Pfarrer Dr. Pfister,
17. Sonntag nach Trinitatis 14.09.2008
St. Johannes, Berg

Thema: “ Amtskirche ”
                   Epheser 4,1-6

 

Liebe Gemeinde!

In Starnberg fallen mir immer wieder die Schilder an den wichtigsten Durchfahrtstrassen auf (wahrscheinlich nicht nur mir, sondern auch manchen unter Ihnen, die aus Starnberg nach Berg zum Gottesdienst kommen oder als Berger gelegentlich nach Starnberg fahren): „Contra Amtstunnel, Starnberg braucht eine Umfahrung!“ Auch ein halbes Jahr nach Bürgermeister- und Stadtratswahl, bei der das ja das Hauptthema war, sind die Schilder nicht verschwunden. Deshalb lässt mich  dieses Wort „Amtstunnel“ nicht los. Es ist mir vorher nie begegnet, ja es hat wohl in der deutschen Sprache vorher nicht existiert. Es gab und gibt nur ein anderes, das für die neue Wortschöpfung „Amtstunnel“ wohl Pate gestanden hat, die „Amtskirche“.

Entscheidend an diesem Wort „Amtskirche“ ist: Da schwingt viel Distanz mit! Die Amtskirche, das bin nicht ich, das sind ganz andere, mit denen ich nicht viel zu tun habe. „Amtskirche“ drückt ein starkes Gefühl der Distanz aus, so stark und so allgemein, dass man dann sogar einen Tunnel, den man partout nicht haben möchte, als  „Amtstunnel“  brandmarkt.
„Amtskirche“ drückt damit ein starkes und verbreitetes Lebensgefühl aus. Die Evangelischen haben ja seit eh und je ein distanzierteres Verhältnis zur Kirche, nun hat sich das Distanzgefühl mit dieser Wortprägung aus dem katholischen Raum ganz allgemein und grundsätzlich ausgeprägt, sogar so stark, dass auch andere Worte daraus abgeleitet und mit diesem starken Gefühl besetzt werden können.
Mir geht es freilich überhaupt nicht um den Tunnel, sondern um die verbreitete, gefühlsgeladene Einstellung zur Kirche, von der wohl auch unter uns hier kaum jemand frei ist. Das müssen wir ganz nüchtern sehen, das müssen wir bei uns in Rechnung stellen, wenn wir heute als den für diesen Sonntag vorgegebenen Predigttext einen Abschnitt aus Epheserbrief des Neuen Testaments  hören, wo aus guten Gründen zu einer ganz anderen Sicht und Erfahrung der Kirche eingeladen wird:
(Der Apostel schreibt der Gemeinde in Ephesus:) „So ermahne ich euch nun, ich, der Gefangene in dem Herrn, dass ihr der Berufung würdig lebt, mit der ihr berufen seid, in aller Demut und Sanftmut, in Geduld.
Ertragt einer den andern in Liebe und seid darauf bedacht, zu wahren die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens:
Ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen seid zu einer Hoffnung eurer Berufung.
Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe;
ein Gott und Vater aller, der da ist über allen und durch alle und in allen.“
(Epheser 4,1-6)
Wenn der Apostel, der diesen Briefes geschrieben hat, heute leben würde, würde er wahrscheinlich sagen: Solche Distanzgefühle, wie ihr sie habt, mögen durchaus naheliegend sein, wenn man auf die komplizierte Großorganisation Kirche blickt. Solche Großorganisationsstrukturen sind eine Erscheinung der modernen Zeit, es geht nicht ohne sie, aber davon können wir nicht leben und davon kann auch die Kirche nicht leben. Sondern wenn die Kirche lebt, und das tut sie trotz aller Schwächen seit fast 2000 Jahren, dann lebt sie als Gemeinschaft, als „Leib Christi“, also als Organismus, nicht als Organisation. Der Leib Christi auf Erden besteht aus den in diesen Leib Einverleibten, also den Getauften. Den Heiligen, wie das Neue Testament auch sagt und wie wir im Glaubensbekenntnis bekennen. Denn die Heiligen, das sind nicht fromme Übermenschen, schon gar nicht solche, die irgendeine Kirchenbehörde heilig gesprochen hat, sondern das sind in der Bibel, im Neuen Testament die Getauften, die ganze Gemeinde. Also die ganze Gemeinde in Ephesus, trotz aller ihrer Fehler und Schwächen, die ganze Gemeinde in Berg, trotz aller unserer Fehler und Schwächen. Die Kirche, der Leib Christi auf Erden, das sind wir, und wir tun gut daran, wenn wir „Kirche“ hören, ein „wir“ und ein „ich“ mitzuhören, „Kirche, das bin auch ich“.
