Evangelisch - Lutherische Kirchengemeinde Berg
Gemeindezentrum - Fischackerweg 10 - Katharina von Bora-Haus

 

Predigttext:
Kirchenrat Wolfgang Döbrich,
10. Sonntag nach Trinitatis 20.08.2006
Katharina von Bora-Haus, Berg

Thema: „Israel
            
Lukas 19,41-48

 

Liebe Gemeinde,

„Seufzen, Weinen, Jammerklagen!
Schwerter klirren, die mein armes Volk erschlagen,
das die Mörder noch zu höhnen wagen…
Kannst du, Herr, kannst du`s ertragen?“

Diese eindringlichen Zeilen entstammen der Kinna, dem Klagelied des Rabbi Meir, der die Schrecken des 1. Kreuzzuges 1096 für die Wormser Juden beklagt. Um den 10. Sonntag nach Trinitatis wurden tausende Juden von den räuberischen Horden der Kreuzzügler am Mittelrhein erschlagen.

Der 10. Sonntag nach Trinitatis liegt in zeitlicher Nähe zum 9. Ab des jüdischen Kalenders. Der 9. Ab ist der jüdische Trauertag schlechthin. An diesem Tag im Jahr 70 v. Christus ließ der Römer Titus die ausgehungerte Stadt Jerusalem stürmen. Tausende fielen dem Wüten des Schwertes zum Opfer. Der Tempel wurde ausgeraubt und ging in Flammen auf. Die Stadt wurde dem Erdboden gleich gemacht, kein Stein blieb auf dem anderen.

Etwa 600 Jahre früher, im Jahr 587 v. Chr., ist an demselben Tag, dem 9. Ab, dasselbe passiert. Damals waren es die Babylonier unter Nebukadnezar, die Jerusalem samt dem Tempel zerstörten und den Großteil der Bevölkerung nach Babylon verschleppten. Der 9. Ab war ein Schreckenstag für Israel und er blieb es bis auf den heutigen Tag. Selbstmordattentäter gaben in den letzten Jahren diesem Tag ein neues, grauenvolles Gesicht. Der 9. Ab – ein Tag gezeichnet von Leiden, Angst und Tod; bis heute ein Tag der Trauer, der Buße und des Fastens.

Im Mittelalter hat die Kirche dem benachbarten Sonntag des Kirchenjahres unseren Bibelabschnitt als Evangelium zugeordnet. Im Handbuch zur lutherischen Agende heißt es: „am 10. Sonntag nach Trinitatis gedenkt die Kirche des Gerichts, das über die Gemeinde des alten Bundes, das jüdische Volk, gekommen ist mit der Zerstörung Jerusalems im Jahre 70 nach Christus.“

Die zerstörte Stadt wird zum Bußruf an die christliche Gemeinde. Die Kirche wollte sich mit dieser Gestaltung selbst warnen vor einem falschen Sicherheitsgefühl, aber in der Praxis faszinierte die Beschäftigung mit dem Gericht über die Juden mehr als alles andere. In den Bußruf an die eigenen Gläubigen mischten sich Töne der Genugtuung über das Schicksal der anderen, ja es kam zum leisen oder gar unverhohlenem Triumph. Die Zerstörung Jerusalems wurde als eindeutiges Indiz für die göttliche Verwerfung der Juden gewertet. Die haben Gottes Heilsangebot in Jesus Christus ausgeschlagen, deshalb hat Gott den alten Bund mit Israel gekündigt und das alte Gottesvolk endgültig durch das neue, wahre Volk Gottes ersetzt. Diese Ersetzungstheorie speiste Vorurteile, deren sich die Judenfeindschaft durch die Jahrhunderte bediente. Unser Evangelium wurde zum göttlichen Beweis für die Wahrheit des christlichen Glaubens, der Text diente dem Selbstverständnis der Kirche, der Stärkung des eigenen Erwählungsbewusstseins.

Heute sind wir gerade in Deutschland nach den beiden verheerenden Kriegen und vor allem nach dem von Deutschen geplanten und durchgeführten Massenmord an den Juden stiller geworden. Wir erkennen mehr und mehr unheilvolle Zusammenhänge zwischen dem christlichen Überlegenheitsgefühl und der Bereitschaft zur Verfolgung bis hin zur Vernichtung der Juden. Wir sehen, dass wir selbst an Gottes Willen vorbei gelebt und gegen seine Gebote verstoßen haben.

