Evangelisch - Lutherische Kirchengemeinde Berg
Gemeindezentrum - Fischackerweg 10 - Katharina von Bora-Haus

Pfarrer Dr. Hermann Ruttmann,
Letzte So. nach Epiphanias 28.01.2007 - 10.00 Uhr
Katharina von Bora-Haus, Berg

Thema: “ Flucht nach Ägypten
                 Matthäus 2,13-33

Liebe Gemeinde,

die junge Familie um Joseph lebt in Bethlehem – zumindest geht der Evangelist Matthäus davon aus. Wir lesen bei ihm nichts von einer Reise aus Galiläa nach Juda wegen einer Volkszählung. Und zu dem Haus des Joseph in Bethlehem kommen die Sterndeuter, die Magier, aus dem Osten und huldigen dem neuen König der Welt – diese Geschichte haben wir an Epiphanias immer schon gehört und sie hat unsere Phantasie angeregt. Eigentlich sollen die Sterndeuter für den alten Herodes spionieren, um ihm dann zu sagen, wo sein Konkurrent lebt, damit er verhindern kann, dass seine eigene Macht zusammenbricht. Aber eine Stimme Gottes weist die Sterndeuter an, nicht nach Jerusalem zurückzukehren und Herodes nicht ihren Fund zu verraten.

Hier wollen wir mit dem heutigen Predigttext einsetzen.

Matthäus 2,13-15 nach Berger

Matthäus ist der einzige Evangelist, der von einer Flucht nach Ägypten berichtet – Gott bringt die junge Familie und seinen Sohn in Sicherheit vor der Bosheit der Menschen. Jesus, der die Botschaft des Lebens für sein Volk bringen soll, wird vor dem Tod gerettet. Das menschliche Gewaltkalkül muss vor Gott und seinem Plan des Lebens für sein Volk, für diese Welt weichen. Es erfüllt sich dabei das Wort des Propheten Hosea, das wir in der alttestamentlichen Lesung gehört haben: Als Israel jung war, ahatte ich ihn lieb und brief ihn, meinen Sohn, aus Ägypten Eine Fülle von Verheißungen binden sich an die Kindheit Jesu – so liest Matthäus sein Altes Testament:

Von Abraham, von Jakob wissen wir, dass es meist eine Bedrohung war, die Gottes Volk nach Ägypten geführt hat: eine Hungersnot droht und die Familien Gottes gehen nach Ägypten. Der Prophet Jeremia flieht vor den Babyloniern mit vielen Israeliten nach Ägypten und sie dürfen sich niederlassen und werden eine große jüdische Kolonie in Ägypten errichten. Mir kam beim Lesen dieser Stelle immer in den Kopf: Was würde wohl heute geschehen?

Wir, die wir meinen, dass wir so viel fortschrittlicher sind als die Menschen vor 2000 Jahren – was würden wir tun? Die Familie käme wahrscheinlich nicht mal über die Grenze, weil da ein Sicherheitszaun aufgebaut wäre zwischen Israel und dem Rest der Welt. Vielleicht vermintes Gebiet, wie in zahllosen Grenzgebieten, die mal Schauplatz von Kriegen waren. Minen, die heute noch Kindern die Beine und Arme wegreißen. Und dann: Bekämen die drei überhaupt eine Einreisegenehmigung? Könnten sie nachweisen, dass sie verfolgt sind? Wie wollten sie das tun? Wenn selbst Frauen, die aus Bürgerkriegsgebieten zu uns fliehen, kein Asyl bekommen, obwohl Massenvergewaltigungen heute an der Tagesordnung sind, auf dem Balkan hat es begonnen und das europäische Beispiel hat in Afrika Schule gemacht.

