Predigttext:
Prof. Dr. Klaus-Peter Jörns,
Ostersonntag 16.04.2006
St. Johannes ,Berg

Thema: „Sündenvergebung
            
Joh. 20, 21-23

 

Johannes 20, 21-23 (Eingeleitet als eine der Ostererscheinungen des Auferstandenen inmitten des Jüngerkreises) „Da sprach Jesus … zu ihnen: Frieden sei mit euch. Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Und als er das gesagt hatte, blies er sie an und sprach zu ihnen: Nehmet hin den heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben.“

Liebe Gemeinde,

das christliche Passafest ist eine Erweiterung des jüdischen Pessach- oder Passahfestes. Es geht bei dem christlichen Fest, das wir zwischen Gründonnerstag und Ostern feiern, um den großen Bogen, in den sich menschliches Leben nach unserem Glauben spannt: Wir werden hineingeboren in das Leben, wir leben mit anderen in guten und bösen Tagen, wir begegnen Glück und Leiden, und irgendwann sterben wir – aber auf der Rückseite des Sterbens und Todes erwartet uns ein verwandeltes Leben, von dem wir nicht wissen, wie es sein wird, aber glauben können, daß es sein wird. So ist das Leben, sagt unser Glaube. Weniger ist nicht das ganze Leben, das auf uns wartet.

Diesen großen Lebensbogen füllen die Beschreibungen des Jesus-Weges in den Evangelien aus. Er wird geboren, wächst heran, lebt mit Familie und Freunden, und irgendwann macht er sich auf den Weg nach Jerusalem und verkündet die bedingungslose Liebe Gottes zu den Menschen. Dafür muß er leiden und wird hingerichtet – aber seine Jüngerinnen und Jünger erfahren, daß er mit ihnen lebt.

Eine andere Spur des Lebensweges finden wir in dem berühmten Gleichnis vom sogenannten „Verlorenen Sohn“ (Lukas 15, 11-32). Ich bin darauf gekommen, dieses Gleichnis Jesu heute, am Osterfest, anzusprechen, weil der Vater dieses Sohnes zwei ungeheure Sätze sagt. Als sein heruntergekommener Sohn den Weg zurück nach Hause gefunden hat, läßt er ein Fest für ihn feiern. Und weil es dafür eines Grundes bedarf, sagt er seiner Hausgemeinschaft: „Dieser, mein Sohn, war verloren, und ist wiedergefunden worden.“ Ja, mehr noch; er sagt: „Er war tot, und ist wieder lebendig geworden.“ Da ist Auferstehung geschehen. Denn der Vater hat den Lebensbogen des Sohnes, der schon abgeschlossen zu sein schien und über den die Moral der Welt bereits das Urteil „verloren“ gefällt hat, nicht als abgeschlossen angesehen, sondern als offen. Nicht, weil der Sohn nicht wirklich heruntergekommen gewesen wäre. Sondern einzig deshalb, weil der Vater seit dem Weggang des Sohnes auf ihn gewartet hatte. Weil er voller Liebe auf ihn gewartet hatte. Darum hat er ihn nicht verloren gegeben. Darum hat er nicht gesagt: Mit dem bin ich fertig. Oder: Darüber werde ich niemals hinwegkommen. Und darum hat dieser Vater, hinter dem Gottes bedingungslose Liebe hervorscheint, ihn moralisch nicht fertig gemacht, als der Sohn als Bettler nach Hause zurückgekommen ist. Er hat ihn geküßt, ihm ein Festgewand angelegt und ein Fest für ihn gefeiert. Liebe kann das Leben feiern, auch wenn sie verletzt worden ist. Das ist ihre größte Schönheit.

