Evangelisch - Lutherische Kirchengemeinde Berg
Gemeindezentrum - Fischackerweg 10 - Katharina von Bora-Haus

 

Predigt:
Pfarrer Johannes Zultner,
Drittletzter Sonntag im Kirchenjahr, 12.11.2006
Katharina von Bora-Haus, Berg

Thema: „Das Spiel der Weisheit vor Gott
                

 

TAGESGEBET

Heute,
am Beginn dieses Tages,
gehen unsere Gedanken zu dir, Gott:
Wir glauben dich in unserer Mitte.

An diesem Morgen suchen wir deine Nähe, Gott:
Wir glauben dich an unserer Seite.

In dieser Stunde hören wir deinen Ruf, Gott:
Wir glauben dich auf unserem Weg.

Die Zeit zwischen gestern und morgen
leben wir im Vertrauen auf dich, Gott:
Wir glauben uns in deiner Hand geborgen.

Hilf Du uns, das Geglaubte auch zu leben.
Das bitten wir dich, der du als Vater, Sohn und Heiliger Geist
lebst und bei uns bist von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

EVANGELIUM Lukas 17,20-21

Als Jesus aber von den Pharisäern gefragt wurde: Wann kommt das Reich Gottes?, antwortete er ihnen und sprach: Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man's beobachten kann; man wird auch nicht sagen: Siehe, hier ist es!, oder: Da ist es! Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch.

 

PREDIGT
zum Drittletzten Sonntag im Kirchenjahr,
zum Künstlermarkt an diesem Sonntag,
zum Bibeltext Buch der Sprüche 8,1-35 (in Auswahl)

Der heutige Sonntag richtet unseren Blick in die Zukunft Gottes, ans Ende der Zeit … Doch möchte ich Sie zunächst einladen, zurück zu blicken in unser Leben und zu fragen: Was ist von der Kindheit geblieben ? Hat sich etwas von ihr in mein Erwachsenenleben hinein fortgesetzt, etwas Gutes, Bleibendes, Tragendes?

Manche Erwachsene, die unpassend herumalbern, erscheinen uns kindisch. Das meine ich natürlich nicht, wenn ich danach frage, was von der Kindheit, von unserem Kindsein in uns weiterlebt.

Manche Erwachsene jedoch, vielleicht auch wir selbst gelegentlich, erscheinen uns kindlich: Das ist etwas Anderes als kindisch. Das ist etwas Anrührendes. Etwas Kostbares.

Woran, oder in welchen Momenten, entdecken wir das Kindliche in uns? Wir entdecken es immer dann, wenn wir spielen können.

Spielen können ist ein Ausdruck von Vertrauen, von tiefem Vertrauen. Ich vertraue darauf, zumindest eine Zeitlang nicht das Nützliche und Notwendige tun zu müssen, weil ein anderer es für mich tut. Dieser Andere ist Gott. Wenn ich mit Gott rechne, kann ich spielen, kann mich spielend vergessen, weil ich von Gott nicht vergessen bin.

Nun ist das Spiel des Erwachsenen nicht das des Kindes, aber trotzdem etwas Verwandtes und Ähnliches. Das selbstvergessene Spiel des Kindes erfährt beim Erwachsenwerden eine Verwandlung – und taucht dann als künstlerische Betätigung wieder auf, als „Kreativität“, wie man heute sagt.

Heute ist unser an sich schon schönes Katharina von Bora - Haus noch schöner, weil es voll ist von Ergebnissen solcher Kreativität. Und ich möchte Ihnen nahebringen, dass dies eine Brücke zum Glauben ist. Die Frauen und Männer, denen die vielen schönen, einmaligen Sachen zu verdanken sind, haben das Spielen nicht verlernt. Sie konnten sich selbst vergessen, um aus sich heraus etwas Neues, Einmaliges entstehen zu lassen.

Der heutige Sonntag, der drittletzte im Kirchenjahr, redet von unserer Rettung aus der Vergänglichkeit. Alles Zeitliche wird ein Ende haben, aber dieses Ende wird nicht zum Abbruch alles Gewesenen, sondern zum Ziel alles Seienden. Gott selbst wartet dort auf uns. Noch mehr, er kommt uns von dort entgegen, aus der Zukunft in die Gegenwart, vom Ziel auf den Weg, den wir gerade gehen. Deshalb heißt das Bibelwort dieses Sonntags:

      Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade,
      siehe, jetzt ist der Tag des Heils.  2 Korinther 6,2b

Mitten in unserem Leben, das ein vergehendes Leben ist, sollen wir trotzdem nicht diesem Vergehen erliegen. Gott kommt vom Ziel auf uns zu, er bringt seine Ewigkeit mit in unsere Zeit. Ihn so bei uns zu glauben, schon jetzt, macht uns frei – frei zum Spiel gegen die Vergänglichkeit. Als Kinder unserer Eltern sind wir Erwachsene geworden. Doch als Kinder Gottes dürfen wir Kinder bleiben: Wir dürfen uns gelegentlich selbst vergessen, weil wir ja wissen, dass Gott uns nicht vergisst. Und diese Augenblicke der Selbstvergessenheit sind vielleicht die schönsten im Leben. Deshalb bringen sie spielerisch auch Schönes hervor.

Rilke, der große Dichter vom Anfang des vergangenen Jahrhunderts, hat in einem seiner „Sonette an Orpheus“ wunderbare Worten dafür gefunden, wie unser verbliebenes Kindsein uns vor dem Gespenst der Vergänglichkeit rettet:

      Sind wir wirklich so ängstlich Zerbrechliche,
      wie uns das Schicksal wahr haben will ?
      Ist die Kindheit - die tiefe, versprechliche
      in ihren Wurzeln - später still ?
      Ach, das Gespenst des
      Vergänglichen,
      durch den arglos Empfänglichen,
      geht es, als wär es ein Hauch …

Die „arglos Empfänglichen“ – ich habe keine schöneren Worte für das gerettete Kindsein erwachsener Menschen gehört.

