Predigt:
Pfarrer Johannes Zultner,

Ökumenischer Gottesdienst im Freien
zum 1200-Jahre-Jubiläum Höhenrains

Sonntag 6. nach Trinitatis 15.07.2007
Höhenrain

Thema: Lukas 10,25-37 “ Barmherziger Samariter “
                

 

25 Und siehe, da stand ein Schriftgelehrter auf, versuchte Jesus und sprach: Meister, was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe? 26 Er aber sprach zu ihm: Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du? 27 Er antwortete und sprach: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst« (5.Mose 6,5; 3.Mose 19,18). 28 Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geantwortet; tu das, so wirst du leben.

29 Er aber wollte sich selbst rechtfertigen und sprach zu Jesus: Wer ist denn mein Nächster? 30 Da antwortete Jesus und sprach: Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab nach Jericho und fiel unter die Räuber; die zogen ihn aus und schlugen ihn und machten sich davon und ließen ihn halb tot liegen. 31 Es traf sich aber, dass ein Priester dieselbe Straße hinabzog; und als er ihn sah, ging er vorüber. 32 Desgleichen auch ein Levit: Als er zu der Stelle kam und ihn sah, ging er vorüber. 33 Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam dahin; und als er ihn sah, jammerte er ihn; 34 und er ging zu ihm, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie ihm, hob ihn auf sein Tier und brachte ihn in eine Herberge und pflegte ihn. 35 Am nächsten Tag zog er zwei Silbergroschen heraus, gab sie dem Wirt und sprach: Pflege ihn; und wenn du mehr ausgibst, will ich dir's bezahlen, wenn ich wiederkomme. 36 Wer von diesen dreien, meinst du, ist der Nächste gewesen dem, der unter die Räuber gefallen war? 37 Er sprach: Der die Barmherzigkeit an ihm tat. Da sprach Jesus zu ihm: So geh hin und tu desgleichen!

 

Liebe Jubiläumsgemeinde,

liebe Mitchristinnen und Mitchristen,

1200 Jahre menschliches Zusammenleben an diesem Ort – das ist in den zurückliegenden Tagen gefeiert worden. 1200 Jahre – da schweifen die Gedanken zurück, anhand von geschichtlichen Fakten oder in der Phantasie. Wie mögen die Menschen hier zusammengelebt haben durch diese 12 Jahrhunderte? Wie war es im 9. oder im 15. oder im 18. Jahrhundert?

Auch das heutige Evangelium, wir hörten es gerade, richtet unseren Blick auf das menschliche Zusammenleben: Das bekannte Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Seine Aussage: Wir sollen Menschen in Not nicht im Stich lassen.

Wie viele gegenseitige Hilfe mag über die Jahrhunderte auch hier in Höhenrain stattgefunden haben: In den Familien, zwischen den Nachbarn, in bürgerlicher Verantwortung füreinander. Unspektakulär, selbstverständlich, oft im Stillen.

Brauchen wir dazu die Bibel? Um zu helfen, wenn der andere in Not ist? Eigentlich nicht. Das ist menschliche Selbstverständlichkeit.

Wenn das aber selbstverständlich ist, so muss der Kern des Gleichnisses vom barmherzigen Samariter ein anderer sein. Aufschlussreich ist die Szene, bevor Jesus das Gleichnis erzählt: Da lässt er sich von einem Schriftgelehrten das Höchste Gebot zitieren, das für die Juden und seit Jesus auch für uns Christen gilt:

»Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten lieben wie dich selbst.«

Da hören wir es. Es geht um die Liebe zu Gott, und dann erst um die Liebe zum Nächsten, die sich daraus ergibt. Es geht also um die Liebe zu Gott.

Von daher verstehen wir auch das Gleichnis richtig.

Da liegt der Überfallene halbtot auf dem Weg. Ein Priester und ein Levit – er ist wie der Priester im Tempel beschäftigt – gehen vorbei. Beide sind durch ihre Ämter angesehene Personen in der Gesellschaft.

Dann kommt ein Außenseiter: Die Samariter waren in der jüdischen Religionsgemeinschaft Menschen zweiter Klasse. Sie waren nicht akzeptiert, bestenfalls geduldet.