Denn diese Verletzungen gibt es ja. Sie brennen sich ein ins Herz und ins Gedächtnis, diese schmerzhaften Erfahrungen, die so sehr brennen. Das wissen wir alle. Wir sitzen im Grunde alle als gebrannte Kinder hier, auch wenn wir unsere Verletzungen nicht zeigen. Denn wir haben alle schon Erfahrungen gemacht, in denen wir verletzt worden sind. Durch eigene Fehler, aber auch durch Handlungen anderer. Wir sind zu Opfern geworden, mußten leiden. Gekränkt, verlassen, verlacht, von Krankheiten und Unfällen getroffen, vom eigenen Hochmut und der Selbstsucht verführt. Da waren wir, da sind wir Opfer. Aber wir haben Leiden auch anderen zugefügt. Haben andere verletzt, an Leib und Seele, gekränkt, verlassen, verlacht, oder gar nicht beachtet, als Luft behandelt. Haben gesagt: „Was geht das mich an?!“ Da waren wir durch Tun und Lassen Täter. Da sind wir Leidenmacher.

 

Das Leiden, das dabei geschieht, ist schlimm genug. Aber schlimm ist auch, daß Täter und Opfer da festhängen, wo sie Täter oder Opfer geworden sind – jedenfalls, wenn sie sich nicht gegenseitig losgeben. Denn das Opfer bleibt an den Täter gebunden. Kann ihn nicht vergessen. Verdrängen vielleicht. Aber dann erscheint, wer uns verletzt hat, im Traum mit anderer Gestalt wieder. Doch auch der Täter hängt am Opfer. Kann nicht vergessen, wie er diesen Menschen in der Seele oder am Leibe verletzt hat. Kann es verdrängen, ja, aber nicht loswerden - außer, das Opfer gibt ihn frei.

Nein, wir sind nicht so frei, wie wir manchmal meinen, daß der Mensch frei wäre. Wir haben doch Geschichte: Mitmenschen, andere Mitgeschöpfe. Keiner, keine von uns lebt als erster oder erste auf der Erde. Und keiner lebt sein Leben lang allein, ohne Berührungen mit anderen. Also auch nicht ohne Verletzungen erhalten und zugefügt zu haben – Menschen, Tieren, Pflanzen.

Und wir haben heilige Schriften, in denen Menschen davon sprechen, wie wir mit Schuld in unserem Leben umgehen können, mit eigener Schuld und der Schuld der anderen. Und wir haben eine Rechtsprechung mit langer Tradition. Es ist doch ein Segen, daß die Erfahrungen, die in der Geschichte gemacht worden sind, nicht verloren gehen, sondern weitergegeben werden. Gedächtnis gibt es doch nur, weil es gelebtes Leben und Erfahrungen gibt – einschließlich der Todeserfahrungen. Es ist ein Segen, daß wir Großeltern und Eltern haben, Lebenspartner, Freundinnen und Freunde, und uns mit ihnen über unsere Erfahrungen austauschen können. Kein Einzelner kennt das Leben - kennen wir doch das eigene zumeist nur schlecht. Vieles, was wir erlebt haben, können wir nur durch das Lesen und Hören anderer Lebenserzählungen verstehen, also, wenn wir es in einem neuen Licht sehen - und auch das ist doch ein Segen. Zum Glück.

Wer so frei wäre, daß er von den Erfahrungen anderer Menschen nichts wüßte, aber auch, daß er von seinen Opfern und seinen Tätern nichts wüßte und nichts von den Leiden, die in seiner Lebensgeschichte gelitten worden sind - der wäre beziehungslos, lebendig tot, ohne Mitgefühl. Das Leben ist eine Gemeinschaft von Tätern und Opfern, wobei jeder beides zugleich ist. Da haben Versuche, in allem gerecht zu sein und niemandem etwas schuldig zu bleiben, ja, ohne Schuld sein zu wollen, keinen Sinn. Leider haben manche Religionen versucht, den Menschen einzureden, sie sollten leben, ohne anderen etwas schuldig zu bleiben. Das hat ihnen ein knechtendes Joch auf die Schultern geladen, hat Unmögliches von ihnen gefordert. Nein. Zu fordern, wir sollten unser Leben lang ohne Schuld sein, niemandem etwas schuldig bleiben, machte das Leben selbst unmöglich. Nur eines hat Sinn: Diese Realität menschlichen Lebens anzuerkennen und zuzugeben, daß wir alle der Liebe bedürfen. Deshalb lautet der wunderbare Heilandsruf Jesu (Matthäus 11,28): „Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken.“

