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04.11.2018 - "Lust auf Kirche"

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Musikalischer Gottesdienst "Lust auf Kirche"
am 4. November 2018 in der Wallfahrtskirche Mariä Himmelfahrt Aufkirchen

mit Pfarrer Peter Morgenroth und Alexander Maurer an der Steirischen Harmonika


Auf der Suche
nach dem
verlorenen
Paradies

 

Nachstehend Texte und Gebete von Peter Morgenroth zum Mitlesen und/oder Anhören im Audio-Player.
Musik von Alexander Maurer zum Anhören oder Direkt-Herunterladen.
Herunterladen einzelner Tonaufnahmen über Rechtsklick im Audio-Player oder die dort verfügbare Funktion.

Die Texte stehen in ihrer Gesamtheit auch zum Herunterladen im PDF-Format zur Verfügung.


Begrüßung

Audio-Player


Steirische Harmonika - Alexander Maurer - "Willkommen"


Hinführung zum Thema "Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies"


Gebet

Unser Abendgebet steige auf zu dir Herr
und es senke sich auf uns herab
dein Erbarmen.
Lass, wenn des Tages Schein vergeht,
das Licht deiner Wahrheit uns leuchten.
Führe uns durch das Dunkel der Nacht.
Geleite uns in Unsicherheit und Angst.
Trage uns in Freud und Leid.
Und zeige dich in unserer Mitte.
Amen


Gemeinsames Lied - "Der Tag ist um, die Nacht kehrt wieder"

 


Paradies - was ist gemeint? Ein Blick in die Geschichte

1. Wenn man in Marokko am Strand von Agadir nach Süden schlendert, mündet der Weg in eine Sanddüne: Als Tourist muss man da rauf. Selbstverständlich! Denn von dort oben kann man über die hohen Mauern schauen, die den königlichen Park umschließen und vor zudringlichen Blicken verbergen. Man schaut in ein blühendes Paradies. Üppige Bäume. Blühendes Leben. Scharf bewacht. Betreten verboten. Eine Tabuzone.
Paradies, das Stichwort ist gefallen. Paradies, das ist ein uraltes Lehnwort aus dem Altiranischen. Para daeza nennt bereits das Altiranische um 600 vor Christus solche umzäunten Königsgärten. Paradies – das ist einfach ein umzäunter, bewachter üppiger Garten in karger Wüstenlandschaft.

2. Para daeza – Paradies. Das Wort nehmen die Griechen auf. Aber nun sind es nicht die königlichen Parks, die sie Paradeisos nennen. Paradiesgärten legen sie bei ihren Heiligtümern an. Hier wohnen die Götter. Das Paradies ist der Gottesgarten. Hier gibt es Wasser und Heilige Haine. Hier singen die Nachtigallen. Und manche dieser blühenden, zauberhaften Oasen haben in Griechenland bis heute überlebt.

3. Auch im Alten Testament ist das Paradies ein Gottesgarten. Ein Garten mit besonders hohen Bäumen, durchzogen von lebendigen Wasserläufen, gepflanzt als Lebensraum für Menschen. Wie sollten sie sonst leben können umgeben von Wüste? Menschen sollen dieses Paradies hüten und pflegen, bewachen und bewahren.
Nicht vom Beginn der Schöpfung will die biblische Paradies-Idylle erzählen, sondern zusichern, dass es einen Schutzraum gibt für das Leben. Lebensraum.
Der biblische Erzähler weiß sogar, wo der Paradiesgarten liegt. Zwischen Euphrat und Tigris, im Norden des Zweistromlandes.
Aber dieses Paradies ging verloren, weil Menschen sein wollten wie Gott. So geht die uralte biblische Erzählung. Seitdem ist das Paradies versperrt. Rückkehr unmöglich.

