Predigttext:
Kirchenrat Wolfgang Döbrich,
Heiligabend Christnacht , 24.12.2005
Allmannshausen

Thema: „Denn uns ist ein Kind geboren
            
Jes. 9,1-6

 

Evangelisch - Lutherische Kirchengemeinde Berg
Gemeindezentrum - Fischackerweg 10 - Katharina von Bora-Haus

 

Liebe Gemeinde,

wieder haben wir die wunderbare Weihnachtsgeschichte des Lukas gehört. Sie rührt seit bald 2000 Jahren Herzen und Sinne an. Bilder steigen in uns auf: die Hirten bei ihren Herden, der Engel und die Klarheit des Herrn, Maria, Josef und das Kind in der Krippe. Darstellungen aus allen Epochen der Kunst formen unsere eigenen Bildern mit. Können wir auch in Worte fassen, was wir sehen? Können wir das Geschehen benennen, das hinter Bildern und Liedern, hinter Kerzenlicht und Christbaum, hinter Stimmungen und Gefühlen sich für uns vollzieht?

Welche Worte mögen die Hirten gefunden haben – nach der Heiligen Nacht -, um ihre Verheißungen mit hinein zu nehmen in den Alltag, der auch sie wieder einholte? Irgendwie mussten sie ihre Begegnungen mit dem Heil, mit der Heilung festhalten und zum Ausdruck bringen. Ich stelle mir vor: während die Hirten nach Worten suchten um das zu beschreiben, was sie gehört und gesehen haben, mögen dem einen oder anderen Worte aus der Bibel eingefallen sein, wie sie um Gottesdienst im Tempel verlesen wurden. So heißt es beim Propheten Jesaja:

Jes. 9, 1-6

1Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.2Du weckst lauten Jubel, du machst groß die Freude. Vor dir wird man sich freuen, wie man sich freut in der Ernte, wie man fröhlich ist, wenn man Beute austeilt. 3Denn du hast ihr drückendes Joch, die Jochstange auf ihrer Schulter und den Stecken ihres Treibers zerbrochen wie am Tage Midians. 4Denn jeder Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt. 5Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst; 6auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, dass er's stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Solches wird tun der Eifer des HERRN Zebaoth.

Ohne Zweifel waren doch sie, die armen Hirten auf dem Feld, das Volk, das im Finstern wandelt. Ohne Zweifel waren sie diejenigen, die da wohnen im finsteren Lande. Stiefel, die mit Gedröhn daher gehen, Soldatenmäntel, in Blut geschleift – das waren ihre Erfahrungen mit der römischen Besatzungsmacht, so wie die der Zeitgenossen Jesajas mit den Assyrern.

Sind uns solche Erfahrungen heute am Heiligen Abend fern?

Wir müssten schon mit Scheuklappen durch unsere Zeit gehen um all das nicht zu sehen: das Joch des Terrors in den Spannungsgebieten im Nahen Osten, die Gräueltaten in den Gefangenenlagern, die Gewalt in den Großstädten der 3. Welt, die Zerstörungen durch Naturkatastrophen in vielen Ländern der Erde.

Wir müssten die Augen zuhalten um nicht die gedrückte Lage vieler Menschen in unserem Land wahrzunehmen, die Angst um ihren Arbeitsplatz haben oder die vergebens nach Arbeit suchen. Die Stecken des Treibers, die negativen Folgen der Globalisierung, spüren viele. Die Weihnachtsaktionen der Medien decken viel Armut, Krankheit und Not auf.

Wir müssten alle Sinne versperren, wollten wir nicht die Finsternis wahrnehmen, die die Seelen vieler Menschen umfängt: ihre Trauer über all das Leid, ihre Ohnmachtsgefühle, nicht helfen zu können, ihre Hoffnungslosigkeit, wenn sie in die Zukunft schauen, ihren Kummer über persönliche Erfahrungen.

Und doch hören wir heute Abend die Worte des Propheten. „Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht... denn du hast ihr drückendes Joch, die Jochstange auf ihren Schultern und den Stecken des Treibers zerbrochen.“ Wir hören weiter: „ Denn jeder Stiefel, der mit Gedröhn daher geht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt.“

Woher nimmt der Prophet diese Hoffnung? Zum dritten Mal sagt er nun „denn“. Es scheint mir fast das wichtigste Wort zu sein. Denn: das weist auf ein Geschehen hin, das unaufhaltsam in die Realität eintritt und alles verändert.

„Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben.“ Das mag zunächst ein bescheidenes Zeichen sein. Ein Kind ist geboren. Wie es tausendfach an jedem Tag geschieht. Doch bewirkt ein jedes Kind, so verletzbar, so klein es ist, große Veränderungen. Eine neue Seite im Buch des Lebens wird aufgeschlagen. Aus zwei Erwachsenen werden Mutter und Vater, deren Eltern werden mit einem Mal Oma und Opa, Geschwister werden Onkel und Tanten, ein Einzelkind wird zu einem Geschwisterchen. Etwas Neues beginnt unter allen, die dem Kind nahe stehen – und es hat noch gar nichts getan,  nur mit einem Schrei das Leben begrüßt.

Wenn alles gut geht, dann verändert das Kind nicht nur familiäre Strukturen, dann weckt es auch neue Lebensmacht. Jedes Kind braucht Zeit, braucht Aufmerksamkeit, braucht Zuwendung. Und die Menschen, die nahe stehen, entdecken, dass sie das geben können, so arm und verletzlich sie selber sind. Jeder und jede kann Liebe schenken, auch wenn es einem persönlich noch so schlecht geht. Jeder und jede kann an sich selber spüren, dass die elementaren Kräfte des Lebens in den Finsternissen der Welt noch nicht erstorben sind. Sie beginnen neu zu erstarken angesichts des verletzbaren Lebens, das da hilfe- und schutzsuchend erschienen ist. Deswegen ist jede Geburt ein Fest des Lebens, an dem neu in Erscheinung tritt, was jedem von uns mitgegeben ist an guten Kräften, an Liebe und guten Möglichkeiten der Zuwendung, der Aufmerksamkeit füreinander. Aus der Verletzbarkeit entsteht neues Leben.

Mir wird deutlich, warum Bischof Gómez in El Salvador in seiner Weihnachtsbotschaft so betont hat: „Todos los niños son vulnerables – alle Kinder sind verletzbar, schwach, sogar die Privilegierten sind verletzbar, die Welt braucht aber die Freude, die Hoffnung, den Blick des Vertrauens in den Augen der Eltern.“ Sie werden geweckt mit jedem kleinen Kind.

Und nun das große Wunder, betont durch das dritte „denn“ des Propheten: Gott selber wird so ein verletzbares Kind. Er entäußert sich, verlässt sein Reich, kommt zu uns. Und das hat Auswirkungen für die ganze Welt. Wie hören die Hirten auf dem Feld von Bethlehem: „Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird, denn – wieder das gewaltige „denn“ – denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr in der Stadt Davids.“

Die Weissagung des Propheten wird hier wieder aufgenommen: Christus, der Gesalbte, der König auf dem Thron Davids.“ Aber sie wird gleichzeitig überboten: Vom Heil ist die Rede, vom Heiland, der alles heil machen wird. Jesaja spricht vom „Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst“, der sein Reich stärkt und stützt durch Recht und Gerechtigkeit, so dass des Friedens kein Ende ist.

Das schafft der Mensch nicht, das ist allein Gottes Werk. An Weihnachten hat Gott damit begonnen. Anders allerdings als wir es uns gedacht haben; anders, weil er uns Menschen in sein Werk einbeziehen will. Der Theologe Traugott Koch drückt es in seinem schönen Buch: „Mit Gott leben“ so aus: „Das ist die Größe Gottes, die unfassliche, maßlose Größe Gottes: Gott gibt sich uns als ein hilfloses Kind – als ein kleines Kind in der Krippe. Und darin liegt die nicht endende, göttlich werbende Aufforderung an uns: unsere Hände wie Empfangende hinzuhalten und dieses Kind zu halten und auf die Arme zu nehmen. Höchste unendliche Ehre und letztgültige Anerkennung ist das, was uns da entgegen gebracht wird. Mit dem Kind in der Krippe wendet sich Gott voll Liebe, doch drängend und wie Schutz suchend an uns: Komm, nimm und halte das Kind; komm; nimm die Liebe auf. Dies Verlangen Gottes nach uns, diesen Ruf Gottes nach unserer Liebesfähigkeit, nach unserer  Menschlichkeit: werden wir das am Weihnachtsfest hören? Und wenn wir es nicht hören, ist der Pfarrer, oder die Kirche, oder die Gesellschaft schuld? Gott: ein hilfloses Kind, das darauf wartet, dass wir uns seiner annehmen.“

Liebe Schwestern und Brüder: wir brauchen offene Herzen, warm und lebendig, um diese Gabe Gottes zu empfangen. Wir müssen uns weit öffnen, dass der Ruf der Liebe Gottes Widerhall findet in unserer Seele.