Von diesem Außenseiter kommt die Hilfe, die Lebensrettung. Und nicht nur für den Augenblick. Er sorgt dafür, dass noch längere Zeit für den Verletzten gesorgt wird: Er bringt ihn zu einem Wirt und gibt diesem Geld für die nächste Zeit, aber auch das Versprechen, wieder zu kommen und alles zu bezahlen, falls die Pflege des Verletzten mehr kostet.

Liebe Mitchristinnen und Mitchristen, bei jeder Geschichte, die wir lesen oder hören, identifizieren wir uns mit einer der Personen. „Das könnte auch ich sein“, oder „Das möchte auch ich sein“, so geht es in unseren Gedanken.

Mit welcher der Personen aus dem Gleichnis könnten wir gemeint sein? Normalerweise identifizieren wir uns mit dem hilfsbereiten Samariter und denken: „Ich hätte genau so gehandelt.“

Handeln wir heutigen Menschen tatsächlich so? Ich rannte einmal quer über einen großen Parkplatz, um einen Bus noch zu erreichen. Dabei übersah ich eine Absperrung, eine Drahtseil ca. 40 cm über dem Boden, und stürzte schwer auf das Pflaster. Ich hatte fürchterliche Schmerzen an den Knien und wand mich Boden, konnte minutenlang nicht aufstehen. Auch andere Menschen waren unterwegs zum Busbahnhof, auch alle in Eile. Wissen Sie, wie viele stehen blieben, um mir zu helfen? Nicht einer. Das hat mir zu denken gegeben.

Der hilfsbereite Samariter aus dem Gleichnis, der vielleicht auch in Eile war und trotzdem stehen blieb - das sind nicht wir. Wir sind ja auch keine Außenseiter. Der Samariter aus dem Gleichnis, das ist Jesus selbst. Wieso?

Erstens: Er, der Sohn Gottes, wendet sich dem gefallenen Menschen zu. Dem in jeder Hinsicht gefallenen Menschen.

Zweitens: Jesus war ein Außenseiter in dieser Welt. Deshalb hat sein Weg, der 100prozentig ein Weg der Liebe war, ihn auch ans Kreuz geführt. So hat die Welt auf seine Liebe geantwortet. Im Johannesevangelium (1,10a.11) heißt es wörtlich: „Er war in der Welt, aber die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum, und die Seinen nahmen ihn nicht auf.“

Wer sind dann wir in diesem Gleichnis? Kommen wir da überhaupt vor? Ja, wir kommen vor. Wir, die Christen, sind der Wirt, die Herberge ist unser Lebensumfeld: Familie, Beruf, Heimat – und Kirche.

Christus vertraut uns die gefallenen Mitmenschen an. Aber nicht auf unsere Kosten. Er bezahlt dafür – im Voraus – und verspricht, wieder zu kommen.

Im biblischen Gleichnis wird selbstverständlich davon ausgegangen, dass der Wirt diesem Auftrag nachkommt. Er hat erkannt, mit wem er es zu tun hat. Er hat den fremden Außenseiter, der so liebevoll für den Gefallenen sorgt, in sein Herz geschlossen. Und aus diesem Grund kann er nun wie dieser handeln, vor allem, da ihm auch die Mittel dazu gegeben werden. Bei diesem Wirt ist nicht nur der Gefallene gut aufgehoben, sondern hier hat auch der fremde Außenseiter, hier hat auch Christus eine Heimat. Beide, Gott und Mensch, sind hier aufgenommen.

So erfüllt sich das Höchste Gebot, das am Anfang stand:

»Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten lieben wie dich selbst.«

Liebe Mitchristinnen und Mitchristen, am Anfang habe ich gefragt, wie viel gegenseitige Hilfe hier in Höhenrain durch die Jahrhunderte wohl geleistet wurde. Nun haben wir gesehen, dass, vom Gleichnis her, die übergeordnete Frage eine andere ist: War Christus hier zu Hause, durch die Jahrhunderte? War dieser Ort eine Herberge, in der beide, der liebende Gott und der liebesbedürftige Mensch, aufgenommen wurden?

Diese für uns Christen entscheidende Frage brauchen wir aber nicht an die Vergangenheit zu stellen, sondern an unsere Gegenwart und Zukunft. Und wir wollen sie so beantworten:

Dieser Ort soll ein Ort sein, an dem beide, der liebende Gott und der liebesbedürftige Mensch, jeden Tag aufgenommen werden.

Die Kirchengemeinden vor Ort haben dafür zu sorgen, dass dies nicht vergessen wird. Amen.