Wenden wir uns aber noch einmal der biblischen Betrachtung zu. Kann es wirklich sein, wie ich behauptet habe, dass das selbstvergessene Spiel ein Ausdruck von tiefem Glauben, von tiefem Gottvertrauen ist ? Redet die doch so ernste Bibel überhaupt je vom Spielen ? Tut sie es ? Was meinen Sie ? ….

Hören Sie einen bemerkenswerten Text aus dem biblischen

Buch der Sprüche 8,1-35, in Auswahl:

    Ruft nicht die Weisheit, erhebt nicht die Klugheit ihre Stimme? Bei der Stadtburg, auf den Straßen, an der Kreuzung der Wege steht sie; neben den Toren, wo die Stadt beginnt, an den Pforten der Häuser ruft sie laut: Euch, ihr Leute, lade ich ein, meine Stimme ergeht an alle Menschen: Ihr Unerfahrenen, werdet klug.

    Ich liebe, die mich lieben, und die mich suchen, finden mich.

    Der HERR hat mich schon gehabt im Anfang seiner Wege, ehe er etwas schuf, von Anbeginn her. Als er die Himmel bereitete, war ich da, als er den Kreis zog über den Fluten der Tiefe; als er die Grundfesten der Erde legte, da war ich als sein Liebling bei ihm;  Ich war seine Freude Tag für Tag und spielte vor ihm allezeit. Ich spielte auf seinem Erdkreis und meine Freude war es, bei den Menschen zu sein.
    Wer mich findet, der findet das Leben und erlangt Wohlgefallen vom HERRN. Wer aber mich verfehlt, zerstört sein Leben; alle, die mich hassen, lieben den Tod.

Im Alten Testament ist die Weisheit nicht eine Eigenschaft, sondern eine Person. Sie lebt, sie spricht. Sie ist schon vor der Schöpfung bei Gott - also ist sie kein Geschöpf, das erst mit der Schöpfung entstünde, sondern gehört von Ewigkeit her zu Gott. Und - sie ist von Ewigkeit her ein Kind. Ein spielendes Kind, an dem Gott seine Freude hat, der Liebling Gottes. Und dann hören wir diesen wunderbaren Satz aus dem Mund der spielenden Weisheit:
Meine Freude war es, bei den Menschen zu sein.“
Weise - mit der Weisheit im Bunde - ist der, der spielen kann. Der sich Kindlichkeit bewahrt hat. Der Freude hat am Schönen, auch dann, wenn dies nicht immer zugleich nützlich ist.

Vor der Schöpfung, in der geschuftet wird, war das Spiel. Und die Verkörperung dieses Spiels, die kindlich spielende Weisheit, der Liebling Gottes, möchte bei uns Menschen sein. Das ist ihre Sehnsucht, ihre Freude. Da sie aus der Ewigkeit kommt, bringt sie einen Hauch von ewigem Sein in unsere Vergänglichkeit, und wer spielt wie sie, wird von diesem Hauch berührt.

Nicht erst am Ende der Zeit wird die Vergänglichkeit von uns genommen. „Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils.“ Zwar ist die Vergänglichkeit da, in unserem vergehenden Leben. Doch immer wieder, wenn sie bedrohlich wie ein Gespenst auf uns zukommt, können wir sie elegant umspielen und ins Leere laufen lassen. Die spielende Weisheit lehrt uns dies glückliche Spiel, und allmählich stellt sich die schöne Gewissheit ein, dass unser Leben dahingeht - dahingeht? - dahin geht, nicht auf ein Ende, sondern auf ein Ziel zu, an dem es die eigene, verloren geglaubte Schönheit in der Schönheit Gottes wiederfindet. Und die Schönheit auf dem Angesicht Gottes ist seine Freude über seine Lieblinge, die spielende Weisheit und die spielenden Menschen.

Singen Sie, wenn Sie möchten, als „Amen“ zu dieser Predigt ein Lied von der Schönheit Gottes - die Nummer 642 im Gesangbuch.

 

FÜRBITTEN Drittletzter Sonntag im KJ

Lasst uns in Frieden beten:

Um ein waches Gewissen,
um Vergebung unserer Schuld
und ein Leben, das mit Gott rechnet,
lasst uns bitten - Herr, erbarme Dich ...

Um Verständnis für unsere Mitmenschen,
um den Mut,
miteinander Leiden auszuhalten,
miteinander zu reden und zu schweigen -
Um die Fähigkeit, allen Menschen so zu begegnen,
dass sie auch durch uns Gottes Liebe spüren,
lasst uns bitten - Herr, erbarme Dich ...

Für unsere Kirche, für die ganze Christenheit,
dass sie sich bewusst ist: Wir sind der Weinberg,
den Du, Gott, gepflanzt hast,
den du behütest,
auf dem du ernten willst -
lasst uns bitten:  Herr, Erbarme Dich ...

Für unser Volk und alle Völker der Welt,
dass sich Gerechtigkeit durchsetze
und Friede werde, wo Krieg ist,
lasst uns bitten - Herr, erbarme Dich ...

Für die Menschen,
die dich besonders brauchen,
die Hungernden,

dass ihnen geholfen werde,
die Kranken,
dass sie Heilung finden in dir
und Begleitung in uns -
lasst uns bitten: Herr, erbarme Dich ...

Gott, bleibe bei uns mit deinem Wort
und schenke uns die Kraft zum Leben.
Darum bitten wir dich im Glauben an Christus.
Amen.

VATER UNSER …