Pfarrer Dr. Hermann Ruttmann,
13. Sonntag nach Trinitatis 17.08.2008
Katharina von Bora-Haus

Thema: “ Die 10 Gebote nach dem Buch Exodus – das erste Gebot”
                   2. Buch Mose

 

Liebe Gemeinde,

was machen Kirchenferne, wenn sie einen Pfarrer treffen? Wenn das Schicksal sie in die Lage gebracht hat und sie bei einer Taufe oder einer Hochzeit neben den Pfarrer zu sitzen kommen? Oder wenn sie friedlich an der Kaffeetafel sitzen und der Pfarrer kommt herein, um dem Großvater zum 81. Geburtstag zu gratulieren? Oder wenn sie feststellen, dass der nette Herr nebenan am Fitnessgerät Pfarrer ist? Was machen Kirchenferne dann? Sie rechtfertigen sich. Ungefragt erzählen mir Leute, warum sie sonntags eher selten in den Gottesdienst gehen, dass sie Gott in der Natur erleben und dass sie vielleicht bessere Christen sind als viele andere, die sonntags in die Kirche rennen – „ich halte mich nämlich an die 10 Gebote, im Unterschied zu den anderen“. Auf die 10 Gebote als Maßstab kann ich mich sogar mit erklärten Nicht-Gläubigen ganz schnell einigen. Ich vermute ja, dass dies so ist, weil sie gar nicht wissen, was in den 10 Geboten steht.

Wir finden die 10 Gebote zweimal in der Bibel – wir finden sie erstmals im 2. Buch Mose, Exodus, also: „Auszug“ genannt, weil hier die Geschichte des Volkes Israel vom Auszug aus Ägypten unter Mose wiedergegeben wird. Gott sorgt für sein Volk. Als es hungert, gibt es Wachteln und Manna, als es Durst leidet, lässt er Wasser aus dem Felsen sprudeln, als die Amalekiter angreifen, schenkt er ihnen den Sieg. Mose wird zunehmend überfordert mit all seinen Aufgaben. Gott lässt ihn Helfer einsetzen, die die Verwaltung übernehmen und sie kommen an den Sinai. Hier werden sie geistig aufgebaut, so wie vorher körperlich geschützt.

Eine Art erster großer Berggottesdienst, aber nur Mose darf auf den Berg gehen. Drei Tage bleibt er oben und wird beauftragt, dem Volk das zu sagen, was Gott ihm gesagt hat: „Und Mose stieg hinunter zum Volk und sagte es ihm. Und Gott redete alle diese Worte. Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“ Die 10 Gebote waren also zunächst mündlich weitergegeben worden, am Sinai und unstrittig ist, dass dies das 1. Gebot ist – ich habe es aus der Lutherübersetzung wiedergegeben.

Die 10 Gebote sind mit die ältesten Texte der Bibel – sie weisen in ihrer Schlichtheit auf die Zeit zurück, als die Israeliten noch keine Bücher hatten, als Schreiben noch kein Beruf war. Das begann erst mit der Königszeit unter David. Bis dahin wurden die Geschichten erzählt, wie in Deutschland die Geschichten von Kaisern und Königen erzählt wurden, Sagen und Märchen: Sie wurden von Großvätern und Großmüttern den Enkeln weitergegeben, sie wurden im Gottesdienst erzählt, sie wurden in der Schule auswendig gelernt. Diese Schlichtheit macht sie so unwiderstehlich, während die komplizierten Rechtsvorschriften, die danach angefügt wurden – ich sage mal: die juristischen Ausführungsbestimmungen – kaum einer noch kennt.

Das 1. Gebot war immer etwas Besonderes: Deshalb steht es ja an erster Stelle. Es setzt ein Ausrufungszeichen von Anfang an, die Vorstellung des Gottes, der so schnell vergessen wird: Gott stellt sich vor mit Namen: Ich bin Jahwe, dein Gott. Unser Gott hat einen Namen, er lässt sich anreden. Das Tetragramm, die vier Buchstaben J H W H sind seine Vorstellung, so möchte er angesprochen werden. Ein Name macht jemanden unverwechselbar.

