Evangelisch - Lutherische Kirchengemeinde Berg
Gemeindezentrum - Fischackerweg 10 - Katharina von Bora-Haus

 

Predigttext:
Prof. Dr. Klaus-Peter Jörns,
3. Sonntag 02.07.2006
Pfarrkirche Aufkirchen ,Berg

Thema: „Bruno – eine tierische und menschliche Tragödie
            
Gen. 1,24-30, 9,1-7; Mk 1,12f.

 

Liebe Gemeinde,

seit der vergangenen Woche steht der Name „Bruno“ für eine tierische und zugleich menschliche Tragödie, die sich in Bayern abgespielt hat. Der erste Braunbär, der sich nach 170 Jahren wieder auf deutsches Gebiet gewagt hatte, wurde als jemand eingestuft, der sich nicht artgemäß verhalten hat, und deshalb als Gefahr für die Menschheit abgeschossen. Daß viele darin eine Tragödie sehen, und zwar ganz und gar nicht aus Gründen einer verrückten Tierromantik, kann ich verstehen. Wollen wir die Ursachen und Hintergründe und unsere eigenen Gedanken klären, müssen wir uns zuerst unsere biblischen Überlieferungen anschauen. Denn sie haben unser Denken in vielen Lebensbereichen tiefer geprägt, als uns heute lieb ist. Deshalb haben wir manche kulturellen Erbschaften der Bibel inzwischen verabschiedet – allen voran jene, die die menschliche, gesellschaftliche und kirchliche Stellung der Frauen betrifft. Die Einstellung gegenüber den Tieren haben wir in der Praxis nur unwesentlich geändert, obwohl der Tierschutz, Gott dem Schöpfer sei Dank, inzwischen im Grundgesetz verankert worden ist. Tiere dürfen nun nicht mehr einfach als Sachen behandelt werden.

Der erste biblische Text, der zum Thema wichtig ist, steht in der ersten Schöpfungsgeschichte am Anfang der Bibel.

[Textverlesung: Gen 1,24-30]

Diese auf 6 Tage verteilte Schöpfungserzählung ist nicht im Paradies geschrieben worden. Selbst die Bild-Zeitung war ausnahmsweise einmal nicht dabei. Der Blick, den die Kapitel 1 und 2 des 1. Buches Mose in die Zeit vor der Vertreibung aus dem Paradies lenken, spiegelt Vorstellungen, die jüdische Theologen von einem paradiesischen Leben hatten, als sie den Tenach, ihre Bibel, geschrieben haben. Heute würde man sagen: Die erste Schöpfungsgeschichte entwirft Bilder von einem Leben unter idealen Bedingungen und in idealen Ordnungen. [Das literarische Material dafür haben die Juden sehr viel älteren mesopotamischen Schöpfungserzählungen entnommen und dann theologisch bearbeitet.] Für uns heute wichtig ist: Die Landtiere werden am selben Schöpfungstag geschaffen wie die Menschen, werden also mit ihnen in besonderer Weise zusammengesehen: Sie leben auf derselben Ebene und begegnen sich dort. Anders ausgedrückt: Sie müssen sich diese Erde auch teilen. Der Mensch erhält allerdings den Auftrag, über die Tiere zu herrschen. Wichtig ist aber ein Zweites (V.29f.) Gott sagt zu den Menschen: „Siehe, ich gebe euch alles Kraut, das Samen trägt, auf der ganzen Erde, und alle Bäume, an denen samenhaltige Früchte sind; das soll eure Speise sein. Alle Tieren aber … gebe ich alles Gras und Kraut zur Nahrung.“) Beide also, Menschen und Landtiere, sollen vegetarisch leben. Und das bedeutet: Die Herrschaft über die Tiere gestattet den Menschen nicht den Übergriff auf das Leben der Tiere. Beide sollen sich von Pflanzen ernähren. Nimmt man 1. Mose 2,15 hinzu, wo gesagt wird, der Mensch solle den Garten Eden, in den er gesetzt worden ist, „pflegen und bewahren“, dann schließt der Herrschaftsauftrag den Tierschutz als Schutz ihrer Schöpfungswürde in jeder Hinsicht ein.

Die nachparadiesische Realität, unsere also, sieht anders aus. Sie sah schon anders aus, als die jüdische Bibel, unser Altes Testament, geschrieben wurde. Die Lebens- und vor allem Ernährungsgewohnheiten waren im wesentlichen wie heute. Neben vegetarisch lebenden Tieren gab und gibt es Hierarchien von Tieren, die sich gegenseitig fressen. Und seit der Mensch das Jagen gelernt hat, ernährt auch er sich zum Teil von Tierfleisch. Begleitet wurde die Praxis, Tiere zu jagen, in früher Zeit von Tieropferkulten, in denen Gott als dem Herrn des Lebens – oder auch einer Göttin – etwas von der Jagdbeute zurückgegeben wurde. Bei diesen Riten wurde aber auch das schlechte Gewissen beruhigt, das die Menschen in der Frühzeit noch hatten, weil sie ihre Mitgeschöpfe getötet haben, denen sie noch Auge in Auge gegenüberstanden. Schließlich nutzte man, auch in Israel, Tiere und besonders Tierblut, um Opferhandlungen zu vollziehen, durch die die Menschen von ihren Sünden entsühnt werden sollten. Auch der Islam begründet seine immer noch praktizierten Tieropfer mit den alten biblischen Opfergeboten.

