Pfarrer Dr. Hermann Ruttmann,
Christfest 25.12.2007
Katharina von Bora-Haus

Thema: “ Und er wird der Friede sein ”
                   Micha 5, 1-4a

 

Liebe Gemeinde,

Weihnachten ist das Fest des Friedens – wer würde das bezweifeln. Es fällt uns zwar schwer, unsere Welt am heutigen Tag als friedlich zu sehen, aber eigentlich ist Weihnachten das Fest des Friedens. Und heute Abend in den Nachrichten werden wir wieder von Bombenattentaten hören, wir werden wieder schreiende Menschen sehen, weinende Menschen, deren Leben zerstört ist. Es wird wieder ein Politiker oder ein anderer angesehener Mensch erschossen werden – Hauptsache aus dem Weg geräumt. Es wird uns schwer fallen, zu glauben, dass heute ein Tag des Friedens ist. Und doch gibt es Zeichen der Hoffnung – Hoffnung darauf, dass Menschen irgendwann aufhören, sich umzubringen. Und dass sie vielleicht heute damit beginnen:

Flandern, im Dezember 1914: im Westen nichts Neues. Deutsche Soldaten liegen Briten, Franzosen und Belgiern in einem erbarmungslosen Stellungskrieg gegenüber. Die anfängliche Kriegsbegeisterung ist längst erstorben. Hunderttausende junger Männer sind bereits gefallen. Der vom wochenlangen Regen aufgeweichte Boden ist tief gefroren. Schnee bedeckt erstarrte Leichen im Niemandsland, die keiner bergen kann - aus Angst, dabei erschossen zu werden.

Doch am Weihnachtsmorgen geschieht etwas Unerhörtes: die vielleicht bewegendste Weihnachtsgeschichte der Neuzeit. Einfache Soldaten nehmen sich die Freiheit und das Weihnachtsfest zum Anlass und fordern die verfeindeten Seiten zum Waffenstillstand auf. Zwischen dem 22. und 29. Dezember werden die Kampfhandlungen eingestellt und Deutsche, Franzosen und Briten feiern zusammen das Weihnachtsfest. Geschenke werden ausgetauscht, die Männer zeigen sich Fotos ihrer Familien, trinken und essen zusammen, ja sogar Fußball wird gespielt im Niemandsland. Der spontanen Verbrüderung schließen sich auch viele Offiziere an, und sie sind sich schnell einig: Schluss mit dem Krieg, no more war, à bas la guerre. Wir wollen leben. Die Hauptorte, an denen diese "Verbrüderung" belegt ist, sind in der Umgebung der französisch-belgischen Grenze zu finden: Ypern, Basseville (bei Warneton) und St.Yvon.

Josef Wenzl vom 16. Bayerischen Reserveinfanterieregiment berichtete am 28. Dezember 1914 seinen Eltern in Schwandorf: "Es klingt kaum glaubhaft, was ich euch jetzt berichte, ist aber pure Wahrheit. Kaum fing es an Tag zu werden, erschienen schon die Engländer und winkten uns zu, was unsere Leute erwiderten... Alles bewegte sich frei aus den Gräben, und es wäre nicht einem in den Sinn gekommen zu schießen... Zwischen den Schützengräben stehen die verhassten und erbittertsten Gegner um den Christbaum und singen Weihnachtslieder. Diesen Anblick werde ich mein Leben lang nicht vergessen..."

Nach wenigen Tagen ist auf Befehl von oben alles vorbei. Den eigentlichen Herren des Krieges auf beiden Seiten in den obersten Heeresleitungen war die Ruhe an der Front unheimlich. Von nun an galt wieder "Parole Krieg". Das blutige und sinnlose Morden ging weiter. Es dauerte noch bis 1918 und kostete Millionen Menschen das Leben.

Die Friedensweihnacht vor 93 Jahren macht mir Hoffnung – Hoffnung darauf, dass die Menschlichkeit siegt. Und dass wir verlernen, andere Menschen umzubringen, weil wir den Befehl von oben bekommen. Wenn Weihnachten der Frieden ausbricht, kann er vielleicht die Zeit überleben, die danach kommt und der Befehl von oben „Parole: Krieg“ wird einfach ins Leere laufen.

Weihnachten ist das Fest des Friedens und es scheint mir so, dass die Soldaten des Jahres 1914 unseren heutigen Predigttext gelesen haben und ihn gleich umgesetzt haben:

Micha 5,1-4a

„Und er wird der Friede sein“ Dieser kleine Satz hat eine Sprengkraft, die größer ist als alle ausgetüftelten Bomben, die Menschen bauen können. Das schlägt ein! „Und er wird der Friede sein.“ Nicht: „Es wird Friede sein!“ Nein: „Er wird der Friede sein!“ Der, der von einer von einer jungen Frau, wie der Prophet Jesaja es sagt, zur Welt gebracht wird, er wird der Friede sein. Einfach so, einfach überraschend, wie damals im Schützengraben.

