Liebe Gemeinde,

Nach dem ursprünglichen Wortlaut hört sich diese Himmelfahrtsge­schichte noch etwas einfacher und verständli­cher an. Der Satz: „Er wurde in den Himmel emporgehoben“ steht in meinem griechischen Neuen Testament nur als Fußnote aus einer späte­ren Abschrift; ebenso die Bemerkung, daß sich die Jünger anbetend vor dem aufsteigenden Herrn niederwarfen. Hören wir also noch einmal den Originalbericht: „Er führte sie in die Nähe von Bethanien, und er erhob seine Hände und segnete sie. Es begab sich aber beim Segnen, daß er sich von ihnen entfernte. Und sie kehrten mit großer Freude nach Jerusalem zurück, und sie waren alle­zeit im Tempel und segneten Gott.“ - Der Blick der Jünger bleibt hier also auf der Erde - noch gerade hat er da gestanden, zu ihnen geredet: und nun:.. beim Segnen erfernte er sich von ihnen.“

Die Geschichte von Jesu Himmelfahrt ist also kein schwieriger Glaubensartikel, sondern an­schaulicher Ausdruck der beiden Grunderfahrun­gen des Menschen: Trennung und Segen.

Unser Leben besteht aus einer Summe von Trennungen: gewollten und ungewollten, verschuldeten und erzwungenen, heilsamen und tragischen. Leben heißt Abschiednehmen von Menschen, von Orten, von Zeiten, von überwun­denen Standpunkten und immer wieder auch von religiösen Anschauungen und Gottesbildern ­"wir haben hier keine bleibende Stadt".

Trennungen können Amputationen sein, von denen wir uns nicht ‑ oder nur sehr schwer ­erholen; sie können wirken gleich unerklärlichen Krankheiten, denen wir Namen geben wie Heim­weh, Kummer, Wehmut, Gram, Herzeleid ‑ alt­modische Begriffe, die Zustände bezeichnen, von denen man nicht gerne redet, die man um so tiefer empfindet.

Gleichzeitig sind Trennungen notwendig ‑ eine segensreiche Sache ‑, um mit dem Predigttext zu reden: „Beim Segnen entfernte er sich gleichzeitig von ihnen“.

Trennungen haben einerseits eine ordnende, klärende, bewahrende Funktion, auch wenn man das sehr oft erst hinterher entdeckt: "Eine Mauer um uns baue, Herr, die uns trenne vor der Macht des Bösen und der Angst", so heißt es in den Psalmen.

Zum anderen bedeutet Trennung: Ent‑Bindung, Ablösung, Unabhängigkeit, Selbständigkeit, Be­freiung von etwas, das uns nicht festhalten darf. Stillstand wäre Rückschritt, nur im Fort‑Schritt gelingt, zu bleiben oder besser: zu werden, der ich bin.

So eine segensreiche Trennung muß sich dort bei Bethanien abgespielt haben, als aus den unselb­ständigen und verängstigten Jüngern Apostel wurden.

„Es begab sich aber zu der Zeit, während er sie segnete, daß er sich von ihnen entfernte.“ - „Es begab sich aber zu der Zeit“ - Mit den selben Worten, mit denen der Evangelist Lukas seine Weihnachtsgeschichte eröffnet, beginnt er sein Himmelfahrtsevangelium, vom Segen der Trennung. Eine der besten Predigten zu diesem Thema hat meines Erachtens Hermann Hesse mit seinem Gedicht"Stufen" gehalten:

Wie jede BlĂĽte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blĂĽht jede Lebensstufe,
BlĂĽht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muĂź das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschĂĽtzt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf' um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen;
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegensenden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden ...
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde.

Auch die Grabinschrift von Hermann Hesses Vater auf dem Korntaler Friedhof deutet schon diesen Segen des Abschieds mit einem Psalmwort an: „Unsere Seele ist wie ein Vogel, die Netze der Jäger sind zerissen und wir sind frei.“

Solch ein gesund machender Abschied muß es gewesen sein, dort, in der Nähe von Betha­nien. Ein Abschied ohne Traurigkeit. Kein Wort von Abschiedstränen, im Gegenteil: „Und die Jünger kehrten zurück mit großer Freude und seg­neten Gott.“ Plötzlich können sie also dasselbe tun wie ihr Herr. Segnen, preisen, schön und gut vom andern reden, sich mit ihm identifizieren und allein die guten Seiten des andern sehen, das alles bedeutet das griechische Wort „segnen“.

Der Kirchenvater Augustin fragt an dieser Stelle: „Wie kann aus Trennung solche Freude wach­sen?“ ‑ und er antwortet: „Du siehst, Gott hat sich nicht hinter den Wolken versteckt, sondern seine ganze Kraft und Herrlichkeit hat in den Herzen seiner Freunde den Himmel eingerichtet; das ist der Abschiedssegen Jesu: Gott entzieht sich der frommen Betrachtung seiner Jünger und beginnt in ihnen zu atmen.“

Ähnlich beschreibt Albert Schweitzer die soge­nannte Himmelfahrt Christi: "Hier verabschiedet sich der Rabbi Jesus als religiöser Lehrmeister in seinem kleinen privaten Freundeskreis, und er offenbart sich gleichzeitig als menschlicher Lebensmeister in allen Kindern dieser Welt."

