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Dialog-Predigt
17. Sonntag nach Trinitatis, St. Michael - Wolfratshausen
Einführung von Cornelia Jung als (liturgische) Lektorin
von Cornelia Jung & Edzard Everts

Jesus hatte eine Blinden geheilt, einen, der von Geburt an nicht sehen konnte. Diese
Heilung, dieses unerhörte und überraschende Geschehen, führt zu Diskussionen innerhalb
der Synagogen-Gemeinde. Im Streit um die Deutung dieses Ereignisses kommt es zum
Gemeindeausschluss des Geheilten. Hier setzt unser Predigt-Text an: Predigt-Text (Joh 9, 35-4)

Es kam vor Jesus, daß sie ihn ausgestoßen hatten. Und da er ihn fand, sprach er zu ihm: Glaubst du an den Sohn Gottes? Er antwortete und sprach: Herr, welcher ist's? auf daß ich an ihn glaube. Jesus sprach zu ihm: Du hast ihn gesehen, und der mit dir redet, der ist's. Er aber sprach: HERR, ich glaube, und betete ihn an.
Und Jesus sprach: Ich bin zum Gericht auf diese Welt gekommen, auf daß, die da nicht sehen, sehend werden, und die da sehen, blind werden. Und solches hörten etliche der Pharisäer, die bei ihm waren, und sprachen zu ihm: Sind wir denn auch blind? Jesus sprach zu ihnen: Wärt ihr blind, so hättet ihr keine Sünde; nun ihr aber sprecht: "Wir sind sehend", bleibt eure Sünde

Jung:

Ich finde dem Text ziemlich verwirrend. Blinde werden sehend, Sehende werden blind und Jesus
s u c h t einen Ausgestoßenen.

Everts:

da können wir uns zusammen tun, also in Bezug auf die Verwirrung. Sehen
und doch nicht sehen....
Auch wenn's abgenudelt ist: In den Sinn kommt mir nun mal der Kleine Prinz
- Man sieht nur mit dem Herzen gut.
Anscheinend gehts auch darum: Dass Sehen noch nicht gleichbedeutend mit
Erkennen ist.
Was sieht der Glaube?

Jung:

Was sieht der Glaube?
…. Wenn ich darüber nachdenke, schließe ich doch automatisch die Augen - seltsam?!
Der Glaube braucht keine scharfen Konturen, keine Paragraphen, keine Regeln. Der Glaube
braucht die Sinne: Gefühl im Herzen, Geruch, Geschmack, Gefühl auf der Haut, Gehör, Gesichter
- habe ich eigentlich nur wegen dem "G" genommen, aber wenn ich es mir so überlege ….
brauche ich nicht auch ein Gegenüber? Wie der Blinde, der von Jesus gesucht und gefunden
wurde und erst nach dem Gespräch sagte, "ja ich glaube".

Everts:

Also eine Umkehrung unseres üblichen Denkens: Nicht wir müssen suchen und
finden, um Glauben zu haben, sondern wir werden gesucht und gefunden -
und bekommen darin den Glauben geschenkt. Ein schöner Gedanke.
Gleichwohl bleibt mein Unbehagen hinsichtlich der Schroffheit des Textes in
seinem schwarz-weiß, entweder-oder, Glaube-Unglaube, Licht-Finsternis,
Sehen-Blindheit ... Meine Sorge: letztendlich bleibe ich selber dann doch auch
auf der Strecke?! Ich habe doch meinen Glauben, fühle mich nicht mehr blind,
zumindest nicht vollständig. Bin ich dann einer von denen, die sehen zu
glauben - und deshalb blind sind, wie Jesus zu den Pharisäern sagt? Ich kann
mich schon mitfreuen, mit dem Geheilten; aber ich will nicht vorschnell meine
Sympathie mit den Pharisäern hintenanstellen. Ihre Skepsis macht sie mir
sympathisch. Ich bin auch ein skeptischer Mensch, will meinen Verstand nicht
vorschnell in die Ecke stellen. Wenn da jemand kommt und von ganz
unglaublichen Dingen erzählt, dann ist das das eine. Ob ich seine Deutung
dieser Geschehnisse auch übernehme, ist etwas ganz anderes. Die Pharisäer
stehen für die Tradition des Glaubens. Das ist ihre Aufgabe. Als Zeitgenossen
ihrer Gegenwart und Hüter der Glaubenstradition stehen sie zwischen den
Welten. Was ist Glaube? Glaube, ja, das ist einerseits das mit geschlossenen
Augen verzückte Aufsaugen einer ganz neuen Wirklichkeit, andererseits aber
auch die Erzählungen meiner Väter und Mütter, die Erinnerung an eine
Geschichte, die lange vor mir begann. Der Horizont meines Lebens ist viel
kleiner, als der Horizont der Glaubensgeschichte. Das macht mich skeptisch,
lässt mich hinterfragen, wenn auf einmal eine individuelle Erfahrung mein
ganzes Gewordensein in Frage stellt. (Jedenfalls will ich mich vom johannäischen
Antijudaismus, der ja historisch durchaus seinen Grund hat in der Auseinandersetzung einer
frühchristlichen Gemeinde mit den ihr feindlich gesinnten jüdischen Autoritäten, nicht so einfach
vereinnahmen lassen.)
Gefühl, Geruch, Geschmack, Gehör, Gesicht - ich vermute mal, dass all das
auch von den Pharisäern ganz konkret und nachvollziehbar als eigene
Glaubenswirklichkeit gefüllt werden könnte; wenn wir sie denn danach
fragten. Allerdings müssten sie bereit sein, die Augen zu schließen (eine
schöne Beobachtung von Dir, Conni), um das zu sehen, wonach ich sie frage ...

