Pfarrer Dr. Hermann Ruttmann,
9. So. nach Trinitatis 05.08.2007 - 19.00 Uhr
Pfarrkirche Aufkirchen

Thema: “ Krieg und Frieden im Gedenken an die
             Autombombenabwürfe über Hiroshima am 6. August 1945
             und über Nagasaki am 9. August 1945.
                   Jesaja 2, 1-5

 

Liebe Gemeinde,

vor 62 Jahren war bei uns der 2. Weltkrieg schon 3 Monate vorbei. Trotz aller Angst stellte man fest: Die Amerikaner sind gar nicht so schlimm. Die Söhne und Väter kamen nacheinander von der Gefangenschaft zurück. Trotz Unsicherheit und vielen Vermissten, begann man sich in Deutschland auf die neue Situation einzustellen. Aber der 2. Weltkrieg war noch nicht vorbei. In Asien wurde noch gekämpft und vor 62 Jahren, am 6. August, wurde die erste Atombombe auf die japanische Stadt Hieroshima geworfen. 3 Tage später, am 9. August, wurde von der amerikanischen Luftwaffe eine weitere Bombe gezündet, auf die Stadt Nagasaki. Diese beiden Jahrestage haben mich seit meiner Jugendzeit immer berührt, weil die Abwürfe militärisch so sinnlos waren und nur ein Experiment warem, um die Zerstörungskraft der Atombombe zu testen.

Vor 62 Jahren hat die Menschheit nach Auschwitz zum zweiten Mal ihre Unschuld verloren und ist seither in ein neues Zeitalter von Selbst-Zerstörung eingetreten. Um 8.15 Ortszeit klinkte der Major der US-Armee, Thomas Ferebee, über der Stadt Hiroshima die erste Uran-Atombombe aus. 160.000 Menschen wurden sofort getötet, rund 200.000 waren es insgesamt in den ersten Tagen. Über 100.000 Menschen wurden verwundet und starben früher oder später an den Folgen dieser geplanten Vernichtung. Auch heute noch sterben Menschen, die damals in Hiroshima lebten, an dem Atombombenabwurf, inzwischen leidet die zweite Generation, die damals noch nicht geboren war, an den Spätfolgen.

"Plötzlich blitzte es hell auf, und ich wurde in das Gras geschleudert, mein Frühstück und meine Mütze flogen weg. Doch das Gras ringsum schien Flammen zu speien. Ich schmiegte mich intensiv an den Boden. Als sich bald darauf die Flammenwand lichtete, wüteten zwischen den Häusern große Brände. Mein Körper schmerzte, als hätte mich irgend etwas gestochen."

"Wir fanden Fleischklumpen, denen man nicht mehr ansah, ob sie ein Gesicht oder ein Stück vom Rücken waren."

"Als dann aber auch meine Mutter starb, war mir zumute, als wäre die Welt eine Hölle ... An jenem Abend glaubte ich vor Trauer den Verstand zu verlieren. Meine Mutter erschien mir im Traum und sprach mit mir. Aber dann erwachte ich und wurde in die Wirklichkeit zurückversetzt. Mir gehen die Worte meiner Mutter kurz vor ihrem Tode nicht aus dem Sinn: "Der Teufel kommt! Der Teufel kommt!" hat sie gerufen. Hiroshima war wirklich eine Hölle ... Der schreckliche Krieg! Warum hat man solch eine Bombe abgeworfen? Diese Frage hat sich in meinem Denken festgesetzt."

Drei Aussagen, die 1951 ein amerikanischer Journalist sammelte. 3 Tage nach dem Inferno wurden mit dem zweiten Atombomben-Abwurf über der Stadt Nagasaki mit einem Schlag weitere 60-70.000 Menschen getötet, die vorher noch unvorstellbare Qualen litten, denen die Haut in Fetzen vom Leib hing. Jahrelang wurde behauptet, der Abwurf der beiden Bomben sei notwendig gewesen, um mögliche Opfer in der US-Armee bei der Eroberung Japans zu verhindern. Nach den heutigen Dokumenten wissen wir, daß die Japaner damals bereits geschlagen waren und über Moskau Friedensverhandlungen einleiten wollten - und das Militär in den USA wusste das! Der Außenminister und der militärische Chef des Atombomben-Projekts drängten auf den Einsatz, um die Bombe unter realen Bedingungen zu testen - und um den Sowjets in Schach zu halten.

