Pfarrer Dr. Hermann Ruttmann,
Volkstrauertag 18.11.2007
Katharina von Bora-Haus

Thema: “ Vom unehrlichen Verwalter”
                   Lukas 16, 1-7

 

Liebe Gemeinde,

Jesu Botschaft im Neuen Testament ist oftmals schwer zu verstehen. Wie gut, daß sich manche Handlungen Jesu  wiederholen und daß alle Evangelisten sie berichten. Und damit seine Zuhörer diese Botschaft besser verstehen, hat Jesus nicht selten das Gleichnis gewählt. Eine Geschichte aus dem Alltag, deren Schlußfolgerung jedem einsichtig ist. „Und so verhält es sich mit dem Himmelreich“ ist dann oftmals sein Schluß, um den Leuten diese Lehre auf das Verhältnis zu Gott und zu den Mitmenschen zu übertragen. Oder gleich am Anfang wie bei unserem Evangelium: „Dann wird offenkundig werden, das man das Himmelreich mit folgender Gechcihte vergleichen kann:“ und dann beginnt die Erzählung.

Der Evangelist Lukas hat unter vielen ein solches Gleichnis überliefert, das in unserer Luther-Übersetzung die Überschrift trägt: „Vom unehrlichen Verwalter“ Lukas 16, 1-7

Ein rechtes Gaunerstück, das sich zu einer Fernsehkommödie eignet. Da ist ein reicher Mann und Betriebschef. Der ist außer Landes. Und nun bekommt er von irgendwelchen Denunzianten zugetragen, daß ein hoher Angestellter der Firma nicht sauber oder sogar schlampig arbeitet. Darauf gibt es keine langen Prüfungsverfahren. Es kommt kurzerhand zum angedrohten Rausschmiß. Der Prokurist, dieser Bedienstete und Verwalter im Auftrag seines Chefs, wird darüber schnell erfinderisch und clever: Was soll er tun?

Für schwere Handarbeit, fürs „Graben“, hält er sich nicht geeignet. Betteln kommt für ihn schon gar nicht in Frage. Als Dieb und Räuber durchs Land ziehen, scheint auch nicht seine Sache zu sein. Ein Krimineller und Räuber ist er nicht! Also, was solls? Mach dich beliebt bei deinen Kunden. Streiche ihre Schulden bis auf die Hälfte und sie werden dir dankbar sein. Ja, sie werden dir ein Dach über dem Kopf anbieten, wenn Arbeitslosigkeit und Existenznot das Leben schwer machen. Soweit das Gleichnis und nun warten wir darauf, daß Jesus die Schlußfolgerung zieht. Wie könnte die aussehen?

1. Möglichkeit

„Und der reiche Mann ließ den Verwalter in den Kerker werfen. Seht, so wird es allen gehen, die das Himmelreich Gottes auf Erden verschleudern. Und es wird Heulen und Zähneklappern sein.“ Mal ehrlich, so oder so ähnlich haben wir es doch schon einmal gelesen oder gehört - das Gleichnis von den anvertrauten Pfunden mag da manchem in Erinnerung kommen. Wir Menschen, wir Christen, sind als Verwalter des Reiches Gottes hier in die Welt gesetzt und haben mit diesem Reich pfleglich umzugehen. Oder um es mit einer Volksweisheit wiederzugeben „Ehrlich währt am längsten!“

2. Möglichkeit

„Und der reiche Mann hörte davon und ließ seine treuen Männer in die Häuser der Schuldner gehen und nahm ihnen ihren gesamten Besitz. So wird es denen gehen, die Unkraut säen in den Besitz Gottes.“ Die Komplizen des Verwalters werden zur Rechenschaft gezogen, weil sie sich der Unterschlagung und der Urkundenfälschung schuldig gemacht haben. Eine Botschaft des Gleichnisses, das unser Rechtsempfinden durchaus stützt - und die Bestrafung wird von uns als gerecht empfunden. Oder mit einer Volksweisheit gesprochen: „Unrecht Gut gedeihet nicht!“

3. Möglichkeit

„Und nach einigen Tagen reute es den Verwalter und ließ beim reichen Mann vorsprechen. Und der sprach: Ich habe Unrecht getan vor dir und deinem Hause. Ich verdiene es nicht, weiter Verwalter bei dir zu sein - aber verschone deine Schuldner, sie haben auf meinen Befehl gehandelt. Und der Verwalter antwortete und sagte: Weil Du bereust und umgekehrt bist von deinem Weg will ich dich wieder einsetzen in dein Amt. So wird es sein im Himmelreich: Denn der Vater hat mehr Freude an der Umkehr eines Ungerechten als an 99 Gerechten.“ Nicht mehr die Strafe am unehrlichen Verwalter ist nunmehr im Vordergrund, sondern die persönliche Erkenntnis und die Umkehr, die von Gott belohnt wird. Ein Schluß des Gleichnisses, der durchaus in der Lage ist, die Botschaft Jesu an jeden einzelnen deutlich zu machen. Oder mit dem Volksmund: „Besser spät als nie!“

