Predigttext:
Prof. Dr. Klaus-Peter Jörns,
Karfreitag 21.03.2008
Pfarrkirche Aufkirchen ,Berg

Thema: “ Hosiana” und “Kreuzige”
                   Markus 15,6-15

 

Predigt an Karfreitag 2008 in der Wallfahrtskirche in Berg-Aufkirchen zu Markus 15,6-15

Sehen wir auf das Volk, dem Jesus in der Karwoche in Jerusalem begegnet, so spannt sich der Bogen vom erwartungsgeladenen Begrüßungsruf „Hosianna“ („Hilf doch!“) am Palmsonntag bis zum Karfreitag und dem Vernichtungsruf „Kreuzige“ (15,13).

Religionsgeschichtlich steht diese Woche für den Anfang und das vorläufige Ende einer religiösen Revolution.

 „Wer ist dieser?“ hatten die Leute gefragt, als Jesus nach Jerusalem ging, und man nun endlich den zu Gesicht bekam, von dem so viele teils wunderbare und teils ärgerliche Geschichten erzählt wurden. Jesu Einzug in Jerusalem geschah nicht zufällig auf einem Esel, sondern, weil der Prophet Sacharja (9,9) verheißen hatte, der Messias werde dermaleinst auf einem Esel in die Stadt kommen und dann sein neues Friedensreich beginnen. Doch das war Theologenwissen. Anzusehen war ihm auf dem Esel nicht, wer er war. Höchstens, daß er kein großer Herr war, sondern eher ein trauriger Held.

Da er viel redete und Zeichen tat, meinten die meisten, er sei ein Prophet.

Herumgesprochen hatte sich, daß er anders vom Reich Gottes redete als gewohnt. Er wollte kein politisches reich mehr, wollte weg von der Hoffnung, die auf die Gewalt von Waffen setzt, und hin zu einem Frieden, der durch Gerechtigkeit und Liebe zu Gott und Menschen entsteht. Und was den Kult angeht, so verwarf er die blutigen Opfer, die überall in der Mittelmeerwelt zur Sühne für die Sünden des Volkes oder zum Dank für Hilfe geopfert wurden. „An Liebe habe ich Wohlgefallen und nicht an Schlachtopfern, an Gotteserkenntnis mehr als an Brandopfern“, hatte Gott aber schon durch den Propheten Hosea Israel ausrichten lassen (6,6). Nichts Drittes sollte mehr stellvertretend zwischen Gott und den Menschen stehen. Von da an ging es um die unmittelbare Beziehung zwischen Gott und Menschen, die im Herzen ansetzt und sich im Handeln zeigt. Für diese Wende kämpfte Jesus mit allen Fasern seiner Existenz.

Programmatisch dafür sind die Seligpreisungen, sein Wertekanon, sein Tugendkatalog (Matthäus 5,3-10):

Selig sind, die nicht am Geld hängen. Sie werden reich sein. …

Selig sind die Sanftmütigen. Sie werden im Land den Ton angeben.

Selig sind, die nach Gerechtigkeit hungern. Sie sollen satt werden.

Selig sind die Barmherzigen. Sie werden Barmherzigkeit erfahren.

Selig sind die Herzlichen. Sie werden Gott schauen.

Selig sind, die Frieden stiften. Sie werden Söhne und Töchter Gottes heißen.

Die Seligpreisungen sagen: Religion, ja, Gottes Gebote, dienen dem Leben. Gott weiß, daß das Leben schwer ist, und daß der Preis der Freiheit, die er uns läßt, die lebenslange Mühe ist, gut und böse unterscheiden und die eigenen Entscheidungen vor Gott und den Mitgeschöpfen verantworten zu müssen. Gott ist kein Tyrann, sondern Gott ist Liebe, und zwar unbedingte Liebe. Das heißt, seine Liebe ist nicht von unserem Gehorsam abhängig. Jesus zeigt mit seinem Leben: Nicht Drohung, nicht Strafe, sondern Liebe ist auch Gottes einzige Pädagogik, mit der er uns zu liebevollem Handeln einladen, bitten, reizen, überwinden, ja, verführen will (vgl. das Gleichnis vom sogenannten verlorenen Sohn Lukas 15,11-32).

Deshalb steht in der Mitte des Unser-Vater die Vergebungsbitte parallel zur Bereitschaft, selbst zu vergeben. Und nach Johannes gibt der Auferstandene den Jüngern nur einen Auftrag: Sünden zu vergeben, Menschen loszusprechen aus der Vergangenheit der Schuld, sie freizulassen (20,23a). Jesus spricht denen, die sich von Gottes Liebe anstecken lassen, die Würde zu, Sohn und Tochter Gottes zu heißen, und gibt ihnen die göttliche Vollmacht, Sünden zu vergeben. Ganz ohne Priester und Opferblut, nur mit der Kraft des Geistes und der Liebe Gottes. Wenn aber trotzdem von Priestern geredet werden soll, dann sind wir alle Priesterinnen und Priester der Liebe Gottes.

