Pfarrer Dr. Hermann Ruttmann,
Epiphanias, das Erscheinungsfest 06.01.2008
Katharina von Bora-Haus

Thema: “ Keiner hat Gott je gesehen.
                   Johannes 1, 15-18

 

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater und seinem Sohn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,

wer von uns hat Gott schon einmal gesehen? Blöde Frage, oder? Jeder wird sagen: Ich nicht, Gott kann man nicht sehen. Oder: Wenn nicht der Pfarrer, wer dann? Keiner von uns hat Gott schon mal gesehen – aber jedem von uns würde es helfen im Glauben. Würden nicht viel mehr Menschen an Gott glauben, wenn man ihn sehen könnte? Obwohl: Allzu oft dürfte es auch nicht sein, sonst würde man sich daran gewöhnen: Es ist ja so, dass man diejenigen, die man immer sieht, irgendwann nicht mehr sehen kann: Im Fernsehen ist das so: Dann zappen wir weiter: Schon wieder der!

Keiner von uns hat Gott je gesehen? Nun, das ist sicherlich der Grund, weshalb es auch so interessant wäre, was von ihm zu sehen. Ich denke mir, dass das auch der Beweggrund der drei Weisen aus dem Morgenland war, sich aufzumachen und etwas von Gott zu sehen. Seinen Sohn, etwas von Gott, was ihm möglichst nahe ist. Das Volk Gottes selbst, in unmittelbarer Nähe zum Tempel in Jerusalem, zum Allerheiligsten, war offensichtlich gar nicht so interessiert daran. Dabei hatten doch vermutlich mehr Leute den Stern gesehen – aber wenn jeder Stein, der herumsteht, eine religiöse Bedeutung hat, dann ist das alles nicht so interessant: Ich kenne das aus dem Urlaub in Irland: Wenn an jeder Ecke eine alte Kirche, ein altes Kloster steht, dann stumpft man ein bisschen ab. Oder in Rom: An jeder Ecke ein Kirche, die, wenn sie bei uns wäre, Hunderte von Besuchern jeden Tag hätte – aber in der Fülle der Kirchen Roms fällt sie eben nicht auf.

Aber diese drei Weisen – sie haben ein Ziel: Sie wollen Gott sehen oder eben zumindest Gottes Sohn. Dieses Lebensziel setzen sie um und machen eine mehrwöchige Reise, um es zu erreichen: Nur mal einen Blick auf Gott, auf den göttlichen Sohn werfen, und dann wieder zurück. Sie tauchen auf aus der Geschichte und verschwinden wieder, ohne Namen, ohne Adresse – aber ihr Leben ist erfüllt worden. Sie hatten es einfach, denn sie konnten glauben, sie fallen vor diesem Kleinkind nieder und wissen: Es gibt Gott, hier sehen wir ihn. Beneidenswert für uns, oder?

Wir müssen 2000 Jahre später größere Umwege gehen als die drei Weisen aus dem Morgenland, um Gott zu sehen, oder einen Abglanz von ihm. In unseren Kirchen suchen wir ihn – manchmal gibt es das Auge Gottes im Dreieck, das für Vater, Sohn und Heiliger Geist steht, verziert vielleicht mit dem Strahlenkranz. Aber das ist natürlich nur ein Bild für Gott, noch nicht einmal ein Bild Gottes. Und wo ist er, wenn ich ihn brauche? Wo ist er, wenn ich mich einsam fühle, den Blues habe, wie man so sagt: Wenn der Tag grau ist, nicht nur vom Wetter her, sondern auch in mir drin? Gibt es diesen Gott, wenn man ihn schon nicht sehen kann? Wo ist dieser Gott, den ich nicht sehen kann, wenn mich ein lieber Mensch verlassen hat? Wenn mein Partner gestorben ist? Wenn meine Bezugsperson plötzlich nicht mehr ist?

Gott – wo kann ich ihn sehen? Wer hat Gott schon einmal gesehen? Ich glaube, das war die Frage, die sich vor 2000 Jahren der Evangelist Johannes gestellt hat – oder vielleicht auch die Frage, die ihm gestellt wurde, 30, 40, 50 Jahre nach der Himmelfahrt Jesu. Johannes versucht gleich zu Beginn seines Evangeliums eine Antwort:

Johannes 1, 15-18 (Klaus Berger)

Jetzt ist alles klar, oder? Wie sagt Johannes: „Keiner hat Gott je gesehen.“ Deshalb ist es wichtig, dass wir uns den Umweg über Jesus betrachten – denn von ihm haben wir eine bessere Vorstellung, weil in ihm Gott Mensch war. Schon den Weisen aus dem Morgenland ging es so – sie hätten sich vertiefen können im Gebet zu Gott, aber sie haben sich Gott über Jesus angenähert. Was sagt uns Johannes über diesen Jesus – so schwer sein Text zu verstehen ist?

