Evangelisch - Lutherische Kirchengemeinde Berg
Gemeindezentrum - Fischackerweg 10 - Katharina von Bora-Haus

 

Liebe Gemeinde!

Die Umfragen und besonders die wirtschaftlichen Konjunkturbarometer zeigen für 2006 eine „aufgehellte Stimmung“ an, was sich auch in den Neujahrsbotschaften niederschlägt, die seit gestern in großer Zahl über die Bildschirme und durch die Zeitungen gehen.

Man muss das alles nicht überbewerten, darf es aber auch nicht schlecht machen. Optimismus ist auf jeden Fall positiv. Dietrich Bonhoeffer, dessen Geburtstag sich in einigen Wochen zum 100. Mal jährt, hat gesagt: Optimismus ist eine Kraft der Hoffnung.

Insgesamt jedoch schätze ich, dass kaum jemand von uns hier am Beginn des Jahres 2006 den Eindruck hat, wir stünden heute wie die Israeliten damals vor dem Einzug ins gelobte Land, vor der Erfüllung aller Wünsche.

Sicher, das alte Jahr hat vieles gebracht, was uns auch für das neue Hoffnung schöpfen lässt. Jede und jeder von Ihnen wird da einiges zu nennen haben: Gute Erfahrungen im persönlichen Bereich, für manche Erfolg im Beruf. Selbst im großen Weltgeschehen hat es einige Verbesserungen gegeben.

Für alles dies und manches andere können und sollen wir wirklich Dank sagen. Der Jahreswechsel ist ein guter Zeitpunkt, um sich daran zu erinnern.

Aber daneben es gibt unter uns auch manche Schatten im Rückblick auf dieses Jahr: Gesundheitliche und berufliche Rückschläge, Todesfälle, zerbrochene Partnerschaften, Ehen und Familien, wirtschaftliche Zukunftsaussichten, die nicht eindeutig sind. Der gewisse Optimismus ist nicht Aufbruchstimmung ins gelobte Land, sondern eher ein nüchterner, abwägender und durchaus gedämpfter Optimismus, dass die Talsohle durchschritten ist. Im Blick auf den Frieden in der Welt ist der Optimismus eher noch gedämpfter.

Freilich, triumphierende Aufbruchstimmung und Siegesgewissheit ist auch damals nicht bei den Israeliten und ihrem Anführer Josua festzustellen, die sich anschicken, die Grenze zu überschreiten und den Jordan zu durchqueren. Da spüren wir eher Ratlosigkeit, Angst und Niedergeschlagenheit, denn ungewohnte, kaum lösbare Aufgaben stehen ihnen bevor. Für die Nomaden aus der Wüste ist schon der reißende Fluss Jordan ein gewaltiges Problem, der damals noch viel mehr Wasser führte als heute, wo ihm mehrere Staaten fast das ganze Wasser abzapfen. Erst recht ist es fast aussichtslos, dieses Land einnehmen zu wollen, das von den kulturell und militärisch weit überlegenen Kanaanäern bewohnt wird. Und vor allem bedrückt eine Tatsache: Mose ist gestorben. Der Mann, der das Volk so lange geführt hat, ist nicht mehr. Mit ihm sind die Hoffnungen vieler dahingeschwunden. Aber nicht nur das. Mit diesem Satz ist noch mehr gesagt, nämlich: Das Entscheidende, das Gott an seinem Volk Israel getan hat, das liegt jetzt in der Vergangenheit. Das, was galt, an festen Ordnungen im Glauben und in der Glaubensgemeinschaft, das ist schon fast vergessen, droht ganz der Vergessenheit anheim zu fallen, ähnlich wie bei den Christen 2000 Jahre nach Christus. Eine ungewisse Zeit des Umbruchs, wo sich vieles auflöst oder verändert, ist angebrochen. Dass das alles Unsicherheit hervorruft, Angst vor der unbekannten, unsicheren und gefährlichen Zukunft, können wir heute in unserer geschichtlichen und kirchlichen Lage besser verstehen als frühere Generationen.

Aber vielleicht möchten die Bibelkenner unter uns trotzdem Einspruch erheben und sagen: Das dürfte es eigentlich doch nicht geben, dass dieses Volk so bange ist. Es hat doch die Verheißung Gottes, die Zusage: Ich selbst habe euch dieses Land zugesprochen, ich gehe euch voran, ihr braucht mir nur nachzugehen. Wie kleingläubig, wie kurzsichtig sind doch diese Israeliten.