Denn lieben, sagt die deutsche Sprache, heißt: jemanden leiden können. In der Gesellschaft von Menschen, die einander immer wieder leiden machen, ob sie es wollen oder nicht, brauchen wir Menschen, die uns Leidenmacher leiden können. Denn jemand, der uns leiden kann, nur er mindert, ja, heilt auch unsere Leiden.

Von Gott kann man vieles sagen. Wichtig ist davon, was uns ins Herz trifft. Lebenswichtig ist, zu lernen, daß er uns leiden kann. Wenn irgend etwas an der Jesus-Geschichte uns einen Grund zur Freude gibt, dann dies, daß wir überall in ihr finden: daß Gott uns, die wir auf vielerlei weise am Leben und aneinander leiden, leiden kann, liebt. Er ist nicht der Leidenmacher, sondern der Leidenkönner. Deswegen ist Jesus in seiner Passion dem Leiden nicht ausgewichen. Er kann uns wirklich leiden.

Daß wir es glauben, dazu gibt es dieses Evangelium von der Liebe Gottes. Und es muß immer wieder erzählt werden, damit wir es in uns, in unser Lebensgedächtnis hineinnehmen. Zu allem Leiden, was wir erinnern, sollen wir hinzu erinnern, daß Gott uns, also die Opfer und die Täter, leiden kann. Durch das Hinzu-Erinnern der Liebe Gottes werden dann die Leidensgeschichten, die wir aus unserem Leben im Gedächtnis gespeichert haben, mehr und mehr in dieses andere Licht gestellt. Sie werden langsam aber sicher umgeschrieben. So zieht Vergebung auch in unser Denken ein.

Das Evangelium von Jesus Christus endet mit dem Auftrag, den der Auferstandene seinen Jüngern am Ostermorgen gibt: Sie sollen einander die Sünden vergeben. Sie sollen fortsetzen, was Jesus in Gottes Namen begonnen hat. Nur einen einzigen, nur diesen Auftrag gibt der Auferstandene den Menschen: Vergebt! Um Gottes Willen. Laßt euch los aus den Gefangenschaften der Schuld. Haltet euch nicht in der Vergangenheit des Schuldiggebliebenen fest. Gebt euch frei! Stiftet Frieden! Erinnert jeden Menschen, der euch verletzt hat, mit dem Zusatz: Von Gott geliebt auch er, auch sie. Und erinnert jeden Menschen, den ihr verletzt und vielleicht nie mehr wiedergesehen habt: Von Gott geliebt auch er, auch sie. Und wenn ihr noch einen Weg zu einem solchen Menschen offen habt, dann geht hin und bittet um Vergebung. Wo vergeben wird, vollzieht sich die Auferstehung des Lebens.

Vergebung ist keine Priestersache! Es ist ein Irrweg der Kirche gewesen, die Vergebung immer mehr an ein Amt zu binden. Durch das Vaterunser wissen wir: Vergebung ist Gottes Sache. Aber damit Gottes Sache „wie im Himmel, also auch auf Erden“ geschieht, werden die Jünger in der Osterszene beauftragt, Gesandte des vergebenden Gottes zu sein. Denn Vergebung ist auch Menschensache. Menschlichkeit entscheidet sich alltäglich daran, ob Vergebung geschieht oder nicht. „Vergib uns, Gott, unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“ Das ist ein Pakt fürs Leben. Im Gottesdienst können wir diesen Pakt des Vergebens einüben, werden es nachher in einem eigenen Ritus tun. Bewähren soll er sich, zu unserer Freude im Alltag. Gott sei Dank.

Klaus-Peter Jörns

 

 

 

 

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