Das heiĂźt fĂĽr mich Himmelfahrt.

Was bedeutet dies alles für uns? Was haben wir konkret von dem segensreichen Ab­schied Jesu in der Nähe von Bethanien? Kann diese alte Geschichte unser heutiges Leben zum Besseren verändern?‑‑alles andere wäre doch nur von historischem Interesse. Was nützt die Über­lieferung von der segensreichen göttlichen Macht­ergreifung der Menschenherzen z.B. den 3 Kindern und dem liebenden Ehemann von der Kirchenvorsteherin, die ich gesteren 48‑jährig zu beerdigen hatte, was hilft's diesem Mann, was halfs dieser Frau, in ihren letzten Tages des Abschiednehmens im Krankenhaus?

Was nützt die segensreiche Verbindung mit dem erhöhten Herrn all denen, deren innige menschliche Beziehungen tragisch zerbrochen sind, oder denen, die nie etwas der­artiges erleben durften?

Machen wir uns nichts vor, so viel wird sich so schnell nicht ändern. Das Leben ist und bleibt ein dauerndes Abschiednehmen. Und wir Christen würden uns selbst belügen, wollten wir behaupten, wir könnten leichter Abschied nehmen voneinan­der, von uns selbst, und Trennungen besser über­winden als andere Weltkinder. Ich kenne kaum diesbezügliche Beispiele. Und wenn in besonders frommen Kreisen das bittere Abschiednehmen am Grabe als Halleluja‑Festival überspielt wird, finde ich das besonders peinlich und komisch.

Ich kann nicht sagen, was der göttliche Ab­schiedssegen heute konkret für seine hinter­bliebenen Jüngerinnen und Jünger bedeutet. Ich stelle nur hilflos fest, daß wahrlich nicht jeder Abschied eine segensreiche Angelegenheit ist. Es wird meines Erachtens viel zu viel darüber ge­predigt, was das alles für uns heute bedeuten "müßte", "sollte" und "könnte",‑‑als wären wir Pfarrer die Experten für alle Glaubens‑ und Lebensfragen.

Besser und hilfreicher als alle Appelle und Emp­fehlungen, die man aus dem Himmelfahrts­evangelium abzuleiten versucht, erscheint mir die Beschreibung unserer Situation zwischen Himmel­fahrt und Pfingsten in dem Gedicht „Besinnung“ wiederum von Hermann Hesse:

Göttlich ist und ewig der Geist -
ihm entgegen, dessen Bild und Werkzeug wir sind
geht unser Weg;
unsere innerste Sehnsucht ist: Werden wie Er,
wandeln in seinem Licht ...
So zwischen Mutter und Vater
so zwischen Leib und Geist
zögert der Schöpfung gebrechliches Kind,
zitternde Seele Mensch,
des Leidens fähig wie kein anderes Wesen,
fähig des Höchsten: gläubiger, hoffender Liebe.
Schwer ist sein Weg,
SĂĽnde und Tod seine Speise
oft verirrt er ins Finstere,
oft wär ihm besser nicht geschaffen zu sein.
Ewig aber strahlt ĂĽber ihm seine Sendung,
seine Bestimmung: das Licht, der Geist.
Und wir fĂĽhlen:
uns, den Gefährdeten,
liebt der Ewige mit besonderer Liebe
darum ist uns irrenden BrĂĽdern
Liebe möglich in aller Entzweiung
und nicht Richten und HaĂź
sondern geduldige Liebe
liebendes Dulden
führt uns dem heiligen Ziele näher."

Wie gesagt, ich kann es nicht sagen, was jener denkwürdige göttliche Abschiedssegen heute kon­kret im Einzelfall bedeutet. Aber ich verlasse mich darauf, daß Gott trotz allem Unerklärli­chen nicht aus unserer Welt verschwunden ist. Seit Himmelfahrt ist und bleibt er ganz da. Er ist nicht mehr das unerreichbare und unvorstellbare Gegenüber, sondern er ist und bleibt die Liebe in unserem Herzen. Er ist das Herz aller Dinge. Sein Segen ist gerade da ganz da, wo in dieser Welt gelitten, gestorben und gezweifelt wird. Darum verlasse ich mich darauf, daß die himmlische Weltmacht der Liebe, in die sich der Rabbi Jesus entfernt, auch und gerade heute den Mikroben der mensch­lichen Dummheit, Angst, Schuld und Traurigkeit gewachsen ist.

FĂĽr mich ist das das Evangelium von Himmelfahrt. Amen.

 

Predigttext:
Pfr. Köppen , Christi Himmelfahrt 24. Mai 2001

Thema: Vom Segen des Abschieds

 

Evangelisch - Lutherische Kirchengemeinde Berg
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