Evangelisch - Lutherische Kirchengemeinde Berg
Gemeindezentrum - Fischackerweg 10 - Katharina von Bora-Haus

 

Predigttext:
Prof. Dr. Klaus-Peter Jörns,
1. Weihnachtstag 25.12.2005
Katharina von Bora-Haus ,Berg

Thema: „Gottes Liebe und Gottes Kinder
            
1.Joh. 1a,2,3; Apg. 17,22-29

 

Liebe Gemeinde,

Jesus als Kind, wie es Weihnachten zeigt, ist ein Bild, das uns Menschen Hoffnung macht. Denn es legt auf vielfältige Weise den Grund unserer Menschenwürde. Davon spricht schon die schwangere Maria auf dem Bild „Madonna del parto“ aus dem 15. Jahrhundert von Piero della Francesca

bild102Der Maler läßt Maria wie eine Königin auf der Weltbühne erscheinen. Aber die Würde, die sie ausstrahlt, hängt nicht am königlichen Blau ihres wunderbaren mittelalterlichen Kleides, das sich über dem Kind in ihrem Leibe schon leicht aufgefaltet hat. Ihre Würde strahlt aus der besonderen Verbindung von aufrechter Gestalt und demütig-staunendem Blick. Sie kann nicht fassen und erfährt es doch – am eigenen Leibe – , was sich Weihnachten ereignet und was Martin Luther so besungen hat: „Des ew’gen Vaters einig Kind, jetzt man in der Krippen find’t; in unser armes Fleisch und Blut verkleidet sich das ewig Gut.“ (EG 23,2) Denn diese hier von Piero della Francesca dargestellte Art der Menschenwürde ist keine äußerliche Verkleidung, wie sie Königsmäntel darstellen, die man Hochwohlgeborenen umhängt. Die wahre Menschenwürde geht unter die Haut, ist schon im Embryo im Mutterleibe da, hängt nicht am Königsmantel. Diese Würde hat keine besseren Insignien als das Umstandskleid.

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Und nach der Geburt nährt sich die Menschenwürde beim Stillen der Kinder an der Brust der Mutter. Das ist die erste Liebe, die wir in der Welt erfahren: leiblich, wirklich, schön und ernst. Im alten Ägypten ist das Motiv der stillenden Gottesmutter aufgekommen, wie das obere der beiden Bilder auf dem zweiten Bildblatt zeigt: Isis, die Göttin mit Kuhgehörn und Sonnenscheibe auf dem Haupt, gibt dem Gotteskind Horus auf ihrem Schoß die Brust – und seine göttliche Kraft.

 

bild202Über Rom ist das Motiv der stillenden Göttin in das frühkatholische Christentum  eingewandert und erscheint auch noch auf dem anmutigen Bild von Ambrogio Lorenzetti aus dem 14. Jahrhundert. Unbefangene Lebensfreude und zugleich das Staunen über das Wunder des Lebens sprechen aus beiden Darstellungen.

 

Das Jesuskind zieht deshalb auch gerade Kinder an: Es macht ihnen Hoffnung darauf, ernst genommen zu werden. Denn wenn Gott Kind geworden ist, können auch Kinder mit dem Gottessohn vertrauensvoll umgehen.

 

bild5Das zeigt das mittlere der drei Marienbilder (von Filippino Lippi aus dem 15. Jahrhundert), auf dem der kleine Johannes sich dem Jesuskind auf Marias Schoß ganz ohne Scheu zuwendet. Gotteskind und Menschenkind haben dieselbe Würde. Diese Würde ihrer Menschenkinder und Menschenenkel können dann auch Eltern und Großeltern jedes Jahr – mit Staunen – neu begreifen. Auch das ist ein Grund zur Hoffnung – denn wo Kinder geachtet werden, kommt die Menschenwürde in der Welt voran.

Schließlich gibt das Jesus-Kind aber auch den Älteren und Alten Grund zur Hoffnung, weil wir sehen, daß das Leben weitergeht, obwohl mitten in unserem Leben so viel Krankheit und Tod ist. Kinder, gerade neugeborene, sind ein Lebenszeichen, wie es einfacher und größer nicht sein kann. Und wir brauchen gerade dieses Lebenszeichen. Denn wir Älteren und Alten werden von der Einsicht in die Wahrheit, daß die generelle Sterblichkeit des Lebens tatsächlich auch für unser eigenes Leben gilt, immer wieder schwer geplagt. Wenn nun Gott sich mit unserem Fleisch und Blut verbindet, dann bringt uns auch der Tod nicht aus der Lebensbeziehung zu Gott heraus. Wir sind auch im Tod vom Leben umfangen. Davon spricht das dritte der Marienbilder auf dem Blatt:

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die Erfurter Pietà aus dem 14. Jahrhundert. Und auch hier steht Staunen auf dem Gesicht der Maria. Leben und Sterben anderer sind uns Menschen anvertraut. Darin bildet die eine, Weihnachten beginnende Lebensgeschichte Jesu alle unsere Lebensgeschichten mit ab.