Wir spüren, dass Jesu Worte über Jerusalem auch uns selbst treffen: „Wenn doch auch du erkannt hättest zu dieser Zeit, was zum Frieden dient.“ Dieses Innehalten hat ein Umdenken bewirkt. Nach dem Beispiel fast aller deutschen Landeskirchen haben wir uns auch in Bayern intensiv mit dem Verhältnis von Christen und Juden befasst und 1996, zum 60. Jahrestag der Reichspogromnacht, eine Erklärung verfasst, in der es heißt: „Bei Anerkenntnis der bleibenden Erwählung des jüdischen Volkes und der zentralen Bedeutung des christlich-jüdischen Verhältnisses wird Antijudaismus als dem innersten Wesen des christlichen Glaubens entgegengesetzt erkannt. Deshalb gehört es zu den ureigensten Aufgaben der Kirche, sich von jeglicher Judenfeindschaft loszusagen, ihr dort, wo sie sich regt, zu widerstehen und sich um ein Verhältnis zu Juden und zu jüdischer Religion zu bemühen, das von Respekt, Offenheit und Dialogbereitschaft geprägt ist.“

Dass diese Erklärung der Landessynode keine Sprachregelung zur Auseinandersetzung mit gegenwärtigen politischen Entwicklungen im Nahen Osten darstellt, muss nicht eigens gesagt werden. Hier bleibt für mich vieles erklärungsbedürftig. Hier kann ich vieles nicht verstehen. In der Erklärung aber geht es um einen grundsätzlichen Perspektivwandel im Verhältnis Christen und Juden, der gerade am Israelsonntag wieder zu Herz und Verstand gebracht werden soll.

Einmal bewusst geworden, erkennen wir auch, dass die Worte Jesu noch weitere Dimensionen unseres Lebens betreffen: „Wenn doch auch du erkenntest zu dieser Zeit, was zum Frieden dient!“ Diese Worte hören wir in einer kritischen Lage unserer Gesellschaft. Da steigern sich die Aggressionen zwischen den Menschen. Die Zeitungen liefern täglich bestürzende Beispiele. Da herrscht trotz günstiger Konjunkturdaten Massenarbeitslosigkeit. Viele verlieren Zukunftsperspektiven und Hoffnung. Da vertiefen sich Gräben zwischen arm und reich, zwischen Ost und West, Nord und Süd, zwischen alt und jung, gesunden und kranken oder behinderten Menschen.

In dieser Situation müssten unsere Kirchen Brücken bauen können. Sie müssten Worte finden, die Menschen zusammen bringen und Lösungen erarbeiten lassen. Aus unseren Gotteshäusern müssten Kräfte des Friedens strömen: Frieden zwischen den unterschiedlichsten Menschen und Frieden in der eigenen Seele. Frieden, der mehr ist als die Abwesenheit von Spannungen, Kämpfen oder gar Krieg - Frieden also, der gefüllt ist mit Gerechtigkeit, mit Verständnis und Vergebung, mit Barmherzigkeit und Güte. Frieden, der etwas von der Herrschaft Gottes in dieser Welt und damit auch in unseren Herzen erahnen lässt.

Wenn von unseren Gottesdiensten und unserer Kirche solcher Frieden nicht ausgeht, wenn auch vor unseren Augen verborgen ist, was zum Frieden dient, dann müssen wir die düstere Vorhersage der Zerstörung auch auf uns beziehen. Dann droht nicht nur die Vernichtung der Kirche, sondern eine umfassende Katastrophe. Schließlich wurde ja nicht nur der Tempel, sondern die ganze Stadt Jerusalem wie die anderen jüdischen Städte und Dörfer dem Erdboden gleich gemacht.

Deswegen ist die Botschaft des heutigen Sonntags, die die Kirche lebendig erhalten hat, wichtig. Sie ist so wichtig, dass Wohl und Wehe des ganzen Gemeinwesens davon abhängen. Es geht um die innersten Grundlagen jeder Gemeinschaft von Menschen. Auf sie sollen wir uns am 10. Sonntag nach Trinitatis, dem Israel-Sonntag, besinnen. Woher sonst sollte die Gesellschaft erfahren, dass nicht nur die Leistungsfähigen und Tüchtigen zählen, sondern auch die Armen – gerade die im Süden der Welt - , die Alten, die Kranken, die Behinderten, die Kinder und sogar die Kreatur - woher, wenn nicht aus der christlichen Erfahrung, dass alle leiden, wenn ein Glied leidet? Woher sonst sollte unser Zusammenleben den Kitt, den Gemeinsinn, gewinnen, wenn nicht aus der christlichen Einsicht, dass Nächstenliebe besser für uns alle ist als hemmungsloser Egoismus. Ein Staat wie der unsere kann nicht funktionieren, wenn er nur noch die Selbstsucht der Bürger zu regulieren hat. Dann zerfällt die Bevölkerung in Interessengruppen mit gegensätzlichen Zielen und unterschiedlichen ethischen Einstellungen. Ohne verbindende Grundüberzeugungen werden die einzelnen Gruppen sich gegenseitig böse Verteilungskämpfe liefern. Ein Land, das in zersplitterte Grüppchen und Parteiungen zerfällt, wird für Menschen untauglich.

Die Kraft zur Nächstenliebe kann uns zuwachsen aus der Gottesliebe und dem Gottvertrauen. Sonst kann es eigentlich nur resignative Hoffnungslosigkeit geben. Denn eine bessere Perspektive ist nicht erkennbar. Alle Erfahrung spricht eher für eine Verdüsterung: die großen Probleme unserer Gesellschaft im Rahmen einer kleiner werdenden Welt erscheinen als nicht lösbar. Die Kluft zwischen armen und reichen Ländern wächst trotz aller entwicklungspolitischen Bemühungen. Niemand hat ein Patentrezept für die Umweltprobleme unserer Erde,  kein Mensch weiß einen Ausweg für die drohende Klimakatastrophe. Viele resignieren in dieser Lage. Sie ziehen sich ins Privatleben zurück und tun so, als ginge sie das alles nichts an. Was sollte man sonst schon tun können?