Wo bleibt unser Fortschritt? Der Mann, nach dem wir uns benennen, Jesus Christus, war im Säuglingsalter ein Flüchtling – erinnern wir uns noch daran, wenn über „Zuwanderungsgesetze“ debattiert wird? Wenn das Boot als voll angesehen wird? Jesus konnte froh sein, dass er nicht in unserer Zeit lebte – er hätte wohl keine Chance gehabt. Denn die Geschichte geht weiter:

Matthäus 2,16-18 nach Berger

Das ist keine Weihnachts- und Epiphaniasgeschichte, das ist eine Geschichte an der Nahtstelle zwischen Epiphanias und Passionszeit: Das Leiden dieser Kinder, der Jungen bis zu zwei Jahren schreit zum Himmel. Ein kaltblütiges Massaker an Unschuldigen, um die eigene Macht zu erhalten – wie viele werden es gewesen sein? 50 Kinder, 100? Wie oft passieren diese Massaker heute – in unserer aufgeklärten Welt? Nehmen wir sie überhaupt noch wahr in den Nachrichten oder in der Zeitung? Tausende von Kindern, die in Afrika als Kindersoldaten gezwungen werden, andere umzubringen, zu vergewaltigen, ihre Jugend zu töten? Erinnern wir uns noch, wo gestern oder vorgestern Bomben hochgingen? Wieviele Kinder, wie viele Frauen, wie viele Alte sind dabei gestorben? Wieviele Vergeltungsaktionen startet dann das Militär? Im Irak, im Libanon, in Somalia, in Tschetschenien, im Kongo, in Uganda – und vor ein paar Jahren noch in Europa, im Kosovo? Die andere Seite der Macht, die andere Seite dieser Massaker, dieser kaltblütigen Morde, sind wir, die wir nicht mehr laut aufschreien, wenn es keine Rekorde in Anzahl und Grausamkeiten sind.

Ich schließe mich da ein: Ich höre schon gar nicht mehr zu, wenn ein Selbstmordattentäter sich hochsprengt in Bagdad. Wenn keine Gefangenen mehr gemacht werden, sondern sofort liquidiert wird. Wenn ein Hochzeitsfest in Afghanistan bombardiert wird. Wir stumpfen ab und auf diesem Boden können neue Massaker entstehen! Ich denke, wir sollten unsere Betroffenheit immer wieder neu schärfen – und auch unseren inneren und lauten Protest gegen die Gewalt auf dieser Welt. Weil wir vom Kindermord des Herodes betroffen sind, sollen wir auch von den heutigen Massakern betroffen sein.

Der Kindermord des Herodes in Bethlehem ist gegen Gott gerichtet – ist ein Aufbäumen der Menschen, die für den Tod in unserer Welt stehen. Diese Machtmenschen des Todes – Herodes steht mit seinem Namen in alle Ewigkeit dafür. Sie wollen das Leben, das in die Welt gekommen ist, auslöschen, um ihre Geschäft zu machen. Und sie bauen auf unsere Angst und Abstumpfung – und das sollten wir uns nicht gönnen. Denn wir sind im Geiste mit Josef, Maria und Jesus in Ägypten, das Leben wird letztlich über die Gewalt siegen:

Matthäus 2,19-23 nach Berger

Herodes stirbt im Jahre 4 vor Christus – das Ende einer Gewaltherrschaft, die auch viele positive Seiten hatte, so wird man später sagen: Wunderbare Bauwerke, Straßen und Städte hat er mit dem Blut der Unterdrückung gebaut. Aber seinen entscheidenden Kampf hat er verloren: Er hat das Leben nicht besiegt – Jesus und seine Familie überleben. Und die Dynastie des Herodes, seine Söhne, die sich das Land aufteilen, wird innerhalb weniger Jahre ihr Land verlieren und römische Statthalter – 30 Jahre später dann Pontius Pilatus – werden die Verwaltung übernehmen. Der Tod wird hier in Person des Herodes zum ersten Mal besiegt durch Jesus – die Gewalt ist dem Leben unterlegen.

Und das Gedenken der Menschen wird nicht mehr dem Herodes gelten, sondern dem Christus, nach dem sogar die Zeit gerechnet wird, seit um 550 ein Mönch zurückgerechnet hat. Seither gibt es das „vor Christus“ und „nach Christus“. Leider hat er sich ein bisschen verrechnet – da wir wissen, dass Herodes 4 v.Chr. gestorben ist, muss Jesus wohl vorher geboren sein. Der kleine Mönch mit Namen Exiguus hatte eben die Todesdaten des Herodes nicht genau gekannt.