Jung:

Ich bin ebenfalls der Meinung, dass die Tradition des Glaubens wichtig ist. Wir brauchen
Wurzeln, in die wir fest verankert sind. Aber oberhalb der Wurzeln will ich mich bewegen
können. Will meine Fühler in alle Richtungen ausstrecken dürfen. Mir kommen da so extreme
Prediger in den Sinn: In der einen Hand die Bibel und mit der anderen Hand den erhobenen
Zeigefinger. Sie können all Ihre Warnungen an der Bibel fest machen, aber in mir erzeugen sie
nur Angst. Ich habe nicht das theologische Hintergrundwissen um mit solchen Menschen auf
theologische Weise eine Diskussion zu führen. Sie treten so sicher auf! So vollkommen
überzeugt, dass Ihre Auslegung der Bibel die richtige ist. Da scheint es für mich, die es nicht
schafft nach allen Regeln zu leben, keinen Platz zu geben. Wenn Sie nur ein bisschen zweifeln
würden, die Pharisäer, ein klein wenig, dann kämen sie mir ein ganzes Stück näher. In meinem
Nicht-Wissen und meiner Unvollkommenheit fühle ich mich getröstet, dass Gott mich sucht.
Mich, das ist ja eigentlich unglaublich!! Und die Entscheidung, ob ich bereit bin an ihn zu
glauben überlässt er mir: "Glaubst Du an den Menschensohn?"
So, diese Erkenntnis ist für mich jetzt die richtige! Bin ich jetzt sehend? Und damit auch gleich
wieder blind? … puh …. Also, ich möchte es mal als meine persönliche Erkenntnis und als eine
Anregung zum Nachdenken für Andere einstufen. Auch wenn ich Lesepredigten bearbeite,
arbeite ich meine persönliche Erkenntnis hinein, aber ob ich damit im Sinne Gottes richtig liege,
das weiß ich ehrlich gesagt nicht (Darum lege ich sie Dir ja auch vor - grins.). Bei mir wird
immer ein Zweifel zurückbleiben und doch weiß ich, dass Gott mich begleitet und nicht aufhört
mich zu suchen.

Everts:

Ich ziehe Dir die Ohren lang: Du legst mir Deine Predigten vor, damit ich
überprüfe, ob Du die Bibel im Sinne Gottes auslegst! Ja bin ich denn der
Herrgott?! Dein Scherz verweist aber auf eine ganz ernsthafte und wichtige
Frage: Denn hinter der problematischen Frage nach richtiger und falscher
Auslegung steht ja die ganz existentielle Frage danach, ob mein Glaube auf
Gott zielt oder als menschliches Produkt meines Geistes IHN schlicht verfehlt
(was ein beliebter Vorwurf binnentheologischer Auseinandersetzungen ist) oder
gar Gott erst "produziert" (was ein gängiger Vorwurf der atheistischen Position
ist). Unser Geheilter findet darauf eine ganz eigene, überraschende Antwort:
Mit mir ist etwas geschehen! Ob das richtig oder falsch ist, ist hier nicht die
Frage. Sein Wahrnehmungsvermögen hat sich verändert, zuerst ganz physisch
- ihm steht auf einmal und erstmals im Leben das Sehen zur Verfügung. Dann
auch in seelisch-sozialer Dimension. Seine Wirklichkeit verändert sich und
damit auch sein Vermögen, mit der Welt in Kontakt zu treten. Er nutzt diese
Möglichkeit. Das ist nicht selbstverständlich. Er nutzt seine Heilung, um mit
dem in Kontakt zu kommen, der ihn heilte. Auch wenn von Jesus die Initiative
ausgeht, "er suchte ihn", der Geheilte nutzt seine Chance und tritt in einen
Dialog mit Jesus. Wenn der ehemals Blinde in diesem Gespräch sagt, "ich
glaube", und dann vor Jesus auf die Knie fällt ("und betete ihn an"), dann
argumentiert er in diesem Moment nicht, sondern tritt in Beziehung.

