Predigttext:
Prof. Dr. Klaus-Peter Jörns,
Christvesper an Heiligabend 2001,Aufkirchen Berg

Thema: Lukasevangelium 2, 1-20

 

Liebe Gemeinde,

die Weltreligionen kommen einander näher, und zwar friedlich. Daran ändern weder die Attacken terroristischer Gruppen noch Versuche der Weltreligionen, diese Entwicklung aufzuhalten, etwas. Denn viele Menschen entdecken, daß in dem, was andere glauben, etwas steckt, das auch sie anspricht, ja, ihnen vielleicht sogar eher zusagt als das Gewohnte. Wenn es aber so ist, daß sich vieles vermischt, wird die Frage dringend, was wir am Eigenen eigentlich haben. Ist an unserem christlichen Glauben etwas, was die Welt angeht? Die Weihnachtserzählung kann uns helfen, diese Frage zu beantworten. Darum hören wir sie in zwei Abschnitten und erzählen sie dann noch einmal nach.

Lesung: Lukasevangelium 2, 1-14

1. Teil der Predigt:   Die Weihnachtserz√§hlung beginnt in der gro√üen Welt der Politik, am Schreibtisch des r√∂mischen Kaisers Augustus. Er setzt durch seinen Befehl, da√ü sich die Menschen im westlichen Erdkreis z√§hlen und in Steuerlisten eintragen lassen sollen, eine riesige Wanderung in Bewegung. Denn alle m√ľssen sich da eintragen lassen, wo ihre Familie m√§nnlicherseits herstammt. Josef und Maria haben sich deshalb von Nazareth im Norden Pal√§stinas nach Bethlehem nahe Jerusalem aufgemacht. Sie sind zwei von den vielen Millionen K√∂rnchen Sand, die der kaiserliche Befehl um das Mittelmeer herum aufgewirbelt hat. Es geht um Volksz√§hlung und Geld, um zuk√ľnftige Soldaten und Steuern.

Das Einzelschicksal ist hierbei uninteressant. So kommt es, daß Maria ihr erstes Kind auf der Reise gebären muß. Im Viehstall einer Bethlehemer Herberge, in dem einzigen Raum, den Josef und sie finden konnten.

Unser Auge, das wie eine Filmkamera aus der Weite ganz nahe an eine Person, an einen Gegenstand heran"fahren", "aufblenden", kann, wird pl√∂tzlich umgelenkt. Obwohl der Kaiser mit seinem Befehl die Welt bewegt, ist nun Maria im Blick, nur davon ist die Rede, was sie tut. Und sie tut Weltbewegendes wohl auch: Sie gebiert ein Kind. Sie wickelt es in Windeln. Und sie legt das gewickelte Kind, da sie kein Kinderbettchen hat, in eine Futterkrippe. Ein neues Leben hat angefangen. Es verlangt eine Mutter. Liebe. Pflege. Geborgenheit. Schutz. An jedem neuen Leben h√§ngt die Zukunft des Lebens. Ob drumherum Volksz√§hlung, Krieg, oder wohlgeordnetes B√ľrgertum herrscht: Geb√§ren und Geborenwerden bewegen das Leben, bewegen die Welt von innen her weiter. Darum nimmt die Weihnachtsgeschichte sich Zeit - Kaiser hin, Steuern her - von Windeln zu reden.

Das ist das erste, was du wieder von deinem Glauben lernen kannst, lieber Christ, liebe Christin: Er lenkt deinen Blick so, daß du nicht dem Irrtum erliegst, die Politik, das Geld allein bewege das Leben. Dein Glaube lehrt dich, das im Leben, was dein Herz bewegt, wirklich wahrzunehmen. Denn selbst der Gottessohn kommt nicht vom Himmel. Er wird geboren und gewindelt. Er ist eins von Milliarden Einzelschicksalen, eins wie deines. Damit du aber weißt, daß Gott dein Schicksal trotzdem im Auge hat, hat er seines Sohnes Schicksal wie deins beginnen lassen: von einer Frau geboren, nach Liebe schreiend. Dein Glaube sagt dir, lieber Mensch: Du bist im Tiefsten deiner Seele von Gott verstanden.

Ochs und Esel stehen neben der Krippe. Von Geb√§ren und Schutzsuchen am Anfang des Lebens wissen sie auch. Die Geburt des Gottessohnes in ihrem Stall ehrt ihr Leben, ihre Bed√ľrfnisse, mit.

Dein Glaube sagt dir, Mensch, daß du in eine Lebensgemeinschaft mit den Tieren gehörst. Menschen und Tiere leben vom Segen des einen Schöpfers.