Bis zur Namensgebung ist ein Kind ein Kind, danach heißt es Susanne, Martin oder Iradj. Ein Name macht jemanden unverwechselbar. Und das soll auch für unseren Gott gelten: Ich bin Jahwe, dein Gott! Jemand, der sich mir mit Namen vorstellt, taucht auf aus der anonymen Masse, mit ihm kann ich reden und Vertrauen aufbauen. Noch tiefer kann eine Beziehung zu ihm werden, wenn er – zumindest im Deutschen – noch seinen Vornamen anbietet. Wir Deutschen sind ja mit dem „Sie“ und dem „Du“ besonders eigen – Gott darf ich duzen mit seinem unverwechselbaren Vornamen.

Jahwe stellt sich vor als ein Gott, der eine Vorleistung gebracht hat: „der dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt hat“. Gott hat sein Volk nicht belohnt für seinen großen Glauben, den hatten sie nämlich noch gar nicht. Sie hatten ihren Gott vergessen in Ägypten, auch Mose wusste nichts von ihm. Gott hat sich ihm im Jemen offenbart, als er auf der Flucht ist wegen seines Mordes an dem ägyptischen Aufseher und Jahrzehntelang Schafe hütet bei seinem Schwiegervater, der bereits an Jahwe glaubt. Das Volk Israel in der Knechtschaft ist gott-los. Jetzt, auf der Reise durch die Wüste, wird es seinen Gott kennenlernen, es wird aufmerksam werden auf die Wunder der Natur, die ihm Essen bietet, das nicht im Schnellimbiss gereicht wird, sondern wächst, in Oasen, als Tau am Morgen, als Wachteln am Abend. Israel entdeckt erst noch seinen Gott, der eine Vorleistung gebracht hat: Ich war es, der Dich aus der Knechtschaft geführt hat. Nicht die geniale Verhandlungsstra-tegie des Mose, nicht die lumpige Bewaffnung der Israeliten, nicht der Zufall am Schilfmeer, nicht die Schwäche des Pharaos: Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe.

Und diese Selbstvorstellung ist auch gleichzeitig ein Versprechen: Wenn Du Dich aus der Knechtschaft führen lassen willst, dann musst Du nur mir folgen. Um dieses Versprechen einlösen zu können, muss ich mich fragen: Was ist mein Ägypten? Wo liegt meine Knechtschaft? Habe ich mich in meinem Leben verfahren in eine Sackgasse, in der ich umdrehen muss? Ist meine Arbeitsstelle das, was ich mir wünsche? Eigne ich mich tatsächlich für diese Ausbildung oder werde ich dann ein Leben lang einen Beruf haben, der mir keinen Spaß macht? Ist es wirklich gut, wie ich lebe? Trinke ich zuviel, weil sich mein Schmerz nur noch so ertragen lässt? Bin ich abhängig von Medikamenten, die ich in immer stärkerem Maße brauche, um das Leben zu ertragen? Fühle ich mich wohl in Berg oder soll ich auf meine alten Tage vielleicht noch umziehen? Bin ich glücklich mit meinem Geld? Oder habe ich ständig den Eindruck, zu wenig zu haben oder dass meine Erben nur mein Geld wollen?

Jeder muss die Antworten auf diese Fragen selber finden – oder auch die Fragen zum eigenen Leben: Immer wenn es andere Götter sind, die mein Leben bestimmen, als dieser Jahwe, der mich aus der Knechtschaft führen will – immer dann muss ich den Mut aufbringen, etwas zu verändern. „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir“ Das ist die logische Folge dieses Versprechens, dass Gott mich aus meiner Knechtschaft herausführen will. Diese Götter sind uns ja nicht unbekannt: Es ist die Verwandtschaft, die doch denken soll, dass alles in Ordnung ist. Es ist der Freundeskreis, der sich auf bestimmte Spielregeln geeinigt hat. Es ist die Familie, die bestimmt, was man tut oder was man eben nicht tut. In meinem Herkuftsdorf und in Krautostheim kommt noch die Macht des Dorfklatsches dazu:

