Pfarrer Dr. Hermann Ruttmann,
3. So. nach Trinitatis 24.06.2007 - 10.00 Uhr
Katharina von Bora-Haus, Berg

Thema: “ Johannistag - Johannes der Täufer
                 Matthäus 3,1-6

 

Liebe Gemeinde,

Johannistag ist heute – die Tage wieder kürzer und die Dunkelheit bricht wieder früher herein. Überall in der Welt wurde dieser Umschwung von Tag und Nacht auch religiös begangen – wie kam aber Johannes der Täufer auf diesen Tag? Im Lukasevangelium finden wir eine Notiz, dass Zacharias nach Jerusalem ging, zum Dienst im Tempel. Man kann davon ausgehen, dass dies im Monat September geschah, weil das Alte Testament dies ziemlich genau festlegte. Dort hörte Zacharias, dass er noch Vater werden sollte, die Schwangerschaft der Elisabeth begann da – neun Monate und wir kommen auf den Juni. Martin Luther hat die Worte des Johannes im Johannesevangelium über Jesus so übersetzt: „Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen.“ – So nimmt die Länge der Tage dann ab bis zum 24. Dezember, bis zu dem Tag, den wir als Geburtstag Jesu feiern.

Wenn es ein Evangelium gibt, das wir mit Johannes dem Täufer verbinden können, dann ist es das des Matthäus. Vielleicht ist das Ihnen noch nicht aufgefallen, aber wenn man es von vorne liest, wird es deutlich: Stammbaum Jesu, Gott überzeugt Josef, bei Maria zu bleiben, Sterndeuter, Flucht nach Ägypten, Rückkehr nach Nazareth – noch kein einziger inhaltlicher Satz über das Evangelium ist gesprochen – und dann kommt plötzlich das 3. Kapitel. Und wer taucht auf? Jesus? Nein:

Matthäus 3,1-6 nach Berger

Ein Endzeitprediger tritt also plötzlich auf „in jener Zeit“, wie Matthäus schreibt. Ein Endzeitprediger, der bei uns alle Sektenbeauftragten auf den Plan rufen würde: Zuerst einmal sein Aussehen: Ein Kleid aus Kamelhaar trägt er, was schon einmal merkwürdig ist, weil Kamelhaar so ziemlich die kratzigste Möglichkeit ist, sich zu kleiden. Heuschrecken röstet er sich in der Wüste und die wilden Bienennester plündert er und isst ihren Honig. Er gönnt sich selber nichts – und er reiht sich ein unter die alttestamentlichen Propheten, die verlaust und ungepflegt durch die Lande zogen, um zu zeigen, dass es den Menschen nicht gut gehen wird ohne Gott.

Dieser Johannes hätte uns wohl kaum überzeugt und wir hätten bald jede Menge Fernsehsendungen über diesen Durchgeknallten – und eben die Sektenbeauftragten hätten ihn vermutlich sofort in der Luft zerrissen. Seine Botschaft wäre ziemlich schnell lächerlich gemacht worden: „Kehrt um, denn Gottes Herrschaft ist nahe an uns herangerückt.“ Das riecht doch nach Weltuntergangsstimmung, nach Weltende und vor allem: Der verlangt was von den Leuten! Das wird ziemlich schnell als unevangelisch gebrandmarkt von den Sektenexperten!

Dass Matthäus diese schroffe, inhaltliche Forderung an den Anfang stellt, ist wichtig, um den Evangelisten zu verstehen. Bisher ging es nur um die Abstammung Jesu und den Erweis aus dem Alten Testament, dass er der Christus, der von Gott gesandte Retter für das Gottesvolk ist. Und um seine Rettung nach Ägypten und seinen Auszug aus Ägypten sowie die Begründung, warum er in Nazareth aufgewachsen ist. Und nun als erste inhaltliche Aussage im Evangelium dieses „Kehrt um, denn Gottes Herrschaft ist nahe an uns herangerückt.“ Es soll das Programm des Matthäus sein – unter dieser Überschrift, unter diesem Motto möchte er sein Evangelium gelesen wissen.

Zwei Aussagen sind es, die er als Überschrift über sein ganzes Evangelium stellen möchte – die erste hat er schon hinreichend dargestellt und die zweite kommt jetzt. Die erste Aussage ist:

  • Jesus ist der Retter des Gottesvolkes. Das hat Matthäus immer wieder mit einem Bibelvers aus den Propheten erwiesen. Matthäus liest als Christ das Alte Testament neu und entdeckt Gültiges für seine Zeit. So zum Beispiel diese berühmte Stelle aus dem Jesajabuch, in der es um den Prediger in der Wüste geht, der Gott die Bahn ebnen wird. Diese Vorhersage hat sich in Johannes dem Täufer und in Jesus erfüllt: Die neue Zeit ist angebrochen, die Jesaja beschrieben hat: Dass Gott gewaltig kommt: 5denn die Herrlichkeit des HERRN soll offenbart werden, und alles Fleisch miteinander wird es sehen; denn des HERRN Mund hat's geredet. Diese Zeit ist nun angebrochen. Und das ist die zweite Überschrift der Botschaft des Matthäus:

     
  • Gottes Herrschaft ist nahe an uns herangerückt. So kann man die neue Zeit nur sehen: Die Gottesherrschaft ist nun „nahe an uns herangerückt“, früher lasen wir: „Gottes Reich ist angebrochen.“ Und das ist nicht mit Weltuntergangsvorhersagen zu verwechseln – auch wenn uns das sehr an die Zeugen Jehovas erinnert: Wenn Gottes Reich angebrochen ist, ist damit kein Jenseits gemeint, kein Endgericht, sondern hier auf dieser Erde, mit dem Volk Gottes hat etwas Neues begonnen – so die Botschaft des Matthäus. Gottes Reich hat jetzt begonnen und das hat etwas mit Eurem Leben heute zu tun. Gott will für die Erde und Euch Menschen etwas Neues anfangen. Jetzt und in dieser Welt.