4. Möglichkeit

„Und alsbald ging der Verwalter zu den Schuldnern und klopfte an ihr Haus und sprach: Nehmt mich auf, denn ich bin in Armut gefallen. Ihr aber habt reichlich zu essen und zu trinken. Die Schuldner aber lachten und sprachen: Was haben wir mit dir zu tun? Unser Herr hat recht daran getan, dich hinauszuwerfen. Sieh zu, wie du zu essen bekommst. So verhält es sich mit der Welt: Wer sich mit dem Mammon Freunde machen will, wird verlassen sein.“ Das Gleichnis wäre nun ein Beispiel für die Vergänglichkeit angeblicher Freundschaften. Freundschaften, die während der Zeit, in denen es einem gut geht bestehen, vor allem, wenn man die Zeche zahlt. Und die in schlechten Zeiten nichts mehr wert sind. Um den Volksmund nochmal zu strapazieren: „Undank ist der Welt Lohn!“

Vier mögliche Schlüsse zu einem Gleichnis, das ungewöhnlich ist. Und das auch ungewöhnlich bleiben soll bis zum Schluß, den wir nun hören: Vers 8 und 9.

Jesus lobt ausdrücklich ein Schelmenstück, das manchen Straftatbestand unserer Gesetze erfüllen würde. Was nun? Warum nicht eine der vier von mir vorgestellten Möglichkeiten, warum diese ausgesprochen illegale, ungesetzliche Empfehlung Jesu? Ein ausgesprochenes Lob für etwas, wofür jeder von uns seine Arbeitsstelle oder vielleicht sogar seine Freiheit verlieren würde? Wie können wir uns diesem überraschenden Schluß annähern?

Wie wäre es mit der richtigen Gewichtung unserer Mittel? Der Verwalter setzt, solange er noch kann, alles dafür ein, um sein Ziel zu erreichen: Sein Ziel ist es, gut und in Frieden zu leben - und sich offensichtlich auch nicht zu überarbeiten, sonst hätte es ja keine Klagen beim reichen Mann gegeben. Und zu diesem Ziel schafft er sich jede Menge Freunde, indem er ihnen etwas von seinem Wohlstand oder zumindest von dem seines Herren abgibt. Der eigentliche Zielpunkt dieses Gleichnisses ist die Freundschaft, die der Verwalter um jeden Preis erwerben will.

Wir begehen heute den Volkstrauertag, im Gedenken an die Opfer von Krieg und Gewalt. Und wir tun es in einem Jahr, in dem wir als Deutsche gespalten sind: Die Mehrheit des Volkes ist dagegen, dass deutsche Truppen weiterhin in Afghanistan stationiert sind, nach über 3 Jahren ohne Aussicht auf Besserung. In dem unsere Soldaten benutzt werden für eine Politik, die keine Auswege kennt, in der sie benutzt werden, um eine Rekordernte an Opium (6000 Tonnen) zu schützen, die wieder Tausende von Polizisten an unseren Grenzen abfangen müssen und Tausende konsumieren und ihr Leben ruinieren. Dabei hat alles so gut angefangen: Wir haben uns gegen den irren Krieg des amerikanischen Präsidenten gestellt, waren in den Augen der englischen, der italienischen, spanischen und polnischen Regierung sentimentale Friedenstrottel. Statt dessen wollten wir zeigen, wie man zivilen Aufbau macht – das klang gut und war auch gut. Und heute?

Ausgehend von unserem Predigttext will ich am Volkstrauertag fragen: Wie machen wir uns Freunde? Oder im Bezug auf unseren Volkstrauertag: Wieviel ist ein Menschenleben wert? Kann man ein Menschenleben überhaupt bezahlen? Die Ärzte gegen den Atomkrieg haben den Irakkrieg bisher bilanziert: Über 100.000 Iraker sind bisher gestorben in diesem Krieg. Selbst wenn es 5.000 weniger wären, stellt sich mir die Frage: Was ist ein Menschenleben wert? „Macht Euch Freunde mit dem ungerechten Mammon“: Was der Krieg wert ist, wissen wir: Es sind Hunderte von Milliarden Dollar, um die Waffen zu vernichten, die man vorher Saddam geliefert hat. Garniert mit ein bisschen Entrüstung über einen Diktator, den man selbst gezüchtet hat.

