Evangelisch - Lutherische Kirchengemeinde Berg
Gemeindezentrum - Fischackerweg 10 - Katharina von Bora-Haus

 

Predigttext:
Pfarrer Dr. Pfister,
Sonntag Quasimodogeniti, 23.04.2006
Pfarrkirche Aufkirchen ,Berg

Thema: „Wie die neugeborenen Kinder
            
Kolosser 2,12-15

 

Liebe Gemeinde!

Wie hätten Sie es aufgenommen, wenn ich heute die Predigt nicht mit der gewohnten Anrede begonnen hätte „Liebe Gemeinde“, sondern mit „Liebe neugeborene Kinder“? Wahrscheinlich wäre es Ihnen schon irgendwie merkwürdig vorgekommen, obwohl der Name des heutigen Sonntags Quasimodogeniti („wie die neugeborenen Kinder“) es in der Tat  so meint. Er fasst mit diesem Wort zusammen, was Ostern für jede und jeden von uns ganz persönlich bedeutet.

Vermutlich haben die wenigsten von uns Ostern 2006 als ein solches einmalig starkes Ereignis erlebt. In der Gemeinde und in der Familie kann es durchaus ein beglückendes Fest mit vielen schönen Facetten gewesen sein, aber so total neu gegenüber allen früheren Festen war es wohl kaum.

Allerdings geht es nicht nur um ein bestimmtes Osterfest, das wir irgendwann feiern. Die Rede von der neuen Geburt bezieht sich nicht nur auf das Osterfest 2006 oder eines anderen Jahres in unserem Leben, sondern auf das Ereignis, das wir jedes Jahr an Ostern feiern.

Und das ist in der Tat umwälzend, Auferstehung, der Sieg des Lebens über den Tod, auch über unseren Tod. . Da ist  der Name  „Wie die Neugeborenen“ durchaus ein Ausrufezeichen, um im Rückblick auf Ostern eine deutlichere persönliche Perspektive zu gewinnen. Nicht mit Gewalt und auch nicht unbedingt sofort und auf Anhieb.

Die Ostergeschichten der Bibel zeigen es ja überdeutlich: Mit Ostern ist es ganz anders. Ostererfahrung, Osterglaube und Osterfreude kommen nicht auf einen Schlag. Dazu sind Menschen wie die Maria Magdalena, von der wir im Evangelium (Johannes 20,11-18) gehört haben, und andere, von denen die Bibel erzählt, viel zu sehr gefangen in ihrer Trauer, ihrer Depression und Hoffnungslosigkeit. Ein leeres Grab ist kein Beweis, stößt eher noch tiefer in Trauer und Verwirrung. Und auch eine Erscheinung des Auferstandenen überzeugt nicht schlagartig. Damit die umwälzende Ostererfahrung zündet, muss noch etwas Besonderes passieren. Bei Maria Magdalena im Osterkapitel des Johannesevangeliums ist es besonders eindrucksvoll: Maria aus Magdala, der die Trauer und die Hoffnungslosigkeit am Grab Jesu so sehr Augen und Ohren verschließen, dass sie gar nicht merkt, wer vor ihr steht und sie fragt: „Warum weinst du?“ Erst als der Fremde sie beim Namen ruft „Maria!“, da erkennt sie, dass er kein Fremder ist, sondern der Auferstandene. Der erklärt nichts, er ruft einfach ihren Namen. Und das ändert alles. Das durchdringt den Nebel und die Finsternis in ihr. Jetzt erkennt sie, dass  Jesus Christus über den Tod hinaus ihr Leben begleitet und erfüllt.

Bei Maria ist es also die Anrede mit ihrem Namen. Sie wird bei ihrem Namen gerufen. Das ist es, was ihr Leben verändert.

Manche unter uns werden hier unwillkürlich an die Taufe denken, wo jede und jeder von uns beim Namen  gerufen wurde. „So spricht der Herr: Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.“ Dieses Wort wird sehr oft bei einer Taufe gesagt.

Wie es bei Maria Magdalena Ostern wurde, als sie von dem Auferstandenen mit ihrem Namen angeredet wurde, so bei uns in der Taufe: Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.

Ostern und Taufe gehören zusammen. Denn  da können wir feststellen, dass das, was am Ostermorgen geschehen ist, uns alle persönlich betrifft und sich in unserem Leben auswirkt.

Ostern ist der Durchbruch von der Finsternis zum Licht, aus dem Dunkel des Grabes in das Licht des Ostermorgens, aus dem Tod zum Leben. Im Gottesdienst in der Osternacht wird da besonders deutlich (Beginn im absoluten Dunkel, Lichterfahrung durch die Osterkerze). Doch ebenso deutlich wird: Bevor das Licht durchbricht ist da die Dunkelheit, vor dem neuen Leben steht das Sterben. Nicht nur für Jesus, sondern auch für alle, die Anteil an seinem Sieg und Durchbruch bekommen durch die Taufe.