4. „Rückkehr unmöglich? Warum eigentlich?“ fragt ein anonymer Prophet aus der Schule des Jesaja um 550, als das Volk Israel zur Zwangsarbeit deportiert war und es aus zu sein schien mit dem auserwählten Volk. Warum eigentlich soll das Paradies ein für alle Mal passé sein? „Tröstet mein Volk!“ Wuchtig und kraftvoll malt dieser Prophet seinen verstörten Landsleuten Bilder der Hoffnung in die Seele. Bäche sollen sprudeln im verdorrten Land, Quellen auf den Feldern, das wüste Land wird zur Wasserstelle. Das verlorene Paradies kommt wieder. Nicht mehr im Garten Eden im Zweistromland, wo man es Generationen vor ihm lokalisiert hatte. Nein, in Palästina soll die Wüste aufblühen. Das Paradies wird als riesiger blühender Garten vor Augen gemalt. Da wird Gott dann wohnen bei den Gerechten. Wie einst in der Urzeit werden die Frommen im Einklang mit Gott und in Frieden miteinander leben. Löwe und Schaf lagern beieinander. Eine atemberaubende Friedensvision! Alles wird gut. Wie am Anfang, so am Ende. Und dieses Hoffnungsbild hat später dann auch Einzug gehalten ins Neue Testament, kurz zusammengefast im 2. Petrusbrief (3,13): „Wir aber warten eines neuen Himmels und einer neuen Erde nach seiner Verheißung, in welchen Gerechtigkeit wohnt.“ Das Paradies: Sehr konkret, sehr irdisch. Sehr friedlich.

5. 500 Jahre später, zur Zeit Jesu hat sich allerdings die Vorstellung vom Paradies grundlegend gewandelt. Aus einem Hoffnungsbild für diese Welt ist eine unsichtbare Parallelwelt geworden. Eine parallele Jenseitswelt. Der Garten Eden gilt jetzt im Judentum als der verborgene Aufenthaltsort der Seelen verstorbener religiöser Größen wie Abraham, Isaak, Jakob oder auch Elia. Das urzeitliche und jetzt verborgene Paradies soll endzeitlich wiederkommen und dann wieder sichtbar werden.
Auf diesem Hintergrund wird auch Jesus einmal gefragt: Bist du der Elia, auf den wir warten, und mit dem das Paradies wiederkommt? Oder sollen wir auf einen anderen warten?

6. Und vor 2000 Jahren fängt man dann an, detailliert zu schildern, wem diese jenseitige Welt offen steht. Doch bitte nicht allen! Im frühen Christentum - und später viel ausgeprägter im Islam - wird detailliert entwickelt, was jeden Menschen erwartet. Entweder die höllischen Qualen ewigen Feuers oder ewiges Leben in paradiesischen Gärten ohne die Härten irdischen Daseins, ohne Gewalt, ohne Sünde und ohne den Tod.
Die Entscheidung fällt allerdings jetzt schon. Denn am Ende des Lebens wird abgerechnet. Bzw. es wird abgewogen. Es wird abgewogen, wem das Paradies offen steht.
Überwiegen die guten Werke, öffnet sich die Pforte des Paradieses; aber nur für die Rechtgläubigen. Denn der richtige Glaube ist das Hauptkriterium für die Akzeptanz bei Gott. Darin sind sich westliches Christentum und Islam einig. Erstaunlich einig.

7. Wieder fünfhundert Jahre später geht der Islam dann noch einen Schritt weiter. Er schildert die jenseitige Welt im Detail:
Die wahren Gläubigen, die Gott nahe stehen, werden „auf golddurchwirkten Ruhebetten liegen, einander gegenüber, während ewig junge Knaben unter ihnen die Runde machen mit Humpen und Kannen (voll Wein?) und einem Becher (voll) von Quellwasser (zum Beimischen?), von dem sie weder Kopfweh bekommen noch betrunken werden und (mit allerlei) Früchten, was (immer) sie wünschen, und Fleisch von Geflügel, wonach sie Lust haben. Und großäugige Huris (haben sie zu ihrer Verfügung)“, nämlich die 72 Jungfrauen, die das islamische Paradies als Männerparadies entlarven.
72 Jungfrauen bekommen muslimische Frauen nicht, aber immerhin hat Allah für „Frauen, die ihre Pflicht tun, Vergebung und gewaltigen Lohn bereit“. Soweit der Blick in den Koran.
Von einem gnädigen Gott, an den die Christenheit sich hält, keine Spur mehr.


Steirische Harmonika - Walzer 'Einer'


Über Paradies heute reden?

Und nun steht man ein bisschen ratlos da angesichts dieser wechselvollen Vorstellungen vom Paradies. Was ist gemeint, wenn wir heute über´s Paradies reden?