Denn die Person und die Gemeinschaft gehören ganz eng zusammen. Glaube ist etwas ganz persönliches. Eine ganz persönliche Grundüberzeugung, nicht nur ein Gedankengebilde, sondern ein Grund, der wirklich hält und trägt. Glaube ist das Vertrauen und die Erfahrung, dass ich als Person einmalig und unverwechselbar bin, weil ich Gottes Kind bin, nicht nur eine völlig unwichtige Nummer unter vielen Milliarden Menschen oder gar nur ein Staubkörnchen im Universum. Diese Gewissheit gibt meinem Leben einen Halt, nicht nur einen tiefen Sinn, sondern eine letzte, unzerstörbare Geborgenheit, und eine ganz starke Hoffnung auf Gelingen. Der Glaube, diese Erfahrung, dass ich zutiefst geliebt und angenommen bin, hilft auch Enttäuschungen und Krisen zu überwinden. Erst gestern Abend in der MS-Klinik in Kempfenhausen bin ich einer Frau begegnet, die zusätzlich zu ihrer heimtückischen Krankheit noch ganz akut eine schwere menschliche Enttäuschung erlitten hat. Sie war natürlich erschüttert uns suchte das Gespräch. Aber in dem Gespräch konnte ich ihr gar nicht viel sagen, sondern konnte nur staunen über die Kraft, den unbeirrten Mut und die Lebensenergie, die sie aus ihrem Glauben und aus dem Gottesdienst schöpft. Dass der Gottesdienst, das aufrichtende Wort und die Kraftquelle des Essen und Trinkens im Abendmahl  den Glauben stärkt, zeigt auch wieder, wie eng ganz Persönliches und die Gemeinschaft zusammengehören. Es geht um den tiefsten Grund, den Sinn und Halt meines Lebens, für mich ganz persönlich. Aber gerade das Allerpersönlichste lässt mich nicht für mich allein bleiben und alles nur mit mir selbst ausmachen, sondern setzt mich in Beziehung zu Gott und zu den anderen.
Das Grunddatum dafür ist die Taufe. (Wir haben meist keine Erinnerung an die eigene Taufe, deshalb ist es gut, wenn wir durch Taufen, die wir miterleben, erinnert werden). Dass ich ein einmaliger und unverwechselbarer Mensch bin, weil ich Gottes Kind bin, das wird mir nicht nur gesagt, sondern in der Taufe sichtbar und spürbar ganz persönlich zugeeignet. Sichtbar und spürbar, in der Berührung mit dem Wasser der Taufe.
Die Taufe ist also etwas ganz persönliches, der Glaube ist etwas ganz persönliches, aber als das ganz persönliche und allerpersönlichste untrennbar verbunden mit Gemeinschaft. Der Apostel sagt das viel plastischer: Die Taufe gliedert uns ein in den Organismus des Leibes Christi auf Erden. Wie ein Organ des Körpers nicht für sich, sondern nur innerhalb des Organismus am Leben bleiben und seine Lebensenergien beziehen kann, so bin ich, ist auch mein Glaube eingebunden, eingegliedert als lebendiges Glied oder Organ und kann von den Lebensströmen aus dem Organismus des Leibes Christi leben. Des Leibes Christi, nicht einer Institution oder Großorganisation! Die Großorganisation ist nur die äußere, auch durchaus zeitbedingte Form, in unserer Zeit geht es nicht ohne derartige Organisationsstrukturen. Aber darin fließen mir die Lebenskräfte des Organismus zu.     