Das ist die Revolution, die Jesus mit sich nach Jerusalem brachte. Diejenigen, die ihm zugejubelt hatten, erwarteten aber wohl zumeist etwas anderes von ihm: Heldentaten zur Befreiung der Juden von der römischen Besatzungsmacht. Aber er wollte kein solcher Held sein. Er ließ sich auch vom Jubel nicht dazu verleiten, das Heil in der Gewalttat zu suchen und die Liebe Gottes, von der er lebte, durch den Pakt mit Gewalt wieder entstellt werden zu lassen. Keines der uns wichtigen Güter wollte er um den Preis erreichen, daß mit Blutvergießen und Gewalt, mit Gott Widerwärtigen also, dafür bezahlt werden müßte. Weder Freiheit noch Ansehen noch Macht und Anhängerschaft wollte er so gewinnen.

Doch da Jesus die Erwartungen der meisten nicht erfüllte, war die Begeisterung für den traurigen Helden bald verflogen. Der Zweifel trat auf: Sollte dieser wirklich mit Gott im Bunde sein? Warum denn tat Gott nichts für ihn? Gott ließ es ja zu, daß er gedemütigt und gefangen genommen wurde! Verspottet als tragikomischer Held mit einer Dornenkrone! Selbst die, die zu seinen Freunden gehörten, verloren den Boden unter ihren Füßen. Ihre Welt brach zusammen, Petrus verleugnete ihn dreimal – aus Angst, nun auch hingerichtet zu werden.

Und die Zuschauer fordern Jesus heraus, wenigstens angesichts des Todes seine Macht zu entfalten. Aber nichts geschieht. Als dann dem Volk angeboten wird, entweder den Bar-Abbas, übersetzt: den „Sohn des Vaters“, oder Jesus freizubekommen, in dem manche den neuen „König der Juden“ sahen, da entschied sich die Mehrheit für den „Sohn des Vaters“. Denn Bar-Abbas war es, der nach Väterart, also als gewalttätiger Freiheitskämpfer, die Römer zu vertreiben suchte. Das war das alte, auf Gewalt setzende Konzept, und dem traute man mehr zu als der Sanftmut Jesu. Der Aufstand wurde geprobt, und die Antwort der römischen Besatzer blieb nicht aus: 70 nach Christus ließ Titus den Tempel in Jerusalem niederreißen, und zwei weitere Generationen später wurde nach dem Bar-Kochba-Aufstand die ganze Stadt Jerusalem dem Erdboden gleichgemacht (135-137). Nach Väterart auch dies.

Verwandtes geschieht zur Zeit in Tibet, wo Mönche sich von der Lehre des Dalai Lama losgesagt haben, der auf Gewaltlosigkeit setzt, und einen Aufstand inszeniert haben. Sie haben die Geduld verloren, finden, die Gewaltlosigkeit helfe ihnen nicht zur Freiheit. Nun müsse doch die Gewalt her. Und die chinesischen Besatzer schlagen mit Härte zurück.

Und Gott sieht – jedenfalls mit unseren Augen betrachtet – zu, heute wie damals. Der gepeinigte Jesus am Kreuz schreit zu Gott: Warum hast du mich verlassen?! Und stirbt. Und stirbt wie alle Menschen, die in ihrer Todesnot vergeblich nach Gottes Hilfe gerufen haben und rufen.

Und doch kommt Karfreitag das Wichtigste heraus: Sein Tod ist nur das vorläufige Ende der religiösen Revolution Jesu gewesen. In Wahrheit ist er an diesem Tag den Weg Gottes in die Welt der sterblichen Menschen konsequent zu Ende gegangen – bis in den Tod hinein, den wir alle vor uns haben. Nur so kann er uns Sterblichen helfen. Seine Botschaft von der unbedingten Liebe Gottes zu den Menschen hat er durchgehalten, nicht verraten. Und auch das kommt heraus: In Wahrheit litt Gott mit ihm. Aber das ist erst herausgekommen, als Gott Jesus auferweckt, also in ein neues Leben bei sich hinein verwandelt hat. Dieses Handeln Gottes hat sich auf der Rückseite und im Schatten des Sterbens vollzogen - und wird sich auch in unserem Sterben für menschliche Blicke unsichtbar vollziehen. Wie bei Jesus, wird auch nach unserem Tod eine Leiche zu sehen sein. Die Verwandlung sehen wir nicht.

