Predigttext:
Pfarrer Johannes Zultner,
Christvesper 24.12. 2005 ,
Pfarrkirche Aufkirchen Berg 

Thema: „Ein Zeichen“  
             Jesaja 7, 10-14

 

Evangelisch - Lutherische Kirchengemeinde Berg
Gemeindezentrum - Fischackerweg 10 - Katharina von Bora-Haus

 

GEBET

In diesen Tagen, Gott, stellst du uns das Größte vor Augen:
Deine Liebe zu den Menschen.
Du gibst uns nicht verloren.
Du schenkst uns deinen Sohn als Heiland.
Was dir nicht gefällt, nimmst du von uns – Kälte, Selbsttäuschung und Oberflächlichkeit - und du öffnest durch Christus unsere Herzen für neues Wünschen, zu tieferer Klarheit und größerer Hoffnung. Mach uns bereit, ihn zu empfangen in dankbarer Verwunderung: Jesus, deinen Sohn, unsern Bruder und Herrn. Amen.

 

PREDIGTLIED  „Ich steh an deiner Krippen hier“

1. Ich steh an deiner Krippen hier,
o Jesu, du mein Leben;
ich komme, bring und schenke dir,
was du mir hast gegeben.
Nimm hin, es ist mein Geist und Sinn,
Herz, Seel und Mut, nimm alles hin
und laß dir's wohlgefallen.
2. Ich lag in tiefster Todesnacht,
du warest meine Sonne,
die Sonne, die mir zugebracht
Licht, Leben, Freud und Wonne.
O Sonne, die das werte Licht
des Glaubens in mir zugericht',
wie schön sind deine Strahlen!
3. Ich sehe dich mit Freuden an
und kann mich nicht satt sehen;
und weil ich nun nichts weiter kann,
bleib ich anbetend stehen.
O daß mein Sinn ein Abgrund wär
und meine Seel ein weites Meer,
daß ich dich möchte fassen!

 

PREDIGT

 

Müde stand Josef am Balken gelehnt und blies sich den warmen Atem durch die Hände. Es war kalt geworden an diesem Abend. Aber es war - endlich - auch ruhig geworden. Josef sog die kalte Luft in seine Lungen und schaute über die Schulter zu seinen Lieben. Das Neugeborene war endlich eingeschlafen. Das Kind war so überdreht von all dem Trubel, dass Maria Mühe hatte, es zur Ruhe zu bringen. Fast gleichzeitig mit dem Kind war auch Maria eingeschlafen, vor Erschöpfung. Die vielen Menschen mit ihren Geschenken und guten Wünschen …  Das war zuviel, das waren sie ja nicht gewohnt.

Auch Josef war müde, aber er konnte noch nicht schlafen. Zu vieles ging ihm durch den Kopf nach dem, was er in den letzten Stunden erlebt hatte. Unerwartetes, Unerhörtes war über ihn hereingebrochen und hatte sein ganzes Leben auf einen  Schlag verändert. Würde morgen wieder Alltag sein für ihn? Wieder alles wie vorher? Er wünschte es sich sehr, aber er wusste bereits, dass es keinen Alltag mehr geben würde.

Josef spürte die Müdigkeit in den Gliedern, schwer wie Blei, und gleichzeitig die Schwere seiner Gedanken. Wäre doch Gott müde gewesen und hätte sich all dies nicht ausgedacht, mit Maria und ihm. Wäre Gott doch müde gewesen, hätte er doch nur geschlafen und ihnen all dies erspart! Josef hatte seinen Alltag, den ganz normalen Gang der Dinge geliebt, auch wenn es manchmal nicht einfach war: Zimmermann in Nazareth, im grünen Galiläa, mit Maria an seiner Seite.

Nun stand er hier, mitten in der Nacht in Bethlehem, im rauhen judäischen Gebirge. In einem Stall. Und ihm, dem Zimmermann, war sofort aufgefallen, wie schlecht die Balken verfugt waren, so dass der Wind an jeder Ecke hereinpfiff.

„Das wäre mir nicht passiert“, dachte Josef. „Ich bin ein guter Zimmermann. Und jetzt will ich auch ein guter Ehemann und Vater sein. Aber dieser Trubel, all das, was noch kommen wird  - wie soll ich damit fertig werden ?

Josef gähnte, als er über die nicht eingetretene Müdigkeit Gottes nachdachte. „Müdigkeit Gottes“ - Josef gähnte noch einmal und wunderte sich über solche Gedanken. Da fiel im plötzlich eine Geschichte aus dem Buch des Propheten Jesaja ein, die er bereits als kleiner Junge im Thoraunterricht auswendig gelernt hatte. Gott spricht da mit Ahas, dem König von Juda, und Jesaja ist auch dabei. Josef überlegte, nach und nach erinnert er sich wieder an die Einzelheiten der Geschichte, die schon 700 Jahre alt ist:

Jesaja 7,10-14 Und der HERR redete abermals zu Ahas und sprach: [11] Fordere dir ein Zeichen vom HERRN, deinem Gott, es sei drunten in der Tiefe oder droben in der Höhe! [12] Aber Ahas sprach: Ich will's nicht fordern, damit ich den HERRN nicht versuche. [13] Da sprach Jesaja: Wohlan, so hört, ihr vom Hause David: Ist's euch zu wenig, dass ihr Menschen müde macht? Müsst ihr auch meinen Gott müde machen? [14] Darum wird euch der HERR selbst ein Zeichen geben: Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie nennen Immanuel.