Schlüsseltext für die neue Lebensordnung ist 1. Mose 9,1-7, ein Text, der die Ordnung für die Zeit nach der Sintflut festschreibt:

Textverlesung: Gen 9,1-7.

Nun steht der Mensch weit über dem Tier, ja, er soll ein Regiment des Schreckens und der Angst ausüben. Nicht nur die Schlange, sondern alle Tiere sind zu Feinden der Menschen geworden. Militärische Sprache, die an die Situation nach einer erfolgreichen Invasion erinnert, wird benützt, wenn Gott Jahwe nun zu Noah sagt: „In eure Hand sind sie gegeben.“ Das Leben der Tiere wird nicht mehr geschützt und geschont, denn: „Alles, was sich regt und lebt, das sei eure Speise.“ Weil das Gedächtnis aber noch die erste Schöpfungsordnung in Erinnerung hat, wird hinzugefügt: „… wie das Kraut, das grüne, gebe ich euch alles.“ Nun ist es aus mit einem bewahrenden und tierschützenden Zusammenleben von Menschen und Tieren. Nun darf der Mensch sich mit göttlicher Erlaubnis bedienen, wo und wie es ihm gefällt, sich buchstäblich alles einverleiben. Tiere wurden zu Geschöpfen zweiter Klasse und dritter Klasse, denn einige durften nicht einmal gegessen werden, weil sie als unrein galten. Die christliche Johannesoffenbarung geht dann noch einen Schritt weiter und entwirft eine „schöne neue Welt“, in der es Tiere – außer dem Kulttier Lamm, das Christus repräsentiert – gar nicht mehr gibt. Die Vielfalt der Schöpfung und die Schönheit und Fremdheit manchen Lebens wird widerrufen. Davon, daß Gott einst alle seine Geschöpfe angesehen und ausnahmslos gefunden hatte, „daß es gut war“, was er sah, ist wenig übriggeblieben. Der Mensch versteht sich nun als Gottes Ebenbild und als erwählt vor allen anderen Geschöpfen. Der Rest ist Nahrung, Arbeitstier. Und selbst beim Opfer müssen die Tiere für die Sünden der Menschen herhalten. So fest saß dieses Muster, daß auch Jesus nach seinem Tod als Passalamm kultisch in dieses Muster eingefügt worden ist.

Die jüdische und die christliche Theologie haben also dem Opferkult, der die Tiere, real oder als Metapher, brauchte, und dem geänderten Speiseplan der zivilisierten Menschheit endgültig den Segen erteilt. Auch die 560 Millionen Tiere, die im Jahr bei uns geschlachtet werden, Fische nicht inbegriffen, scheinen also mit abgesegnet. Die bei Tierversuchen und der Herstellung von Kosmetika verbrauchten weiteren zigmillionen Tiere natürlich auch. Segen ist nun, was nützt. Ein einziger Theologe hat im vergangenen Jahrhundert den Mut gefunden, laut und leidenschaftlich dagegen zu reden: Albert Schweitzer. Er fand, der Umgang vor allem der Europäer mit Tieren offenbare „die geistige Krankheit unserer Zeit“. Ein hartes Wort. Er meinte, die Schöpfungswürde der Tiere werde mißachtet, ja, die Schöpfung Gottes werde dem grenzenlosen Eigennutz der Menschen unterworfen und also verletzt. Und darauf ruhe kein Segen.

Und Jesus? Wie sieht es bei ihm aus? Das Gleichnis vom verlorenen Schaf bzw. vom Guten Hirten zeigt ihn selbst als jemanden, der nicht nur menschliches, sondern auch tierisches Leiden ernstnimmt. So ernst, daß er zugunsten des in Gefahr geratenen Tieres losgeht und es heimträgt. Die Bilder vom guten Hirten sind nicht nur Metapher für den Erlöser, der die menschlichen Sünder rettet. Nein, zuerst einmal und in der Bildebene sprechen sie von einem anderen Umgang mit Tieren, der ihre Mißachtung rückgängig macht, ihre Würde wieder herstellt und vor allem ihre Leiden ernstnimmt. Der gute Hirte ist derjenige, heißt es dann bei Johannes sogar, der sein Leben für die Schafe läßt (Johannes 10,11). Der also sein Leben nicht unendlich höher stellt als das Leben der Tiere, sondern sich selbst einsetzt, wenn es die Hilfe für leidende Tiere verlangt.

Ganz am Anfang des Markusevangeliums wird in zwei Zeilen von der Versuchung Jesu erzählt. Diese Szene sollten wir uns merken.

