Evangelisch - Lutherische Kirchengemeinde Berg
Gemeindezentrum - Fischackerweg 10 - Katharina von Bora-Haus

 

Predigt:
Pfarrer Dr. Pfister,
3. Advent, 17.12.2006
Katharina von Bora-Haus, Berg

Thema: Der Weg
                 Jesaja 35,3-10

 

Liebe Gemeinde!

“Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg”. So sagt ein bekanntes Sprichwort, eine allgemeine Lebensweisheit. Aber man kann durchaus zweifeln, ob das so allgemein stimmt. Denn den Willen, die Arbeitslosigkeit einzudämmen, haben alle Parteien und Regierungen, haben die Unternehmer genauso wie die Gewerkschaften. Aber einen überzeugenden Weg weiß trotzdem keiner. Alle hoffen, dass die Wirtschaft so viel Schwung bekommt, dass neue Arbeitsplätze entstehen, und ein wenig hat sich diese Hoffnung ja in den letzten Monaten erfüllt. Aber einen wirklich überzeugenden Weg kennt niemand. Die Arbeitslosigkeit bleibt nach wie vor unerträglich hoch, vor allem in den neuen Bundesländern. Wir im Landkreis Starnberg empfinden das wohl nicht so stark, aber vor einigen Wochen habe ich es in Mecklenburg wieder erfahren, dass da fast ein ganze Generation kaum eine Perspektive für sich sieht.

Weglosigkeit, d. h. keinen Weg wissen, obwohl das Ziel feststeht und es auch nicht am Willen fehlt, dieses Ziel zu erreichen, das scheint überhaupt ein Kennzeichen unserer Zeit zu sein. Bei der Frage, wie der Friede in der Welt zu schaffen und zu sichern ist, ist es mindestens genauso schwierig wie bei der Arbeitslosigkeit. Frieden wollen alle, das Ziel steht fest. Aber über den Weg wird immer heftig gestritten, im Irak, im Libanon, in Israel und Palästina, ja fast überall in der Welt.

Weglosigkeit, da können wir auch an Familien denken, denen die Wohnung gekündigt ist und die trotz verzweifelter Anstrengungen keine neue finden, die sie bezahlen könnten. Und in anderen Regionen, wo es günstigere Wohnungen gibt, lässt sich kaum eine Arbeitsstelle finden. Wir denken vielleicht auch an Ehepaare, die sich in letzter Zeit getrennt haben oder die eine Trennung erwägen, weil sie keinen gemeinsamen Weg mehr für möglich halten. Oder an junge Menschen am Ende eine langen Studiums, die zwar die Voraussetzungen für einen Beruf haben, aber keinen gangbaren Weg, der in den Beruf hineinführt.

Weglosigkeit ist darüber hinaus das Zeichen vieler seelischer Krisen, z.B. der Depression, in der man keinen Schritt mehr tun kann, sich abkapselt und regungslos in Resignation verharrt.

Denn keinen Weg haben, das macht die Hände müde und lässt die Knie wanken. Das weiß schon der Prophet aus dem Alten Testament. Er kennt die Weglosigkeit und beschreibt ein solches Leben mit eindringlichen Bildern, z.B. als ausgedörrtes, vertrocknetes Land, als Wüste, wo die Löwen und Schakale darauf warten, die Ermatteten zur Beute zu bekommen.

Deshalb ist die Adventsbotschaft des Propheten höchst aktuell. Es geht ihm nicht um die Resignation und Depression, die er bei sich selbst und bei seinen Zeitgenossen nur allzu gut kennt.

Es geht um die Adventsbotschaft, die die müden Hände wieder stark macht und die wankenden Knie wieder fest. Die Adventsbotschaft: Es gibt einen Weg! Gott gibt uns einen Weg unter die Füße, wo wir selbst keinen Weg mehr sehen, einen Weg mitten durch die Wüste. Was vertrocknet und ausgedörrt ist, muss nicht auf Dauer leblos bleiben. Da eröffnen sich neue Lebensmöglichkeiten für die Müden und Verzagten, für die Resignierten und Depressiven. Da werden Menschen, gerade auch durchaus schwache Menschen, fähig, sich gegenseitig zu stärken, zu helfen, sich gegenseitig zu ermutigen und aufzurichten. Sie können das, weil Gott selbst für sie da ist, einfach da ist.

Die adventliche Hoffnung auf Gott ist nicht nur Zukunftsvision, sondern sie verändert schon jetzt die Wirklichkeit. Das haben Menschen im alten Israel und in der christlichen Gemeinde immer wieder erlebt. Stärkung, Ermutigung, Aufbruch aus der Resignation und Depression, das ist keine Zukunftsmusik, sondern das wird Gegenwart, erlebte, lebendige Erfahrung.

Wo Gott am Werk ist, da geschehen einschneidende Veränderungen. Da bleibt nicht alles beim Alten. Sondern da ereignet sich etwas neues, etwas, das vorher so nicht vorauszusehen war.