Die Logik der Militärs ist eine Logik der Lügen. Sie rufen die Sachzwänge der Politik hervor - so wie jahrelang gegen Hitler nichts getan wurde, weil er den Kommunismus eindämmen sollte. Und so wie auf der deutschen Seite Christen den Krieg Hitlers begrüßten, mussten dann auch auf der Seite der Alliierten Christen den antifaschistischen Kampf gutheißen. Man fragte die Christen nicht, als es um die Verhandlungen zum Versailler Vertrag ging, man fragte sie nicht, als es um die ungeheuren Reparationszahlungen der Deutschen ging, als es um die Teilnahme an der Berliner Olympiade ging, als man Hitler, Franco und Mussolini Spanien erobern ließ - aber den Krieg, der aus all diesen Ermunterungen für Hitler erfolgte, den mussten Christen wieder gutheißen.

Immer wenn sich Christen in die Politik einmischen und Gerechtigkeit und Frieden einfordern, um Krieg, Morden und Vernichtung im Vorfeld zu verhindern, wird ihnen gesagt, sie sollten sich um ihre eigenen Dinge kümmern. Aber dann, wenn die Zustände fast unerträglich geworden sind, dann will man die Zustimmung der Christen zu einem Krieg, der eine noch schlimmere Barbarei verhindern soll. Die Christen wurden nicht gefragt, als man die Mudschaheddin in Afghanistan aufrüstete und Saddam Hussein; wenn es um christliche Kritik an deutschen Waffenexporten ging, wurde sie zurückgewiesen. Wenn wir die Diktaturen im Irak, in Saudi-Arabien und Afghanistan kritisierten, hieß es: Da muss man drüber hinwegsehen.

Aber jetzt müssen die Christen die Kriege gegen den Terror, wie sie heißen, gut finden und unterstützen. Dass jeder Terroranschlag in Bagdad, in Kabul oder in New York auch eine Antwort darauf ist, dass unsere Politiker und Militärs die falschen Freunde ausgesucht haben, denen sie Waffen verkauften, das will heute wieder niemand hören. Dass Frieden in Palästina nicht durch Sperrzäune und korrupte Regierungen einzieht, wollte man nicht hören. Jetzt sollen wir Christen wieder „Ja!“ sagen, wenn palästinensische Gruppen bombardiert werden, die aus diesen Fehlentscheidungen heraus erst entstanden sind.

Wir Christen sind nicht weltfremd, sondern weltbejahend. Aber gleichzeitig wissen wir durch das biblische Zeugnis, daß wir in das angebrochene Gottesreich hineingenommen sind. Der Unterschied zwischen uns und der Welt ist der, daß wir gleichzeitig noch Bestandteil einer anderen Wirklichkeit sind und dieses Gottesreich hereinnehmen in die Welt. Der Prophet Jesaja beschreibt in der Lesung, die wir gehört haben, die Errichtung der Gottesherrschaft: "Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen." (2,4) Fast dieselben Worte finden wir im 4. Kapitel des Propheten Micha, wo das Friedensreich Gottes beschrieben wird. Bei Jesaja folgt dann die Verheißung des Friede-Fürsten, die wir an Weihnachten hören. Seine Herrschaft soll "groß werden und des Friedens kein Ende auf dem Thron Dabids und in seinem Königreich, daß er's stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit." (9,5) und später: "Der Gerechtigkeit Frucht wird Friede sein, und der Ertrag der Gerechtigkeit wird ewige Stille und Sicherheit sein, daß mein Volk in friedlichen Auen wohnen wird, in sicheren Wohnungen und in stolzer Ruhe" (32,17)

Dieses erwartete Gottesreich ist zwar noch nicht vollendet, aber in unserem Glauben an den Gott, der sich in Jesus Christus den Menschen zugewandt hat, bereits angebrochen. Unübertroffen die Botschaft Jesu, wie wir sie bei Matthäus in der Bergpredigt finden: "Selig, die Frieden stiften, denn Gott wird sie seine eigenen Kinder nennen." Oder „Selig, die auf Gewalt verzichten, denn ihnen gehört die Zukunft.“ und die Radikalisierung des Tötungsverbotes im 5. Gebot: "Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt ist, Du sollst nicht töten; wer aber tötet, der soll des Gerichts schuldig sein. Ich aber sage euch: Wer mit seinem Bruder zürnt, der ist des Gerichts schuldig; wer aber zu seinem Bruder sagt: Du Nichtsnutz! der ist des Hohen Rats schuldig; wer aber sagt: Du Narr! der ist des höllischen Feuers schuldig."