Ich lese den Text vor: Mk 1,12f.

Es ist ein hochbedeutender Kurzbericht. Der Geist Gottes treibt Jesus in die Wüste, damit er dort gestählt wird im Kampf mit den gottfeindlichen, und das heißt: lebensfeindlichen Kräften, die wir kennen und für die der Name diavolos, verdeutscht: Teufel, übersetzt: Widersacher, steht. Hochbedeutend ist der kleine Text, weil hier auch die lebensdienlichen Kräfte genannt werden, die ihm den 40-tägigen Kampf bestehen helfen. Es heißt da: „Und er war mit den Tieren, und die Engel dienten ihm.“ (V. 13) Mit anderen Worten: Die Gesellschaft der Tiere und der Engel, in denen Gottes Gegenwart abgebildet wird, gibt ihm die Kraft, die er braucht. [Die Erzählung hat viel Ähnlichkeit mit ihren griechischen Vorbildern, die erzählen, daß die Heilkräfte der Natur von dem halb menschlichen, halb tierischen Zentauern Chiron entdeckt und von seinem Meisterschüler Asklepios therapeutisch genutzt worden sind.] Kurz gefaßt: Wo Gott und Menschen und Tiere wirklich miteinander leben und von einander Lebenskräfte lernen, entsteht Heilsames. Aber das verlangt heute, daß die unterschiedlichen Geschöpfe auch geschützte Lebensräume haben. Wo Tieren solche Lebensräume aus Eigennutz der Menschen verwehrt werden, entsteht nichts Heilsames. Also Unheil.

Bruno ist abgeschossen worden, weil er sich nicht artgerecht verhalten habe, heißt es. Hat er? Er hat wie ein junger, noch nicht richtig erzogener Bär gelebt und seine Kräfte ausprobiert, Tiere und Honig gesucht und gefressen – nach Bärenart. Und war nicht so menschenscheu, wie es im Lehrbuch steht, daß er sein müßte. Aber Wespen haben sich auch geändert und dem Menschen angepaßt, suchen beim Frühstück eher Wurst als Marmelade. Vor allem: Menschen angegriffen hatte Bruno nicht und nicht bedroht. Einmal hat er sich in ganzer Größe aufgerichtet und für Distanz zu den Bären-Touristen und seinen Jägern gesorgt.

Willkommen Bär! Hatte man gerufen, als nach 170 Jahren wieder einer zu uns kam. Schießt den Bären!, hieß es, als die Menschen nach wenigen Wochen merkten, daß sie nicht mehr mit Bären umgehen können – außer mit denen, die die Teddy-Industrie für unsere Kinderzimmer produziert und die die Milchindustrie auf Dosen druckt. Willkommen Bär!, hatte man gerufen und wohl erwartet, es sei ein Lamm im Bärenfell gekommen. Er sollte bärenstark und groß, echt wild sein. Aber sich seine Nahrung, bitte sehr, nicht aus dem menschlichen Lebensraum holen. Er hätte sie sich wohl auf dem Rücken aus Italien mitbringen sollen. Als der Bär sich wirklich als Bär, und das heißt, als Raubtier entpuppte, war der Bär bei uns los, bis er tot war. Und nun, ja, nun können und wollen ihn auch alle wieder haben – Willkommen, Bär, ausgestopft in unseren Museen. Der erste Bär in Bayern seit …, und so weiter. Zahlende Besucher willkommen!

Hätte die Schöpfungsgeschichte Bruno helfen können? Hätte man an sie gedacht, hätte Bruno als Geschöpf Gottes erkannt und vor sich und uns geschützt werden können. Und das hätte dazu helfen können, phantasievoller mit diesem wie aus einer anderen Welt kommenden Wesen umzugehen, statt ihn für abartig zu erklären. Man hätte ihn lehren können, was er wohl noch nicht gelernt hatte: den Menschen zu meiden. Und uns hätte die Schöpfungsgeschichte helfen können, mit Schrecken zu begreifen, daß wir keinen Platz mehr für Bären haben, wenn wir ihnen prinzipiell verbieten wollen, Tiere zu reißen. Wir hätten vielleicht fragen gelernt, ob wir das nachsintflutliche Zerrbild von der angeblich gottgewollten Schreckensherrschaft der Menschen über die Tiere wirklich gegen diesen Bären durchexerzieren müssen. Wir hätten etwas von unserer Zivilisation begreifen können: Daß wir vielleicht Weltmeister im Fußball werden können, aber nicht mehr in der Lage sind, mit einem Bären zu leben.

Bruno ist fortan Symbol dafür, wie fern und fremd uns längst die Natur und die Vielfalt der Schöpfung geworden sind. Bruno hat unsere Unfähigkeit, auf demselben Stück Erde mit Raubtieren zusammenzuleben, mit dem Leben bezahlt. Sollte wieder einer kommen, verlangt die Schöpfungswürde der Bären, daß wir ihn vor uns schützen.

Wer mag, kann dazu Amen sagen.