Dann aber werden wir beginnen, die Welt im Licht der Liebe Gottes zu sehen. Und eine Welt, die von Gott geliebt ist, ist anders: sie hat eine Würde, die sie nicht mehr verlieren kann. Sie hat einen Frieden, den man nicht mit Gewehren erschießen kann. Sie hat ein Vertrauen, das den Hass überdauert. Sie hat eine Hoffnung, die die Angst nimmt. Sie hat eine Zuversicht, die das Leben wieder lebenswert macht.

Wir beginnen nicht nur die Abgründe der Ohnmacht zu sehen, die uns doch so sehr lähmen. Wir erkennen die Möglichkeiten, die in unserem Leben stecken. Jeder und jede von uns hat Gaben, die wir nutzen können, um das Leben etwas heller zu machen. Wir entdecken die Liebe, die in uns wach wird. Wir ersticken nicht ihre Regungen und Impulse, sondern wir gehen ihnen nach, wir pflegen und fördern sie. Wir lassen das Kind, das an Weihnachten in die Welt gekommen ist, in uns wachsen. Wir suchen nicht wie Herodes, dem Kind nachzustellen und es zum Schweigen zu bringen. Wir lassen es, wie Maria und Josef, unter unserer Obhut groß werden. Wir lernen, mit seinen Augen die Welt zu sehen. In ihr gibt es nicht nur Gewalt und Gemeinheit. Da sind auch Menschen, die sich für andere einsetzen. Wir finden Möglichkeiten, ihnen zu helfen. Wir leben nicht nur mit dem Konjunktiv: man müsste, man könnte, man sollte. Sondern wir setzen uns ein, wir stellen uns zur Verfügung mit unseren Gaben und Möglichkeiten.

„Auf den Müllhalden von Kairo lebt die belgische Ordensfrau Emmanuelle inmitten von Lumpensammlern und Ratten. Sie war sechzig Jahre alt, als sie diese schwere Arbeit übernahm. Jeder hielt sie für verrückt, war sie doch bisher ein feines belgisches Bürgerfräulein gewesen, das an den Nobelschulen des Mittleren Ostens unterrichtet hatte. Und jetzt auf einmal – ein Ziegenstall als Behausung, koptisches Lumpenpack als Nachbarn… Emmanuelle (sie wird nicht zufällig so heißen!) hat auf alle Fragen nur eine Antwort: „Gott hat sich eben sechzig Jahre Zeit gelassen, ehe er mich zu einem Schulausflug nach Kairo schickte…“ (Assoziationen 4, 18).
Ich kenne manche Menschen in Lateinamerika, die ähnlich antworten würden.

Christus will durch uns in der von Gott geliebten Welt wirken. Wir sehen: der Schein, der die Hirten umglänzte, strahlt weit in die Welt hinein. Über allem und jedem tut sich ein Freudenschimmer auf. Das Reich Christi, das nicht von dieser Welt ist, das aber in diese Welt kommen will, gewinnt Konturen. Wir sehen seine Lichter, wir hören seine Musik, auch wenn der Tag noch nicht angebrochen ist.

Es ist wahrnehmbar auch  in finsterer Nacht. Dietrich Bonhoeffer notiert in einem Weihnachtsbrief aus dem Gefängnis in Berlin im Jahre 1944 an seine Braut Maria von Wedemeyer: „ Es ist ein großes, unsichtbares Reich, in dem man lebt und an dessen Realität man keinen Zweifel hat.“ Erfahrbar wird es durch die Äußerungen des Glaubens und die hingebungsvolle Liebe anderer: „Eure Gebete und guten Gedanken, Bibelworte... bekommen Leben und Wirklichkeit wie nie zuvor.“

Hier gewinnt konkrete Gestalt, was Jesaja verheißen hat: „Das Volk, das im Finsteren wandelt, sieht ein großes Licht.“ Weihnachten, das Fest mit seinen Lichtern und Liedern, hat einen weiten Horizont. Danken wir Gott, dass wir es wieder feiern dürfen. Bitten wir ihn, dass es weit hineinstrahlt in unser Leben und in unsere Welt.

Amen.