Jung:

Dazu passend hat mich in der letzten Woche ein Text gefunden, der mich sehr beeindruckt hat.
Ich lese jetzt mal einzelne Sätze daraus vor:

Beziehung! Die Wahrheit ergibt sich uns immer nur als Weg und als Leben.“
Könnte das nicht unser Geheilter gesagt haben?
Diese Sätze stammen von Papst Franziskus. Er antwortete auf einen offenen Brief des
prominenten italienischen Kirchenkritikers Eugenio Scalfari. Scalfari wollte vom Papst wissen,
wie die Kirche zu den Menschen steht, die nicht an Jesus glauben, und ob es Sünde sei, wenn
man behauptete, es gebe keine absolute Wahrheit.
Dieser offene Briefwechsel ist doch der Auseinandersetzung des Geheilten mit den Pharisäern
sehr ähnlich. Ich finde diese „provisorische Antwort“, so nennt der Papst seinen Brief sehr
beeindruckend. Das Oberhaupt der Katholischen Kirche lässt sich auf einen offenen Briefwechsel
ein! Er stellt sich der Kritik und geht auf den Anfragenden zu. Und das tut er äußerst liebevoll. Er
übt keine Kritik an der Kritik und stellt sich nicht als der Besserwisser über den
Nichtglaubenden. Nein, er argumentiert aus seinem Glauben heraus und ist da in seiner Haltung
nur konsequent: Jeden, wirklich jeden Menschen, mit den liebevollen Augen anschauen, mit
denen ich mich von Jesus angeschaut weiß. Damit geht es nun nicht mehr um Gewinnen oder
Verlieren, richtig oder falsch, sondern darum einen Teil des Weges gemeinsam zu gehen.
Ganz konkret wird dies, wenn Franziskus in demselben Brief über die "jüdischen Brüder"
schreibt:
"Gott ist dem Bund mit Israel immer treu geblieben, und die Juden haben trotz aller furchtbaren
Geschehnisse dieser Jahrhunderte ihren Glauben an Gott bewahrt. Dafür werden wir ihnen als
Kirche, aber auch als Menschheit, niemals genug danken können. Und in ihrem Glauben drängen
sie alle, auch uns Christen, immer Wartende auf die Rückkehr des Herrn zu bleiben."

Everts:

Wenn wir also heute die alten, biblischen Auseinandersetzungen zwischen den
Christusgläubigen und deren Kritikern lesen, dann tun wir gut daran, uns nicht
überheblich auf die Gewinnerseite zu stellen, sondern liebevoll in Beziehung
zu bleiben. Nur so werden wir unserer Glaubenswahrheit gerecht. Liebevoll in
Beziehung zu bleiben, das ist oft unglaublich schwer, gerade in
Konfliktsituationen (auch das spiegelt unser Predigttext). Liebevoll in
Beziehung bleiben gegenüber den Verächtern unseres Glaubens, gegenüber den
Gleichgültigen, den Kritikern und auch gegenüber den Angst machenden
Supermega-Christen. Denn all diese sind nicht Störfaktoren für uns Gläubigen.
Sind sind auch nicht nur einfach Prüfsteine unseres Glaubens, denn das würde
sie auf eine reine Funktion herabstufen. Sie sind vielmehr essentiell für
unseren Glauben, denn im Kontakt mit ihnen, in der Beziehung zu ihnen, auch
im Streit mit ihnen, wird Wirklichkeit, was sich in Jesus Christus offenbart hat:
Der liebevolle Blick Gottes auf jeden Menschen. "Gott hört nicht auf, mich zu
suchen", so drückst Du, Conni, Deinen Glauben als Zweifelnde aus. Darin bin
ich Dir sehr nahe. Und dass er aber auch nicht aufhört, die Selbstgewissen zu
suchen, das ärgert mich manchmal, gerade wenn die mich ärgern. „Gott hört
nicht auf, ich zu suchen“, darin liegt eine große Verheißung: Es macht mir
Mut, in dieser Welt und mit der Welt zu leben, mit Meinesgleichen (in der
Gemeinde / in der Kirche) aber auch mit allen anderen (den Kritischen / den
Ausgetretenen / den Muslimen / den Atheisten), mal als Sehender und mal als
Blinder, mal als Vertreter der Tradition und mal als Aufbrechender ins Neuland
- aber immer unter dem liebevollen Blick Gottes, der mich sucht.

Jung:

Eine Beziehung, die von Gott ausgeht, und in die ich nur einwilligen muss. Als geheilt und
geheiligt begreift sich Papst Franziskus, als geheilt und geheiligt dürfen wir uns begreifen. Das
ist das Evangelium, die Frohe Botschaft, die wir bezeugen. Der Predigttext mit der darin
geschilderten Auseinandersetzung, wie auch der Briefwechsel in Italien, zeugen davon -
erinnern uns aber auch daran, dass aus dem Evangelium ein großer Anspruch an uns erwächst:
Stets sollten wir uns fragen, ob wir dem anderen als einem von Gott geliebten Menschen
begegnen.

 

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