Mir und allen anderen Christen: „Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe; ein Gott und Vater aller“. In diesem kurzen Abschnitt aus dem Epheserbrief begegnet uns das Wort „ein“ insgesamt sieben Mal. Stärker kann man die Einheit gar nicht betonen, die Einheit des Leibes Christi als eine Einheit im Geist. Denn die Einheit der Gemeinde ist nicht von ihr selbst produziert, sondern vom Geist Gottes geschenkt.
Diese kurzen Verse sind deshalb auch eine der wichtigsten Grundsatzerklärungen für die Ökumene: „Ein Leib und ein Geist! Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe; ein Gott und Vater aller“. Die Einheit der Kirche besteht von Anfang an. Sie muss nicht von uns geschaffen werden. Sie ist uns geschenkt in dem lebendigen Organismus des Leibes Christi, zu dem wir und alle Getauften gehören.
Sicher gibt es in der Kirche die Spaltung in verschiedene Konfessionen, die sich sogar lange Zeit bekämpft haben. Sicher gibt es in der langen Geschichte der Kirche böse Fehlentwicklungen. Aber sie haben die allen gemeinsame Grundlage nicht zerstören können: Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe; ein Gott und Vater aller!
Und es gibt immer eine neue Besinnung auf diese gemeinsame Grundlage, auch im 21. Jahrhundert, in dem das ökumenische Aufbruchsfeuer des 20. Jahrhunderts schon wieder abgekühlt zu sein scheint.
Gerade in Bezug auf die Taufe haben wir in diesem Jahr 2008 ein erfreuliches Zeichen erlebt. Bei Katholiken und Evangelischen ist ja die Tatsache schon länger anerkannt, dass es keine katholische oder evangelische Taufe, sondern nur die eine christliche Taufe gibt. Wenn deshalb ein Evangelischer katholisch wird oder ein Katholik evangelisch, wird er deshalb nicht noch einmal getauft. Nun haben aber auch die Orthodoxen, die sowohl der römisch-katholischen als auch der evangelischen Kirche massive Fehlentwicklungen weg von den altchristlichen Konzilien vorwerfen, in diesem Jahr 2008 zusammen mit einigen kleineren Kirchen die gemeinsame Gültigkeit der Taufe anerkannt.
Im Frühjahr wurde das in einem feierlichen ökumenischen Gottesdienst im Magdeburger Dom von den führenden Bischöfen aller beteiligten Kirchen bekräftigt.
Zum Schluss noch eine kleine, ganz prkatische Ergänzung: Dieser Abschnitt aus dem Epheserbrief mit seinem Hinweis auf den einen, gemeinsamen Gott und die eine, gemeinsame christliche Taufe ist nicht nur ein äußerst wichtiger ökumenischer Grundlagentext, er gibt darüber hinaus auch ganz handfeste, praktische Ratschläge für das ökumenische Miteinander der Christen. Der wichtigste ist ganz einfach und lautet: Ertragt einander in Liebe.
Das wäre doch ein guter Ansatz für uns Evangelische im Blick auf die Katholiken, die wir oft kritisieren und gleichzeitig insgeheim bewundern, und umgekehrt auch für die Katholiken im Blick auf die ebenso zwiespältig betrachteten Protestanten: Einander ertragen lernen!
Sich gegenseitig ertragen, wie der Apostel der Gemeinde vor fast 2000 Jahren rät,  ist vielleicht gerade in unserer Zeit die beste Weise, das „Band der Einheit und des Friedens“  in gelebtes Leben umzusetzen.
Dazu sind wir heute neu eingeladen. Und wir können es ganz gelassen tun, weil die Grundlage bleibt, unzerstörbar bleibt. Die Grundlage für das persönliche Leben und Glauben und die Grundlage für unsere Gemeinschaft als Kinder Gottes und Glieder des Leibes Christi: Ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen seid zu einer Hoffnung. Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe; ein Gott und Vater aller, der da ist über allen und durch alle und in allen.“
Amen