Der Blick des Erz√§hlers lenkt unseren Blick dann vom Stall weg. Eine ganz andere Szene tut sich auf: Ein n√§chtliches Feld, darauf Hirten und ihre Herde, nahe beieinander. Auch sie erleben Weltbewegendes: In Halbschlaf und Schlaf bricht ein Glanz ein, rei√üt die Nacht auf, wie es Tr√§ume manchmal tun, schreckt die Seele auf. Und die Seele der Hirten wei√ü sofort das Licht in der Nacht zu begreifen: Ein Engel! "√Āngelos": Das ist auf Griechisch: ein Bote. Lichtboten kommen von Gott und erschrecken uns doch zuerst. Je weiter wir sie aus dem Denken verdr√§ngen, desto tiefer der Schrecken, wenn sie uns treffen.

Aber der Schrecken verfliegt vor der Botschaft "F√ľrchtet euch nicht!" Es geht um gute Botschaft, Freudenbotschaft: "Eu-ang√©lion", "Ev-angelium": W√ľrdevoll sagt der Gottesbote den paar Hirten und hundert Schafen auf dem Feld, was er von dem Weltbewegenden dieser Nacht zu sagen hat: 'Ich verk√ľndige euch gro√üe Freude, die allem Volk widerfahren wird. Euch ist heute der Heiland geboren, Christus, der Herr.' Heiland, Christus, Herr - den Hirten ist so ungef√§hr bekannt, wen das meint, wie uns. Aber was dieser Neugeborene ausl√∂sen soll bei den Menschen, ist noch wichtiger: Alle sollen Grund zur Freude bekommen.

Und dann erhalten die Hirten das Zeichen, an dem sie den Heiland erkennen k√∂nnen inmitten aller anderen Neugeborenen dieser Nacht: "Ihr werdet ein Wickelkind finden, das in einer Futterkrippe liegt." Und damit die Hirten ja nicht glauben, der Engel habe sich vielleicht versprochen, erschallt √ľber Hirten, Schafen und Feld auch noch ein himmlischer Chor. Sein Gesang bindet einen Lobpreis Gottes und das Wohlergehen der Menschen auf unglaubliche Weise zusammen: "Ehre sei Gott in der H√∂he" - das ist f√ľr Gott und steht ihm zu. "Und Frieden auf Erden unter den Menschen" - das ist f√ľr uns und steht uns nach Gottes Wohlgefallen zu. Im Vater-Unser lehrt uns Jesus deshalb sp√§ter beten: "Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden." Das ist das Grundgebet.

Dein Glaube sagt dir, lieber Mensch: Gottes Ehre und unser Frieden gehören zusammen.

In den Seligpreisungen der Bergpredigt sagt Jesus später: "Selig sind, die Frieden stiften. Sie werden Kinder Gottes heißen." (Mt 5, 9)

Dein Glaube sagt dir eine W√ľrde zu, die dir sonst niemand geben kann: Wo immer du Frieden stiftest in deiner Umgebung, erweist du dich als Gottes Sohn, Gottes Tochter. Frieden stiften macht dich selig, sagt dir unser Glaube. Ja, wer das glaubt, wird selig.

Die unseligen Glaubenskriege zwischen den Religionen und auch unter Christen haben Gottes Ehre verdunkelt und uns Menschen ungl√ľcklich gemacht. Sie haben Menschen und Tiere get√∂tet und ihre Seelen durch Angst, Schrecken und Entw√ľrdigung gemordet.

Das ist kein Weg mehr f√ľr uns! sagt dein Glaube. Um des Lebens, ja, um Gottes willen. Denn dein Glaube geht die Welt an.

 

Lesung: Lukasevangelium 2, 15-20

2. Teil der Predigt:   Beim Kind in der Futterkrippe laufen alle F√§den zusammen: Die Hirten sind, Gott sei Dank, neugierig, wollen sehen, was da geschehen ist, machen sich auf. Und sie finden Maria und Josef, weil sie das Wickelkind im Stall bei Ochse und Esel gesucht haben. Im Stall wird dann nicht weiter geredet. Aber da bleiben die Hirten auch nicht. Denn nun m√ľssen, wollen die Hirten handeln. Sie sind sich sicher, da√ü das, was sie geh√∂rt und gesehen haben, die Welt angeht. Sie gehen raus, in den Ort, und verk√ľnden als irdische Engel Gottes den Menschen in Bethlehem, was ihnen von diesem Kind gesagt worden war: Da√ü mit Jesus ein neues Kapitel in der Geschichte Gottes begonnen hat. Und dieses Kapitel hei√üt: Gott ist mit uns, er verbindet sich mit unserem Fleisch und Blut. Was Juden und Muslimen noch ein √Ąrgernis ist, ist in Wahrheit Gottes √§u√üerste Liebesbotschaft.

Ja, auch Gott hat eine Geschichte - das kannst du hier ablesen, lieber Mensch. Denn Gott war vorher anders, ähnelte eher Feudalherrschern: Mal gnädig, mal zornig. Das ist vorbei.