  • Jesus ist von Gottes Art und hat seinen Platz neben dem Vater. „Der einzige Sohn, der von Gottes Art ist und seinen Platz neben dem Vater hat.“ schreibt Johannes. Hier ist keine Verwechslung möglich: In Jesus Christus ist Gott Mensch geworden, er hat sich verwandelt in einen von uns: „Gottheit und Menschheit vereinen sich beide; Schöpfer, wie kommst du uns Menschen so nah!“ so haben wir es im Epiphaniaslied eben gesungen. Gott ist sichtbar geworden in Jesus.
  • Jesus ist kein guter Mensch gewesen, der später von Gott adoptiert wurde, nein: Jesus war vor seinem Leben in Gott: „Nach mir kommt einer, der vor mir entstanden ist, weil er früher da war als ich.“ So versucht es Johannes zu umschreiben. Da schließt sich der Kreis zur Schöpfung: Denn Gott hat sich schon immer ein bisschen sichtbar gemacht: „Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn.“ Gott ist sichtbar geworden in Jesus, wie er auch ein bisschen sichtbar ist in jedem Menschen.
  • Jesus bringt uns Gott nahe, weil er von seiner Art ist und seinen Platz neben ihm hat: „Der einzige Sohn, der von Gottes Art ist und seinen Platz neben dem Vater hat, brachte von ihm Kunde.“ Dass Gott Mensch wird in der Krippe hat ein Ziel: Wir sollen etwas von Gott erfahren, was neu ist. Wir sollen Kunde erhalten von einem Gott, der sich den Menschen zuwendet, der nicht einfach unsichtbar ist und herrscht, sondern einem Gott, der eine Botschaft für unser Leben hat.
  • Jesus vermittelt uns Gnade und Gottes Wesen selbst: „Durch Jesus Christus wurde uns Gnade und Gottes Wesen selber zuteil.“ Gott ist in Jesus Christus nicht nur sichtbar geworden, in einem menschlichen Angesicht, dem Ebenbild Gottes, Gott hat Jesus nicht nur eine Botschaft von ihm mitgegeben – nein, auch ein Geschenk hat er: Gnade bringt er mit und einen Teil von Gottes Wesen bekommen wir. „Hier kann das Herze sich laben und baden, Jesus ist kommen, die Quelle der Gnaden“ werden wir nach dieser Predigt noch singen.
  • Jetzt wissen wir auch, weshalb Epiphanias das „Erscheinungsfest“ heißt: Gott wird sichtbar für uns, wir können ihn sehen. Er wird sichtbar in Jesus Christus, der von Gottes Art ist, er wird sichtbar in der Botschaft, die er Jesus mitgegeben hat, er wird sichtbar in dem Geschenk, das er ihm mitgegeben hat: Der Gnade Gottes und Anteil am Wesen Gottes.
  • Ein Wort noch zur Gnade: Das Wort Gnade ist bei uns eigenartig aus der Mode: Wenn jemand begnadigt wird, dann wird ihm normalerweise ein Rest der Strafe erlassen, wegen guter Führung zum Beispiel. Das ist nicht ganz das, was im Neuen Testament Gnade bedeutet: Denn wir müssen nämlich die Strafe gar nicht antreten. Besser wäre „mit Bewährung“ – wir müssen die Strafe für das nicht antreten, was wir als Menschen falsch machen. „Unser Durchbrecher ist nunmehr vorhanden; er, der Sohn Gottes, der machet recht frei, bringet zu Ehren aus Sünde und Schande“ haben wir gesungen. Wir Menschen sind nicht fehlerlos, wir sind nicht sündlos. Aber Gott bestraft mich nun nicht dafür, sondern schickt Jesus mit dem Geschenk: Die verdiente Strafe wird auf Bewährung ausgesetzt, und das immer wieder. Ich muss sie nicht antreten – und der Grund ist der zweite Teil dieses Geschenkes, das Gott Jesus mitgegeben hat: „durch Jesus Christus wurde uns Gottes Wesen selber zuteil“ Wir haben Anteil am Wesen Gottes durch Jesus Christus. Da wird wieder etwas repariert, was durch den Sündenfall zerbrochen ist: Dass wir Anteil haben an Gott. „Amen, o Jesu, du wollst uns vollenden, Jesus ist kommen, sagt’s aller Welt Enden“ werden wir in der 9. Strophe unseres Epiphaniasliedes anstimmen.

    Gott ist sichtbar geworden in Jesus Christus, aber er war auch vorher schon sichtbar und ist es für uns heute immer noch: Gott ist sichtbar in jedem seiner Ebenbilder, in jedem Menschen: In jedem Menschen können wir ein Stück Gott entdecken und das sollte uns erfürchtig sein lassen vor dem menschlichen Leben insgesamt und vor jedem einzelnen Menschen. Und das ist ja auch ein wesentlicher Teil der Kunde, der Botschaft, die Jesus uns von Gott mitbringt: Dass alle Menschen seine Brüder sind, dass alle Menschen Gottes Kinder sind – und dass wir in ihnen Gott und Jesus sehen.

    Das ist ja der Kernsatz der 4 Evangelien: „Ihr sollt Gott lieben und ihr sollt euren Nächsten lieben wie Euch selbst.“ Und Jesus sagt weiter: „Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ Gott und Jesus sind sichtbar in jedem Menschen – weil wir alle Ebenbilder Gottes sind und weil wir alle Geschwister sind, Geschwister Jesu und Kinder Gottes. Gott wird so auch heute noch sichtbar, nicht nur vor 2000 Jahren in Jesus, sondern täglich neu in jeder Begegnung mit anderen Menschen.

    Ich wünsche uns zum Ende der Weihnachtszeit, dass Gott in unserem Leben sichtbar bleibe: Dass wir ihn in Jesus erkennen, weil Jesus nicht einfach nur ein guter Mensch war, sondern von Gottes Art. Dass Gott in unserem Leben sichtbar bleibe, auch wenn die Krippen und die Weihnachtsbäume abgeräumt werden. Dass Gott in unserem Leben sichtbar bleibe, weil sein Geschenk, das er Jesus für uns mitgegeben hat, dauerhafter ist, als das, was wir einander an Weihnachten schenken: Die Gnade Gottes und ein Teil seines Wesens selber.

    Die Gnade Gottes, die er Jesus mitgegeben hat für uns, begleite uns in der kommenden Woche. Amen.