Ich fange bei der Sebalduskirche in Nürnberg an. Sie ist ein Schatzkästchen, das immer noch Touristen aus aller Welt anlockt. Eine grandiose lichtdurchflutete Hallenkirche. Mich hat als Jugendlicher nicht so sehr die Architektur fasziniert, sondern vor allem ein kleines Detail an der Außenfassade. Um das zu sehen, kam ich immer wieder mal wieder vorbei.

Ein kunstvolles Relief, das den Moment der Auferstehung in Sandstein gemeißelt erzählt. Den Moment, als die Gräber sich öffnen, die Deckel der Särge zur Seite geschoben werden, zerfallene Leiber sich rühren, neues Leben beginnt. Eine berührende Szene. Der auferstandene Christus. Tote steigen aus den Gräbern. In einer unglaublichen Leichtigkeit war das gestaltet. Transparent.


Ja, so müsste es sein. Ich wusste damals selbst noch wenig von der harten, unerbittlichen Hand des Todes. Aber diese in Stein geschlagene Hoffnung war mitreißend. Ja, so sollte es sein! Auferstehung der Toten. Leibhaft. Nicht nur ein Fortbestehen körperloser Seelen. Daran glauben wir doch. Sagt jedenfalls unser Glaubenbekenntnis.

20 Jahre später stand ich mit einem meiner Söhnevor diesem Kunstwerk. Aber es war nicht mehr da. Zu sehen war nur noch schwarz verwitterter Stein. Kaum noch erkennbare Gestalten und Konturen. Zerfressen von den Abgasen der Stadt. Das Bild der Vergänglichkeit des Todes war selbst vergangen.

Und so ist es wohl auch mit der Hoffnung der leiblichen Auferstehung. Die hat sich in der Neuzeit in Nichts aufgelöst. An der Fortexistenz der Seele über den Verfall des Leibes hinaus halten zwar viele fest unter den Christen. Sehr viele. Aber die Auferstehung des Leibes, der gewissermaßen schläft und auferweckt wird, nein, das nicht! Eine Wiederherstellung desselben Körpers - das lässt sich nicht mehr denken.
Welchen Körpers denn auch?
Geht es um den Körper, den wir als Säugling hatten?
Oder sollte der Körperzustand in der Blüte der Kraft oder der Körper zur Zeit des Todes gemeint sein?
Die Wiederherstellung der Atome und Moleküle, aus denen unser physischer Körper bestand?
Nein, man kann und muss die Vorstellung der Auferstehung des Leibes als Gerippe aus Fleisch und Blut am Ende der Zeiten an der Pforte des Paradieses getrost fallen lassen.

Was aber bleibt dann von unserer Auferstehungshoffnung?
Einfach streichen?
Dann würde man den Glauben entkernen.
Streichen geht nicht, also retten sich Theologen gern zu Paulus, der von einem „geisthaften Körper“ spricht. Davon, dass sich der „Auferstehungsleib“ zum irdischen Körper verhalte wie das Samenkorn zur Ähre, die daraus wächst. „Dasselbe und doch nicht dasselbe“, sagt der Theologe dann und greift zu Metaphern. Aber es ist an der Zeit, darüber nachzudenken, was der Leib ist, auf dessen Auferstehung wir hoffen. Was genau das heißen könnte.

Ich wollte eigentlich einen Antwortversuch von Notger Slenczka skizzieren, Professor für Systematische Theologie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Aber je länger ich darüber nachdachte, um so weniger habe ich´s selbst verstanden. Also wähle ich lieber eigene Worte:


Steirische Harmonika - "Er weiß, wo ich bin"


Lukas 23,43 - "Heute wirst du mit mir im Paradies sein..."

Einer der Übeltäter, die am Kreuz hingen, lästerte ihn und sprach: Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns!
Da wies ihn der andere zurecht und sprach: Und du fürchtest dich auch nicht vor Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist?
Wir sind es zwar mit Recht; denn wir empfangen, was unsere Taten verdienen; dieser aber hat nichts Unrechtes getan.
Und er sprach: Jesus gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst“
„Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradiese sein.“


Heute – das gilt dem Sterbenden, der keinen Vorsatz zur Besserung mehr fassen kann und keine Gelegenheit zur Besserung mehr hat. Vor seinem Auge, das gerade noch zurückgeblickt hat auf ein verfehltes Leben, vor seinem Auge öffnet sich die Tür zu einem neuen Leben „mit mir“, wie Jesus sagt. „Mit mir im Paradiese sein“ das heißt: Du bist bei Gott angekommen mit deiner ganzen bunten und schäbigen Vergangenheit. Und Gott sieht dich an mit den Augen der Güte. Für dieses Versprechen ist Jesus gestorben. Gott sieht dich an mit den Augen der Güte.