Von all dem war dem Kind selbst nichts anzumerken: In Windeln gewickelt, wie andere auch, an der Mutterbrust, und dann eingeschlafen in Marias Armen, vielleicht auch in Josefs. So ist das Leben. Und als es in der Krippe schläft: Frieden. "Maria und Josef betrachten es froh." Mit dem Blick der Liebenden, Dankbaren, Hoffenden. Den kennen die Hirten auch aus den eigenen Familien. Deshalb muß, was es mit diesem Kind Besonderes auf sich hat, selbst den Augenzeugen erst noch gesagt werden.

Merke, lieber Christenmensch: Das Sehen allein reicht nicht. Erst durch das Gehörte siehst du mehr als nur die Oberfläche.

Weil das so ist, ist den Hirten da nachts auf der Weide bei den Schafen gesagt worden, was es mit diesem Kind auf sich hat. Anders ausgedr√ľckt: Die Hirten, vom Engel aufgeweckt, sind die ersten H√∂rer des Evangeliums und seine ersten Zeugen geworden. Hirte hei√üt auf Lateinisch "Pastor". Da kommt's her. Und daher kommt's, da√ü wir nicht aufh√∂ren k√∂nnen, diese Geschichte zu lesen, zu h√∂ren und weiterzuerz√§hlen. Denn auch wir Heutigen sollen ja uns selbst, unsere Kinder und Enkel, unsere Nachbarn, ansehen k√∂nnen als solche, die nach Gottes Wohlgefallen Frieden haben sollen.

Schaut euch einmal gegenseitig an, jetzt, in der Kirchenbank! Und sagt euch gegenseitig: Gottes Frieden f√ľr dich!

Nicht wahr? Diese Botschaft zu verbreiten, dazu brauchts's mehr als den Pfarrer im Ort. Das m√ľssen alle Menschen wissen und selbst bezeugen k√∂nnen. Denn das geht die Welt an. Man geht mit anderen Menschen einfach besser um, wenn man im Sinn beh√§lt, da√ü Gott ihren Frieden will.

Doch damals wie heute war die Reaktion auf die Predigt, da√ü dieser Jesus den Menschen zum Frieden helfen soll, nicht eine riesige Glaubenserweckung, sondern: Verwunderung. "Sie verwunderten sich √ľber das, was ihnen von den Hirten gesagt worden war."

Die Weihnachtsgeschichte sagt dir, lieber Mensch, da√ü du dich wundern, ja, verwundern darfst dar√ľber, da√ü Gott sein Werk mit Jesus so angefangen hat. Und da√ü da so oft von Windeln die Rede ist.

Unsere Vorstellungen von Herrlichkeit stammen aus Hofzeremoniellen, dem Fernsehen oder der Regenbogenpresse. Aber Weihnachten ist keine Gala. Das Erkennungszeichen lautet anders: Das Wickelkind in der Futterkrippe. Windeln sind ein Zeichen unserer menschlichen Bed√ľrftigkeit. Wo Babys oder Kranke oder Alte von anderen gewickelt werden, wird dieses Zeichen verstanden und die Menschenw√ľrde geehrt. Auf dem Weg zum Kreuz sagt Jesus im Gleichnis vom Weltgericht: "Was ihr einem meiner hilflosen Menschenbr√ľder oder einer meiner hilflosen Menschenschwestern Gutes getan habt - das habt ihr mir getan." Da hat das neue Kapitel in der Geschichte Gottes schon Gottes neues Gesicht offenbart: Den liebenden, dienenden, uns zum Menschsein helfenden Gott.

Die M√ľhsal des Alltags einer Kinderpflege, einer Krankenpflege, einer Altenpflege: Jesus erkennt sie als Gottesdienst an. Das sagt dir dein Glaube. Und das geht die Welt an.

Die Hirten sind dann wieder zu ihren Herden gegangen. Christsein gehört in den Alltag. Und die Tiere brauchen Menschen, die ihnen die Liebe des Schöpfers bezeugen.

Maria aber, die ja schon, ehe sie das Kind empfing, Unglaubliches von seinem Auftrag hatte h√∂ren m√ľssen, "behielt alle diese Worte und erwog sie in ihrem Herzen." Das blieb so, als Jesus anfing zu predigen und zu heilen, nach Jerusalem ging und gegen diejenigen k√§mpfte, die Gottes Liebe von menschlichem Wohlverhalten abh√§ngig machten. Das blieb so, als sie unter seinem Kreuz stand. Das blieb so, als die Botschaft von der Auferstehung die Trauernde erreicht hat. Sie hat nicht mit Worten gepredigt. Sie hat Gottes wundersame Wandlung vom fernen kalten Allm√§chtigen zum nahen liebenden Gott, die er in ihrem und seinem Sohn durchgemacht hat, geduldig ertragen. Gottesdienst war das auch.

Ertrage Gott in deinem Leben, lieber Mensch. La√ü dich mit verwandeln! Zum Friedensstifter la√ü dich machen, zum Freund, zur Freundin des Lebens. Glaube deinen Glauben. Dann gehst du die Welt an. 

Evangelisch - Lutherische Kirchengemeinde Berg
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