Ist jedes Neugeborene also schon ein Lebenszeichen, das uns hoffen läßt, umso mehr sind es die Erzählungen von Gotteskindern, die nach Menschenart geboren wurden. Vielfach kommen sie in der Religionsgeschichte vor. Denn mit den Geburtserzählungen von Gotteskindern kommt noch etwas in unsere Welt hinein, was die Bilder unserer Neugeborenen von sich aus nicht zu sagen vermögen: Die Geburtserzählungen vom Gotteskind legen den unglaublichen Gedanken in uns, daß Gott und Menschen, Gottes Welt und Menschenwelt, nicht so prinzipiell gegeneinander abgegrenzt sind, wie wir es gelernt haben. Denn Gott und Menschen sind, sagen die alten Geschichten, wesensmäßig miteinander verbunden: Gott und Menschen haben teil an einer gemeinsamen Lebensgeschichte. Wo es um Leben geht, geht es um Gott und Menschen. Der Lebensodem der Menschen, der uns atmen läßt, ist Gottes Lebensodem. Deshalb preisen schon uralte ägyptische Hymnen Gott und sagen: „Man lebt [als Mensch] durch dich.“

Das ist frohe Botschaft, Evangelium, das die Gottferne überwindet. Und darum sagt der 1. Johannesbrief zu Recht: „Was für eine Liebe hat uns Gott der Vater geschenkt, daß wir Gottes Kinder heißen sollen. Und wir sind es“ fügt er vergewissernd hinzu. In einer Rede auf dem Gerichtsplatz von Athen, von der wir aus der Apostelgeschichte gehört haben, ist der Apostel Paulus auf dasselbe Wunder eingegangen, wenn er sagt: „In ihm, [Gott], nämlich leben wir, in ihm liegt unser Geschick, in ihm ist unser Wesen“. Ja, er geht noch weiter und sagt: „Wir sind göttlichen Geschlechts“ (Apg 17, 28f.). Ich wiederhole: „Wir Menschen sind göttlichen Geschlechtes.“ Das sagt Paulus ganz ohne Scheu, die uns heute befällt, wenn wir diesen Gedanken hören. Ja, er stimmt sogar ausdrücklich griechischen Dichtern zu, die schon vor ihm dasselbe gesagt haben, obwohl sie nach jüdischer Sprachregelung doch Heiden waren: „Wir Menschen sind göttlichen Geschlechts.“

Nun brauchen wir deshalb nicht zu vergessen, was wir von unserer biologischen Abstammung seit Darwin gelernt haben: Wir Menschen sind späte Erscheinungsformen von Leben auf der Erde – was die biblische Schöpfungsgeschichte ja auch weiß, wenn sie erzählt, daß die Menschen zuletzt geschaffen wurden. Noch wichtiger zu wissen ist aber, worin unsere Teilhabe am göttlichen Geschlecht, deren sich Ägypter, Griechen und auch Paulus bewußt geworden waren, denn besteht. Der ägyptische Hymnus und Paulus nennen als Kennzeichen, daß alles Leben aus Gottes Atem lebt. Beatmungsmaschinen können – obwohl sie so heißen – diesen Atem nicht herstellen. Sie können ihn nur eine Zeit lang erhalten, so lange er noch da ist. Schauen wir in die Jesus-Geschichte, so lernen wir, daß das Göttliche, das Gott und Menschen in einer gemeinsamen Lebensgeschichte verbindet, Liebe ist. Liebe ist die Kraft, die uns mit Lebensgeist beseelt. Atem und Odem meinen diesen Lebensgeist. Die Religionen haben die göttliche Liebe, die auch in uns Menschen liebt, in vielfältigen Symbolen dargestellt. Dabei geht es immer um eines: Liebe bewegt uns Menschen, und zwar nicht irgendwohin, sondern aufeinander zu. Erst die Tatsache, daß wir zur Liebe fähig sind, rechtfertigt es, daß uns Menschen auch andere Menschen anvertraut werden. Auf Liebe hin werden uns Menschenkinder anvertraut, die in Mutterleib und Kindheit wachsen, und nur auf Liebe hin werden uns alte, kranke und sterbende Menschen anvertraut. Nur, weil wir lieben können, können wir sie annehmen und uns selbst von anderen annehmen lassen. Ohne Liebe ist das Leben verloren, verunstaltet, wird Gott nicht gewürdigt.

Damit wir’s begreifen, wo der Grund unserer Würde ist, will Gott von uns als Kind angenommen werden, sagt die Geburtsgeschichte Jesu und erzählt von der Suche nach einer Herberge, in der Maria ihren Sohn gebären kann. Das göttliche Kind, ja, Gott, will in unserer Seele geboren werden, damit wir unser göttliches Geschlecht, Liebende zu sein, annehmen – und immer wieder staunen lernen über diese Würde. „So muß die Seele, in der die Geburt geschehen soll, gar vornehm leben“, hat der große Mystiker Meister Eckehart daraus gefolgert. Und der 1. Johannesbrief sagt, wir sollen uns reinigen, wie Gott rein ist. Aber – wie lebt die Seele vornehm? Wie werden wir rein? Was müssen wir tun? Die Bilder, die wir uns heute zusammen angeschaut haben, können den Weg zur Antwort weisen: Unsere Seele lebt vornehm und wir werden rein, wenn wir das Leben in jeder Phase wahrnehmen und annehmen, wie es ist. Wenn wir die Würde des Lebens da annehmen, wo sie uns begegnet: Im Säugling, im Spiel, in den Arbeiten des Alltags, in Pflanzen und Tieren, im Fest – und im Leiden. In allem, was unser Herz in Freude und Schmerzen erreicht und unsere Liebe findet, werden wir, wie der 1. Johannesbrief sagt, mehr als nur Gottes Kinder sein. Wenn wir die Liebe in uns finden lassen, werden wir Gott gleich sein und ihn sehen, wie er ist (1. Joh 3,2). ---

Wenn Ihr darauf hofft, wie ich, sagt: Amen