Ich meine schon, dass man das sagen kann, möchte aber dann zurückfragen (nicht nur die Bibelkenner, sondern uns alle): Gilt das nicht in viel stärkerem Maße von uns heute: Wie kurzsichtig, wie ängstlich, wie kleingläubig! Wir haben doch nicht nur eine Verheißung auf Landbesitz, sondern wir haben diese Zusage, dass Gott uns nahe ist und führt, in Fleisch und Blut, in einer lebendigen Person. In der Person jenes anderen Jehoschua, den wir meist in der griechischen Form seines Namens Jesus nennen. Wir haben seine Geburt an Weihnachten gefeiert. An diese Zusage möchte uns Christen heute die Anrede Gottes an Josua erinnern. Gerade dann, wenn wir besorgt über die Schwelle des Jahres blicken, gilt der Zuspruch, der hier gleich dreimal zu Josua gesagt wird: Sei getrost und unverzagt. Es ist Gott selbst, der uns in unserem Leben und auch im neuen Jahr neue Chancen und Möglichkeiten schenkt, der uns nicht nur den Weg zeigt, sondern uns auf diesem Weg begleitet und führt, so dass wir ihm nur nachzugehen brauchen, getrost und unverzagt, mit starkem und festem Vertrauen. So wie er 2000 Jahre lang die Christenheit trotz ihres nicht gerade kleinen Sündenregisters geleitet und erhalten hat.

Dass es nach 2000 Jahren noch Christen und christliche Kirchen gibt, ist für mich vor allem ein Zeichen der Gnade und Zuwendung Gottes.

Darauf käme es also an, an diesem Übergang von einem Jahr zum andern, bei unserem Aufbruch ins neue Jahr: Dass wir getrost und unverzagt bleiben, weil Gott unverbrüchlich treu zu uns hält und uns den Weg zeigt. „Getrost und unverzagt“ scheint mir sachgemäßer als die modernere Übersetzung „mutig und stark“, weil es vor allem um unser Vertrauen geht, dass Gott bei uns bleibt und uns nicht verlässt. Es geht gar nicht so sehr um spektakuläre Heldentaten, eher um eine ruhige Gelassenheit, die aus der Kraft des Vertrauens schöpft. Wir kennen den Weg nicht, ja es gibt keinen vorgezeichneten Weg. Aber der Weg, den wir gehen, ist ein Weg, auf dem wir Begleitung erfahren. Wir dürfen darauf vertrauen, dass Gott selbst mitgeht. Es liegt eine ungeheure Kraft in der Zusage: Ich lass dich nicht fallen und verlasse dich nicht (Jahreslosung 2006)!

Aber wir können dies, unseren Weg vertrauensvoll gehen, wahrscheinlich gar nicht ohne doch gleichzeitig immer wieder zu fragen: Wie sieht denn dieser Weg aus, wie erkenne ich, wo mein Weg, wo unser Weg geht?

Auch auf diese Frage bleiben wir nicht ganz ohne Antwort. Uns wird wie Josua gesagt: Halte dich an den Willen Gottes, an seine Weisung, die manchmal einzelnen Menschen oder Gruppen ganz unmittelbar deutlich wird, vor allem aber aus der Bibel. Das ist das Großartige an der Bibel, dass uns in der Begegnung mit den Jahrtausende alten Worten unser Weg heute und morgen klar werden kann, wenn wir uns nur Zeit nehmen und darauf einlassen, betrachten, meditieren Wenn wir uns selbst ins Gespräch begeben mit der Bibel, in kleinen Häppchen wie die täglichen Losungen oder in intensiveren Bemühungen allein oder in der Gemeinde. Viele Möglichkeiten wären hier zu nennen, z.B. die ökumenischen Exerzitien und Bibelseminare. Aber ich will jetzt keine Vorschau auf das Jahresprogramm geben, sondern nur einladen, im Vertrauen zu hören, zu fragen und Schritte zu wagen. Dann werden wir die Erfahrung machen, die viele immer wieder machen: Gott ist mit dir bei allem, was du tun wirst.

Das darf der feste Grund unserer Hoffnung heute und morgen sein. Wir haben nichts als die Zusage Gottes und die Kraft, die in ihr steckt. Wir brauchen aber auch nichts anderes.

Diese ruhige Gelassenheit spricht aus Dietrich Bonhoeffers Neujahrslied „Von guten Mächten wunderbar geborgen“, das wir heute gleich als Predigtlied singen. Einen besonderen Ausdruck findet sie in der ebenfalls im Gefängnis aufgeschriebenen Notiz „Einige Glaubenssätze über das Walten Gottes in der Geschichte“:

„Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen. Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen, aber er gibt sie nicht im voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.“

Amen.

 

Predigttext:
Pfarrer Dr. Pfister,
Sonntag, 01.01.2006 - Neujahrstag
Katharina von Bora-Haus ,Berg

Thema: „Jahreslosung 2006
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Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht  Josua 1,5b
               Josua 1,1-9