Steirische Harmonika - J.S. Bach: "Der lieben Sonne Licht und Pracht"


Versuche, das Paradies vorwegzunehmen

Ein Frauenkloster in Griechenland. Die Pforte ist nicht besetzt. Ob ich als Mann wohl rein gehen darf? Ich schlendere durch das Torhaus, über den Vorhof. Gepflasterte Wege, die sich zu Beeten hin verzweigen. Sitzbänke im Schatten. Sie sind mit bunten Teppichen belegt. Alles ist weiß gestrichen. Blendend weiß auch der Innenhof, in den ich mich vorgewagt habe. Was für ein Licht! Und ein Paradies exotischer Pflanzen. ‚Sie wachsen in Kübeln und Blechkanistern und Eimern und Töpfen. Es müssen weit mehr als tausend sein. Genauere Zahlen stehen im Reiseführer, der wie immer alles weiß.

Eine Nonne lässt sich blicken. Sie ist von Kopf bis Fuß weiß verhüllt. Nur die Augen sind freigelassen. Zusammen mit einigen anderen Klosterschwestern pflegt sie dieses Blumenparadies. Sie gießen jeden Tag viele hundert Blumen. Vielleicht sogar mehrmals täglich. Das ist ihre Lebensaufgabe. Mit Pflanzen leben. Ihnen beim Entfalten und Blühen helfen. Ein blühendes Paradies schaffen und Ausschau halten nach der kommenden Welt Gottes, seiner neuen Schöpfung. Denn „wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir“ formuliert es der Hebräerbrief (13,12)

Und da fällt mir auf, dass man das Paradies nicht global denken sollte, sondern sehr kleingliedrig, sehr begrenzt. Denn immer, wenn die ganze Menschheit mit einem Paradies beglückt werden sollte, führte das in eine Katastrophe. Egal ob es im Mittelalter ein christliches Kreuzritterparadies sein sollte oder in der Neuzeit eine marxistische Diktatur des Proletariats oder ein islamischer Heilsstaat. Niemand wird dieser Welt global paradiesische Zustände aufzwingen können. Auch nicht dem eigenen Land. Da mag man die Grenzzäune noch so lückenlos schließen.

Aber lokale Paradiese lassen sich schaffen. Inseln der Hoffnung. Inseln des Friedens. Inseln blühenden Lebens. Inseln des Heils. Inseln, auf denen einzelne oder kleine Gemeinschaften über den Horizont hinausschauen und ihre Zukunft jetzt schon leben. Sehr persönliche Inseln. Und wenn vielleicht viele kleiner Inseln zusammenwachsen…

 

Steirische Harmonika - "Hollensteiner Jodler"


Den Traum von einer besseren Welt weitergeben

Den Blick heben und über den Horizont hinausschauen und von einer besseren Welt träumen und ins eigene Leben hineinholen, was möglich ist. Den Blick heben und über den Horizont hinausschauen, das darf nicht aufhören, sonst wird es eng. Ich würde mir wünschen, dass auch unsere Kinder und Enkel nicht aufhören, von einer besseren Welt zu träumen und dem Paradies nachzuspüren. 
Fünf Wünsche würde ich ihnen dabei mitgeben wollen, die der evangelische Theologe Fulbert Steffensky für seine eigenen Enkel formuliert hat:

1. Vergesst die Schöpfungsgeschichte nicht, die erzählt, dass der Anfang des Lebens gut war. Paradiesisch gut.

2. Vergesst nicht den Propheten Jesaja, der von einem Land singt, in dem die Blinden sehen, die Lahmen tanzen, die Stummgemachten ihre Sprache wieder finden. Bewahrt euch die Seelenbilder, die er den Gequälten vor Augen malt: Die Steppe wird blühen. Er träumt ein Land, in dem Menschen sich nicht mehr gegenseitig reißen wie der Löwe seine Beute reißt. Lamm und Löwe können nebeneinander leben. So Zurück

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