze Münchens sollte es entstehen. An der Grenze zum dörflichen Schwabing. Und zunächst stand es mitten in Wiesen und Feldern. Durch dieses Siegestor sollte man Münchener Grund betreten. Eine Prachtstraße sollte von da aus schnurgerade auf die Feldherrnhalle zuführen. Als Triumphpforte war das Bauwerk vom Stararchitekten Friedrich Gärtner entworfen. Dann wurde es zur Siegespforte umbenannt und schließlich zum Siegesthor. „DEM BAYERISCHEN HEERE“ war es auf der Nordseite gewidmet, während die der Stadt zugekehrte Seite an den königlichen Bauherrn erinnerte, der allerdings bei der Einweihung im Jahr 1850 demonstrativ und beleidigt fernblieb, weil man ihn zwei Jahre vorher wegen der Montez-Affäre zum Rücktritt gezwungen hatte.

Durch dieses Siegestor marschierten 1871 die bayerischen Truppen nach dem Frankreich-Feldzug. Und 1918 zogen deutsche Soldaten nach dem verlorenen Krieg ein, dann sowjetische Soldaten. Es kamen allerlei Umzüge und Aufzüge im Nazideutschland. Nach dem zweiten Weltkrieg sollte das schwer beschädigte Siegestor abgerissen werden. Und erst 1999 ist es nach jahrzehntelanger Renovierung wieder hergestellt. Seine Funktion als Stadteinfahrt hat das Siegestor allerdings nie wahrnehmen können, denn schon bald nach seiner Ersteröffnung war das Dorf Schwabing eingemeindet worden. Und das Siegestor war nicht mehr das Stadtportal.

Dennoch stelle ich mir das Siegestor nun als das Eingangsportal in die Stadt vor. So war es ja ursprünglich geplant. Und ich lasse in meiner Fantasie einen nicht besonders deutsch Aussehenden gemächlich auf einem Esel in die Stadt einreiten. Hager, kein Gramm Fett zu viel. Ein paar obdachlose Habenichtse versuchen sich an einem PR-Gag. Sie tun so als zöge hier ein Hochwohlgeborener in die Stadt ein, werfen ein paar Lumpen auf das Kopfsteinpflaster in Ermangelung eines roten Teppichs. Und dann kommen sie mit einer Charme-Offensive an die Gaffer am Straßenrand: Das ist er! Wir könnten Euch Geschichten erzählen. Ein Irrsinn! Der macht jetzt Karriere. „Mein Gott! Endlich die Rettung! Gelobt sei, der da kommt, der König, im Namen des Herrn!“

Sehr befremdlich, diese Szene, die sich da vor den Augen von Studenten und Professoren am Geschwister-Scholl-Platz abspielt. Der Spuk dauert aber nicht lang. In einer Minute ist wohl alles vorbei. Nein, noch nicht ganz: Der Unmut der Gebildeten ist jetzt nicht zu überhören: „Meister, weise doch deine Anhänger zurecht! Das geht doch nicht, wie die sich aufführen!“
„Nein, mach ich nicht! Wenn die schweigen werden, so werden die Steine schreien!“ Sagt er. Lässt sie stehen und zieht weiter mit seinem obskuren Häuflein.

Das Grüppchen kommt der Stadt immer näher. Die Nerven liegen blank. Dem Reiter gehen die Augen über und er beginnt über diese Stadt zu jammern: „Ach, du ehrwürdige Hauptstadt! Wenn du doch endlich erkennen würdest, was den Menschen nützt und zum Frieden dient! Wie kann man nur so blind sein!“
So etwa müsste man den Einzug Jesu in Jerusalem schildern, wenn man ihn auf Münchner Verhältnisse übertragen wollte. Und dabei wird der Kontrast überdeutlich. Da zieht kein Mächtiger hoch zu Ross zu den Klängen des Defiliermarsches in eine Stadt ein, in der sich alle untertänigst vor ihm beugen. Keine Jubelnden säumen die Straßen. Keine Fähnchen werden geschwenkt. Kein Hoch und kein Heil! So lässt sich doch keine Karriere machen. Heute würde man sagen: Ein Haufen von Loosern belustigt die Leute. Es wirkt wie eine Karikatur. Eine skurrile Inszenierung. Eine sorgfältig geplante Inszenierung. Bei der nichts dem Zufall überlassen bleibt.

Im Philipperbrief (Kapitel 2) kann man die Deutung dieser Inszenierung nachlesen. Sie ist uns in Form eines der ältesten Glaubensbekenntnisse erhalten:
Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt. Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz. Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist, dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.
Der Einzug Jesu in Jerusalem wird wie sein gesamtes Auftreten und Wirken als absichtliche Erniedrigung gedeutet. Als Hingabe. Und das ist neu im antiken Tugendkatalog. Bescheidenheit und Mäßigung verlangt die antike Ethik und Hochmut verurteilt sie. Aber erst mit dem Aufstieg des Christentums wird die Selbst-Erniedrigung zur Kardinaltugend erklärt. „Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig“ So zitiert das Matthäusevangelium Jesus. Die Schilderung von seinem Einzug in Jerusalem auf einem Esel statt hoch zu Ross wird als veranschaulichende Szene verstanden. Absteigen. Nicht über anderen stehen. Sich nicht überheben. Sich anderen zur Seite stellen. Eine neue geschwisterliche Gemeinschaft soll entstehen.