Da hatte er ihn, den Gedanken vom müden Gott. Von Gott, der allen Grund hätte, müde zu sein und alles hinzuschmeißen, zu resignieren über dem, was die Menschen ständig tun, wie sie sind und bleiben. Menschen, die in ihrem Alltag gefangen sind und dort auch gefangen bleiben wollen, die sich nicht einmal aufraffen können, von Gott ein Hoffnungszeichen zu erbitten, das er ihnen geben will - wenn sie es nur wollen. Aber sie wollen es nicht. Sie bleiben lieber in ihrer Angst gefangen, vergraben in ihren Zwänge, verkrümmt in sich selbst. Stellvertretend für alle im damaligen Juda wird dies am König Ahas sichtbar, der sich lieber dem raubgierigsten Kriegsherren seiner Zeit ausliefert, statt auf das Angebot Gottes einzugehen und diesen um neue Hoffnung zu bitten.

Doch Gott hatte sich nicht ermüden lassen. Im Gegenteil: Er hatte ein großes Zeichen in Aussicht gestellt, ein Zeichen und Zeugnis seiner Lebendigkeit, seiner lebendigen Liebe: Ein Kind, das unter aussergewöhnlichen Umständen geboren werden sollte, ein Kind mit dem Namen Immanu-El – „Gott mit uns“. Jeder, der das Kind mit diesem Namen anredet, würde bekennen, dass Gott mit ihm sei, würde die Gottesnähe angenommen und seinen Alltag der Angst überwunden haben.

Mein Leben ist zwar sehr bescheiden, aber irgendwie immer gesichert gewesen, dachte Josef. Gott war schon immer „Gott mit uns“. Aber nun ist er da, sichtbar und so anders als erwartet, für all diejenigen, die ihn bisher nicht bei sich haben konnten, nicht bei sich haben wollten. Vielleicht wollten sie auch und konnten nicht.

Jeschua (Jesus) haben wir das Kind genannt – „Gott hilft“. Ja, das ist Immanu-El, denkt Josef: Ein „Gott mit uns“ ist ein „Gott, der hilft“.

Mein Alltag, mein einfacher, ruhiger Alltag hätte weitergehen können. Aber er wird sich ändern, ich muss es auf mich nehmen, damit auch der Alltag der Welt sich ändert, der Alltag der vielen, die aus ihrer Angst nicht heraus konnten, die in sich selbst verkrümmt bleiben, so wie damals der König Ahas und sein Volk, so wie heute viele oder alle, denen es aber damals wie heute trotzdem nicht gelingt, Gott müde zu machen.

„Aber du hast mich jetzt müde gemacht, Gott, durch all dies, was geschehen ist, was ich neu zu bedenken und ab morgen zu leben habe“. Josef musste gähnen und sein tiefes Gähnen ging in ein Schmunzeln über. Gott, du hast Humor: Mit mir, mit uns, mit diesem schlecht gezimmerten Stall willst du in die Weltgeschichte eingreifen. Und doch, so ist es: Hier ist hier das von dir versprochene Zeichen.

Josef spürte, wie er nun seiner Müdigkeit endlich nachgeben konnte. Nun da er wusste, dass Gott niemals schlafen würde, war ihm wohler zumute mit all dem unerhört Neuen. Der nächste Tag würde kommen und er würde das zukünftig ereignisreiche Leben genauso meistern, wie das ereignisarme Leben bisher. Dieses Zeichen war ihm genug und es würde ihm genug sein, bis ans Ende seiner Tage.

Liebe Weihnachtsgemeinde, die Zeichen Gottes begleiten - und, wenn wir es wollen, verändern auch unseren Alltag. Das eine, große Zeichen von Weihnachten, das Zeichen des Immanu-El in der Geburt des Kindes Jeschua, dessen Namen wir mit „Jesus“ aussprechen - dieses eine und einmalige Zeichen öffnet uns die Augen für die vielen Zeichen der Begleitung Gottes in unserem Leben.

Der Alltag, in den wir mit der Erfahrung von Weihnachten zurückkehren, kann ein anderer sein als bisher. Neue Gewichtungen und Perspektiven sind möglich, weil die Geburt des Immanue-El in einem Stall viele Gewichtungen verschoben hat: Im Kleinen will Gott mächtig und wirksam sein. Dies kann ich erkennen und erleben, wenn ich, von Bethlehem aus, die richtigen Fragen an mein Leben stelle:

Was sind die wichtigen Momente in meinem Leben, wann empfinde ich Glück, wann trägt mich der Glaube? Wann und wie komme ich vom Wissen zu der Gewissheit, dass ich zwar scheitern, aber nicht verlorengehen kann?. Es ist selten dann, wenn ich Großes leisten will. Es ist fast immer dann, wenn Alltägliches gelingt, wenn kleine Dinge aufkeimen, wenn eine besondere Möglichkeit aufblitzt.

Wie Josef möchte ich mich darum heute Abend an den Balken lehnen, in den Stall blicken und wissen, dass das Zeichen der lebendigen Liebe Gottes nun da ist und immer da bleibt: Gott ist niemals müde, er läßt sich auch durch mich, durch uns, durch unsere heutige Welt nicht ermüden. Weil Gott nicht müde wird, uns zu lieben, können wir am Ende eines jeden Alltages in Ruhe die Augen schliessen und uns der Müdigkeit überlassen, so wie Josef, der nun endlich auch eingeschlafen ist.

Amen.