Bei aller Weltbejahung, für die wir stehen, müssen wir doch immer wieder aufpassen, daß unser inneres Verhältnis nicht zu sehr auseinanderklafft: Wir sind religiöse Menschen, hören uns im Gottesdienst und in Andachten Gottes Wort an, das an Radikalität nichts zu wünschen übrig läßt. Die Umsetzung in unseren Alltag ist dann schon schwieriger, wenn es um die Gestaltung unseres persönlichen Lebens geht, wenn wir Nachsicht üben sollen, gegenüber unseren Mitmenschen, die uns vielleicht gehörig auf die Nerven gehen oder auch angreifen wollen. Und dann sind wir noch politische Menschen, die sich verhalten müssen in Diskussionen, bei Wahlen oder in Parteien und Initiativen. Und hier plötzlich sollen wir uns nach den Sachzwängen richten, die uns die Politiker und die Medien vorgeben? Friede ist nicht teilbar und Friede ist nicht herbeizubomben. Nur wenn die Christen das Friedensreich predigen, in ihren Alltagsbeziehungen versuchen umzusetzen und sich ohne Abstriche in die Politik einmischen, wird das Friedensreich Christi ein bißchen sichtbarer als bisher.

Im Friedenspark in Hiroshima kommen morgen wie jedes Jahr Schulkinder aus der ganzen Welt zusammen und jede Gruppe bringt tausend gefaltete Kraniche mit und hängt sie im Denkmal auf. Dies soll an die Geschichte von Sadako Sasaki erinnern: Sie war zwei Jahre alt, als die Atombombe auf Hiroshima geworfen wurde. Sie überlebte, aber Jahre später erkrankte sie an Leukämie, an Blutkrebs. Da begann sie in der uralten japanischen Tradition des Origami, kleine Kraniche aus Papier zu falten; der Kranich ist in Japan ein Symbol für ein langes, friedvolles Leben. Und wenn sie tausend Vögel gefaltet hätte, so glaubte Sadako, würde sie gesund werden. Auf die Flügel der Kraniche malte das Mädchen die japanischen Zeichen für Frieden. Mit zwölf Jahren starb sie und es waren erst 647 Kraniche fertig. Als ihre Schulfreunde von Sadako Abschied nahmen, falteten sie solange kleine Kraniche, bis die Zahl Tausend erreicht war. Die Kinder hängten die Vögel an Leinenfäden über ihr Bett. Und seither kommen jedes Jahr am 6. August Kindergruppen nach Hiroshima, um Papierkraniche mit dem Friedenszeichen aufzuhängen und an den schauerlichen Tod zu erinnern und den Frieden anzumahnen.

Wie sprach Jesus bei seiner Gefangennahme im Garten Getsemaneh zu Petrus? "Steck dein Schwert an seinen Ort zurück. Denn alle, die das Schwert ergreifen, werden durch das Schwert umkommen." Matthäus, der dies wie die Seligpreisung der Friedensstifter aufschrieb, hatte die Katastrophe der Schwertträger vor Augen. Im Jahr 66 hatten die Juden den Jüdischen Krieg begonnen und waren furchtbar geschlagen worden. Das Land wurde verwüstet, der Tempel abgerissen und das Volk über das ganze Römische Reich verteilt. Die Christen hatten sich damals vom Aufstand distanziert und waren nach Jordanien geflohen. "Wer das Schwert ergreift, um das Friedensreich zu erkämpfen, der wird durch das Schwert umkommen." ist die Botschaft des Matthäus. Entsprechend konnten bis ins 3. Jahrhundert hinein Soldaten keine Christen werden - bis die Christen vergaßen, so wie viele Menschen die Greuel des Krieges vergessen.

Viele von den älteren Menschen, die ich als Pfarrer besucht habe, erzählten mir vom Zweiten Weltkrieg - und sie sind dagegen, daß deutsche Soldaten nochmals in den Krieg eingreifen. Sie haben nicht vergessen. Aber viele der Jungen, die den Krieg nicht mehr erlebten, finden den Krieg gar nicht mehr so schlimm. Sie meinen, Krieg würde sich aus der Entfernung führen lassen, wie sie am Computer spielen. Und sie sind der Meinung, daß Waffen produziert werden können, da dies eine wichtige Industrie sei. Aber Krieg, das bedeutet: Elend, Mord, Schmerz, Qual, Vergewaltigung. Im Krieg gibt es keine guten und keine bösen Soldaten. Wer nachliest, welche psychischen Qualen Dietrich Bonhoeffer litt, weil er dem Rad in die Speichen fallen wollte und das Attentat auf Hitler mit unterstützte, der hat eine Ahnung, was es bedeutet, töten zu müssen. Und Bonhoeffer war einer derjenigen, die seit Mitte der 20er Jahre international für Frieden eintrat - und auch er mußte die Suppe auslöffeln, die ihm die deutschen und alliierten Militärs eingebrockt hatten.

Vielleicht werden die Worte am Atom-Dom in Hiroshima, dem großen Anti-Kriegs-Mahnmal ihre Wirkung auf die Menschen nicht verfehlen: "Lasst die Seelen hier in Frieden ruhen: denn wir werden das Böse nicht wieder tun." Lasst uns als Christen dafür eintreten, dass die Toten von Hieroshima und Nagasaki die einzigen Atombombenopfer bleiben. Amen.