Auf diesem Hintergrund muss es aufhorchen lassen, wie anders Jesus sich verhält angesichts des drohenden Untergangs Jerusalems. Er spürt die Katastrophe und schildert sie mit beklemmenden Worten. Er lässt sich diese Perspektive nahe gehen. Er weint. Zweimal wird im Evangelium berichtet, dass Jesus weint. Einmal beim Tod seines Freundes Lazarus und das andere mal hier, beim Blick auf  das Ende Jerusalems. Weinen ist die angemessenste Reaktion angesichts der bevorstehenden Katastrophe. Jesus hat alles versucht, die Menschen zu Gottvertrauen und Nächstenliebe zu bewegen. Die führenden Kreise wollen ihn nicht hören - im Gegenteil: sie planen ihn umzubringen. Jesus erkennt seine Ohnmacht und lässt sie gelten. Er weint. Er steht zu seiner Hilflosigkeit.

Nachdem er geweint hat, geht er ins Gotteshaus. Dort herrscht geschäftstüchtige Lebendigkeit. Man wechselt Geld für die Tempelsteuer, man kauft die besten Opfertiere. Man versucht, sich Gott von seiner besten Seite zu zeigen, aber man setzt sich Gottes Anspruch nicht mehr aus. Man rühmt sich seiner Frömmigkeit, aber man hört nicht mehr auf Gott. Jesus erinnert an die Bestimmung des Tempels: Mein Haus soll ein Bethaus sein!“ Die Menschen aber nutzen es, um sich in ihrer selbstzufriedenen Haltung bestätigen zu lassen. Für Jesus ist es eine Räuberhöhle geworden, wo man Kraft für neue Beutezüge unter seinen Mitmenschen holte. Er schiebt den scheinfrommen Handel beiseite. Er treibt die heuchlerische Geschäftigkeit aus. Er betet. Er versenkt sich in den Willen Gottes. Und er lehrt die Menschen. Er macht den Tempel zum Lehrhaus des Messias. Das erinnert an die prophetische Verheißung, dass von Jerusalem Weisung ausgehen werde, die die Völker letztlich zum Frieden mit Gott und untereinander führen wird.

Durch das Gebet und die Aufnahme alter Verheißungen stellt sich Jesus Gott zur Verfügung. Er kann die Gegner nicht mehr überzeugen, aber er kann immer noch ganz für Gott da sein. Er gliedert sich ein in Gottes Heilshandeln und überlässt es Gott, selbst aus seinem Sterben noch Leben zu schaffen.

Ohne das Gottvertrauen Jesu hätten wir keine Perspektive in der Welt. So aber vertrauen wir darauf, dass Gott auch aus dem ohnmächtigen Tun des Gerechten etwas machen kann. Die Hingabe an Gottes Willen ist nicht vergebens. Sie ist der Stoff, aus dem Gott Neues schafft und seinen Plan mit uns weiterführt. Gottes Willen: für den salvadorenischen Befreiungstheologen Jon Sobrino ist dies das „Prinzip Barmherzigkeit“. Er sieht es in Jesu Handeln aufleuchten. Es ist der Grund für Gottes Zuwendung zur Welt. Es wird auch uns und unserer Welt Zukunft schenken. Was wir im Einzelnen tun oder lassen, mag je nach unserer Situation und Person verschieden sein. Aber gemessen an Gottes Willen wird das Prinzip unseres Handelns das gleiche sein: Barmherzigkeit zu üben.

Heute ist der Israelsonntag. Jahrhunderte tiefer Feindschaft zwischen Christen und Juden liegen hinter uns. An ihrem Ende stand das Grauen der Judenvernichtung. Die Beziehung zwischen Juden und Christen schien an ihrem absoluten Tiefpunkt angelangt zu sein. In dieser Zeit sehen wir wunderbarer Weise ein neues Interesse füreinander wachsen. Das Gespräch zwischen Christen und Juden ist auf vielen Ebenen intensiv geworden. Ich denke an viele Begegnungen mit Pinchas Lapide und seiner Frau Ruth im Starnberger Gemeindehaus. Ich denke an das Lehrhaus, das zu den Evangelischen Kirchentagen dazugehört. Die Evangelische Kirche im Rheinland hat – wegweisend für andere Kirchen - folgende Ergänzung des Grundartikels ihrer Kirchenordnung vorgenommen: „Die Kirche bezeugt die Treue Gottes, der an der Erwählung seines Volkes Israel festhält. Mit Israel hofft sie auf einen neuen Himmel und eine neue Erde.“ Diese Hoffnung kann uns beflügeln, mitten in unserer Gesellschaft mit all ihren Problemen nicht zu resignieren, sondern sich Gott im Gebet zu öffnen und das Rechte zu tun. Gottes Barmherzigkeit leite uns dabei. Amen

Wolfgang Döbrich