Deshalb hat es auch nicht viel Sinn, im voraus darüber zu spekulieren, wie das geschehen kann, wenn Gott mir dort einen Weg zeigt, wo ich keinen mehr sehe. Wir können als kritische Menschen wohl nicht anders als die Frage zu stellen “Wie will Gott denn das machen?” Nicht nur Jugendliche fragen hier, sondern in jeder und jedem von uns steckt dieser Vorbehalt.

Und dennoch ist es so: Wenn Gott uns einen Weg zeigt, wo wir keinen mehr sehen, dann sprengt das unsere Vorstellungen, dann ist das eben total überraschend, nicht im voraus zu kalkulieren und zu berechnen.

Auch der Prophet aus dem Alten Testament wäre sicher höchst überrascht gewesen, wenn er die Erfüllung seiner Prophezeiung miterlebt hätte. Er stellt sich einen grandiosen Triumphzug durch die zum Paradies gewordene Wüste vor. Doch der Weg Gottes mit uns Menschen sieht äußerlich ganz anders aus: Ohne Pomp und ohne spektakuläre Naturschauspiele, vielmehr höchst bescheiden und unbeachtet von der Weltöffentlichkeit.

Gott kommt, darauf stellen wir uns im Advent jedes Jahr von neuem ein, weil es eben so unglaublich anders ist als unsere gängigen Vorstellungen: Gott kommt in einem schwachen Kind, In höchst bescheidenen menschlichen Verhältnissen.

(Chor singt  den Bach-Choral „Ich steh an deiner Krippen hier“)

Das ist das Geheimnis seiner Stärke, seiner Herrlichkeit. Der neue, wahrhaft menschliche Weg ist für uns Wirklichkeit geworden in dem Menschen Jesus von Nazareth, der es fertig brachte, ganz für die Menschen da zu sein, denen er begegnete. Und der ihnen damit ganz neue Lebensmöglichkeiten eröffnete. Kranke hat er geheilt, mit Gaunern und leichten Mädchen hat er sich an einen Tisch gesetzt. Alle können die Erfahrung machen: Keiner ist abgeschrieben, ausgestoßen oder rechtlos. Gott gönnt uns allen ein lebenswertes, sinnvolles, glückliches Leben. Auf dieser Erde, nicht in einem fernen, jenseitigen Schlaraffenland. Auf dieser Erde, auf der Menschen weinen, leiden, trauern, mutlos und schwach werden.

Wenn Jesus den Blinden die Augen aufgetan und den Tauben die Ohren geöffnet hat, dann sieht er darin selbst einen direkten Hinweis, dass durch ihn die Verheißung des alten Propheten erfüllt ist. Auch wenn wenig von den spektakulären Begleitumständen zu sehen ist, die sich der Prophet ausmalt. Und schon gar nichts, das muss hervorgehoben werden, von der Rache Gottes an seinen Feinden! Der Weg, der endgültige Weg Gottes mit uns Menschen ist so versteckt, dass selbst ein Johannes der Täufer unsicher wird und fragt: “Bist du es wirklich?”, wie wir heute im Evangelium gehört haben.

Solche Fragen werden sich auch bei uns immer wieder melden. Dennoch dürfen wir, und das ist das Entscheidende, durch unsere Fragen und Zweifel hindurch immer wieder die Erfahrung machen, dass es diesen wunderbaren Weg wirklich gibt. Dass sich für mich und für jede und jeden von uns von Gott her ein Weg eröffnet, auf dem ich nicht allein bin. Ein Weg, der nach innen und nach außen zugleich führt. Nach innen: Heraus aus den depressiven Stimmungen zu mehr innerer Ruhe und Gewissheit. Gerade deshalb, weil er mich nicht bei mir selbst behaftet, sondern aus mir heraus zu den anderen führt, zur Gemeinschaft in der Gemeinde und zu den Mutlosen und Weglosen weit über die Grenzen der Gemeinde hinaus. Und sei es in ganz bescheidenen und kleinen Schritten: Es ist ein gemeinsamer Weg für uns, auf dem wir uns gegenseitig die Hände, die Knie und das Rückgrat stärken können.

Wir sind deshalb heute eingeladen zum adventlichen Vertrauen und Aufbruch. So wie Abraham, der trotz aller Bedenken vertrauensvoll aufbricht in ein Land, das er nicht kennt, das ihm Gott erst auf dem Weg zeigen will.

Gott gibt uns keinen Weg, den wir in im voraus zu unserem Besitz machen können. Aber er lädt uns in diesen Tagen des Advents durch Jesus Christus ein, unseren Weg mit ihm zu gehen. Denn er ist zu uns gekommen in dem Kind in der Krippe, in dem Menschen, der nicht nur einen Weg hat, sondern der der Weg ist. “Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben”, sagt Jesus. Auf seinen Spuren können wir vertrauensvoll gehen, als Einzelne und als seine Gemeinde.

Amen.