 

Um das zu verstehen, müssen wir uns den ganzen Satz des Johannes noch mal ansehen: „Kehrt um, denn Gottes Herrschaft ist nahe an uns herangerückt.“ Wenn nämlich etwas Neues angebrochen ist, dann können wir auch nicht mehr so weitermachen wie bisher. So predigt es der Johannes. „Kehrt um!“ ist der entscheidende Satzteil. Nun ist das Bestürzende daran, dass Johannes ja durchaus gläubigen Juden predigte, nicht im Rotlichtviertel von Jerusalem oder im Theater der Römer oder bei den Nichtgläubigen in den Ländern außen herum: Er predigt mitten im Herzen seiner Kirche – sagen wir im evangelischsten Teil Westmittelfrankens. Also da, wo die Welt noch in Ordnung ist, wo die Leute sich – größtenteils – noch an die Kirche halten, wo sie im Bewusstsein leben, dass Gott eine Rolle für ihr Leben spielt. Und uns sagt er da: „Kehrt um! Denn Gottes Herrschaft ist nahe an uns herangerückt!“

Wenn wir umkehren sollen, dann müssen wir betrachten, was falsch ist an den gläubigen Juden damals und auch an unserem Christsein heute. Ich will mal 3 Dinge ansprechen:

  • Wer meint, er hätte das Himmelreich gepachtet, der muss umdenken, der muss umkehren! Wie meine ich das? Nun, die Juden damals waren sehr selbstbewusst: Wir stammen von Abraham ab, wir haben ein Anrecht auf unser Land, auf Gott – wir sind allen überlegen. Deshalb kann Gott gar nicht anders, als uns helfen. Johannes sagt: Das könnt Ihr vergessen! Gott kann alles, und vor allem, er achtet nicht auf Stammbäume. Und heute? Wer sagt: Ich bin evangelisch, mir kann gar nichts passieren, der muss umdenken! Dieses Neue an Gott, seine Wege für mein Leben kann ich nicht pachten – da muss ich mich immer wieder auf etwas Neues einstellen und es gibt keine Erbhöfe.
  • Wer meint, er könnte durch seine Leistung, durch seine religiöse Kundenkarte Gott überzeugen, der muss umdenken. So ging es damals den gläubigen Juden, die meinten, wenn sie nur die Gesetze des Mose befolgen, wenn sie die religiösen Wallfahrten nach Jerusalem erledigen, dann könnte Gott gar nicht mehr anders. Und so ging es den Frommen der damaligen Zeit, den Pharisäern. Die hatten das noch mal gesteigert und 614 Einzelgesetze aufgestellt, die ein gläubiger Mensch zu befolgen habe. Und geht es uns nicht manchmal ganz ähnlich: Wer sonntags seinen Gottesdienst besucht, wer keinen umbringt, nicht über das Maß hinaus lügt, das üblich ist, wer seine Eltern zu Hause pflegt, an dem kann Gott doch gar nicht vorbeigehen, oder? Gott ist nicht durch Leistung zu beeindrucken, es gibt keinen Katalog, bei dem er gar nicht anders könnte, als uns gnädig zu sein.
  • Wer meint, er könnte sein kirchliches Leben und seinen Alltag trennen, irt sich. Auch dies eine übliche Verhaltensweise unter den Menschen, die Johannes vor sich hat: Ich mache meine Gebete, ich mache meine Wallfahrten nach Jerusalem, ich opfere und spende und damit ist es gut. Geschäft ist dann Geschäft. Da irrt Ihr Euch, sagt Johannes – und später auch Jesus: Gott will Euer ganzes Leben, er ist nicht zufrieden mit 10% oder einem Siebtel in der Woche. Gott wird nicht dann erst wichtig in unserem Leben, wenn wir unser Gesangbuch hervorholen und unsere Kirchenkleider anziehen – Gott soll sichtbar werden in meinem ganzen Leben, vom Aufstehen bis zum Schlafengehen. Das ist es, was Johannes mit seinem ganzen Leben ausdrückt: Er lebt seine Botschaft selbst, er will keinen Luxus, aber er predigt ihn auch nicht. Er lebt seine Botschaft und will uns dazu bringen, auch das zu leben, was wir sagen. Heiner Geißler hat dies in seinem neuen Buch – und ich freue mich darauf, ihn am Pfingstmontag auf dem Hesselberg zu hören – im Titel ausgedrückt: „Was würde Jesus sagen?“ – die Antworten auf diese Frage soll unseren Alltag bestimmen.

Was können wir von diesem unbequemen Predigttext heute mitnehmen?

  • Die Überschrift über das Matthäusevangelium heißt: Jesus ist der Retter des Gottesvolkes. Das erweist sich aus den Vorhersagen und das erweist sich für uns am Kreuz und in der Auferstehung.
  • Die zweite Überschrift lautet: Gottes Herrschaft ist nahe an uns herangerückt. Gott will heute und auf dieser Erde etwas Neues beginnen.
  • Und dazu ist das „Kehrt um!“ des Johannes die Voraussetzung: Wir können uns die Teilhabe an Gottes Herrschaft nicht verdienen und wir haben sie nicht ererbt – wir müssen dazu unser ganzes Leben unter die Worte Jesu stellen – den Alltag und den Sonntag.

Den Mut, diese 3 Botschaften des Johannes und des Matthäus in der vor uns liegenden Woche auf unser Leben zu übertragen, wünsche ich uns allen. Dazu helfe uns die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes.

Amen.