Dies und jenes tut man nicht: Was sollen die Leute denn denken. Das 1. Gebot hat aber eine andere Instanz, die wichtig ist: „Ich bin Jahwe, dein Gott, der dich aus Ägyptenland geführt hat, aus der Knechtschaft. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“ Die Gottheiten dessen, was man tut, wie man sich zu benehmen hat, die Gottheiten, die mir die Wände aufzeigen, zwischen denen ich mich zu bewegen habe – diese Gottheiten stehen in Konkurrenz mit dem, der sich mir mit Namen vorstellt: Jahwe, der die Knechtschaften überwinden hilft.

Im 5. Buch Mose werden die 10 Gebote nochmal wiederholt – und das 1. Gebot hat denselben Wortlaut. Das 5. Buch Mose ist jünger als das 2. Buch Mose, es ist Bestandteil eines Geschichtswerkes, das dann vollendet wurde, als 600 Jahre vor Christus die Babylonier den Tempel zerstört hatten und das Volk ohne Orientierung war. Hier steht es am Anfang des Geschichtswerkes – die 10 Gebote sollen die Orientierung Gottes für die Geschichte des Volkes Israel sein. Eine Art Leuchtturm für das, was kommen soll. Und das in einer Lage, in der die gesamte Führungselite des Volkes in Babylon in der Gefangenschaft, ist. Alle, die schreiben, lesen und vorauschauen können, sind weg, in dieser Knechtschaft, die viele dann mit dem Ägyptenland aus dem 1. Gebot gleichgesetzt haben. Hier wurde die Botschaft des 1. Gebots neu übersetzt auf die Lage der Menschen. Für das Volk Israel war es immer eine Herausforderung, die Knechtschaften zu erkennen. Sie fanden auch immer politische und wirtschaftliche Knechtschaften vor, die sie von Gott abbrachten. Die politischen Knechtschaften unserer Zeit werden Sie, liebe Gemeinde, einfach erkennen, wenn Sie heute Abend die Tagesschau anschauen:

Da wird es um Börsenkurse, um Wachstum, um Krieg, der andere Kriege nach sich zieht, gehen, um Diktaturen, die wir unterstützen, um Menschen, die verhungern, weil wir das Geld für Armeen ausgeben, die die Lage der Menschen nicht verbessern. Oder Diktaturen, die wir ignorieren, weil sie uns zu mächtig sind und so schöne olympische Spiele organisieren – Tibet hin oder her. Da wird es um Bestechlichkeiten und Unmoral gehen. Noch nicht mal mehr das Wetter ist unschuldig, weil wir sogar das Klima in eine Knechtschaft geschickt haben. Ziehen Sie Ihre Folgerungen daraus, wenn Sie dieses schlichte 1. Gebot neben den Fernseher hängen…

Der Botschaft des 1. Gebots für heute, für uns, wollte ich nachspüren. Meine Funde möchte ich Ihnen mitgeben für die kommende Woche:

  • Gott stellt sich uns vor im 1. Gebot: Ich bin Jahwe. Ich darf ihn duzen und er ist unverwechselbar für mich.
  • Gott macht ein Versprechen: Ich führe Dich so aus Deiner Knechtschaft wie damals das Volk aus Ägypten. Ich bin ein Gott der Zukunft.
  • Untersuche Dein Leben aufmerksam: Wo liegen Deine persönlichen Knechtschaften, wo liegen unsere gesellschaftlichen Knechtschaften? Dann steht Gott an Deiner Seite, damit Du aus Deinem Ägypten ausziehen kannst.
  • Gott schenke uns seine Liebe, Jesus seine Gemeinschaft und der Heilige Geist seine Begleitung dazu. Amen.
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