9 Milliarden steckt die USA ohne zu zögern jeden Monat in diesen Krieg. Wieviel ist ein Menschenleben wert? Wieviel ist der Friede wert? Sollten wir nicht das nächste Mal vor einem Krieg ein bisschen mehr in den Frieden investieren und notfalls die Schulden zu halbieren, wie es der Verwalter im Gleichnis tat? Dass in diesen Monaten der neue Film von Michael Moore im Kino ist, ist dazu passend: Mit den 9 Milliarden im Monat ließe sich in den USA eine Krankenversicherung aufbauen, die nicht 40 Millionen Menschen von der Gesundheitsversorgung ausschließt.

„Macht Euch Freunde mit dem ungerechten Mammon“: Lange Jahre hat uns das „Sparen“ bestimmt: In der Kirche wurde gekürzt, meine westmittelfränkischen Gemeinden bekommen jetzt weniger als die Hälfte an Zuweisungen als vor 2 Jahren. Wenn Kirche spart, heißt das noch nicht, dass sie danach mehr Geld hat – hier haben wir in den letzten Jahren gekämpft, um Nachhaltigkeit: Dass von den Kürzungen auch etwas übrig bleibt für kommende Generationen. Wenn der Staat spart, haben die Bürger nicht mehr Geld, wenn Unternehmen sparen, werden in der Regel Menschen entlassen.

„Macht Euch Freunde mit dem ungerechten Mammon“ Kein Sparpaket, sondern fröhliches Verteilen empfiehlt uns Jesus in diesem Gleichnis. Für mich und uns auch immer ein Ansporn trotz der Gehaltskürzungen und der privaten Vorsorge und der allgemeinen Unsicherheit an diejenigen zu denken, denen es schlechter geht. Den Kindern und Müttern in Mosambique, die von den Ärzten von Sant’Egidio versorgt werden. Den Kindern, die mit Down-Syndrom möglichst viele Chancen in ihrem Leben haben sollen. Jeder Mensch braucht seine Hilfsprojekte, jede Kirchengemeinde ihre diakonischen Ziele. „Macht Euch Freunde mit dem ungerechten Mammon.“ – oder wie es in meiner alten Gemeinde jemand ausdrückte: Mitnehmen kann ich eh nix. Und spendete 500 Euro für unsere Kirchenrenovierung.

Auch Zeit ist Geld, das wissen wir alle - und je schneller alles geht, desto mehr Geld ist die Zeit, die ich anderen Menschen zur Verfügung stelle: Ehrenamtliches Engagement für andere Menschen, für die Kirchengemeinde, für den Stadtteil ist wichtig, unsere Gesellschaft, unsere Kirche lebt davon. Ob ich jetzt Vorträge halte, ehrenamtlich Gottesdienste – also vorne stehe. Oder ob ich die Hintergrundarbeit mache. All unsere Arbeit ist ohne die, die die Gemeindebriefe austragen, die unsere Feste vorbereiten, vergebens. Auch Zeit ist Geld.

„Macht Euch Freunde mit dem ungerechten Mammon“ Laßt uns heute in Berg das Geld, den Schuldschein, den ungerechten Mammon unseres Gleichnisses mit „Einsatz“, „Zeit“ und „Verantwortung“ ergänzen. Denn es geht in unserem Gleichnis vom Verwalter letztendlich um die Gemeinschaft, die es zu erreichen gilt. Die Freundschaft, die in Not trägt, aber auch im normalen Leben. Die Freundschaft, die letztendlich billiger ist, als die Kosten des Streites, der Uneinigkeit und des gegenseitigen Mißtrauens.

Der "ungerechte Haushalter" jedenfalls hat in seiner Not alles auf eine Karte gesetzt. Er hat nichts ausgelassen, was der Sache dienen konnte. Worüber er Macht, Einfluß und Befugnis hatte, das setzte er für die Freundschaft ein. Er teilte und verteilte nach Gutdünken, um so zum Handlanger eines Friedens zu werden, der allen Beteiligten galt.

Meine Wünsche für diesen Volkstrauertag und für die kommende Zeit sind angesichts dieses Gleichnisses dreierlei:

  • Für die Weltgesellschaft: Daß sie soviel Geld und Einsatz für den Frieden einsetzt wie für den Krieg – und zwar vor einem Krieg.
  • Für uns alle: dass wir über unseren immer knapper werdenden Mittel bei uns zu Hause die Menschen nicht vergessen, die eine Spende benötigen.
  • Für uns hier in Berg: Daß der Einsatz für unsere Kirchengemeinde weiterhin so groß ist, dass Gemeinschaft weiter wachsen kann.

 

Und der Friede Gottes, der weiter reicht als unsere Vernunft sei mit uns allen. Amen.