Dieser Text des Propheten Micha ist der Gegenentwurf zu unserer Welt. Der Gegenentwurf zu einer Welt, die keine Zukunft hat, weil sie sich immer wieder in die Vergangenheit verstrickt. Da will ein Volk nicht mit dem anderen leben, weil seine heiligen Schriften einen Alleinbesitz eines Landes ausweisen. Da will ein Volk nicht mit dem anderen leben, weil das Unrecht von Millionen in den Flüchtlingslagern nicht anerkannt ist. Da will einer in der Schule nicht mit dem andern leben, weil der keine deutschen Vorfahren hat. Da will der eine am Arbeitsplatz mit dem andern nicht leben, weil er sich benachteiligt fühlt. Da verharren wir in unserem Leben in den Schützengräben, ohne dass jemand ein weißes Tuch heraushängt und wir den Graben überwinden. „Und er wird der Friede sein“ Dieser Satz ist ein Gegenentwurf zu unserem Leben, ein Gegenentwurf zur Unversöhnlichkeit zwischen Völkern, zwischen Nachbarn und zwischen Arbeitskollegen. Ein Gegenentwurf, der einfach und klar ist.

Und dieser Friede hat Bedingungen, die alle annehmen können: „Und sie werden sicher wohnen“, so heißt es bei Micha. Keiner braucht mehr Angst haben, dass er hinterrücks erschossen wird. Frieden und Sicherheit gehören zusammen. Nicht Frieden und Aufrüstung. Wenn ich sicher wohnen darf, heißt das, dass ich ich sein darf, dass ich so leben darf, wie ich will, ohne dass ich Angst haben muss. Angst davor, dass jemand quer schießt, weil ich Gewohnheiten habe, die er nicht sehen kann, weil ich anders bin. „Und sie werden sicher wohnen“, ist ein Versprechen, dass der, der nach Bethlehem gekommen ist, die kleine unter den Städten Judas, dass der für meine Sicherheit garantiert.

Der Herrscher der Welt, der Mensch wurde, garantiert, dass ich sicher leben kann: Ob ich Ausländer bin, ob ich anders lebe als andere Menschen, ob ich andere Gewohnheiten habe:

Ich darf aus meinen Schützengräben herauskommen und muss keine Angst haben, erschossen zu werden. Weihnachten ist das Fest des Friedens - „Und er wird der Friede sein“ Der Mensch gewordene Gott kommt als Friede in mein Leben: Ich darf in Sicherheit leben – wie auch immer. Und meine Nachbarn dürfen in Sicherheit leben, weil ich meine Waffen ebenfalls wegwerfe und andere nicht bedrohe. Das Drohen, das Hintenrum, der Krieg unter uns ist ausgesetzt, an Weihnachten fängt es an: „Und er wird der Friede sein“

An Weihnachten bricht der Friede aus – und ich wünsche mir, dass wir diesen 28. Dezember nicht erleben, an dem 1914 in Flandern wieder der Krieg ausgerufen wurde. Nicht zwischen den Menschen, die gemeinsam Lieder gesungen haben, die gemeinsam Frieden geschlossen haben. Die Oberen, die uns wieder befehlen, wieder in die Schützengräben unseres Lebens zu verschwinden – die müssen wir an Weihnachten entmachten, damit sie am 28. Dezember nicht wieder den Krieg befehlen: Die alten Hetzer, die uns wieder zurückpfeifen. Die Unversöhnlichen, die jedes Gespräch mit einem anderen als Verrat bestrafen, die Arbeitskollegen, die uns einteilen: Entweder Du bis für uns oder Du bist gegen uns! Lassen wir stattdessen Weihnachten zum Fest des Friedens werden – in unseren Häusern, in unserer Gemeinde, in unserem Land.

„Und er wird der Friede sein“ Wir dürfen in Sicherheit leben – so ist es das Versprechen Gottes. Wir dürfen in Frieden leben, weil der Friede selber die Herrschaft über unser Leben und unsere Welt übernommen hat. Ich wünsche uns allen, dass wir den Frieden dieses Weihnachtsfestes finden und ihn hinüberretten über den 28. Dezember. Damit der Friede sich ausbreite in unserem Leben und in unserer Welt. Damit wir alle in Sicherheit leben können – und alle anderen Menschen leben lassen, in Sicherheit und Frieden.

Und der, der der Friede ist, verleihe uns dazu seine Kraft. Amen.