An diesen Herodes erinnert man sich nicht mehr im Guten. Er hat unsere Verachtung – und noch schlimmer für ihn: er wird erneut der Erfüllungsgehilfe der Verheißungen der Propheten: Gott weist den Joseph an, seine junge Familie nicht wieder zurück nach Bethlehem zu bringen, sondern nach Galiläa – so lässt er sich in Nazareth nieder und eine weitere Verheißung, die mit dem Wort Nazareth verbunden ist, erfüllt sich. „Jesus von Nazareth“ wird er künftig heißen, so dass andere Evangelien sogar davon ausgehen, dass er ein Galiläer gewesen ist. Matthäus weiß es besser.

Aber vorher geht Jesus und seine Familie den Weg, den Israel schon immer gegangen ist: Er zieht aus Ägypten aus. Ägypten ist ja nicht nur der Zufluchtsort für Abraham, Jakob oder Jeremia, sondern auch das Zeichen für Unfreiheit und Unterdrückung. Ägypten steht für die Versklavung des Volkes Israel und der Weg durch die Wüste nach Palästina ist eine Wanderung, die die drei nun 1300 Jahre nach Mose wiederholen: Sie folgen der Verheißung Gottes, die auf der Seite des Lebens steht, sie tragen das Leben mit sich, um dem Volk Gottes eine neue Zukunft zu geben.

Matthäus selbst setzt Jesus in eins mit dem Volk Israel – er lässt ihn zeichenhaft den Weg des Auszugs wiederholen. Matthäus zitiert ja Hosea: Als Israel jung war, ahatte ich ihn lieb und brief ihn, meinen Sohn, aus Ägypten Jesus, Gottes Sohn, macht dasselbe als Person, was das Volk 1300 Jahre vorher „als Israel jung war“, schon gemacht hat: Unter der Führung Gottes, zieht es aus dem Reich des Todes aus und wendet sich dem Leben zu. Das Volk Gottes lässt den Tod hinter sich, macht sich auf den Weg mit Gott und kommt ins verheißene Land. Das macht Jesus nun zeichenhaft nach.

Es ist diese Stellvertretung, die sein Leben für uns so wertvoll macht – stellvertretend für uns, sein Volk, zieht er aus Ägypten, aus dem Reich des Todes, aus. Stellvertretend für uns ist er den Weg des Leidens, der Passion, gegangen, stellvertretend für uns ist er am Kreuz gestorben und auch stellvertretend für uns ist er am Ostermorgen vom Tod auferstanden. Die Stellvertretung Jesu hat für uns etwas Entlastendes, das uns Mut für unser Leben geben kann: Wir müssen eben nicht mehr die Ängste, vor allem auch die Todesängste, alle selber durchmachen, die mit seinem Weg verbunden waren. Aber vor allem: Wir können bei unseren Leiden und Ängsten, die wir ja trotzdem erleben, darauf vertrauen, dass einer schon für uns den Tod und die Angst überwunden hat – und uns das auch bevorsteht. Sein stellvertretender Tod und seine Überwindung des Todes in der Auferstehung zeigt uns die Richtung in unserem Leben.

Unser heutiger Predigttext kann uns 3 Gedanken mitgeben:

  • Gott steht auf der Seite des Lebens für diese Welt – sein Lebensplan, sein Überlebensplan für uns, ist durch nichts zu gefährden.
  • Das Massaker an den Kindern in Bethlehem mag uns daran erinnern, dass wir unseren Blick immer wieder schärfen müssen, um das Leiden der Menschen wahrzunehmen und dagegen zu protestieren.
  • Stellvertretend für uns ging Jesus seinen Weg von Ägypten in eine neue Zukunft. Stellvertretend für unsist er in den Tod gegangen und auferstanden.

Diese Zuversicht begleite uns in den kommenden Wochen – Und der Friede Gottes, der weiter reicht als unsere Vernunft, sei mit uns allen.

Amen.