Dann kam Ostern. Und im Blick zurück, den die erste Christenheit auf das Leben Jesu richtete, quälte die Christen immer noch die am eigenen Selbstbewußtsein nagende Zweifelsfrage, wieso Jesus einen Verbrechertod gestorben war. Nichts hat vor allem rechtgläubige Juden und die auf das Recht achtenden Römer so beschäftigt wie diese Frage. Sie hat auch Paulus und andere offenbar so bestimmt, daß sie sich nicht mit Jesu Leben, sondern nur mit seinem Tod und seiner Auferstehung beschäftigt haben. Sie wurden umgetrieben von der Frage, welchen positiven Sinn der Tod Jesu haben könnte. Das war für ihre Missionsarbeit die entscheidende Frage.

Und sie fanden die Antwort auf ihre Weise „nach Väter Art“: In ihren heiligen Schriften, die wir heute das Alte Testament nennen, fanden sie den Schlüssel zu einem heilvollen Verständnis des Todes Jesu. In den Briefen des Paulus und in anderen neutestamentlichen Schriften können wir deshalb bis heute lesen: Jesus sei an unserer Statt gestorben, habe die Todesstrafe auf sich genommen, die wir für unseren Ungehorsam Gott gegenüber eigentlich erleiden müßten. Er habe mit seinem Blut bezahlt, damit Gott und Welt versöhnt werden konnten. Und das Abendmahl, das Jesus mit den Seinen nach jüdischer Praxis noch ohne Opfercharakter gehalten hatte und das mehrfach schlicht als „Brotbrechen“ bezeichnet wird (z. B. Apostelgeschichte 2, 42.46), wurde nun nach Art eines Bundes- und Sühnopfers verstanden und als Sühnopfermahl gefeiert. Denn überall in der damaligen Welt wurden Opfermahlfeiern gehalten, bei denen man Fleisch aß und oft auch Wein trank.

Doch damit rückte die von Jesus gerade zurückgewiesene Verbindung von Gott und Gewalt wieder ins Zentrum des Gottesdienstes und Gottesbildes ein. Gottes Liebe, die Jesus ohne jede Bedingung den Menschen geschenkt und verkündet hatte, wurde wieder an eine Bedingung gebunden: an Jesu Leiden und an die stellvertretende Heilkraft seines Blutes. Als gäbe es Sündenvergebung doch nicht ohne Blutvergießen (Hebr 9,22), als hätte nicht schon der lebende Jesus die Jünger mit der Vollmacht, Sünden zu vergeben, ausgestattet!

Nach 2000 Jahren Christentumsgeschichte und dem Pakt auch der Kirchen mit Heiliger Gewalt ist es Zeit, daß wir uns auf die Verkündigung Jesu zurückbesinnen – und erkennen, wie weit wir uns in vielem von ihm entfernt haben. Auch die Kirchen sind immer wieder, statt den Weg der Söhne und Töchter Gottes zu gehen, den Rezepten nach Väterart gefolgt. Bis in die Mitte des vergangenen Jahrhunderts hinein haben die Kirchen die Kriege der Europäer und Amerikaner untereinander mit ihren Gebeten begleitet, haben Gott gegen Gott um der nationalen Ziele willen in den Krieg geschickt. Und haben nichts getan für die Verständigung der Religionen untereinander, ohne die es keinen wirklichen Frieden auf der Erde geben wird.

Laßt uns umkehren zu Jesus, dem „Anfänger und Vollender unseres Glaubens“ (Hebr 12,2). Laßt uns die Würde und Bürde der Gotteskindschaft mit Mut und Entschlossenheit ergreifen. Laßt uns die Schönheit der Gottesliebe in uns aufnehmen, die Jesus so stark gemacht hat, selbst der Todesdrohung standzuhalten. Sie wird auch uns helfen, leben und sterben zu können und nicht nur zu müssen. Heute feiern wir die von Jesus erhaltene Vollmacht, uns gegenseitig die Sünden zu vergeben. Vergebung ist Ausdruck der unbedingten Liebe Gottes zu seinen Geschöpfen. Sie einzuüben, ist die Schönheitskur für unsere Seele, die wir zumindest so sehr brauchen wie alle Pflege unserer Haut.

Amen

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1-Die Karwoche heißt auch das „Kleine Kirchenjahr“, denn sie spannt inhaltlich einen Bogen, der alle Christus-Feste zusammenbindet: Der Einzug in Jerusalem steht parallel zur Geburt Jesu und zu Weihnachten; dann kommen die Auseinandersetzungen mit den damaligen religiösen Institutionen, seine Hinrichtung am Karfreitag und schließlich die Auferstehung Jesu am Ostermorgen.

2-Entscheidend für religiöse Revolutionen ist, daß ihre Helden den Rahmen des Gewohnten sprengen – und unter den Zeitgenossen dennoch mithilfe der gewohnten, traditionellen religiösen Vorstellungen von Gott und vom Heil beschrieben werden müssen, damit man weiß, wer sie sind.