Dass Gott in unser Leben eingreift und uns am Ostergeschehen teilhaben lässt, zeigt sich sichtbar in der Taufe. Sie ist mehr als nur eine symbolische Reinwaschung. Im Neuen Testament, im Römerbrief des Apostels Paulus und im Kolosserbrief, den wir einem Schüler des Paulus verdanken, wird die Taufe als ein Mitsterben und Mitauferstehen mit Jesus Christus beschrieben.

In dem uns für heute vorgegebenen Predigttext aus dem zweiten Kapitel des Kolosserbriefs heißt es:

„Mit Christus seid ihr begraben worden durch die Taufe; mit ihm seid ihr auch auferstanden durch den Glauben aus der Kraft Gottes, der ihn auferweckt hat von den Toten.

Und er hat euch mit ihm lebendig gemacht, die ihr tot wart in den Sünden und in der Unbeschnittenheit eures Fleisches, und hat uns vergeben alle Sünden.

Er hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war, und hat ihn weggetan und an das Kreuz geheftet.

Er hat die Mächte und Gewalten ihrer Macht entkleidet und sie öffentlich zur Schau gestellt und hat einen Triumph aus ihnen gemacht in Christus.(Kolosser 2,12-15)

In dem Geschehen der Taufhandlung wird deutlich sichtbar, dass wir mit Christus sterben und auferstehen. Das Eintauchen in das Wasser der Taufe, in das die Täuflinge ja früher ganz eingetaucht wurden, ertränkt den alten Menschen in uns. Und das Herausziehen, das Herausgehobenwerden aus dem Wasser (ein Kind wird „aus der Taufe gehoben“) symbolisiert die Rettung, neu geschenktes Leben als Anteil am Leben des Auferstandenen. Frei kann nur der sein, der die dunklen Seiten annimmt, weder beschönigt noch verdrängt. Wer Anteil an Ostern hat, ist nicht mehr dem Dunkel verhaftet, aus dem er kommt.

Darum haben die ersten Christen die Täuflinge am liebsten am Ostermorgen getauft. Darum gehört zu jeder Osterfeier, auch wenn keine Taufe stattfindet, wenigstens das Taufgedächtnis, die Erinnerung an das Eingreifen Gottes in unser Leben.

So wollen wir es auch heute in diesem Gottesdienst halten (mit einer Tauferinnerung im Anschluss an die Predigt), denn wir werden dadurch alle an unsere eigene Taufe erinnert. Es ist ja schade, dass wir daran in der Regel ganz wenig oder gar keine Erinnerung haben, weil die meisten von uns als Babys getauft wurden. Denn da ist uns nicht von vornherein bewusst, wie Gott jeder und jedem von uns in der Taufe begegnet ist und jede und jeden persönlich mit dem eigenen Namen angeredet (vgl. Maria) hat: Du gehörst zu mir. Du bist nicht nur ein unbedeutendes und vergängliches Staubkörnchen im Weltall. Du hast Anteil am wahren, unvergänglichen Leben, an der Auferstehung. Du bist Gottes Kind und deshalb, weil Gott dich bei deinem Namen gerufen hat, einmalig und unverwechselbar. Und du bleibst es bis an dein Lebensende und auch über dieses Leben hinaus. Denn Gott ist der Gott des Lebens. Leben ist sein Geschenk, wie er an Ostern bestätigt hat, unzerstörbares Geschenk.

Die Taufe ist der gute Anfang, den Gott mit mir gemacht hat, tatsächlich eine neue Existenz, eine neue Geburt. Denn sie ist das Ereignis, das mein Leben ins österliche Licht Gottes stellt.

Ein Ereignis, das auf das ganze Leben ausstrahlen will. Es kommt jetzt darauf an, dass wir mit diesem guten Anfang Gutes anfangen.

In unserem Alltag, „mitten am Tage, mit unsrem lebendigen Haar, mit unserer atmenden Haut“, wie es in einem Ostergedicht von Marie Luise Kaschnitz heißt. Die neue Geburt ist kein überirdischer Wiedergeburtstrip, sie hebt nicht aus dem Alltag heraus, wo die Weckuhren nicht aufhören zu ticken und nur das Gewohnte um uns herum ist. Und dennoch hat etwas ganz Neues begonnen, das jenseits des Sagbaren liegt und das Marie Luise Kaschnitz mit zarten Andeutungen des auferstandenen Lebens umschreibt  „und dennoch leicht und unverwundbar…vorweggenommen in ein Haus aus Licht.

Mit diesem Ostergedicht will ich schließen;

Manchmal stehen wir auf
Stehen wir zur Auferstehung auf / mitten am Tage
Mit unserem lebendigen Haar / mit unserer atmenden Haut.
Nur das Gewohnte ist um uns
Keine Fata Morgana von Palmen / mit weidenden Löwen / und sanften Wölfen.
Die Weckuhren hören nicht auf  / zu ticken / ihre Leuchtzeiger löschen nicht aus.
Und dennoch leicht /
Und dennoch unverwundbar /
Geordnet in geheimnisvolle Ordnung /
Vorweggenommen in ein Haus aus Licht.

Amen