Doch bald schon hat ein Übersetzungsfehler den Traum der solidarischen Gemeinschaft ins Unkenntliche verzerrt. Das kam durch die iroschottischen Mönche, die aus Ihrer Heimat ausgewandert sind und sich an unwirtlichen Orten als Einsiedler niedergelassen haben. Am Irschenberg zum Beispiel, dem Berg der „Irischen“. Auch in Kärnten gibt es den Ortsnamen „Irschen“. Jenseits der Pyrenäen haben sie ihre Klausen gegründet. Sie haben die lateinische Bibel für Germanen übersetzt. Und sie übersetzten das lateinische humilitas – nicht mit Niedrigkeit, sondern mit Demut. Das sollte weitreichende Folgen haben. Denn dieses Wort „Diemüte“ bezeichnete die Unterwürfigkeit gegenüber dem Lehnsherrn. Mit "Diemüete meint noch das Mittelhochdeutsche die Gesinnung von Gefolgsleuten gegenüber ihrem Lehnsherrn, wenn sie vor einem Herrn niederknieten, um auf Befehle zu warten. Demut – das klingt nach bedingungsloser Unterwerfung, nach Unterwürfigkeit nach blinder Selbstverleugnung. Und so wird die Demut zum Dreh- und Angelpunkt des christlichen Lebens, Weg und Ziel aller Hinwendung zu Gott und bleibt es weit über tausend Jahre.
Seitdem werden Menschen im Namen der Demut bedrängt, unterdrückt, eben im abwertenden Sinne gedemütigt. Fügsam gemacht.

Der Unterlegene hatte sich zu unterwerfen.
Der Untertan (eben noch nicht der Bürger!) hat demütig zu dienen.
Der Knecht hat demütig zu gehorchen und nicht aufzumucken.
Frauen haben demütig und still ihren Männern zu Diensten zu sein.
In Klöstern demütigte man sich selbst, um sich so Gott zu unterwerfen.
Jahrhundertelang hat die Forderung nach einem demütigen Leben Menschen in Unmündigkeit gehalten. Und gebeugt. Und auf die Knie gezwungen. Wer Demut predigte, wollte nicht selten Demütigung
Das aber hat mit dem Wirken Jesu nichts zu tun. Erst die Reformationszeit entdeckt wieder, dass der Aufruf zur Demut kein Herrschaftsinstrument sein soll und niemals eine erzwungene Unterwerfung meint. Demut im besten biblischen Sinn ist eine Selbstbescheidung, Bescheidung aus eigener Erkenntnis. Freiwillig. Zur Demut kann niemand gezwungen werden. Demut ist nicht einzufordern. Keine Unterwürfigkeit mehr! Seit der Epoche der Aufklärung gibt es das Plädoyer für einen aufrechten Gang, für Autonomie und Rationalität, für all die Werte also, die den Predigern der Demut so verdächtig sind. Demütige Unterwerfung geht ganz und gar nicht mehr. Und so ist mit Recht die Forderung nach Demut seit Generationen vielen ein rotes Tuch.

Und nun plötzlich kommt die Demut wieder:
Wir konnten einen Goldmedaillengewinner sehen, wie er sich zu Boden wirft und erklärt, dass er seinen Sieg in Demut annimmt.

Der österreichische Kanzler Kurz hat in Demut sein Amt angetreten.
Matthias Sammer forderte als Sportdirektor des DFB von jungen Fußballprofis mehr Demut und erklärte auch sogleich, was er darunter versteht: „Respekt, Anstand, Ehrlichkeit und Bescheidenheit.“ Keine selbstverliebten Jungstars, sondern Spieler, denen die Mannschaft wichtiger ist als der persönliche Erfolg.

Vor dem Evangelischen Arbeitskreis der CDU/CSU forderte Kanzlerin Merkel „Mehr Demut in der Politik“ und meinte: „Das letzte Wort hat Gott. Das Wissen, dass es Unverfügbares gibt, ist ein Schutz vor Allmachts-Fantasien und Machtmissbrauch“.

Überall der Aufruf zur Bescheidenheit, zu Genügsamkeit und zum Bewusstsein für die Grenzen des eigenen Tuns. Dass wieder von Demut gesprochen wird, wird man wohl als Protest verstehen müssen. Als Protest gegen den ausufernden Egoismus in der Zeit der Ich-AGs. Die Demut kehrt wieder. Aber nun nicht mehr als Peinliche Übung der Unterwerfung und Selbstaufgabe. Sondern jetzt als würdige Geste dessen, der weiß, dass die Welt nicht nur um ihn selbst kreist.

In diesem Sinne schrieb der Königsberger Dichter Valentin Thilo im 17. Jahrhundert in einem Adventslied:
"Ein Herz, das Demut liebet, / bei Gott am höchsten steht; / ein Herz, das Hochmut übet, / mit Angst zugrunde geht; / ein Herz, das richtig ist / und folget Gottes Leiten, / das kann sich recht bereiten, / zu dem kommt Jesus Christ."
Ein demütiger Mensch weiß: Es gibt mehr als ich bin. Mehr als ich weiß. Mehr, als was ich wahrnehme und erfasse. Und ich bescheide mich. Und weiß mich gut aufgehoben in dieser Zeit und in der Unendlichkeit nach dieser Zeit. Ja, man kann wieder von Demut reden. Vielleicht bräuchte es nur manchmal ein moderneres Wort für Demut. Vielleicht: Achtsame Bescheidenheit? Sich achtsam selbst bescheiden? Und dabei menschlich werden.

 

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